Nr. 232 Erstes Blatt. Dicnsta« den 3. Ociober 1899
Gießener Anzeiger
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Grattrdeitage«: Gießener Familienblätter, Der hessische Kandwirt, Klätter für hessische Volkskunde._________________
Amtlicher Wl.
Bekanntmachung.
Unter dem Rindviehbestande des Landwirts und Schmieds Schäfer zu Heskem, Kreis Marburg, ist die Maul- xnb Klauenseuche ausgebrochen und Ortssperre angeordnet worden.
In Bergen, Usenborn, Dauern he im, Heegheim und Ober-Mockstadt, Kreis Büdingen, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und Gehöftesperren angeordnet worden.
In Gedern, Kreis Schotten, ist die Maul- und Klauenseuche erloschen und die angeordnete Sperre aufgehoben worden.
Gießen, den 30. September 1899. Großherzogliches Kreisamt Gießen. ______________ v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Am Samstag dem 14. Oktober d. Js. findet bei dem Fasel stalle zu Großen-Linden eine Orts- scha« für die beide« Ortszuchtvereiue Großes- Liudeu und Allendorf a. d. Lahn statt. Der Auftrieb der Tiere beginnt um 8 Uhr und muß spätestens um 9 Uhr vollendet sein. Jedes Tier wird beim Auftrieb vom Großh. Kreisveterinärarzt von Gießen untersucht. Bullen müssen mit Nasenring versehen oder an den Vorderfüßen mit Fallseilen gefesselt sein. Es werden nur Herdbuchtiere zugelassen, die im Eigentum von Mitgliedern der beiden Zuchtvereine Großen-Linden und Allendorf stehen, eingeführte Tiere nur dann, wenn sie nach Bescheinigung der Großh. Bürgermeisterei bereits 6 Monate in der Wirtschaft des Ausstellers zur Zucht gehalten worden sind. Die Anmeldungen sind beim Vorsitzenden des betr. Zuchtvereins zu erstatten. Die Preisrichter sind vom Ausschuß des Zuchtvereins gewählt worden. Es sind nachstehende Preise ausgesetzt. In geeigneten Fällen können aus Mitteln des Kreiszuchtvereins kleine Wegvergütungen gewährt werden.
Besucher aus verseuchten Orten und Viehhändler werden nicht zugelaffen.
1. Für Bullen:
Ein 1. Preis ... 40 Mk.
Ein 2. „ ... 25 „
Ein 3. „ ... 15
80 Mk.
2. Für Kühe mit höchstens 2 Kälbern:
Ein 1. Preis ... 30 Mk.
Zwei 2. Preise ä 20 Mk. . 40 „
Zwei 3. „ ä 10 „ . 20
90 Mk.
3. Für Kühe mit 3 und 4 Kälbern:
Ein 1. Preis ... 30 Mk.
Zwei 2. Preise ä 20 Mk. . 40 „
Zwei 3. „ L 10 „ . 20 „
90 Mk.
4. Kalbinnen, erkennbar tragend:
Ein 1. Preis ... 25 Mk.
Drei 2. Preise L 15 Mk. . 45 „ Drei 3. L 10 „ - 30 „
100 Mk.
Außerdem können im ganze« «och 10 Anerkennungen mit ä 5 Mk. Aufmunterungsprämie vergeben werden . 50 Mk.
Sa. 410 Mk.
Gießen, den 30. September 1899.
Der Direktor des Kreiszuchtvereins.
Boeckmann._______________
* Vor dem Ausbruch des TrauSvaalkrieges.
Gießen, den 2. Oktober 1899.
Wie wir bereits am Samstag mitteilten, ist die Antwort der Transvaalregierung auf die letzten Depeschen des Lolonialministers Chamberlain bereits abgegangen; sie besagt kurz und klar, daß Transvaal auf dem Boden der Konvention von 1884 verharre und nichts weiter verlange; Sie Suzeränetätsfrage wird nicht berührt. Gleichzeitig hat Chamberlain im gestrigen Kabinettsrate Forderungen an die südafrikanische Republik vorgelegt, welche deren durch die
erwähnte Konvention garantierte Selbständigkeit thatsächlich aufheben würden. Zwar scheint der Kabinettsrat diese Forderungen noch nicht definitiv gebilligt zu haben; er hat sich auf Dienstag vertagt und auch die Frage der Einberufung des Parlaments noch nicht entschieden. Dagegen verlautet mit Bestimmtheit, daß der Kabinettsrat die sofortige Absendung eines kriegsstarken Armeekorps nach Südafrika beschlossen hat. Sonach erscheint, wie wir schon in unserem letzten Berichte betonten, der baldige Ausbruch des Krieges zwischen England und Transvaal leider als unvermeidlich.
Die von Chamberlain formulierten Forderungen haben wir gleichfalls schon telegraphisch mitgeteilt. Wir fügen nur noch die bis heute eingelaufenen Nachrichten hinzu, welche den Ernst der Lage deutlich charakterisieren:
Loudon, 1. Oktober. Die Abreise des designierten Oberstkommandierenden General Buller (siehe Bild.) nach Südafrika ist abermals und zwar vorläufig auf den 14. Oktober verschoben worden. Nach allen aus der Kap- kolonie, Natal und den beiden Burenstaaten einlaufenden Depeschen gilt dort überall ebenso wie hier jede Hoffnung auf Erhaltung des Friedens als ausgeschlossen.
London, 1. Oktober. Gestern abend bis zehn Uhr hatte der Kolonialminister Chamberlain noch keine Antwort von Transvaal auf sein letztes Telegramm erhalten. Seit heute nacht 1 Uhr sind die telegraphischen Verbindungen mitTransvaal gestört. Das Kabel ist zwar nicht zerschnitten, aber der Teil des Kabels, der auf dem Festlande zwischen Durban und Prätoria liegt, funkioniert nicht.
London, 1. Oktober. Ein Telegramm aus Kapstadt meldet, daß die Feindseligkeiten als wirklich begonnen betrachtet werd en können. Der größte Teil der Transvaalarmee habe bereits mobil gemacht.
London, 1. Oktober. Nach Meldungen aus Prätoria geht die großartige Mobilisation der Buren mit staunenswerter Präzision vor sich. Bis morgen werden 50000 Mann unter den Waffen erwartet.
Prätoria, 1. Oktober. Gestern morgen war kein einziger Arbeiter in den Goldgruben erschienen. Die Mehrzahl derselben reift ab.
Berlin, 1. Oktober. Das „Kl. Journ." meldet aus dem Haag: Der hiesige Vertreter des Transvaal st aates, Dr. Leijas, bezeichnete den kommenden Dienstag als den Tag der offiziellen Kriegserklärung. Königin Wilhelmina erhielt ein Schreiben der Königin Viktoria, worin diese die Wendung in der Transvaalkrise tief beklagt und versichert, sie habe bis zur Grenze ihrer konstitutionellen Rechte ihren Einfluß zu gunsten einer friedlichen Lösung aufgeboten. (Siehe letzte Mitteilungen.)
* * *
Heber das deutsche Freiwilligenkorps, das sich in Prä- toria gebildet, um den Buren im Kriegsfall Hilfe zu leisten, sind jetzt auch Mitteilungen in englischen Blättern zu finden. Es soll ans 4000 Leuten bestehen, die alle in der deutschen Armee gedient haben. Heber Adolph Schiel, den Offizier, der mit der Bildung des Korps betraut wurde, weiß die Daily Chronicle folgendes zu berichten: „Vor ungefähr 30 Jahren verließ Schiel — damals deutscher Husaren-Leutnant — den preußischen Dienst und wanderte nach Südafrika aus. Da er sich hier aller Mittel entblößt sah, trat er als Kutscher eines Ochsenwagens in den Dienst eines Kolonisten in Natal. Nach einiger Zeit schon gelang es ihm, durch Thatkraft und Fleiß so viel zu erwerben, daß er Fuhrmann auf eigene Rechnung werden konnte. Er durchkreuzte mit seinem Wagen und einem Gespann von zwölf bis zwanzig Ochsen ganz Südafrika. Nachdem er dann als Verwalter auf einem Landgute lhätig gewesen war, wurde er eine Art Sekretär bei Dinizulu, dem Sohne Ceiewayos. Damals brachte er den Haufen von Buren zusammen, mit dessen Hilfe Dinizulu seine Hauptgegner unter den Zulus besiegte. Lukas Meyer, einer der Führer dieser Buren, John Prctorius, ihr oberster Kommandant, und Adolph Schiel empfingen nach dem Siege Dinizulus Geschenke und Landstriche, die fich bis zur Küste der Santa Lucia-Bai erstreckten. Im Jahre 1885 sandte Dinizulu Schiel nach Berlin, um Bismarck zu veranlasien, dieses Eingangsthor zum Zululand zu besetzen und so indirekt den Buren den Zugang zur See, den sie so sehr für sich erstrebten, zugänglich zu machen. Inwieweit dieser Plan den Wünschen der deutschen Regierung entgegenkam, ist nicht ganz klar. Sicher ist, daß damals von jcite» Englands ältere Ansprüche geltend gemacht wurden, die Bismarck veranlaßten, sich nicht weiter mit der Sache abzugeben. Die Santa Lucia-Bai und mit ihr das Zululand wurden damals mit einer gewissen Hast von den Engländern annektiert. Im Hinterland wurde den Buren erlaubt, sich auf einem Gebiet niederzulassen, auf dem Lucas Meyer und Pretorias die „Neue Republik" gründeten, die 1886 von England anerkannt, aber schon 1887, ebenfalls mit Englands Zustimmung, Transvaal einverleibt wurde. Die Regierung in Pratona war mittlerweile auf Schiel aufmerksam geworden und hatte ihn zum Negierungsbevollmächtigteu für die Eingeborenen im nördlichen Teil ihres Gebietes ernannt. Hier ließ er sich auf einer Farm nieder, die er — zur Erinnerung an den preußischen Sieg — Roßbach nannte und zeichnete fich in dem wilden Kriege, den die Buren gegen die BasutoS führten, mehrfach aus. Er wurde in der Folgezeit Adjutant des Ge- nerals Joubert. Später wurde er nach Prätoria berufen und mit der Oberleitung des gesamten Gefängniswesens in Transvaal betraut. Diese Stellung hatte er durch lange Zeit inne. Nach der Ernennung des
Dr. Jameson zu seinem Nachfolger wurde er znm Artillerie-Hauptmann befördert und dann auf Staatskosten nach Preußen geschickt, um hier die neuen Handelsverhältnisse zu studieren. So kehrte er znm zweiten Male nach Berlin zurück, an welche Stadt ihn noch immer zahlreiche persönliche Beziehungen knüpfen. Auf ihn ist die Erbauung der Jo- hannesburger Forts zurückzuführen, die imstande sein sollen, die Stadt innerhalb weniger Stunden einznäschern. Er leitete den Bau dieser Forts und war ihr Kommandant bis zum Beginne dieses Jahres, wo das Kommando auf Leutnant Eloff, den Schwiegersohn des Präsidenten Krüger, überging. Im Jahre 1897 sollte Schiel wieder nach Berlin gehen, diesmal in Verbindung mit einer Ausstellung, die in Charlotten- burg veranstaltet werden sollte; aber Krüger, der damals vermutete, daß England im Begriffe sei, die Delagoa-Bai zu annektieren, ließ ihn nicht ziehen, indem er erklärte, daß Schiel ihm bei der Erbauung der Forts unentbehrlich sei."
Deutsches Reich.
Berlin, 30. September. Der Kaiser begab sich, wie aus Rominten gemeldet wird, heute vormittag nach dem Frühstück bei regnerischem Wetter zur Pürsche, kehrte jedoch bald mit negativem Ergebnis nach dem Jagdschloß zurück und nahm hierauf den Vortrag des Admirals Freiherrn v. Senden-Bibran entgegen.
Berlin, 1. Oktober. Die Prinzessin Therese von Bayern begab sich gestern früh nach dem Mausoleum in Charlottenburg und legte am Sarge der Kaiserin Augusta einen Kranz aus Rosen und Veilchen mit der Inschrift nieder: In dankbarer Verehrung und Liebe. Therese, Prinzessin von Bayern.
— Nach einer Meldung aus Danzig ließ der Kaiser vor der Inspizierung des Panzerkreuzers „Kaiser" die Besatzung an Deck antreten und sagte in einer Ansprache: „Ich habe das Schiff hierher befohlen, um Euch persönlich Meinen Kaiserlichen Dank auszusprechen für Euer Verhalten bei der Einnahme von Kiautschou; besonderen Dank und Anerkennung verdient auch das Vorgehen des Admirals v. Diederichs vor Manila.
— Der auf dem Vertrage vom 21. Juni 1845 beruhende Auslieferungsverkehr zwischen Preußen einerseits und Frankreich andererseits hat im Laufe der Zeit durch Austausch von Gegenseitigkeitserklärungen und in anderer Weise Erweiterungen und Ergänzungen erfahren, welche heute im „Reichsanzeiger" veröffentlicht werden.
— Zu der Ablehnung der Uebernahme des Protektorats über das Bismarckhaus in Stendal durch den Kaiser wird noch mitgeteilt: Der Kaiser lehnte ab, weil gewisse Wünsche, die er in Bezug auf das Bismarckhaus äußerte, nicht erfüllt wurden. Angeblich konnten sie nicht erfüllt werden. Der Kaiser sieht nun das Unternehmen in der Form, die man demselben zu geben beabsichtigt, nicht gern und lehnte deshalb das Protektorat ab.
Stuttgart, 29. September. Wie der „Beobachter" mitteilt, hat der Vorstand des Ettlinger Gewerbevereins, Werkmeister und Gemeinderat Brinzinger die demokratische Kandidatur für den 5. württembergischen Reichstagswahlkreis angenommen. Der seitherige Abgeordnete Brodbeck hatte zuvor mündlich und schriftlich erklärt, er sei nicht in der Lage, das Opfer einer Kandidatur nochmals zu bringen.
Konstauz, 30. September. Der Großherzog von Baden ist heute auf Mainau angekommen.
Ausland.
Brüssel, 1. Oktober. Gestern abend fand hier ei» antimilttärischer Umzug statt, welcher von den Sozialisten organisiert war. Mehrere hundert Personen durchzogen die Stadt. Ruhestörungen sind nicht vorgekomme».
Paris, 1. Oktober. Die Sammlung für Scheurer- Kestner beträgt bereits 16,000 Frks.
Paris, 1. Oktober. Der Herzog von Orleans hat wegen der Gefangennahme seiner Vertrauensmänner ein neues Komitee zusammengestellt und zwar Labelin als Präsident, Graf Gramont, den Herzog Lugues, Herzog de Sorge und de Frevenic.
Paris, 1. Oktober. Der Kriegsminister hat drei Offiziere der Garnison ChLteauroux strafweise versetzt. Diese Offiziere bildeten den Mittelpunkt der revolutionären Gesellschaft, welche gegen die Republik und gegen denPräsidentenLoubet konspirierten. Die betreffenden Offiziere begaben sich jeden Tag in auffallender Weise in die Redaktion eines royalistischen Blattes und weigerten sich, mit den übrigen Offizieren zu verkehren.
Paris, 1. Oktober. Derouläde weigerte sich ausdrücklich, die Fragen des Präsidenten der Unter-


