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Rr. 259 Erstes Blatt. Freilag den 3 November
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Erscheint täglich mit Ausnahme bt8 Montag«.
Die Gießener Aamillenotätter werden dem Anzeiger »vchentlich viermal beigelegt.
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Amtlicher Eetl.
Gießen, den 1. November 1899.
Betr.: Feier des Geburtstages Seiner König!. Hoheit des Großherzogs und Ihrer König!. Hoheit der Großherzogin.
Die
Grotzh. Kreis-Schulcommission Gießen
au die Gchulvorftävde des Kreises.
Wir beauftragen Sie, rubr. Feier am 25. ds. Mts. in der seither üblichen Weise in den Ihnen unterstehenden Schulen feiern zu lassen.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
betr.: Maul- und Klauenseuche.
In Annerod ist in sechs Gehöften die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und Sperre dieser Gehöfte sowie der Gemarkung verfügt worden. Danach unterliegt der Verkehr mit Rindvieh, Schweinen, Schafen und Ziegen folgenden Beschränkungen: Das Durchtreiben derselben von außerhalb durch Ort und Gemarkung ist verboten. Die Einfuhr von solchem Vieh über die Gemarkungs- grenze in dem gesperrten Ort ist nur zum Zweck sofortiger Abschlachtung gestattet oder für den Fall, daß es in der Gemarkung verbleibt. Die Ausfuhr ist ebenfalls nur zum Zwecke sofortiger Abschlachtung mit schriftlicher Erlaubnis der Bürgermeisterei Annerod auf Grund einer Aeußerung des Großh. Kreisveterinärarztes zulässig. Wer ein Stück Vieh an einen auswärtigen Metzger oder ein Schlachthaus liefern will, muß also zunächst die Untersuchung durch den Großh. Kreisveterinärarzt veranlassen, und wenn danach der Ausfuhr kein Hindernis im Wege steht, einen Erlaubnisschein der Großh. Bürgermeisterei lösen. Bei dem Transport muß er diesen Schein, der eine dreitägige Gültigkeit hat, mit sich führen und die vorgeschriebencn Transportbedingungen genau beobachten, auch der Polizeibehörde (Bürgermeisterei) des Empfangsorts Nachricht geben.
Auf Antrag der Bürgermeisterei wird von uns im Bedürfnisfalle angeordnet, daß der Großh. Kreisveterinär- arzt sich wegen Ausstellung solcher Bescheinigungen an einem bestimmten Lag wöchentlich, der ortsüblich bekannt zu machen ist, dienstlich einfindet.
Die Sperrmaßregeln bezüglich verseuchter Gehöfte oder Weiden bleiben daneben bestehen. Im übrigen können Klauentiere aus nicht verseuchten Gehöften innerhalb der gesperrten Gemarkung zur Feldarbeit benutzt oder auf die Weide getrieben werden, nicht aber über die Gemarkungsgrenze hinaus.
Ebenso können der Ansteckung verdächtige Tiere zur Feldarbeit innerhalb der Gemarkung benutzt werden; das sind solche Tiere, bei denen wegen des Zusammenstehens mit kranken Tieren im selben Gehöft oder Stall oder wegen Berührung mit krankem Vieh in irgend einer Weise die Vermutung besteht, daß sie angesteckt worden sind.
Wer Grundstücke oder Anlagen in einer anderen Gemarkung besitzt, muß dieselben entweder durch Pferdegespanne oder aber durch Rindviehgespanne aus dieser anderen Gemarkung besorgen.
Jede Weggabe von Milch aus der gesperrten Gemarkung darf nur nach vorheriger Abkochung erfolgen; ausgenommen, wenn die Abgabe an eine Molkerei erfolgt, welcher das Verbot der Abgabe ungekochter Milch zugegangen ist.
Ausfuhr von Dünger, Rauhfutter und Stroh aus den Seucheställen des Sperrgebiets ist verboten.
Gießen, den 2. November 1899.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
* Burenstreiche.
Fast wie eine Siegesdepesche vom 1870er Kriegsschauplatz hat die amtliche Nachricht aus Ladysmith, mit der General White nach London melden mußte, daß dieBuren 4=2 Offiziere und 2000 Mann der englischen Besatzung bei deren erstem Ausfall zu Gefangenen gemacht haben, in deutschen Landen gewirkt; sie hat ehr- lüche, beinahe enthusiastische Freude geweckt. Das ift ein Handstreich, wie ihn die Geschichte der Strategik nicht oft -M verzeichnen hat. General White sah sich mit samt den zersprengten Resten der Brigade des Generals Aule so eng
in Ladysmith umschnürt, daß er alles auf die eine Karte eines verzweifelten nächtlichen Vorstoßes zu setzen und die Buren in einer, wie er selbst zugiebt, unhaltbaren Stellung anzugreifen gezwungen war. Die Niederlage, die er sich geholt, ist eine schwere und gründliche. Außer den 2000 Gefangenen haben die Engländer noch einen beträchtlichen Teil ihrer Geschütze verloren, mit denen angeblich die Maultiere, 1500 an Zahl, durchgingen, die aber, wenn man den White'schen Euphemismus in gewöhnliches Deutsch übersetzt, wahrscheinlich von den Buren erobert worden sind. Merkwürdig ist es zum mindesten, daß die Engländer die Esel nicht von den Geschützen abschirren, wenn diese feuern, und von einer feuernden Batterie spricht doch der Telegraph. Was der Kampf vor Ladysmith den Engländern außerdem an Toten und Verwundeten gekostet hat, darüber schweigt das Bulletin White'S oder die Vorsicht des Londoner Kriegsamtes vorläufig noch. Sie werden gewiß keine geringen gewesen sein. Private Meldungen schätzen sie auf mindestens tausend Mann. Auch der ganze Wagenpark ist verloren.
Wir müssen gestehen, daß wir mit der gesamten deutschen Presse auf Grund der lediglich aus englischer Quelle stammenden Nachrichten vom Kriegsschauplatz bisher nicht geglaubt hatten, daß die Buren vor Ladysmith so rasche Erfolge erzielen würden; ja man hatte sich schon mit dem wenig erhebenden Gedanken vertraut gemacht, daß die angeblich weit überlegene Artillerie der Engländer und die musterhafte Verproviantierung der Stadt Ladysmith die Buren so lange in Schach hallen würde, bis das noch auf dem Ozean schwimmende englische Armeekorps den Fuß auf den afrikanischen Boden gesetzt haben würde.
Nunmehr hat es allen Anschein, daß der kühne Wagemut und die energische, aus dem Vertrauen auf eine gerechte Sache unversiegliche Kraft schöpfende Initiative der Buren über Ladysmith, General White und Aule rasch zur Tagesordnung übergehen, d. h. den Weg nach Durban und der Küste sich freimachen werden.
„Wir wollen den Engländern zeigen, wie rasch wir sie ins Meer treiben", sagte ein Burenführer, als der erste Schuß in Natal gefallen war. Er kann recht gehabt haben. Hat Ladysmith einmal kapituliert, oder hat seine Besatzung sich nach Durban „rückwärts konzentrieren" müssen — wenn das überhaupt noch möglich ist —, dann kommt das englische Armeekorps, von dem man Wunderdinge erhofft, zu spät; denn dann findet es den Schienenweg Durban- Prätoria zerstört, dann muß es mühsam, unter dem Feuer der Buren rechts und links, in unwegsamer Gegend sich vorwärts winden, dann wird ihm erschreckend rasch der Proviant ausgehen, dann werden Mafeking und Kimberley gefallen sein, und dann werden aller Voraussicht nach auch die Holländer der Kapkolonie sich unter dem Eindruck der buri- schen Siege erhoben haben. Es kann ja — das Kriegsglück ist schwankend und ungewiß — auch anders kommen, aber selbst wenn der Krieg mit der Erdrückung des kleinen Burenvolkes enden sollte, er wird doch so viele Helden- thaten des um seine Freiheit kämpfenden deutschen Bruderstammes zu verzeichnen haben, daß der Untergang der beiden südafrikanischen Republiken noch manches Dichters Mund zu verherrlichender Epopöe begeistern wird.
Was den letzten, den genialen Handstrich von Ladysmith anlangt, der die strategischen Fähigkeiten des Generals White in nichts weniger als glänzendem Lichte gezeigt hat, so liegen uns noch folgende Meldungen vor:
London, 31. Oktober. Die Abendblätter veröffentlichen folgende Drahtnachricht aus Ladysmith: Gestern abend vor Dunkelheit nahmen die Buren ihre alte Stellung wieder ein. Ihre schweren Geschütze, von denen man angenommen hatte, sie wären zum Schweigen gebracht, eröffneten wiederum das Feuer auf die Stadt. Der Feind umschließt wieder die englische Stellung. Der gestrige Rückzug der Buren war lediglich eine List, um General White vom Lager ab in die hügelige Gegend zu ziehen. Die Lage flößt Besorgnis ein.
London, 31, Oktober. Die Abendblätter geben ihrem Schmerze über das unerhörte Unglück in Südafrika Ausdruck, wollen jedoch bis zum Eintreffen genauerer Mitteilungen mit ihrem Urteil über dasselbe zurückhalten. Obwohl sie ^die Größe des Unglücks einsehen, suchten sie jede ungebührliche Aufregung über die Wirkung desselben abzuwenden und meinen, daß der Verlust von 2000 Mann das Endergebnis nicht beeinflussen könne. Die Eng
länder seien entschlossen, koste cs, was es wolle, ihre Suprematie tatsächlich aufzurichten.
Aus Kap stadt wird gemeldet, daß der höchstkommandierende General Sir Redvers Buller, auf den man nunmehr alle Hoffnung setzt, dort den Gegenstand großer Ovationen gebildet hat. Bei seiner Ankunft bewegten sich riesige Volksmengen in den Straßen und am Hafen. Der Empfang war die großartigste Demonstration, welche je in Kapstadt stattgefunden hat. Wildes Geschrei der Volksmenge begann, als Buller landete und das dauerte fort, bis er im Negierungsgebäude angekommen war. Er fuhr in offenem Wagen schnell durch die Straßen.
Unterdessen schließen sich auf dem westlichen Kriegsschauplatz verschiedene holländische Einwohner von Betschuanaland jetzt offen den Buren an. Als die transvaalische Fahne in Vryburg gehißt wurde und 1300 Buren offiziell von Vryburg Besitz nahmen, sagte der Kommandant Delarev in einer Rede:
Die Fahne der Republik wehe jetzt über dem ganzen Gebiete nördlich des Oranjeflusses, und die englische Fahne werde dort nicht eher wieder wehen, als bis sie über den Leichen der Buren gehißt sei.
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London, 1. November. Aus Durban wird telegraphiert, daß auch der zweite Angriff der Buren bei Lady - smith mit der Zu rückwerf ung der Engländer endete. Deren Verluste sollen ungeheuere sein, da sie von den Buren durch einen scheinbaren Rückzug in ungünstiges, mit Hügeln durchsetztes Gelände gelockt worden waren. Die schweren Geschütze der Buren verwüsten jetzt die Stadt, sowie das englische Lager durch wohlgezielte Granatschüfse. Die Stellung des Generals White soll unhaltbar sein. — Wie weiter gemeldet wird, dauerte der Artilleriekampf am Dienstag Abend noch fort. Rach einem Telegramm des Generals White beläuft sich die Stärke der gefangenen Bataillone auf nur 1000 Mann. Diese ergaben sich, weil sie ihre Munition ganz verschossen hatten. — Die plötzliche Unterbrechung der östlichen Kabclverbindung zwischen der Delagoabai und Mozambique wird von sachkundiger Seite auf die Zerstörung des Kabels durch die Buren zurückgeführt. Um den Verkehr auf de« westlichen Kabel bewältigen zu können, soll die Wortzahl, die jeder der Kriegskorrespondenten expediert, beschränkt werden.
London, 1. November. Aus Ladysmith wird die Ankunft der Marinetruppen vom Kreuzer „Powerful" mit zwei weiteren sechszölligen Schiffsgeschützen gemeldet, mit denen alsbald ein wirksames Feuer auf die Buren eröffnet wurde.
Loudon, 1. November. Ueber die Schlacht bei Ladysmith wird noch berichtet, daß dieselbe mit der Zu - rückwerfung des Generals White nach Ladysmith endigte. Die Verluste der Engländer sind sehr bedeutend, da sie von den Buren durch einen scheinbaren Rückzug in ein mit Hügeln durchsetztes Gelände gelockt worden waren, wo sie dem Feuer der in gedeckter Stellung befindlichen Buren ausgesetzt waren.
Loudon, 1. November. Aus Ladysmith liegen keiner lei Nachrichten vor. Der Telegraph schweigt vollständig; nicht einmal Verlustlisten sind bekannt geworden. Die Eensur arbeitet mit verdoppelter Kraft.
Brüssel. 1. November. Dr. Leyds hat den englischen Kriegsmini st er gebeten, ein Telegramm na ch Prä 1 oria durchzulassen, worin er Auskunft über die Verluste der Buren verlangt. Er hat eine zusagende Antwort erhalten. (Siehe weiteres unter „Ausland" und „Neueste Meldungen".)
Loudon, 1. November. Heute wurde ein Kabinetts- rat einberufen, um über die Lage infolge der Katastrophe bei Ladysmith zu beraten. Einer Dubliner Meldung zufolge, ist der Vizekönig von Irland dazu hierher berufen. In Anbetracht der in Irland herrschenden (Währung infolge der Gesängennahme der irischen Füsiliere ist die Ankunst des Vizekönigs nicht ohne Bedeutung.
Deutsches Weich.
Berlin, 1. November. Der Kaiser hörte heute vormittag den Vortrag des Chefs des Civilkabinetts, v. LukanuS, und wohnte um 11 Uhr mit der Kaiserin der Grundsteinlegung der Kapelle des großen Militär-Waisenhauses zu Potsdam bei.


