Ausgabe 
2.7.1899 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

an deren gemeinsame Regelung für alle Staaten gar nicht gedacht werden könne. Herrn v. Schwarzhoff lag als einem Preußen die Erinnerung an die vertragsmäßigen 42 000 Mann der preußischen Armee von 1807 bis 1813, an das Krümpersystem rc. besonders nahe und ließ ihn die treffendsten Einwände finden. Auch die russische Klassifizierung von Sibirien, Transkaspien rc. als Kolonien gab begründeten Anlaß zur Kritik, da jede Truflpe von dort auf der Eisen­bahn verhältnismäßig schnell einen europäischen Kriegs­schauplatz erreichen kann. Endlich protestierte er energisch gegen die Verleumdungstheorie der Völker durch denMoloch" Militarismus und hob treffend hervor, Deutschland sei keineswegs ruiniert, sein Reichtum, seine Lebenshaltung und infolge dessen seine Zufriedenheit seien vielmehr in erfreu­lichster Weise in ständigem Wachstum begriffen. Das war der Hauptschlager der Rede, die als die größte Sensation der bisherigen ganzen Konferenz" von derDaily News" bezeichnet wird. Nach einer matten Antwort des russischen Oberst Jilinski, die einem schwachen letzten Rückzugs- Artilleriefeuer glich, wurde dem russischen Vorschlag durch Verweisung an Subkommissionen die Ehre eines Begräb­nisses erster Klasse wohl in Rücksicht auf den hohen Urheber zu teil, obwohl Oberst v. Schwarzhoff sich zu sofortiger Abstimmung bereit erklärt hatte. Wir freuen nns, daß ein deutscher Delegierter so entschlossen der auf diesem ganzen Gebiete so üppig wuchernden Phrasenwirtschaft Zu Leibe gegangen ist. M. N. N.

Hessischer Landtag.

Zweite Kammer der Stände.

nn. Darmstadt, 30. Juni 1899.

Die Sitzung wird um J/410 Uhr eröffnet. Am Minister- lisch Geheimer Staatsrat v. Krug, Obersteuerrat D e u ß l e r und Bittel, Minifterrat Breidert und die Regierungs­räte Rohde, Lorbacher und Becker.

Die Beratungen des Stempeltarifs werden mit der Position 56 Fahrradsteuer fortgesetzt. Abg. David wird gegen die Fahrradbesteuerung stimmen. Die ganze Position sei von der Regierung unklar gefaßt, weil die Definition Arbeiter sehr dehnbar sei. Die Ansicht, daß ein Fahrrad Luxus sei, sei falsch, und die hygienischen Vorteile, welche dasselbe biete, seien sehr hoch anzuschlagen. Der Sport sei heutzutage ein Bedürfnis der Deutschen. Den­selben als Luxus zu bezeichnen, sei der größte Irrtum. Abg. Reinhardt stellt fest, daß die sozialdemokratische Partei bis jetzt gegen fast sämmtliche Steuervorlagen der Negierung gestimmt habe. Dadurch wäre ein Ausfall von 1 Million Mark eingetreten, wenn die Kammer diesem Standpunkt gefolgt sei. Die Hereinziehung des Finanz­ministers Küchler in die gestrige Debatte und die Gegen­überstellung der Findigkeit in Steuern des Finanzministers v. Miquel, sei kein gutes Beispiel gewesen, da Herr v. Miquel ganz andere Grundlagen in den preußischen Finanzen vorgefunden habe als Finanzminister Küchler. Es stehe fest, daß die Regierung Geld brauche, und die Kammer habe alle Veranlassung, derselben entgegen zu kommen, insbesondere diejenigen, welche die Reform wollen. Einer Radfahrsteuer wie sie die Regierung wolle, werde er nicht zustimmen. Er wünscht, daß alle Arbeiter und alle Gewerbetreibende von einer Steuer befreit sein sollen. Er habe versucht, eine Grenze zu suchen und wird in diesem Sinne einen Antrag stellen. Sicher sei, daß außer den Vorteilen das Fahrrad auch viele Nachteile hat. Er empfiehlt, einmal bei den Frauen der Arbeiter zu fragen, ob sie damit ein. verstanden sind, daß der Mann sich den ganzen Sonntag aufs Rad setzt, fortfährt und seine Familie allein zu Hause läßt. Das seien doch Nachteile die in Betracht zu ziehen seien. Die Abgg. Bähr und Korell werden für die Fahrradsteuer stimmen. Ebenso wird der Abg. Pennrich

entgegen seinen politischen Freunden für den Fahrradstempel eintreten, weil die Kammer die Pflicht habe, der Regierung Ersatzmittel für den Ausfall der Weinsteuer zu schaffen. Abg. Ulrich stellt zunächstfest, daß die Steuerreforn nicht zu scheitern brauche, wenn man eine höhere Progression bei der Einkommensteuer annehmen werde. Weil man das aber nicht wolle, sei man auf indirekte Steuern gekommen und habe den Fahrradstempel erfunden. Er wird gegen die Besteuerung des Fahrrades stimmen, weil dasselbe das Verkehrsmittel der Zukunft sei. Abg. Christ hält das Fahrrad für ein gutes Steuer-Objekt und wird für den Stempel stimmen. Sogar für eine Erhöhung des Fahrradstempels könne er sich aussprechen, weil diejenigen, welche es benutzen, auch besondere Vorteile aus demselben ziehen. Er wird aber keinen dahingehenden Antrag stellen. Abg. Bähr und Schönberger bekämpfen die Regierungsvorlage und stellen hierzu Abänderungsanträge. Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird mit großer Majorität angenommen. Abg. Reinhardt beantragt: daß alle Lohnarbeiter und Gewerbetreibende ohne Grenze des Einkommens von der Steuer befreit sind. Abg. Schönberger will die Arbeiter nur unter 1500 Mk. Einkommen befreit haben, während nach dem Antrag des Abg. David alle Personen von der Fahrradsteuer befreit sein sollen, welche unter 1500 Mk. Einkommen haben. Abg. Bähr will die Fahradsteuer bei weiblichen Rad­fahrern auf Mk. 10 gesetzt haben. Abg. v. Brentano beantragt, den Stempel auf die Hälfte auf 2,50 Mk. fest­zusetzen. Abg. F r i edrich und Genossen beantragen, die Grenze für die Fahrradsteuer auf 2000 Mk. Einkommen festzusetzen. Bei der nun folgenden Abstimmung wird der Antrag des Ausschusses, die Fahrradsteuer auf jährlich Mk. 5 zu setzen, gegen 15 Stimmen angenommen. Der Antrag Bähr wird gegen 21 Stimmen abgelehnt. Ebenso der Antrag Friedrich und David. Der Antrag Schön­berger: daß Lohnarbeiter und Gewerbetreibende bis zum Einkommen von 1500 Mk. befreit sind wird mit 21 gegen 14 Stimmen angenommen. Für Luxuspferde und -Wagen werden 20 Mk. Stempel festgesetzt. Die Pos. 57 bis 87 werden ohne Debatte angenommen. Die massenhaft einge­laufenen Eingaben gegen das Stempelgesetz und die Wein­steuer werden hierauf für erledigt erklärt.

Das Haus tritt hierauf in die Beratung der Artikel 13 und 49 des Einkommensteuer-Gesetzentwurfes, sowie über den Antrag des Abgeordneten Reinhardt zu Art. 49 des Gesetzentwurfes, welcher beantragt, in Klasse 1 anstatt 4 Mk. Steuerbetrag 3 Mk., in Klasse 2 statt 6.50 Mk. = 5,50 Mk. und in Klasse 3 statt 9 Mk. 8.50 Mk. Steuerbetrag zu setzen. Abg. Ulrich wünscht eine Erhöhung der Progression auf 6 Prozent des Einkommens in den oberen Klassen. Die Regiernngsvorlage erscheine ihm in dieser Form nicht annehmbar. Abg. Graf Oriola wird für den Antrag Reinhardt stimmen. Abg. Schröder betont, Hessen könne auf dem Steuer­gebiet Preußen nicht folgen. Er ist bereit, für die 5 Pro­zent zu stimmen, warnt aber davor, die unteren Klassen noch mehr zu befreien. Auch dem Anträge Reinhardt, so gut gemeint er sei, könne er nicht zustimmen. Abg. Reinhardt hebt hervor, daß Preußen auf dem Wege der Steuerreform vorangegangen sei, und daß heutzutage ein Arbeiter nicht unter 600700 Mk. verdiene. Der kleine Bauer und die Wittwen und Näherinnen seien von der Einkommensteuer zu befreien. Wer eine gerechte Besteuerung und richtige Progression wolle, müsse seinem Anträge zu­stimmen. Geh. Staatsrat Krug und Oberfinanzassessor Becker stellen fest, daß die Regierung das größte In­teresse habe, daß die Steuerreform durchgeführt werde. Eine weitere Erhöhung der Progression in den oberen Ein­kommen laste sich nicht ohne Schädigung großer Kreise durchführen.

Wegen vorgerückter Zeit wird die Sitzung um i/,2 Uhr abgebrochen.

Es entspinnt sich noch eine Geschäftsordnungs-Debatte ln der die Regierung und auch Mitglieder der Kammer wünschen, daß noch alle rückständigen Vorlagen, insbesondere über die Widerruflichkeit und Berechnung der Vordienstzeit, Gehaltsaufbesserung der Geistlichen und Forstwarte, zur Beratung kommen.

Lokales au- Provinzielles.

p. Oppenrod, 28. Juni. Heute tobte ein schweres, lang anhaltendes Gewitterwetter über unserm sonst so friedlichen Thale. In Strömen goß der Regen herab; . beständiges Blitzen und ununterbrochenes Donnern machte im Dorfe die Häuser erzittern. Endlich trat eine kleine Pause ein, aber um so schrecklicher hob das Unwetter von neuem an, und gegen 5 Uhr 20 Min. erscholl der Ruf: Feuer, Feuer! Die Scheuer des K. Petri in der Tränk­gasse stand in Flammen. Augenzeugen erzählen: Blitz und Schlag und Qualm waren eins. Beherzte, hilfsbereite Männer waren sofort zur Hand, die Spritze kam, Wasser wurde getragen. Das Vieh hatte man zuerst bedacht und bereits aus dem Stalle gebracht; ein Stück, eine schöne wertvolle Kuh, war erschlagen. Ein Mann, der Weller­jakob, eilte zur Kirche, um zu stürmen, wurde aber im Augenblick, als er die Turmtreppe besteigen wollte, durch nachfolgende Leute zurückgerufen, weil der Kirchturm rauche. Es hatte auch in diesen eingeschlagen; ein zweiter Schlag traf den Turm abermals, aber ebenfalls ohne zu zünden. Turmdach, Mauerwerk und die untere Kirchenthüre sind er­heblich beschädigt. Während der eine Blitzstrahl an der Decke her seinen Lauf nahm, die Orgel unmerklich be­schädigte und dann erst zu Boden ging, nahm der andere seine Richtung senkrecht zur Erde. Schiefersteine und Holz­splitter flogen bis zu den nächsten Häusern. Die Scheuer des K. Petri ist bis auf die nackten Mauern ausgebrannt. Dieselbe war erst im Jahre 1892 an Stelle einer ebenfalls durch Feuer zerstörten alten Scheuer erbaut worden.

r. Alsfeld, 30. Juni. Nach dem vom Ausschuß des landw. Vereins für die Provinz Oberhessen im vorigen Jahre aufgestellten Plan, betr. die Abhaltung von Tierschauen in der Provinz, finden in diesem Jahre Bezirkstierschauen statt in Lauterbach, Friedberg und Schotten, Bullenschauen in den Kreisen Alsfeld, Gießen und Büdingen. Für die Bezirksschauen stehen zu Preisen für Rinder, Schweine und Ziegen für jede einzelne Schau ca. 5000 Mk. zur Verfügung. Für die Bullenschauen, bei welcher Gelegen­heit auch Eber prämiiert werden, je ca. 1300 Mk. Außerdem sollen in einzelnen Orten, wo Lokalzuchtvereine bestehen, aber nur dort, wo in dem betr. Kreis dies Jahr keine. Bezirksschau abgehalten wird, Lokalschauen abgehalten werden, wofür ebenfalls je 400 Mk. zur Verfügung gestellt sind. Zeit und Ort der betr. Schauen werden auf Vorschlag besonders ernannter Ausstellungskomitees, zu welchen die Vorstände der betr. Bezirks- und Zuchtvereine ernannt sind, bestimmt. Es ist wohl anzunehmen, daß die meisten der oben genannten Ausstellungen Ende August bis Anfang Oktober abgehalten werden.

Darmstadt, 30. Juni. Von früheren Mitgliedern der BurschenschaftTeutonia" geht denN. H. B." die Nachricht zu, daß deren diesbezügliche gestrige Notiz dahin richtig zu stellen sei, daß dieTeutonia" nicht von Seiten der akademischen Behörde suspendiert worden sei, sondern daß sich die Burschenschaft selbst bis zum Schluß des Kouleursemesters suspendiert habe.

Keidenstoffe, Sammte und Velvets jcbe Ponte mit heften und billigsten direkt von fortimentSunfd). von Elten & Keussen, Krefeld.

Bekanntmachung.

Für die Zeit vom 2. bis einschließlich 9. Juli tritt auf dem Festplatze des 17. Verbaudsschietzeus eine Postaustalt in Wirksamkeit, welche die BezeichnungGießen, Schützeufestplatz" erhält.

Die Dienststunden der Postanstalt für den Verkehr mit dem Publikum find festgesetzt: a. an Wochentagen:

von 9 Uhr vorm. bis 1 Uhr nachm. und von 3*/z bis 8 Uhr nachm.

b. an Sonntagen:

von 3Va bis 7 Uhr nachmittags.

Die Postsachenbeförderung zwischen dem Kaiserlichen Postamt 1 und der Postanstalt auf dem Festplatze soll durch Botenposten vermittelt werden. Dieselben erhalten folgenden Gang:

830 ll30 300 600

gbO JpO ZA) ß20

ZOO

320

Werktags: Gießen 1 Schützenfestplatz

Sonntags:

Gießen 1 Schützenfestplatz

ll20 l20 550 7£!>

1J00 JOO 53O ?05 Q05

726

7 06

Der Geschäftskreis der Postanstalt erstreckt sich auf:

1) den Verkauf von Postwertzeichen jeder Art und von unbeklebten Formularen zu Postkarten, Postanweisungen rc.;

2) die Annahme und Abfertigung von gewöhnlichen und eingeschriebenen Brieffendungen, sowie von Postanweisungen und Telegrammen -

3) die Ausgabe von gewöhnlichen und eingeschriebenen Briefsendungen, sowie von Postanweisungen nebst den zugehörigen Geldbeträgen, und

4) die Bestellung von Briessendungen und von Postanweisungen nebst den dazu gehörigen Geldbeträgen, soweit diese Sendungen nach dem Festplatze gerichtet sind.

Gießen, 30. Juni 1899.

Kaiserliches Postamt 1.

I. V.: Stroh.

Niddaer Herbst-Markt.

Gelegentlich des Niddaer Herbst-Marktes 4. September 1899 soll eine Verlosung von Vieh, landwirtschaftlichen Geräten und Gebrauchsgegenftäuden, verbunden mit einer Prämiirung von Kalbinnen und Bullen, letztere im Alter bis zu zwei Jahren, wovon jedoch Gemeindebullen, sowie bereits im laufenden Jahre prämiirtes Vieh ausgeschloffen sind, ftattfinden. Bei Ausgabe von 8000 Stück Losen bestehen die Hauptgewinne in 12 Stück auf dem Markte angekaustem Vieh. 5032

Los 50 Psg. 240 Treffer. Los 50 Pfg.

Der Generalvertrieb der Lose wurde dem Herrn Philipp Förster dahier übertragen. Wiederverkäufer erhalten 10 Prozent Rabatt.

Nidda. Das Markt°Kourit6.

1 1

^xxxxxx

wer Burschen wichsten viele Die ganze Nacht bis in der Früh', Da sagte der eine berichte, Krebs-WichS ist doch die beschte.

^Krebs-Wichse

MAGGI

Man koche eine Suppe mit grünen Gemüsen und Wurzelgewächsen oder mit präservierten Gemüsen, füge etwas (einen Tbeelöffel auf 1 Liter Suppe)

zum Würzen der Suppen, hinzu und deren Schmack- haftigkeit wird überraschen. Zu haben in Ori­ginal-Fläschchen von 35 Pfg. an bei

____________ Karl Schwaab, Hofl., Scltrrflnirg.

Origmal-Fläschchen werden mit echtem Maggi billig nachgefüllt.

An einem Zuchtstier und an acht Kühen zu Atzbach ist Bläschen- ausschlag amtlich festgestellt worden.

Krofdorf, 29. Juni 1899.

5048 Der Bürgermeister.

»MGWrMM

Uersteigerung.

Dienstag den 4. Juli l. Js., nachmittags 2 Uhr, versteigere ich gegen Barzahlung 1. Rodbeimerstraße 40:

zwei Wagen,

2. Neustadt 55:

1 Break, Regulateure, Wand- und Weckeruhren, silberne «Taschenuhren für Damen und Herren, Musikwerke, Postkarten-Automat, Schuhwaren, Schreibsekretär, Sofa, Tisch, Konsol, vollst. Bett, Kleiderschrank, Patent- sesiel und einen Herren-Anzug.

5055 Born, Gerichtsvollzieher.

WjMMDß

für MWkiten.

Fähnchen zur Dekoration, Wappen, Sprüche, Abzeichen, Lampions empfiehlt 4710

Ernst Balser,

MäuSburg.