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2.9.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 206 Zweites Blatt Samstag den 2. September

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Ach«lßr«tze Ar. 7.

Das Ausland und der Dreyfushandel.

Man hat es in Frankreich übel vermerkt, daß das Ausland sich so lebhaft mit den dortigen Vorgängen be­schäftigt, man meint, der Dreyfushandel und was mit ihm Zusammenhänge, sei ein häuslicher Streit, der die Welt nichts angehe, und man. ist entrüstet darüber, daß in dem Dreyfus- Prozeß die auswärtige Presse fast ausnahmslos für den An­geklagten Partei ergreift. Eine solche Beschwerde ist m unserem Jahrhundert des Telegraphen und des Telephons, die die Schranken des internationalen Meinungsaustausches niedergelegt haben, ein Anachronismus. Ereignisse, wie sie sich gegenwärtig in Frankreich abspielen, sind nicht mehr Nationalmonopol, sondern internationales Gemeingut, seit die Nachrichten, die sie verbreiten, auf dem elektrischen Funken den Weltraum durchfliegen, und das, was sich in Paris zuträgt, wenige Stunden darauf in Berlin wie in Aokohama gedruckt, gelesen und erörtert wird. Selten aber hat eine Angelegenheit so das menschliche Mitgefühl an­geregt und in den vielfachen Ausläufern, die sie genommen, so das politische und psychologische Interesse gefesselt, wie das Schicksal des Artilleriehauptmanns, über das seine Kameraden in Rennes zu Gericht sitzen. Der Grund, weshalb sich heute die gesamte gesittete Welt mit dem jüdischen Hauptmann Dreyfus beschäftigt, liegt vielleicht in der folgenden Be­merkung desJournal des Dsbats":Es gibt wohl keine Nation der Erde, wo eine solche Angelegenheit solchen Um­fang gewinnen konnte, wie die Dreyfussache in Frankreich es gethan hat. Dieser angestaunte Edelmut ist eine Ehre für Frankreich, zuweilen wird es jedoch auch sein Opfer." Vielleicht aber kommt cs auch daher, weil das Ausland andere Eigenschaften des französischen Volkscharakters mehr hervortreten und am Werke sieht, als gerade den Edelmut. Doch das ist am Ende nur eine verschiedenartige Auffassung hüben und drüben, genug, daß die ganze Welt sich gegen­wärtig mit Frankreich beschäftigt und daß die Kritik, wenn man die Summe zieht, nichts weniger als wohlwollend ist. Durch Klagen und Beschimpfungen ist an dieser Thatsache michts zu ändern, und wenn man das Urteil des Auslandes in Frankreich peinlich empfindet was ja durchaus er­klärlich ist, so ist das einzige Mittel, es umzustimmen, daß man das Uebel erkennt und seinen Wurzeln nachgräbt.

Das Uebel aber wurzelt in Anschauungen und Zuständen, die gar zu weit von denen anderer Länder abweichen, um dort eine günstige Beurteilung zu finden; es wurzelt in dem nationalen Wahn, auf Schritt und Tritt vom Ausland ver­folgt und verraten zu werden, in einer Ueberhebung, die blind macht für die eigenen Fehler, in einer Eigenliebe, die sich selbst als unvergleichlich höheres Wesen wertet, als die Leute draußen in der Welt, die Barbaren. Es ist die Eigenschaft, die man häufig bei hochentwickelten Nationen findet, die den Trägern der Kultur des klassischen Altertums anhaftete und der wir heute die Chinesen einen in unseren

llreffe für Depeschen: Anzeiger ^U|au Fernsprecher Nr. 51.

die Folgen auf sich zu nehmen und niemals hinter Lügen und Zweideutigkeiten Schutz zu suchen aus Furcht vor der Strafe.

Feigheit, körperliche wie moralische Feigheit, ist der gerade Gegensatz dieses Ehrbegriffs. Wo er herrscht, da ist das, was man in Deutschland den Geist einer Truppe nennt, und er ist es, der das Volk dazu erzieht, die Schlachten des Vaterlandes zu schlagen. Auch in Rennes tritt uns dieser Geist in den Aussagen einiger ftanzösischer Offiziere entgegen, die Mehrzahl der militärischen Zeugen aber, und darunter gerade die höchstgestellten, geben ein so schlechtes Beispiel feiger Zweideutigkeit und zungengewandter Ver­schleierung bei der Erfüllung ihrer beschworenen Pflicht, die Wahrheit zu bekennen und nichts zu verschweigen, daß es jenen Geist, wenn er in der französischen Armee vorhanden ist, notwendigerweise zerstören muß. Man wird vermutlich in Frankreich von Betrachtungen solcher Art wiederum nicht erbaut sein und sie mit der bequemen Verleumdung, sie seien Bestellungen desSyndikats", beiseite schieben. Das Ausland, besonders die Nachbarn der Republik, werden sich jedoch dadurch nicht abschrecken lassen dürfen, den Dingen ins Gesicht zu schauen; denn sie sind vielleicht für die staat­liche Zukunft Frankreichs entscheidend und für seine Ein­schätzung als Machtfaktor im politischen Weltgetriebe zu bedeutsam, um französischer Eigenliebe zu Gefallen mit dem Mantel der internationalen Höflichkeit bedeckt zu werden.

Köln. Ztg.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt Klätter für hessische Volkskunde.__

besitzes. Als der Zarbefreier, Alexander II, vor etwa 35 Jahren die Emanzipation der Leibeigenen durchführte, wurden zwei schwerwiegende Fehler begangen. Einesteils beraubte man den grundbesitzenden Landadel seiner Arbeits­kräfte, ohne ihm dafür eine passende Entschädigung zu ge­währen, wie sie beispielsweise dem preußischen Großgrund­besitz bei der vor 90 Jahren erfolgten Ablösung der Robot und Hand- und Spanndienste gegeben wurde; andernteils schuf man für jedes Dorf ein Gemeindeland auf geradezu sozialistischer Grundlage, indem man bestimmte, daß die Verteilung der Aecker nach jeweilig drei Jahren , aufs neue zu erfolgen habe. Die Wirkukg dieser Bestimmungen war, daß der russische Muschik, seinem indolenten Naturell ent­sprechend, sich auf die faule Haut legte, und, wenn ihm nicht das Messer der Not an der Kehle saß, auch gegen reichlichen Lohn kaum zu bewegen war, die Aecker der Gutsherren zu bebauen. Auf dem unter die Bauern aus die Dauer von drei Jahren verteilten Gemeindeland begann der wahre Raubbau. Es fiel niemanden ein, eine regel- mäßige Düngung vorzunehmen; wußte er 1)och nicht, ob ihm nach drei Jahren die gleichen Ländereien wieder zu­fallen würden, und nicht alle Meliorationen von ihm nur für den glücklichen Nachfolger gemacht fein würden, und auf alle Vorstellungen einsichtsvoller Köpfe, welche das Ende mit Schrecken voraussahen, folgte die m Rußland nun einmal stehende Redensart:Nitschewo, die Ueber- setzung des französisch-aristokratischenAprea noas le däluge in Bäuerlich-Russische. So ist denn das bis letzt unter den Pflug genommene Land zum großen Teil stark erschöpft

Deutsches Reich.

Berlin, 31. August. Der Kaiser hat, wie man der Germania" aus Jerusalem meldet, dem katholischen deutschen Arbeiterverein in Jerusalem als Zeichen seiner besonderen Huld sein Bildnis verliehen. Es ist dies eine treffliche Kopie des Gemäldes von Max Koner: Portrait Kaiser Wilhelms II.", 1 Meter 10 Centimeter hoch und 85 Centimeter breit, in prachtvollem Goldrahmen. Es wurde am 19. August auf dem Konsulate von dem neuen deutschen Konsul Rosen dem Vorsitzenden des Vereins, dem Franziskanerpater Bonaventura Lugscheider, überreicht. Die Freude über diesen neuen Beweis kaiserlicher Huld ist bei den deutschen Katholiken Jerusalems natürlich groß und wird für diese ein Sporn sein, sagt dieGermania", in Einigkeit mit den übrigen Deutschen Jerusalems zu wirken und das deutsche Wort, die deutsche Art und das deutsche Werk nach Kräften zu fördern.

Berlin, 31. August. Der frühere preußische Kriegs­minister General Bronsart v. Schellendorf ver­öffentlicht in derKreuz-Ztg." eine Erklärung, die sich auf den Prozeß Dreyfus bezieht. Nach einer Mitteilung in der Libre Parole" sollte Bronsart v. Schellendorf bei einem Tischgespräch einem Engländer gegenüber geäußert haben.

Augen oft so drolligen Ausdruck geben sehen. In China ist die erste Lebensregel, daß der Mensch dafür sorgen müsse, sein Gesicht d. h. seine Würde zu bewahren, den Anschein zu erwecken, daß er ein Ehrenmann sei, der stets den Regeln des Confucius nachgelebt und nie ein Wässerchen getrübt habe. Um diesen Schein zu erzielen, verwendet er die Lüge, den Betrug, die Verleumdung, kurz, alle Mittel sind ihm dazu recht. In diesem Sinn ist wirklich vieles, ! was sich jetzt in Frankreich zuträgt, recht chinesisch: die ver­letzende Art, in der man den Ausländer als outlaw, sein Ehrenwort als verdächtig, sein Zeugnis als erkauft behandelt, die Mittel, mit denen die Parteien ihren Kampf ausfechten und die einzelnen Persönlichkeiten ihrGesicht" zu bewahren suchen. Aus der Eitelkeit und Verblendung, aus der Un­aufrichtigkeit und dem Mangel an Selbstzucht entspringt das Uebel und mit ihm der Kampf, der die Nation verheert. So lange hier nicht die Axt angesetzt wird, wird der greise Herr v. Freycinet mit seiner Mahnung, nun endlich Frieden zu schließen, ein Rufer in der Wüste bleiben. Man braucht wahrlich kein Pharisäer zu sein, wenn man sich angesichts der Dinge und Menschen, die jetzt in Rennes an uns vor­überziehen, an die Brust schlägt in dem Gedanken: wir Barbaren, wir Wilden sind doch bessere Menschen.

Darin freilich mag Freycinet recht haben, daß ein solches Schauspiel geeignet ist, die Disziplin im Heere zu untergraben und das Vertrauen auf die Führer zu er­schüttern, aber nicht dadurch stellt man cs wieder her, daß man in lügnerischem Vertuschen die Wahrheit auslöscht, sondern nur dadurch kann man im Heere und im Volke, das ein feines Empfinden für die Schattierungen der Ge­rechtigkeit besitzt und es sehr übel vermerkt, wenn mit zweierlei Maß gemessen wird, die Achtung vor den Führern und den Führenden wieder aufrichten, daß man ohne An­sehen der Person richtet und straft und daß aus den Kreisen, die sich zu Führern berufen glauben, wieder Männer er­stehen, die jenen mit vorbildlichem Beispiel vorangehen in der Bethätigung der Disziplin, der Ehrenhaftigkeit, der Selbstzucht und Selbstverleugnung. Der gänzliche Mangel gerade dieser Eigenschaften aber bei den Personen, die aus hohen Staatsämtern oder im Kleide des Offiziers, unter dem man sie in erster Linie zu suchen und zu finden ge­wohnt ist, in Rennes an die Zeugenbarre treten, macht auf den Ausländer einen an Verblüffung grenzenden Eindruck des Staunens. Er kennt und schätzt grade den Offizier als den Mann, dem die Ehre über alles geht, nicht der äußere Schein, das Streben, seinGesicht" zu retten, sondern der Begriff der Ehrenhaftigkeit, der ihn zwingt, seine physische Persönlichkeit ganz der von diesem Begriff beherrschten ideellen Persönlichkeit unterzuordnen, jeden Augenblick sein Leben für die persönliche Ehre, die Ehre des Standes oder der Nation in die Schanze zu schlagen, unbeirrt die Verantwortung .für alle seine Handlungen um

und giebt bei ungünstigem Welter eine gänzliche Mißernte, während in anderen glücklicheren Gouvernements das aus­gedroschene Getreide häufig mangels genügender Transport­mittel unter freiem Himmel verfault. Was übrigens von den 38 Millionen Rubel, die die russische Regierung in einem der letzten Hungerjahre zur Linderung der Not ver­ausgabte, wirklich bis zu den Notleidenden gelangte und nicht in den Händen der korrumpierten Beamtenschaft hängen blut), weiß niemand. , c,

Wenn in Mitteleuropa wirklich einmal die Getreide- preise um 50 Prozent steigen, so ist das zwar eine Kala­mität, welche die nichtbesitzenden Volksklassen schwer drückt, aber immer noch keine eigentliche Hungersnot, von der man erst sprechen kann, wenn die Preise auf das fünf- bis zehn fache steigen. Eine derartige Katastrophe ist aber so gut wie ausgeschlossen. Gesetzt, daß von den Vogesen bis zur Memel und von der Eider bis zur Steiermark die gesamte Getreideernte verunglückte, so wäre das zwar ein Schaden von etwa 3 Milliarden; es stände aber immer noch der ganze Ertrag des Mais- und Kartoffelbaues zur Verfügung Außerdem ist es noch nie beobachtet worden, daß in allen Ackerbauländern der Erde gleichzeitig eine Mißernte ein­getreten wäre. Ein großer Teil des Mehrbedarfs an Nahrungsmitteln Europas wird aber schon heute von den unteren Donauländern, von den Unionsstaaten, von Kanada und Indien her gedeckt, und die internationalen Saaten­märkte geben schon bei Zeiten ein Bild, wie sich die Be­dürfnisse einige Monate später gestalten werden. Außerdem treten mehr und mehr die Produkte der sudamerikamschen

Hungersnöte und ihre Veranlassungen. <®ine volkswirtschaftliche Studie zur Hungersnot in Rußland und Indien.

Von Heribert von Hiller-Sternberg.

(Nachdruck verboten.) (Schluß.)

Als Ursache der allgemeinen Not sind in neuerer Zeit nur ausnahmsweise kriegerische Wirren zu bezeichnen, welche z. B. vor Jahresfrist auf der gesegneten paradiesischen Insel Kuba eine Hungersnot hervorriefen. In erster Linie stehen vielmehr Wetterschäden, welche die Aecker entweder durch Hitze oder durch Nässe zu gründe richten. Wo nun wie in China oder Indien die Bevölkerung fast ausschließ­lich von Reis lebt, muß eine totale Mißernte dieser Frucht ^grenzenlose Not Hervorrufen; denn es ist kein Ersatz da, und bis ein solcher vom Auslande herbeschafft ist, vergehen in Ermangelung ausreichender und schneller Kommunikationen Monate. Zu alledem gebricht es auch an den nötigen öffentlichen Mitteln und an der geordneten, thatkräftigen staatlichen Organisation, welche es nicht erst zum äußersten kommen läßt, sondern bei Zeiten Vorkehrungen trifft.

Daß das fruchtbare südliche Rußland, welches so ziem­lich alle Kulturpflanzen des westlichen Europas baut, trotzdem seit mehreren Jahren das Uebel am eigenen Leibe erfährt, /fegt übrigens an der mangelhaften Natur des Grund-