Nr. 180
ErstesBlatt.
Donnerstag den 3. August
1S99
Kehener Anzeiger
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Amtlicher Teil.
Gießen, den 29. Juli 1899.
Betreffend: Die Desinfektion der Vieheisenbahnwagen, Rampen rc.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großherzoglicheu Bürgermeistereien und Polizeikommiffariate des Kreises und au Großh.
Polizeiamt Gießen.
Unter Bezugnahme auf das nachstehend abgedruckte Ministerialamtsblatt Nr. 8 vom 7. Juli 1899 weisen wir diejenigen von Ihnen, deren Gemeinden, bezw. Bezirke bis zu 20 Klm. von Eisenbahnstationen entfernt sind, hiermit an, jeden Ausbruch der Maul- und Klauenseuche, sowie das Erlöschen derselben sofort derjenigen Eisenbahn-Verkehrsinspektion, in deren Bezirk die betreffende Eisenbahnstation liegt, auzuzeige«.
v. Bechtold.
Rothe.
v. Starck.
Darmstadt, am 7. Juli 1899. Zu Nr. M. d. I. 16506.
Betreffend: Die Desinfektion der Vieheisenbahnwagen, Rampen rc.
Das Großh. Ministerium des Innern
au die Großherzoglicheu Kreisämter.
Gleich wie für das Gebiet des Königreichs Preußen, ift auch für das diesseitige Gebiet die Anordnung getroffen worden, daß von der in Nr. II 46 der durch den Reichskanzler am 20. Juni 1886 bekannt gemachten Bundesratsbestimmungen, betreffend die Ausführung des Gesetzes vom 25. Februar 1876 über die Beseitigung von Ansteckungsstoffen bei Viehbeförderungen auf Eisenbahnen (Zentralblatt für das Deutsche Reich von 1886 S.- 200 ff.) gegebenen Befugnis zur Anordnung einer sorgfältigen Desinfektion der Vieheisenbahnwagen, Rampen rc. unter Verwendung von fünfprozentiger Karbolsäurelösung in allen solchen Fällen Gebrauch zu machen ist, in denen Eisenbahnwagen mit Klauenviehsendungen aus Verlade st ationen abgegangen sind, in derenUmkreis von 20 Klm. dieMaul- und Klauenseuche herrscht, bezw. noch nicht nach § 69 der Bundesratsinstruktion vom
1895 für erloschen erklärt worden ist. 27. Jun: '
Damit die Eisenbahnbehörden rechtzeitig von der Verseuchung des bezeichneten Umkreises der Viehversandstationen Kenntnis erhallen, sind die Ortspolizeibehörden an- zuweisen, jeden Ausbruch der Maul- und Klauenseuche, sowie das Erlöschen derselben sofort derjenigen der nachstehenden Eisenbahndienststellen anzuzeigen, welche nach Lage des Seuchenortes in Betracht kommen.
Zur Ausführung dieser Maßnahmen empfehlen wir Ihnen, den Ortspolizeibehörden derjenigen Gemeinden, welche bis zu 20 Klm. von Eisenbahnstationen entfernt sind, diejenigen der nachstehenden Dienststellen zu bezeichnen, an welche die Anzeigen vorkommenden Falles zu erstatten sind:
a. für den Bezirk der Main-Neckar-Eisenbahn an deren Verkehrsinspektion in Darmstadt;
b. für den Bezirk der König!. Preußischen und Großh. Hessischen Eisenbahndirektion Mainz an die Großh. Verkehrs-Inspektion in Mainz (für Stationen in Rheinhessen) und in Darmstadt (für Stationen in Starkenburg) ;
c. für den Bezirk der Königl. Eisenbahndirektionen an die Verkehrsinspektion, in deren Bezirk die betroffene Station liegt. Zu welcher Verkehrsinspektion jede einzelne Station gehört, wird den beteiligten Dienststellen bekannt sein, und ist aus dem angeschlossenen Amtsblatt der Eisenbahndirektion ersichtlich. Hessische Stationen liegen in allen vier Verkehrsinspektionen (Frankfurt, Wiesbaden, Gießen und Fulda) genannter Direktion.
<d. für die Linien der Süddeutschen Eisenbahn-Gesellschaft an deren Bahnverwaltungen in Reichelsheim,
. Offstein und Fürfeld bezüglich der Nebenbahnen Reinheim - Reichelsheim, Worms - Offstein und Sprendlingen-Fürfeld, sowie an die Stationen Westhofen und Viernheim wegen dieser Stationen.
Bekanntmachung.
In Groß-Rechtenbach, Kreis Wetzlar, ist die Maul- und Klauenseuche festgestellt worden.
In Dorn-Assenheim und Vilbel, Kreis Friedberg, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen.
Gießen, den 1. August 1899.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
Die französischen Generale.
Der heutige französische Ministerpräsident hatte, als er den Marquis Gallifet, einen Offizier von anerkannt hervorragender Vergangenheit, zum Kriegsminister berief, sich der Hoffnung hingegeben, dieser Mann werde genügen, um die nicht geringe Zahl der verstimmten Generale der Armee zu veranlassen, ihre Zunge zu hüten. Herr Waldeck Rousseau, der Premierminister, hat den Grad der Verdrossenheit, welcher unter den höheren Offizieren der Armee herrschte, zu gering taxiert, denn wenn die letzteren Herren auch nichts gegen den Kriegsminister Gallifet einzuwenden haben, die veränderte Stellung, in welche die französische Armee gegenüber Zivilgewalt und Presse geraten ist, gefällt dem ganzen Ofsizierkorps nicht mehr. Nicht alle Offiziere lassen ihrer Zunge so freien Weg, wie die bekannten Gemaßregelten, aber die meisten von ihnen denken dasselbe, und jede Maßregelung, die gegen einen der ihrigen wegen zu freier Worte verhängt wird, verdrießt sie um so mehr. Die Dreyfus-Frage wird in Frankreich bald über Bord geworfen sein, der Zwiespalt zwischen Militär und Zivil, der im Laufe dieser Affaire erwuchs, der bleibt, und was daraus werden wird, kann mit auch nur einigem Anschein von Gewißheit heute niemand sagen.
Man muß sich nur erinnern, unter welchen Verhältnissen diejenigen Offiziere, die heute General sind, überhaupt sich in angeseheneren Stellungen befinden, seit 1870/71 ihre militärische Karriere zurücklegten. Ganz Frankreich wurde von dem Gedanken der Revanche bewegt, die Armee war der selbstverständliche Verwirklicher dieser Idee. Die durch den Feldzug von 1870/71 so tief verletzte französische Eitelkeit klammerte sich mit aller Gewalt an die militärischen Tugenden der republikanischen Armee an, die sollte Frankreich neuen Ruhm und neue Größe bringen. Die allermeisten Franzosen — bis auf einige skeptische Politiker, dachten so, jeder Offizier erschien ihnen als ein Held der Zukunft, und auch der gemeine Soldat wurde mit einer vor 1870/71 in Frankreich gänzlich unbekannten Hochachtung behandelt. Der Soldatenstand wurde unter der Republik auf einen viel, viel höheren Stand gehoben, freiwillig von der Bevölkerung emporgehoben, als er ihn unter Napoleon III. nur annähernd besessen hatte. War es damals doch noch gäng und gäbe, daß alle Offiziere fast außerhalb des Dienstes Zivilkleider trugen, ein Gradmesser für die Achtung, welcher sich bei ihnen selbst die Uniform erfreute.
Zufolge dieser haushohen Stellung der Armee, gegenüber der der Civilstand thatsächlich zurücktrat, wie in keiner .Monarchie, schwand natürlich auch jede nur einigermaßen ernste Kritik der Armee, ihrer Führer und deren Leistungen. Und doch wäre eine solche Kritik direkt berechtigt und nötig gewesen bei den fortwährenden Wechseln im Kriegsministerium, wodurch Eigenwille und Eigenmächtigkeit der höheren Offiziere nur noch erhöht wurden. Dann kam das Leiden der Civilminister, über die sich Militär und Civil-Publikum in gleicher Weise lustig machten, und damit gar nichts fehlte, die politischen Skandale, welche bisher hervorragende Parlamentarier spurlos verschwinden ließen. Ist es da ein Wunder, wenn die Herren vom Säbel sich nachgerade als die eigentlichen Schutzherren der französischen Republik betrachteten, wenn sie mit einem gewissen Mitleid auf die Civilgewalt und die ganze parlamentarische republikanische Wirtschaft herabsehen? Jedenfalls war niemand vorhanden, der ihnen eine wirkliche Achtung vor der bestehenden Staatsform und deren Trägern im Frack hätte einflösen können!
Das Ansehen der Armee stand nach der Verurteilung von Dreyfus am höchsten! Ein Verräter war entlarvt, den Franzosen erschien damit die Ehre aller übrigen Offiziere um so fester begründet und erwiesen. Und die Armee mußte sich als Frankreich — als etwas Unantastbares, fühlen, es konnte gar nicht anders sein. Dann mit einem Male kam der Umschlag: Richt so sehr, daß einzelne Offiziere sich nun wirklich als unwürdig erwiesen, beleidigte den militärischen Korpsgeist, sondern daß jeder Advokat und jede
beliebige Zeitung gegen hochstehende Armee-Angehörige auf- trat. Daß in diesem Auftreten viel Wahrheit lag, übersah man in der Armee, die Mitglieder derselben waren ja längst nicht mehr daran gewöhnt, mit gewöhnlichem Maße gemeffen zu werden, am wenigsten von der republikanischen Civilisten- klique, für die sie nur ein verächtliches Mitleid gehabt hatten. Und so steht denn die französische Generalität, nicht etwa nur die Gemaßregelten unter ihnen, auf dem Standpunkt: die Armee sei beleidigt, und die Civilgewalt habe diese Beleidigung geduldet. Ein Recht zu dieser Auffassung hat die französische Generalität nicht, aber die Generale müßten keine Menschen sein, wenn sie nicht nach den Erfahrungen der verfloffenen Jahre, nach den ihnen gewidmeten Schmeicheleien und Verhätschelungen auf den Gedanken hätten kommen sollen: Sachen der Armee gehen keinen Civilisten etwas an! So stehen die Dinge in Frankreich, und die Regierung verbirgt ihre Sorge mühsam. Was da kommen kann, ist schwer zu sagen, vielleicht zum Ersten ein General als Ministerpräsident, um die aufgeregten Gemüter wieder zu besänftigen.______________________N. H. V.
Himmels-Erscheinungen im August.
Unser mächtiger Centralstern, die Sonne, wandert weiter nach Süden. Am 1. August steht sie noch 18 Grad nördlich vom Aequator und erhebt sich daher bis zu 55 Grad über unseren Horizont. Ihr Aufgang erfolgt kurz vor 4y3 Uhr, ihr Untergang gegen 8 Uhr, sie weilt mithin 15V2 Stunden bei uns. Am 31. August steht sie nur noch 9 Grad nördlich vom Aequator und steigt daher am Mittage nur bis zu 46 Grad auf. Sie erhebt sich erst gegen 51/2 Uhr und sinkt schon gegen 7 Uhr wieder unter den Horizont, sodaß der Tag dann nur noch 133/4 Stunden dauert.
Den Mond finden wir am Anfänge des Monats am Morgenhimmel als schmale Sichel. Am 6. August ist er unseren Blicken entzogen, da er zwischen der Sonne und uns steht und uns daher seine unbeleuchtete Seite zuwendet: es ist Neumond. Wenige Tage darauf sehen wir seine schlanke Sichel in der Abenddämmerung am Westhimmel erscheinen, am 14. steht er im ersten Viertel. Dann kehrt er uns am 21. seine ganze von der Soklne beschienene Hälfte zu, wir haben Vollmond, der aber dann rasch abnimmt, sodaß sich unser Trabant am 27. August im letzten Viertel zeigt.
Von den Planeten finden wir den der Sonne nächsten Merkur bei Beginn des Monats am Abendhimmel im Bilde des Löwen. Er geht am 1. August gegen 8y4 Uhr, also eine Viertelstunde nach der Sonne, unter. Er nähert sich dann dem Tagesgestirn immer mehr, wird in seiner scheinbaren Bewegung rückläufig und kommt am 19. August in untere Konjunktion zur Sonne, steht also zwischen letzterer und uns. Dann gelangt er an den Morgenhimmel, wo er am 31. August gegen 38/4 Uhr — also iy2 Stunden vor der Sonne — aufgeht. Wer früh aufsteht, kann den Planeten daher am Ende des Monats gegen 4y2Uhr noch gut beobachten. — Venus ist am Morgenhimmel im Krebse zu finden und geht hier am 1. August kurz nach 3 Uhr auf. Sie tritt in der Mitte des Monats in den Löwen über und erhebt sich gegen Ende August um 4% Uhr über den Horizont. Sie steht jetzt nahezu in ihrer größten Entfernung von uns, über 250 Millionen Kilometer, ihr scheinbarer Durchmesser beträgt nicht ganz 10 Grad, der Planet ist daher verhältnismäßig lichtschwach. — Mars verweilt im Bilde der Jungfrau, er geht bald nach 9 Uhr morgens auf und bleibt, da er nicht weit vom Aequator steht, etwa 12 Stunden über unserem Horizonte. Er ist daher nicht zu sehen. — Jupiter zeigt sich noch in den frühen Abendstunden am Westhimmel im Bilde der Jungfrau und geht hier am 1. August gegen 10y2 Uhr unter. Er eilt rasch der Sonne nach, sodaß am 31. August sein Untergang bereits um 8y2 Uhr erfolgt. Er entfernt sich von der Erde, sein scheinbarer Durchmeffer wird kleiner, seine Helligkeit daher geringer. — Saturn und Uranus stehen im Skorpion am Abendhimmel. Uranus geht zuerst gegen liy, Uhr, zuletzt gegen 9y2 Uhr unter, Saturn folgt ihm eine Stunde später. — Neptun in den Zwillingen erhebt sich am Anfang des Monats gegen 1 Uhr morgens, am Ende zwei Stunden früher, über den Horizont.
In der ersten Hälfte des August trifft unsere Erde die Bahn der Perseiden, der Sternschnuppen, die von dem Bilde des Perseus ihren Ausgang zu nehmen scheinen und auch wohl „Thränen des heiligen Laurentius" genannt werden, weil sie sich am Tage dieses Heiligen einzustellen pflegen. Die Beobachtung am Abend wird zum Teil freilich


