Ausgabe 
2.12.1899 Drittes Blatt
 
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Rt. 284 Zwcttcs Blatt Samstag den 2 Dezember

1809

Meßmer Anzeiger

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Statt dieser friedlichen Beilegung ist nun aber ein Krieg heraufbeschweren, der England große Opfer auferlegt, wenn er auch am Ende ihm Früchte trägt. Andererseits wäre ein schneller Sieg der Engländer Europa nichts weniger als wünschenswert gewesen, denn nur allzu leicht hätten die leichten Lorbeeren die englischen Imperialisten zu Forderungen gelockt, die für den Weltfrieden hätten verhängnißvoll werden können.

An den englischen Mißerfolgen ist nach Exzellenz Brandt nicht sowohl die plötzliche Rüstung Schuld, als viel­mehr das diplomatische Ungeschick, es früher zum Ausbruch der Feindseligkeiten kommen zu lassen, als das Heer bereit stand. Es ist dies derselbe Fehler, den Oester- reich im Jahre 1866 in seinem Konflikte mit Preußen be­ging. Darum hat auch Bismarck den Grundsatz aufgestellt, daß militärische und diplomatische Aktion Hand in Hand zu gehen haben.

Durch die Nichtbefolgung dieser Regel haben die Eng­länder den Buren zahlreiche Vorteile zu gute kommen lassen. Selbst wenn das Kriegsglück sich schließlich zu Gunsten Eng­lands wenden sollte, so werden diesem noch große Schwierig­keiten aus den von den Buren weit hinein ins Feindesland zerstörten Eisenbahnlinien und Flußübergängen erwachsen und sie an der völligen Ausnützung der Siege wirksam hindern.

Während sich aus all diesen Erwägungen unsere Sym­pathien den Buren zuwenden, ist es doch eine andere Frage, ob uns die politische Klugheit zur Aufgabe unserer Neutralität veranlassen soll. Und da muß gerade in diesem Fall streng jede Parteinahme unterbleiben. Denn jedenfalls wird England wenn auch mit schweren Opfern siegreich infolge seiner größeren Mittel aus dem Kampf hervorgehen, ein Resultat, das uns nach Durchbrechung der Neutralität arge Mißhelligkeitm zu bereiten im stände wäre. Im Uebrigen können wir um so mehr den Dingen freien Lauf lassen, als den Engländern große Schwierigkeiten be­gegnen können, etwa das Ausbrechen einer Epidemie unter den Truppen, mit deren Wahrscheinlichkeit man immer rechnen muß. Sollte schließlich der Erfolg voll und ganz den Engländern zufallen, so würden zur dauernden Be­setzung von Südafrika 40-50000 Mann nötig werden. Eine solche Truppenmasse ist aber, nachdem Indien einen großen Aufwand erfordert und auch im Sudan bis auf weiteres englische Truppen gehalten werden müssen, auf Grund des jetzigen englischen Wehrsystems kaum zu beschaffen. Darum wird man sich in England zu einer durchgreifenden Aenderurg desselben wohl oder übel eutschließen müssen.

Besser wäre es auch für Enfland gewesen, wenn die Entwickelung sich auf friedliche Weise vollzogen hätte. Dann wäre es wahrscheinlich info.ge der immer zahlreicher in Transvaal einwandernden fretroen Elemente über kurz oder lang zu einer Verschmelzung und Mischung und so naturgemäß zu einem Ueberwiegen enflischen Blutes gekommen.

treffe für Depeschen: Jhqttftt tUftau Fernsprecher Nr. 51.

Cirr deutscher Diplomat über den Krieg in Afrika.

Exzellenz v. Brand, der langjährige deutsche Gesandte am Pekinger Hofe, behandelt im Dezemberheft derDeutschen Revue" die Frage, von welchem Gesichtspunkte aus Deutsch land die Vorgänge in Südafrika zu betrachten habe. Zu­nächst will der Verfasser zwei Betrachtungsweisen streng gesondert wissen. Die ethische darf nicht mit der poli­tischen zusammengeworfen oder verwechselt werden, das heißt, die Sympathien, welche uns nach der einen Seite ziehen, dürfen nicht unser politisches Handeln, das nur den Geboten der Klugheit zu folgen hat, beeinflussen. Zweifel­los ist es, daß die Deutschen bei dem jetzt in Afrika aus- gcbrochenen Kriege mit den Buren fraternisieren als mit einem Volke, das mit eiserner Tapferkeit für seine Scholle kämpft und die fremden Eindringlinge aus dem Lande treiben will. Ueberall wo eine Minderheit gegen eine Heber» macht so heldenmütig Widerstand leistet, fallen jener die Sympathien der gesamten gesitteten Welt zu.

Seitdem im Jahre 1877 seitens Englands zum ersten Mal der Versuch gemacht worden ist, Transvaal zu annek­tieren, ist dieser Wunsch niemals wieder zur Ruhe gekommen, sondern immer wieder sind von den britischen Staatsmännern Vorstöße gegen die Unabhängigkeit der Burenrepublik unter­nommen worden, die ihren Grund in den imperia­listischen Gelüsten haben, das heißt in dem Bestreben, einen unter englischer Oberhoheit stehenden Staatenbund in Südafrika zu gründen. Geschürt wird dies Machtverlangen durch die zahlreichen englischen Kapitalisten, Minenbesitzer, und Adventurers wie durch die Presse an der Spitze dieTimes", welche geradezu provoziereud wirkt und t>ic öffentliche Meinung irre leitet. Am besten waren alle diese Tendenzen an dem bekannten Einfall Jameson's und den Folgen ersichtlich, welche den Raubzug für den Unternehmer zeitigte.

Die Entrüstung, die überall über diese Thal und die Komödie bei der Prozeßführung laut wurde, war durchaus gerechtfertigt, nicht minder die Entrüstung, welche durch die Haltung der englischen Regierung und Presse bei den dem Ausbruch der Feindseligkeiten vorangegangenen Verhand­lungen mit Transvaal hervorgerufen wurde. Die Buren haben das Endziel der englischen Politik wohl erkannt und sich verstündigerweise rechtzeitig auf den Kampf, der nicht auSbleiben konnte, vorbereitet. Dem Märchen, daß durch das Ultimatum Transvaals der Krieg herausgefordert sei, glaubt wohl heute kein vernünftiger Mensch mehr.

Lokales und Vrovinffelles.

Gießen, 1. Dezember 1899.

** Geschtchtskaleuder. (Nachdruck verboten.) Vor 94 Jahren, 2. Dezember 1805, wurde die mörderische Dreikatserschlacht von Austerlitz geschlagen, in welcher Napoleon 1 einen glänzenden Sieg über das russisch-österreichische Heer errang. Die Rusten allein verloren den größten Teil ihrer Artillerie und ihres HereS; wohl 30,000 Mann zogen sich in eiliger Flucht mit ihrem Kaiser

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über die March zurück.

* AdventSglocken. Nächsten Sonntag ertönen die Adventsglocken und machen die Herzen bereit für den festlichen Empfang des kommenden Gottessohnes. Mit dem ersten Adventssonntag beginnt in der katholischen und pro­testantischen Kirche das neue Kirchenjahr. Jedes Kirchen­jahr stellt die Reihenfolge der kirchlichen Sonn- und Fest­tage dar und unterscheidet sich damit wesentlich vom bürger­lichen. Die Ordnung des kirchlichen Jahres beruht auf ganz bestimmten, in unserem christlichen Glauben wurzelnden Grundlagen. Betrachtet man das Kirchenjahr näher, so stellt es im Kultus den EntwickelungSgang des Reiches Gottes in seinen wesentlichen Momenten dar, damit der­selbe von der Gemeinde alljährlich als Heilsprozeß der Menschheit und des Einzelnen aufs neue nicht nur erkannt, sondern auch innerlich erlebt werde. Schon frühe gestalteten sich drei Festkreise: der Weihnachts, Oster- und Pfingst- zyklus, welche alle in die Hälfte des Kirchenjahres fallen, und somit die festliche Zeit bilden, während die andere Hälfte, mit dem Trinitatisfest beginnend, als festlose Zeit bezeichnet wird. Das Weihnachts-, Oster- und Pfingstfest bilden in den drei erwähnten Festkreisen den Höhepunkt und schließen sich in ihrer Bedeutung eng an die wichtigsten Abschnitte der Lebensgeschichte des Begründers unserer Kirche an. Weih­nachten erinnert an die Geburt des Heilandes, Ostern ist das Auferstehungsfest und steht somit in direktem Zusammen­hang mit dem Leiden und Sterben Christi, während Pfingsten das Fest des Geistes und der Stiftung der christliche» Kirche ist. Die festlose Hälfte schließt in unserer evange-

Theater.

Ewige Liebe.

Schauspiel in 3 Akten von HermannFaber.

(Zu seiner

Aufführung im Theaterverein am Dienstag, den 5. Dezember.)

In aller Gedächtnis steht noch die so wohl gelungene Aufführung von Ibsens Nora, die uns mit der jetzt her­vorragendsten Schauspielerin des Frankfurter Schauspiel­hauses, mit Fränlein Triesch bekannt machte. Der Zu­fall will es, daß in der nächsten Vorstellung wiederum ein Gast aus Frankfurt auftritt, aber diesmal ein den meisten wohlbekannter. Seit Arthur Bauer im vergangenen Winter den Bartel Turas er hier gespielt hat, haben ihn die Theaterfreunde in ihr Herz geschlossen, ist er eines «armen Willkommens hier jederzeit sicher. Und wir hoffen ihn noch öfters hier begrüßen zu können, denn im Gegen­satz zu Fräulein Triesch, welche in einigen Monaten Frank­furt auf immer verläßt, um einem Ruf an das Münchener Hoftheater zu folgen, hat Arthur Bauer kürzlich seinen Kontrakt mit Frankfurt erneuert, das die größten Opfer nicht gescheut hat, um den Künstler seinem Engagement nach Hamburg wieder zu entziehen.

Der 5. Dezember wird uns nun aber mit einem Autor bekannt machen, der in Gießen noch nicht zu Wort ge- kommen ist, obwohl er in unserer nächsten Nähe, nämlich in Frankfurt wohnt.

Dort ist auch seineEwige Liebe" zuerst gegeben worden. Kürzlich feierte sie ferner ihre Erstaufführung im Königlichen Schauspielhaufe in Berlin, während man zu gleicher Zeit das neueste Stück Fabers,Ein glückliches Paar", im Deutschen Theater in Berlin, dieser Musterbühne Deutschlands, zum ersten Male gab.

Abgesehen von dem literarischen Werte derEwigen

Liebe" rechtfertigt aber noch ein «nderes ihre Aufführung gerade in Gießen: Der Held des Stückes, der Gymnasial­lehrer Schubart, hat in Gießen stidiert und hat sich hier als Student im 2. Semester mt einem jungen, vor­übergehend hier zum Besuch toeiletben Mädchen, Martha Dörnach, verlobt atras, das bei uns auch that- sächlich nicht zu den Seltenheitet zu gehören pflegt. Ewige Liebe" haben sie sich geschwor n, aber die Verlobung soll erst veröffentlicht werden, wenn Walter eine feste An­stellung hat. Sieben Jahre hat dieser Verhältnis nun schon gedauert, die jungen Leute haben sich ii der Zeit verhältnis­mäßig selten gesehen, Walter hat zu-rst viel geschrieben, aber in der letzten Zeit sind seine Brieß immer kürzer und kälter geworden; er hat eine begabte jun;e Künstlerin, Klara Spohr, kennen gelernt, deren pikantes Lesen, so verschieden von der Hausbackenheit seiner Verlobten ihn immer mehr gefangen halt.

Klara Spohr ist die Schülerin tos Violinlehrers Führing, seine Lieblingsschülerin, die er zu den Höhen der Kunst führen will, und deren demnächftige Triumphe ihn entschädigen sollen für alle Enttäuschungen, di er selbst im Leben erfahren hat. Diese Rolle des Führing hat Arthur Bauer nach dem einstimmigen Urteil der Kritik nit einer so bewundernswerten Schärfe durchgeführt, daß di Dichtung, selbst wenn sie geringeren Wert hätte, allein bc Leistung Bauer's wegen verdiente, ständig auf dem Repe-toire der Frankfurter Bühne zu bleiben.

Von den drei Akten des Schauspiels ist der rste der hervorragendste. In ihm teilen sich Führing, «Lchubart und Klara in die Exposition der Handlung. Zwischet diesen drei Personen entwickelt sich da ein so natürliches Hn und Her, sie sind so menschlich, so natürlich und anziehend ge­schildert, daß man dieses Ervffnungsspiel für den testen ersten Akt erklären möchte, der seit Jahren geschrieben vor-

den ist. Jrn zweiten Akt tritt Martha Dörnach mit ihrer Schwester und deren Mann auf, und die sich zwischen diesen und Walter abspielenden Szenen benutzt der Verfasser vor­trefflich dazu, die falsche Moral in amüsanter Weise zu geißeln. In welcher Weise dann im dritten Akt die Lösung des Knotens erfolgt, das möchten wir nicht gern verraten, wir empfehlen vielmehr unseren Lesern, sich das Stück Fabers, dessen Handlung so nahe Beziehungen zu Gießen hat, am Dienstagabend selbst anzusehen. Die Rolle der jungen Violinkünstlerin liegt in den Händen von Fräulein Hammer, welche dieselbe schon einmal mit großem Erfolg in ihrem letzten Engagement spielte.

Max Schillings erhielt während der Vorstellung seiner Pfeifertages" im Hoftheater zu Schwerin von der Erzherzogin Elisabeth von Oldenburg folgendes ehrenvolle Telegramm: Tiefdankbaren warmen Herzens bin ich in diesen wichtigen Stunden mit Ihnen; möge Ihnen und uns das Erlebnis deutschen Fühlens und deut­schen Seins am heutigen Abend für jetzt und späterhin zum Segen werden." Der Dichter wie Komponist haben mecklenburgische Orden er­halten. Für Dresden, Weimar und Hamburg ist die Oper zur Auf­führung angenommen. In Karlsruhe wird sie bereits am 10. De­zember aufgeführt und zwar unter Mottls Leitung.

»Gekaufte Liebes Schauspiel in drei Akten von Royhuys, erzielte, wie man uns aus Wiesbaden mitteilt, am dortigen Residenz- theater einen starken Erfolg. Das Stück des holländischen Dichters ge­langte in einer Uebersetzung von S. Oken zur Aufführung.

Das Jahrhundert tu Einaktern^ ist nunmehr fertig ge­stellt und geht am Berliner Theater und an den meisten Bühnen, die das Gesamtwert erworben haben, Ende Dezember in Szene. Den Abend eröffnet Ernst Wichert mit seinem FestspielWeimar".f Joseph Lauff's vaterländisches SpielVorwärts" mit Blücher zum Helden folgt, Georg Engels kleines DramaSturmglocken" spielt bekanntlich im Jahre 1848; die Kriegsszenen von Georg v OmptedaWörth" folgen. Ernst von Wolzogens für den Schluß gedichtete Arbeit ist weit über den Rahmen des Ganzen hinausgewachsen und kommt daher außer der Reihe zur Aufführung. An seine Stelle ist Ludwig Jakobowsky mit einem EinakterArbeit" getreten. Die fünf kleinen Werke haben sich so zu einander gefügt, daß von dem geplanten Pro- und Epilog Abstand ge­nommen worden ist. Den Bühnenvertrieb hat A. Entsch, den vuch- verlag Philipp Reklam jun. übernommen.