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2.11.1899 Erstes Blatt
 
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Gießener Anzeiger

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* Bom Kriegsschauplatz.

Eine schwere Niederlage der Engländer.

Eine Katastrophe folgenschwerer Art hat den linken Flügel der Armee des Generals White bei Ladysmith ereilt: Mehrere Bataillone Infanterie und eine Gebirgsbatterie haben gestern nach einem überaus mörderischen Kampfe vor den Buren kapitulieren müssen, und der Oberkommandierende selbst willigte darein. Seine linke Flanke ist dadurch völlig entblößt, und es bleibt wenig Aussicht, daß er überhaupt noch einige Trümmer feiner Streitmacht nach dem Süden retten kann. Vernichtet sind dieselben Truppenteile, von denen schon in den heute nacht eingegangenen Telegrammen gemeldet wurde, daß sie vermißt ödernoch nicht zurückgekehrt" seien. Die Einzel­heiten dieser

Kapitulation, die die Buren durch ihre altbewährte Taktik, wohlgezieltes Feuer aus sicherer Deckung heraus, erzwungen haben, und den Cinoruck der Katastrophe in England schildern folgende Telegramme:

London, 31. Oktober. Die irischen Füsiliere, das Gloucester-Regiment und die zehnte Gebirgsbatterie, welche die linke Flanke der Stellung bei Ladysmith decken sollten, kämpften gestern gegen eine furchtbare Uebermacht und erlitten schwere Verluste. Schließlich ergaben sich die Ueberlebenden. Einige von ihnen kamen unter Parlamentärflagge in das Lager bei Ladysmith, um Hilfe zur Bestattung der Toten zu erbitten. General White billigte die Uebergabe-Bedingungen und tadelte die Kapitulation nicht, da die Stellung der englischen Truppen unhaltbar gewesen sei. Die Buren nahmen mit den Mann­schaften zweiundvierzig Offiziere und einen Zeitungs­korrespondenten gefangen. .

London, 31. Oktober. Das schwere Unglück bei Lady- schmith erregt tiefe Bestürzung in London. Daß General White die Verantwortung für die Kapitulation übernahm, wird als ein Zeichen dafür angesehen, daß er seine Ab­berufung wünscht. Die englischen Verluste waren sehr schwer, da das gefangen genommene Korps sich nicht eher ergab, als bis es ganz umzingelt und durch das Gewehrfeuer des gedeckt stehenden Feindes dezimiert war.

Die Schlacht bei Ladysmith.

Auch der gestrige Kampf der H a u p t m a ch t des Generals White gegen die Buren war für die englischen Waffen sehr ungünstig. Es liegt dem ..B L.-A." ein genauer Bericht hierüber in folgendem Telegramm vor:

London, 31. Oktober. Ueber den gestrigen Kampf vor Ladysmith telegraphiert der dortige Times-Korrespondent folgende Details: Der Feind halte in geschickter Weise Artilleriepositionen, welche die nördlichen und westlichen Zu­gänge beherrschen, eingenommen. Nachdem die Kavallerie die Hauptposition des Feindes festgestellt hatte, gingen am Abend vorher drei Kolonnen ab, um den Schlag gegen die Position des Feindes 5 Meilen nördlich von Ladysmith an der Straße nach Elandslaagte auszuführen. Oberst Grirnwood nahm eine Brigade aus dem ersten und zweiten Bataillon der Ktngs Royal Riffes, ferner von den Leicestershire und Liverpool- Regimentern und den Dubliner Füsilieren, um den Unken Flügel des Feindes anzugreifen. Oberst Hamilton mit bem Devon-Regiment, Gordon mit den Highlanders, dem Man­chester-Regiment und dem zweiten Bataillon der Riffe-Brigade kam später an, unterstützt von dem Gloucester- und dem irischen Füsilier-Regiment und der Bergbatterie, um den rechten Flügel anzugreifen. General French nahm eine Kavallerie-Brigade und berittene Infanterie, um auf unserm rechten Flügel zu operieren. Das Ziel unseres. Angriffs stellte sich als unbesetzt heraus. Der Feind bewirkte einen Frontwechsel und machte einen Scheingegenangriff gegen unsere linke Flanke. Der Feind war zahlreich und hatte Maxim-Feldgeschütze, und zwar 37 Millimeter-Geschütze.

Die fünften Lanciers ritten mutig an der feindlichen Front vorbei und simulierten einen Rückzug, um den Feind hervorzulocken, doch vergeblich, da der Feind nur mit Granat- feuer erwiderte. Die Flankenattake entwickelte sich derart, daß die englische Rechte verstärkt werden mußte. Die eng­lische Artillerie wechselte die Front und unterstützte die ver­stärkte Infanterie kräftig. Zwei Batterien blieben in Aktion, rückten der feindlichen Position näher und hielten mittels Schrapnels das Feuer der auf Ladyshmit gerichteten Be­lagerungsgeschütze nieder. Um 9 Uhr mußten die drei Bataillone des Obersten Grirnwood, nachdem sie die Rille fünf Stunden gehalten hatten, plötzlich über offenes Terrain auf ihre Artillerie zurückgehen. Die 53. Batterie jagte

mutig vor, um den Rückzug zu decken, wobei sie schwere Verluste erlitt. Die Kavallerie, ohne Unterstützung gelassen, mußte ebenfalls zurück. Jetzt begann ein allgemeiner Rück­zug auf Ladysmith.

Die Geschütze, welche die Infanterie bedeckt hatten, be­schützten jetzt kräftig den endgiltigen Rückzug. Der Feind drängte nicht nach, aber erschien dafür auf seinen alten Positionen in großer Zahl. Hierbei fand er bei seiner Rückkehr die Flottenbrigade vom KreuzerPowerful" an­gekommen. Zwei Schnellfeuer - Geschütze wurden sofort unter Deckung einer Redoute aufgestellt, und mit fünf Salven brachten sie den feindlichen Vierzigpfünder zum Schweigen, welcher seit Tagesanbruch elf Granaten nach Ladysmith hin­eingeworfen hatte, ohne ernsten Schaden anzurichten. Die Truppen kehrten um 2 Uhr zurück. Auf der linken Flanke wurde unsere Bewegung dadurch gehindert, daß die Maul­esel der Feldbatterie in der Nacht nach der feindlichen Position durchgegangen waren. Die Bergbatterie auf der linken Flanke berichtete, daß sie infolgedessen gelitten habe. Doktor Jameson und Sir John Willoughby kamen gestern in Ladysmith an und beobachteten die Schlacht. Der Kriegs­korrespondent desDaily Telegraph" erklärt, die Buren hätten Hundertpfünder. White avanzierte vor Tagesanbruch mit allen Truppen nach Tintwanyone zu.

* * *

Kapstadt, 31. Oktober. General Buller ist heute nacht hier eingetroffen. Zu seinem Empfange waren groß­artige Vorbereitungen getroffen.

London, 31. Oktober. Das 1. königlich e Dragoner- Regiment schiffte sich auf dem TransportschiffManchester Port" ein, welches gestern abend unter großer Begeisterung unter den Klängen der Rule Britannia absegelte. Unter den her­vorragenden Gästen, welche dem Regiment Lebewohl sagten, war der Kriegsminister und seine Gemahlin. Das Regiment bestand aus 27 Offizieren, 561 Mann und 516 Pferden.

Loudon, 31. Oktober. Aus Prätoria kommt die Meldung, daß 200 Verwundete aus Dundee erwartet werden. Die Schulen wurden als Lazarette eingerichtet. Nach einer Meldung aus Lorenzo Marquez ist das deutsche Korps bei den Truppen von Ladysmith.

Deutsches Keich.

Berlin, 31. Oktober. Der Kaiser empfing am Sonn­tag den Herzog von Ratibor, welcher in seiner Eigenschaft als Präsident des in der Pfingstwoche im Reichstagsgebäude abgehaltenen Tuberkulosenkongresses den Bericht über denselben überreichte. Der Kaiser gab hierbei von neuem sein leb­haftes Interesse für die auf die Bekämpfung der Tuber­kulose gerichteten Maßnahmen kund.

An dem Umstande daß der Reichskanzler Fürst Hohenlohe sich von Baden-Baden nach Schillingsfürst be­geben hat und der Staatssekretär Tirpitz gestern zum Vor­trage beim Kaiser nach Liebenberg gerufen wurde, werden Krisen-Vermutungen geknüpft, die, wie dieNational- Zeitung" meldet, völlig grundlos sind. Seit vielen Jahren pflege der Reichskanzler das Allerheiligen-Fest mit seiner Familie in der Heimat zu verleben. Auch Staatssekretär Graf Bülow hat mit seiner Gemahlin eine Einladung nach Liebenberg erhalten.

Ludwigshafen a. Rh., 31. Oktober. DiePfälzische Rundschau" erfährt aus bester Quelle, daß am kommenden Donnerstag in Stuttgart eine Konferenz unter dem Vorsitz des Staatssekretärs von Podbielski stattfindet, in der über die Einheitlichkeit der Postwertzeichen in ganz Deutschland beraten werden soll. Die Fort­setzung der Verhandlung soll in München stattfinden.

Dresden, 31. Oktober. Prinz Friedrich August, an dessen Krankenbett gestern der königliche Leibarzt Ge­heimer Medizinalrat Dr. Fiedler erschien, hat die Nacht gut verbracht. Heute ist das Bewußtsein klar, der Brech­reiz ist geschwunden. Temperatur und Herzschlag sind normal.

Baden-Baden, 31. Oktober. Heute mittag um 12 Uhr 30 Min. ist das russische Kaiserpaar in Begleitung der großherzoglich hessischen Herrschaften mit Sonderzug in Baden-Baden eingetroffen. Am Bahnhofe waren zum Em­pfang erschienen: Der Großherzog von Baden, das Erb- großherzogspaar, der Großherzog von Oldenburg, Großfürst Michael Nikolajewitsch, Prinzessin Wilhelmine von Baden und Prinz Max von Baden, ferner der Geheime Ober- regierungSrat Haape und Oberbürgermeister Gönner. Die

Fahrt vom Bahnhofe, der festlich geschmückt war, nach dem Schloß erfolgte in fünf offenen Hofwagen. Nach der An­kunft im Schloß war Fürstentafel, an diese schloß sich Marschalltafel an. Später beabsichtigt das Kaiserpaar die russische Kapelle zu besuchen, worauf die Rückreise nach Darmstadt erfolgt. _____________________________________

Ausland.

Wien, 31. Oktober. In der Angelegenheit der bevor- tehenden Einberufung der Delegationen wurde Graf Clary ;eute vormittag vom Kaiser in Audienz empfange». Nachmittags sollte Graf Goluchowsky empfangen werden.

Wien, 31. Oktober. Einer Washingtoner Meldung derPol. Korr." zufolge, arrangiert der pensionierte Major Arnes, ohne daß die Regierung es hindern kann, ein Flibustierkorps für Transvaal, welches er der siegreichen Partei zur Verfügung stellen will, um so Einfluß auf den Mineralreichtum in Südafrika zu gewinnen.

Budapest, 30. Oktober. Von hier wird einem Berliner Blatte gemeldet, Erzherzog Franz Ferdinand werde in allernächster Zeit, vielleicht schon am nächsten Samstag, die Gräfin Chotek morganatisch und geheim heiraten. Die Gräfin werde vom Hofe zurückgezogen auf einem Gute ihrer Familie in Böhmen leben. Nach demBerl. Tage­blatt" hat Kaiser Franz Joseph seine Einwilligung zu der Heirat gegeben. '

Rom, 31. Oktober. Der in das englische Haupt- Quartier nach Südafrika kommandierte Major wurde von Visconti Venosta in längerer Audienz empfangen.

Smyrna, 31. Oktober. In den nächsten Tagen trifft hier ein französisch-italienisch-österreichisches Geschwader ein.

Petersburg, 31. Oktober. Der Generalstabsoberst Leontowitsch wurde zum Militär-Attache in Belgrad ernannt. ____________________________________

Lokales und VrovilyieUes.

Gießen, den 1. November.

** Geschichtskalender. (Nachdruck verboten.) Vor 53 Jahren, am 1. November 1846, starb zu Wrxiö-Bischof der Dichter EsaiaS Segnet. In ihm verehrt Schweden seinen größten Poeten. Sri« Romanzykluk, dieFcltbjofs-Saga", ist die Nationaldichtung de« schwedischen Volkes gewo den, die in alle europäischen Spraaen, allein achtzehmmO ins Deutsche, übersetzt wurde. An Vollendung seines EposGeeda" hmderte ihn schwere Umnachtung des Geistes. T. wurde am 13. November 1782 zu Kyrkeroud geboren.

Auf dem Zweirad! Ein norwegisches Blatt macht seinem Unwillen Luft über die schlechte Körperhaltung, die die Herren der Schöpfung auf dem Rade beobachten. Diese Bemerkungen haben auch für die heimischen Verhältniffe Geltung. Es heißt da:Wenn man einen Krüppel krumm und gebeugt durch die Straßen wandern sieht, wird man von Mitleid erfaßt. Aber wenn man hundert und aber hundert kräftige und geradegewachsene junge Leute mit krummem Rücken und schlechter Haltung auf dem Rade reiten sieht, wird man ärgerlich. Unsere Jugend sollte viel zu viel Schönheitssinn haben, als daß sie sich dazu ver­steht, wie ein Heer von Bücklingen auszuschauen, die man auf Zweiräder gesetzt hat. Wir wissen sehr wohl, daß die Herren Radler glauben, daß es sportsmännisch aussiehr, wenn man wie ein lendenlahmer Pavian im Sattel sitzt; denn die Professionals auf der Rennbahn befleißigen sich ja auch dieser Haltung, wenn es einen Rekkord von einer tausendstel Sekunde gilt. Aber es ist etwas anderes, wen« man durch die Straßen einer Stadt fährt, da ist das Raisonnement nicht mehr stichhaltig. Es ist mehr als thöricht, wenn die Radler zum Spazierenreiten einen Sitz wählen, dank deffen sie sich kaum von Meerkatzen unter­scheiden. Auch hier heißt es:Kopf hoch! Brust heraus!" Das ist gesünder und sieht auch weit schneidiger aus, als die abscheuliche Haltung mit vornüber gebeugtem Kopfe und krummem Rücken. Nehmt Euch ein Beispiel an de« Damen, ihr Herren der Schöpfung, sie sitzen weit ele­ganter im Sattel, als Ihr!"

Vortrag über Kamerun. Auf diesen Vortrag, der Freitag abend 8 Uhr in der Stadtkirche gehalten werden soll, möge auch an dieser Stelle aufmerksam gemacht werden. Herr Missionar Bohner, der schon seit langen Jahren im Dienste der Basler Mission in Kamerun thätig ist, hat große Reisen im Hinterland von Kamerun gemacht und ist ein genauer Kenner von Land und Leuten. Unter den Freunden der Arbeit in Kamerun ist er durch seine be-