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Freitag den 3. Februar
LASS
Nr. 29 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Rußland und die Türkei.
Eine ganze Zeit lang galt der „kranke Mann" am Bosporus als der Schützling des Zaren, und dieser Umstand ist der Pforte sehr zu statten gekommen, als es galt, die europäischen Großmächte bezüglich der in der Türkei einzu- sührenden Reformen zum Narren zu halten. Die Kretafrage hat in der Gesinnung des Zaren gegenüber dem Sultan einen Umschlag verursacht, da der griechische Staat und seine Dynastie dem russischen Selbstherrscher natürlich näher stand, als die Interessen der Muhammedaner. Rußland hat die Hohe Pforte noch immer insofern am Gängelbande, als die letztere mit der Kriegsentschädigung aus dem letzten türkisch-russischen Kriege stark im Rückstände ist, und in dieser Hinsicht ganz auf das Wohlwollen des Zaren angewiesen bleibt. Daraus resultieren denn auch die hin und wieder austretenden Nachrichten, daß Rußland auf Zahlung jener Kriegsentschädigung dringe. Das heißt dann jedesmal so viel, daß Rußland besondere Forderungen bei der Türkei durchsetzen will und zu diesem Zwecke letzterer die Kravatte enger schnürt.
Der Sultan hat sich in der griechischen Frage dem Willen der Großmächte gefügt, und somit auf die Lorbeeren des Gregers verzichten müssen. Hierdurch hat er sich das Wohl- iv»llen Rußlands in hohem Grade erworben, sodaß dieses jetzt Gelegenheit nimmt, der Pforte in geeigneter Weise den Dank des Zaren abzustatten. Bekanntlich gährt es irgendwo im osmanischen Reiche zu jeder Zeit. Bald sind es die Armenier, bald die Albanesen oder ein sonstiger Volks- stomm, welcher nach größerer Selbständigkeit strebt und zu diesem Behufe eine mehr oder weniger blutige „Bewegung" inszeniert. Augenblicklich sollen die Mazedonier sich wieder einmal vorbereiten, dem Sultan die Treue zu brechen und die Autonomie zu erreichen. Ohne fremde Hilfe können die Mazedonier natürlich der Erfüllung ihrer Wünsche nicht näher kommen, und sie blicken deshalb erwartungs- und 'hoffnungsvoll nach Petersburg. Würde ihnen von dort irgendwie Hoffnung auf Unterstützung gemacht, so dürfte der Ausbruch der revolutionären Bewegung wohl nicht lange lauf sich warten lassen. Aber der Zar will dem Sultan augenblicklich kerne Verlegenheiten bereiten, und es würde ■mit der von ihm übernommenen Rolle als Friedensfürst auch schlecht übereinstimmen, wenn allzu offen der russische Nudel sich in den Dienst der mazedonischen Revolutionäre stellte. Deshalb ist von Petersburg aus eine unzweideutige
Absage an die Mazedonier ergangen, die hoffentlich ihre Wirkung nicht verfehlen wird.
Man braucht nun aber keineswegs zu denken, daß Rußland aus purer Uneigennützigkeit so korrekt handelt. Eingeweihte wollen vielmehr wissen, daß es lediglich den durch die Reise Kaiser Wilhelms mächtig gewachsenen Einfluß Deutschlands am Goldenen Horn paralysieren und zu diesem Zwecke gute Beziehungen zu der Türkei pflegen will. Diese Ansicht hat unseres Dafürhaltens sehr viel für sich, (xx)
Deutsches Deich.
Darmstadt, 1. Februar. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin sind mit der Prinzessin Elisabeth heute vormittag 7Va Uhr von Gotha hierher zurückgekehrt. Im Gefolge befanden sich die Hofdame Freiin v. Rotsmann und der Ordonnanzoffizier Leutnant v. Klipstein. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin werden sich nächsten Montag, 6. Februar, für längere Zeit nach Egypten begeben.
Berlin, 1. Februar. Eine Meldung der „Frankfurter Zeitung", wonach das hiesige Hotel Bristol von einer englischen Gesellschaft für den Betrag von 10 Millionen Mark angekauft worden sei, entbehrt, wie die Direktion des Hotels mitteilt, der Begründung.
Berlin, 1. Februar. Die regelmäßige Plenarsitzung des Bundesrals findet, da morgen katholischer Feiertag ist, bereits heute statt. Auf der Tagesordnung stehen außer kleinen Vorlagen das Hypotheken-Bankgesetz und die Novelle zur Civil- und Strafprozeß-Ordnung und zum Strafgesetzbuch (Bestrafung falscher uneidlicher Aussagen ?c.).
— Die Grabstätte des Fürsten Bismarck ist jetzt im Aeußern fertig gestellt; im Innern werden die Handwerker noch längere Zeit zu thun haben, und die Ausschmückung des Platzes wird erst im Frühjahr erfolgen können. Den „Hamb. Nachr." wird darüber geschrieben: Die „Gruftkapelle" — wie sie von dem Bauherrn, dem Fürsten Herbert, benannt ist — gewährt mit dem dahinter liegenden Walde in ihren edlen romanischen Formen einen erhebenden Anblick. Eigen ist in diesen Wochen auch das Bild, welches sich nach Eintritt der Dunkelheit ergiebt: dann zeigen sich die Fenster der Kapelle und des Turmes in düsterem Rot erleuchtet durch die Glut der Oefen, welche
im Gebäude aufgestellt sind und auch die Nacht hindurch geheizt werden, um das Austrocknen der Mauern zu beschleunigen. Letztere sind von ungewöhnlicher Stärke und Festigkeit, und das auch in allen Einzelheiten mit der größten Sorgfalt errichtete Gebäude gewährt den Anschein, Jahrtausenden Stand bieten zu können. Die bisherigen Abbildungen geben, zumal bei dem noch ganz unfertigen Zustande der Umgebung den harmonischen Eindruck, welchen der Bau in Wirklichkeit macht, leider nicht wieder; mit Rücksicht auf die starke perspektivische Verkürzung, die photographischen Bildern eigentümlich ist und besonders bei Wiedergabe von Gebäuden zur Geltung kommt, wird bei künftigen Aufnahmen der Platz vom Photographen mit besonderem Bedacht ausgewählt werden müssen, um die richtige Anschauung herbeizuführen. Die „Leipziger Jllustr. Ztg." brachte kürzlich neben der Reproduktion einer Photographie eine Mitteilung über den Kapellenbau, der einige unrichtige Angaben enthielt: Der Hügel, auf welchem das Gebäude steht, heißt nicht, wie dort gesagt wurde, der „Schneckenberg". Letzterer ist vielmehr eine kleine künstliche Anhöhe hinter der Anhaltiner Hirschgruppe, in früherer Zeit mit einem schneckenförmigen Wege und Flaggenstangen ausgestattet, später aber gesperrt und aufgeforstet, weil von dieser Höhe aus die Vorgänge im Fürstenhause mit Fernrohren und Spiegeln beobachtet wurden. Die Gruftkapelle liegt aber jenseits des tiefen Hohlwegs auf einer freien Fläche oben am Waldrande. An der verhältnismäßig weiten Aussicht, die sich von dort auf das Thal und den gegenüber hoch ansteigenden Wald bietet, hat Fürst Bismarck sich oft, auch noch in den letzten Jahren, erfreut und hervorgehoben, daß man von dort fast alle Wahrzeichen von Friedrichsruh sieht: das Fürstenhaus, die Parkbäume, Post, Bahn, Oberförsterei, Turmhaus, den Aue-Fluß und jenseits den hohen Eichenwald, der wie ein großer Kranz das Bild des Thales einfaßt und in dem der Fürst, wie er sich ausdrückte, jeden einzelnen Baum „persönlich kannte". Zu der Stelle, an der jetzt seine Ruhestätte mit liebevoller Sorge und in seinem Sinne bereitet wird, hat der Fürst vor vielen Jahren einen bequem ansteigenden Weg für seine Gemahlin anlegen und oben eine Bank anbringen lasien, die noch steht. Man würde, wenn er die Wahl dieser Grabstätte nicht selber getroffen, sondern freigestellt hätte, einen geeigneteren Platz in Friedrichsruh nicht gefunden haben als diesen, über den des Fürsten Wort bekannt geworden ist: „Dort erlebe ich noch etwas, da höre ich noch die Eisenbahn." Der Wort-
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Feuilleton.
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Samoa. *
Bon Dr. H. v. Osten.
(Nachdruck verboten.)
I Auf Samoa oder den Schifferinseln spielt der deutsche handel eine große Rolle, deshalb erregte es die Handels- velt, als vor kurzer Zeit die Nachricht vom Ausbruch neuer Vuruhen auf Samoa eintraf. Schon einmal, und zwar im ^ahre 1888, hat unsere deutsche Marine bei Unruhen auf earnoa eingreifen müssen. Es kam damals auf dem Lande I11 ernsten Kämpfen, die auf beiden Seiten viele Opfer sröerten.
Samoa ist eine kleine Inselgruppe des mittleren Poly- «irens, in der Nähe der Freundschaftsinseln. Sie besteht
vier großen und einer Anzahl kleiner Inseln.
Die vier großen Inseln sind Savaii mit 15,000 Ein- vchnern, Upolu mit 7000, Tutuila mit 4000 und Manua nit kaum 2000 Einwohnern. Die Einwohnerzahl der gelten Fischerinseln beträgt heute keine 50,000, während £ sH ,in früheren Zeiten auf das Fünffache bezifferte. maAkheiten und Entartung dezimierten eine Zeitlang die Kernwohner, die zur polynesischen Rasse gehören. Gerade sie Ureinwohner von Samoa gehören zu den schönsten Menschen ihrer Rasse. Ihre Vertreter, die vor etwa zwei führen in den größeren Städten Europas gezeigt wurden, »regten Aufsehen und Enttäuschung zu gleicher Zeit. Sie «nnrtrten in ihrer ganzen Erscheinung au hübsche Spanier
Italiener. Die Hautfarbe der Samoainsulaner ist in nicht dunkler als die der Spanier oder Italiener; an findet sogar Frauen, die weiß und hübsch sind, wie ir »Europäerinnen. Sehr viele Kinder der wohlhabenderen «ajlen kommen fast ganz weiß zur Welt und bräunen sich 8at Wer durch die Einwirkung der Sonne.
Hervorragend schön sind die Zähne, Augen und Haare der Samoainsulanerinnen. Die Zähne sind beinahe weiß wie Schnee, das Haar ist schwarz wie Ebenholz, lang und weich. Trotzdem heute die Samoainsulaner durch den anhaltenden Verkehr mit den Europäern für kultivierte Mensche» gelten können, die größtenteils nach europäischer Sitte sich kleiden und ernähren, so trifft man doch vereinzelt Individuen, die sich tättowieren und ihre schönen Haare rot oder orange färben durch den Saft einer Pflanze Wahrscheinlich haben sie diesen Brauch von ihren Nachbarn, den Fidschi-Insulanern, gelernt, die ihn deshalb üben, um die massenhaften Schmarotzer in ihrem wüsten und dichten Haar zu zerstören.
Die Tierwelt ist auf Samoa spärlich vertreten. Außer- Schweinen und Hunden kommen größere Säugetiere gar nicht vor. Desto schöner und üppiger ist dagegen die Flora, die ja auch den Haupthandel bedingt, der beispielsweise auf Upola mit dem Hafen Apia allein jährlich an 3 Millionen Mark Umsatz erzielt. Hier war es, wo das bekannte Hamburger Handelshaus Godeffroy den Grund zu seinem Emporblühen legte. Die Hauptausfuhrartikel sind: Kokosnüsse, Baumwolle, Tabak, Kaffee, Zucker, Thee, Ananas und Gewürze.
Das Pflanzenleben zeigt eine seltene Ueppigkeit, bedingt durch das feucht-warme, angenehme Klima. Vor allen Dingen findet man die Kokospalme und den Brotfruchtbaum, dann eine Menge Gewächse mit eßbaren Knollen, ferner das Zuckerrohr und schöne Kasuarinen oder Streitkolbenbäume, deren Holz sehr hart und gesucht ist, das zu vielen technischen Zwecken Anwendung findet, und auch den Stoff liefert zu den gewaltigen Streitkolben der Südseeinsulaner.
Die Samoainseln haben meist hohe, steile Küsten ohne Barriörenriffe. Sie sind, wie alle größeren Südsee-Jnseln, vulkanischer Natur, und noch im Jahre 1866 kamen Ausbrüche mit starkem Aschenregen vor.
Die Samoainseln sind dieselben, welche der Holländer Roggeveen 1722 entdeckte, und Baumannsinseln nannte. Diesen Namen behielten sie bis 1768, wo der Franzose Bougainville dort landete und sie Schifferinsel» nannte, wegen der Geschicklichkeit, mit der die Ureinwohner ihre kleinen Seefahrzeuge regierten.
Früher standen die Samoainsulaner sogar im Rufe der Anthropophagie, der Menschenfresserei. Ob diesem Laster jemals auf den Samoainseln gefröhnt worden ist, das konnte nicht bewiesen werden. Heute ist der Samoa-Insulaner ein gesitteter, höflicher, wenn auch leichtsinniger Mensch.
Die herrschende Religion ist heute die christliche, vorwiegend die katholische.
Früher lebten die Samoaner in Dörfern unter Häuptlingen, und bildeten kleine, unabhängige Staaten. Das ging so fort bis zum Jahre 1876, wo unter den Stämmen große und blutige Streitigkeiten ausbrachen. Die einen wandten sich an die Engländer, die anderen an die Amerikaner um Hilfe. Englische und amerikanische Konsulate existierten nämlich schon lange auf den Insel». Die Engländer und die Amerikaner mischten sich in die Händel der Eingeborenen, und die Folge davon war, daß am 25. Mai 1877 ganz Samoa von den Amerikanern förmlich in Besitz genommen wurde.
Durch Handelsvertrag mit der Nordamerikanische» Union erhielt damals Deutschland den Hafen Saluafata auf Tutuila. Deutschland, England und Amerika haben jetzt Häfen bei und Konsulate auf Samoa. Diese drei Mächte üben gemeinsam eine Oberherrschaft aus. Die Ureinwohner waren nämlich mit der Annektierung durch die Nordamerikanische Union nicht zufrieden, und es fanden wieder Unruhen statt. Da beschlossen die drei genannten Großmächte, einen König über Samoa zu setzen. Sie wählten dazu den mächtigsten Häuptling, dem alle anderen unterthänig sein sollten, das heißt, nicht absolut, denn der neuerwählte König war ein konstitutioneller, nach europäischem Vorbild. Dem Herrscher


