Ausgabe 
2.7.1899 Viertes Blatt
 
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* Sonntagsruhe im Handelsgewerbe. Wir machen auch an dieser Stelle darauf aufmerksam, daß am heutigen Sonntag lt. Bekanntmachung Großh. Polizeiamts es gestattet ist, die Läden von 79 Uhr vormittags und von 11 Uhr vormittags bis abends 7 Uhr offen zu halten.

* * Neues Restaurant. Gestern abend wurde das Re­staurantZum Perkeo" eröffnet. Zahlreiche Gäste hatten sich eingefunden, und ließen sich's beim Pilsener-Bier der Aktien-Brauerei Gießen, und bei dem Münchener Stoff Franziskaner Leist-Bräu wohl sein. Das neue Restaurant selbst, ist, was geschmackvolle Einrichtung anbetrifft, eine Sehenswürdigkeit. Besonders der vordere Raum, der nach dem Seltersweg gelegen, macht mit seinen Nischen, seinen in Blei gefaßten bunten Fenstern, den in Goldbronce aus­geführten Gasbeleuchtungskörpern, den lichten Farben bei der Wand- und Deckendekoration, einen der modernen Rich­tung entsprechenden, ungemein vornehmen Eindruck.

* * Radsport. Studiosus Fedoroff von der kaiser­lichen Universität zu Petersburg hat am 12./24. Juni mit seinem Rade Petersburg verlassen, um einen Rekord PetersburgParis zu machen. Derselbe trifft am 5. oder 6. Juli auf seiner Reise in Gießen ein, und ist die Gießener Nadfahr-GesellschaftWanderer" beauftragt, Herrn Fedoroff zu kontrollieren.

* Große gewerkschaftliche Betriebe in Heffeu. Unserem gestrigen Bericht überGroße gewerbliche Betriebe in Hessen" tragen wir noch nach, daß Herr Fabrikant Kling- spohr hier in seinen Betrieben über 700 Arbeiter be­schäftigt. Ferner wird uns mitgeteilt, daß die ebenfalls nicht aufgeführte Firma Karl Emmelius hier 332 Ar. beiter beschäftigt.

** Beurkundung des Personenstandes. Im Auftrage des Großherzoglichen Ministeriums kommen seit kurzem durch Vermittelung der Amtsgerichte die von dem Reichsjustizamte zusammengestellten Vorschriften über die Beurkundung des Personenstandes und die Eheschließung in der vom 1. Januar 1900 ab geltenden Fassung nebst den vom Bundesrate hierzu beschlossenen Ausführungsbestimmungen und Formularien, sowie bezüglichen Erläuterungen, zur Ver­teilung an die Standesämter, damit sich dieselben schon von jetzt an mit den neuen Vorschriften über die Eheschließung bekannt machen können.

* Polizeibericht. Ein Unbekannter, welcher angab, Beamter bei einer hiesigen Direktion zu sein, besichtigte am 29. Juni bei einer Witwe in der Bleichstraße ein Logis, dasselbe zu mieten. Bei dem Verlassen des Zimmers e n t- wendete der Fremde ein auf dem Tische liegendes Porte­monnaie mit 2 Mk. Inhalt. Der Fremde wird beschrieben wie folgt: Etwa 25 bis 30 Jahre alt, schlanke Statur, nobeles Auftreten, Kleidung schwarzer Anzug (Gehrock) und schwarzer? weicher Filzhut. Gestern nachmittag gegen 4i/4 Uhr *" entstand in einer Familie in der Kaplansgaffe Streit, welcher sich bis auf die Straße ausdehnte wodurch ein großer Menschenauflauf entstand, sodaß die Polizei einschreiten mußte.

O Darmstadt, 30. Juni. Eine durch Jahrzehnte wohl­bewährte Kraft ist in dem soeben in den wohlverdienten Ruhestand getretenen Großh. Obermedizinalrat, jetzigen Ge­heimrat Hermann Pfeiffer, aus dem öffentlichen Dienste geschieden. Der allezeit bescheidene Mann genießt hier, und weit über unsere Stadt hinaus, nicht nur den Ruf eines sehr tüchtigen Arztes, und vorsichtigen Diagnostikers, (als welcher er, trotzdem er seit längerem seine Praxis nicht mehr ausübt, in schwierigen Fällen öfter herangezogen wurde), sondern auch eines umsichtigen und durchaus er­fahrenen Beamten. Viel Interesse hat Pfeiffer von jeher der Statistik entgegengebracht, und wird derselbe auch das Amt des Vorsitzenden der Centralstelle für Landesstatistik Weilerführen.

Aus der Zeit für die Zett.

Vor 255 Jahren, am 2. Juli 1644, wurde zu Kreen- heinstetten (Baden) der Pater Abrahama Santa Clara (Ulrich Megerle) geboren. Wahrheitsliebend und freimütig, übte er durch seinen nie verletzenden Witz und seinen bilder­reichen Humor ungemeine Anziehungskraft auf alle Kreise aus. Schiller verherrlichte ihn inWallensteins Lager" (Kapuzinerpredigt). Er starb als Oberer des Augustiner­ordens und Hofprediger zu Wien am 1. Dezember 1709.

Vor 33 Jahren, am 3. Juli 1866, siegten in der Schlacht von Königgrätz die Preußen über die Oester­reicher, welche 44000 Mann verloren, darunter 22000 Mann Gefangene. Mit 9000 der Ihrigen, die tot oder verwundet das Schlachtfeld bedeckten, hatten die Preußen den gewaltigen Sieg erkämpft, der den Feldzug entschied.

Gingesandt.

Gießen, 30. Juni 1899.

Hat sich in der Ludwigsstraße an der Unterführung der Ober- heffischen Eisenbahn der Mangel an genügenden Abflußkanälen schon bet weniger starkem Regen fühlbar gemacht, so trat derselbe aber am 29. ds. Mts. bei dem Niedergange des wolkenbrucharligen RegenS in erst recht drastischer Weise hervor. Die von der Mündung der Ltebigftraße und dem oberen und unteren Riegelpfad hrrabstürzenden Wassermasien stauten sich an der genannten Unterführung dermaßen, daß der Teil der Ludwtgsstraße von der Unterführung bis zur Mündung der Altcestraße, ja diese zum Teil selbst, nebst Büroer- steig und dem angrenzenden Garten des Herrn König einem Ser glichen. Hoffentlich werden endlich diese Zeilen dazu beitragen, unsere verebrltcbe Stadtbauverwaltung zu veranlassen, diesem Mangel bald­möglichst abzuhelsen.

Mehrere Steuerzahler.

Temperatur der Lahn und Luft

nach Reaumur gemeßen am 1. Juli, zwischen 11 u. 12 Uhr mittags: Wasser 16°, Lust 13°.

Rübsamrn'sche Badeanstalt.

Auszug aus den Standesamtsregistern der Stadt Gießen.

Aufgebote.

Juni: 27. Friedrich Schltffer, Schutzmann zu Frankfurt a. M., mit Auguste Koch zu Alsfeld. 27. Johann Herrmann, Taglöhner dahier, mit Eltsabethe Hammel hterselbst. 27. Wilhelm Neuweiler, Spengler dahier, mit Wilhelmine Lehrmund Hierselbst. 27. Philipp Georg Schmidt, Schlosser dahier, mit Johanna Kümmel Hierselbst. 28. Ferdinand August Hellbach, Bureaugehilfe zu Homberg a. d. O., mit Eltsabethe Margolf zu Gießen. 29. Wilhelm Jullemann, Kauf­mann dabier, mit Anna Margarethe Luise Friedel hterselbst. 29. Otto Föller, Wagnergeselle dahter, mtt Anna Schmalz zu Hungen. 29. Wilhelm Karl Kinkel, Kaufmann dahier, mtt Lina Schmidt hterselbst. 29. Ehrtstian Wilhelm Erle, Finanzaspirant dahier, mtt Marte Sophie Schäfer hterselbst.

Eheschließungen.

Juni: 24. Heinrich Adelheim Prieß, Bäckermeister dahier, mit Mathilde Katharine Friederike Loth hterselbst. 24. Andreas Johannes Braun, Htlfsbremser dahier, mit Eltsabethe Kaiser Hierselbst. 24. Ludwig Georg Wilhelm Best, Weißbinder und Lackierer dahier, mtt Margarethe Zeiß von Holzheim. 27. Ludwig Stetnmann, In­spektor zu Winnerod, mit Pauline Heß zu Bleichenbach. 30. Heinrich Becker, Schmied zu Gießen, mit Katharine Gambach zu Ruppertsberg.

Geborene.

Juni: 11. Dem Straßenwärter Ludwig Kreiling II. eine Tochter, Ella. 19. Dem Kaufmann Carl Bourgeois eine Tochter. 19. Dem Metzger Georg Müssing ein Sohn. 19. Dem Ofensetzer Albert Heß eine Tochter. 21. Dem Packmeister Heinrich Engelbach eine Tochter, Anna Katharine. 22. Dem Mechaniker Gotthold Hempel eine Tochter, Elise Martha. 24. Dem Taglöbner Friedrich Schupp ein Sohn, Heinrich. 24. Dem Assistent Dr. Wilhelm Seitz eine Tochter.

Gestorbene.

Juni: 24. Karl Walther, 60 Jahre alt, Kirchendiener von Biedenkopf. 24. Albrecht Max Heinrich Wagner, 2 Jahre alt, Sohn von Schubmachermeister Johannes Wagner dabier. 26. Conrad Drescher, 63 Jahre alt, Knecht von Kinzenbach, Kreis Wetzlar. 29. Marie Stein, 27« Jahre alt, Tochter von Bahnarbeiter Kaspar Stein zu Ettingshausen._________________________________________

Auszug aus den Kirchenbüchern der Stadt Gießen.

Evangelische Gemeinde.

Getraute.

MarkuSgemetnde.

Den 25. Juni. Andreas Johannes Braun, Hilfsbremser zu Gießen, ein Witwer, und Eltsabethe Kaiser, Tochter des Maschinen­wärters Heinrich Kaiser zu Lollar.

LukaSgemeinde.

Den 24. Juni. Heinrich Adelbeim Prieß, Bäckermeister zu Gießen, und Mathilde Katharine Friederike Loth, Tochter deS ver­storbenen Rangierers Philipp Loth zu Gießen.

Den 30. Juni. Heinrich Becker, Schmied zu Gießen, und Katharine Gambach zu Ruppertsburg.

JohanneSgemetude.

Den 24. Juni. Heinrich Stühler, Fabrikarbeiter zu Gießen, und Emma Volk, Tochter des LehrerS Adam Volk zu Harbach.

Den 25. Juni. Ludwig Georg Wilhelm Best, Weißbinder und Lackierer zu Gießen, und Margarethe Zeiß, Tochter des Wagner­meisters Georg Heinrich Zeiß zu Holzheim.

Den 27. Juni. Ludwig Stetnmann, Inspektor zu Wtnnerob, und Paultne Heß, Tochter des verstorbenen WagnermeisterS Philipp Heß II. zu Bleichenbach.

Getaufte.

MatthäuSgemeinde.

Den 25. Juni. Dem Bremser Balthasar Dapper ein Sohn, Hans Adolf Ludwig Wilhelm, geboren den 8. Mai.

Denselben. Dem Buchbtnbermetster Heinrich Schneider ein Sohn, Theodor Heinrich, geboren den 19. Mai.

MarkuSgemetnde.

Den 25. Juni. Dem Gärtner Friedrich Karl Georg Fenner eine Tochter, Paula Henriette Mtna Karoltne, geboren den 6. Juni.

Johannesgemetnde.

Den 25. Juni. Dem Taglöhner Johannes Becker eine Tochter, Susann« Frieda, geboren den 29. März._________________________

Unterhaltungen in Bad Nauheim

vom 2. Juli bis 8. Juli.

Sonntag den 2. Juli, nachmittags von 4*/e bis 7 und abends von 8 bis 10 Uhr auf der Terrasse: Konzert der Kapelle deS SchleSwig-Holsteintschen Ulanen-Regiments Nr. 15 aus Saarburg. Bei gutem Wetter spielt die Kurcapelle nachmittags von 6 bis 8 Uhr am Teichhause. Montag den 3. Juli, nachmittags von 4*/» bis 6/i und abends von 8 bis 10 Uhr auf der Terrasse: Konzert der Kurkapelle. Abends 8 Uhr: Theatervorstellung- In Behandlung. Dienstag den 4. Juli, nachmittags von 41,2 bis 6V2 und abends von 8« bis 10 Uhr auf der Terrasse: Konzert der Kurkapelle. Gegen 10 Uhr Feuerwerk am Fuße der Terraffe. Mittwoch den 5. Juli, nachmittags von 4 bis 6 Uhr auf der Terraffe: Doppel-Konzert des autz Mitgliedern des Kasseler Hoftheaters bestehenden Horn-Künstler- Ensembles und der Kurkapelle. Abends von 8 Uhr ab Künstler- Konzert des Kasseler Horn-Künstler-Ensembles. Abends 8 Uhr: Theatervorstellung unter Mitwirkung der Kurkapelle. Das ver­wunschene Schloß. Donnerstag den 6. Juli, nachmittags von 4Vi bis 7 Uhr: Konzert der Kurkapelle auf der Terrasse. Abends von 8 bis 10 Uhr im Saale: Tanz. Freitag den 7. Juli, nachmittags von 4'/i bis 67a Uhr Konzert und abends von 8 bis 9Va Uhr: Symphonie-Konzert der Kurkapelle auf der Terraffe. Abends 8 Uhr: Theatervorstellung. Goldfische. Samstag den 8. Juli, nachmittags von 41/, bis 67i und abends von 8 bis 10 Uhr: Konzert der Kurkapelle auf der Terrasse.

Schisssnachrichten

Der PostdampferKensington" derRed Star Line" in Ant­werpen ist laut Telegramm am 28. Juui wohlbehalten in New- Pork angekommen.

Der PostdampferSwitzerland" derRed Star Line" in Am werpen ist laut Telegramm am 28. Juni wohlbehalten in Phtla- delphta angenommen.

Verkehr, Land und Volkswirtschaft.

Gießen, 1. Juli. Marktbericht. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Butter per Pfd. 0.800.95, Hühnereier per St. 00 H, 2 St. 1113 H, Enteneier 2 St. 1112 Gänse, eier per St. 1011 H, Käse 2 St. 58 H, Käsematte per St. 3 Erbsen per Liter 22 4, Linsen per Liter 32 Tauben per Paar

X 0.800.90, Hühner per St. JL 1.101.30, Hahnen per Stück vM 0.761.30, Enten per St. JL 1.802.00, Gänse per Pfund 0.000.00, Ochsenfleisch per Pfd. 6874 4, Kuh- und Rindfleisch per Pfd. 6264 Schweinefleisch per Pfd. 6072 Schweine« fleisch, gesalzen, per Pfd. 76 Kalbfleisch per Pfd. 6066 \ Hammelfleisch per Pfd. 5070 Kartoffeln per 100 Kilo 0.00 bis 6.00 JL, Weißkraut per St. 0000, Zwiebeln per Ctr. JL 8.509.00, Milch per Liter 16 H, Kirschen per Pfd. 30 bis 40 Pfg.

Dauer der Marktzeit von 7 Uhr morgenS bis 1 Uhr nach- mittags. Während der ersten 8 Stunden der Marktzeit darf im Umherziehen nicht feilgeboten werden.

Neueste Meldungen.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 1. Juli. DieVossische Zeitung" erhält aus' London folgendes Telegramm: Globe meldet aus New- Jork. In Washingtoner amtlichen Kreisen werde geglaubt, der deutsche Botschafter in Washington, von Holleben, werde von seinem jetzigen Urlaub nur zurückkehren, um sein Ab­berufungsschreiben zu überreichen. Man erwartet, der neue Botschafter werde Fürst Herbert Bismarck sein, der im Herbst von Holleben ersetzen dürfte. In Washington glaubt man, von Holleben sei verantwortlich zu machen für viele unnötigen Reibereien zwischen den beiden Regierungen, und er habe die Schwierigkeiten in den Gegenseitigkeits-Vertrags- Verhandlungen und in anderen Fragen vergrößert. Das sei auch der deutschen Regierung wohl bekannt.

Berlin, 1. Juli. DasKleine Journal" glaubt ver­sichern zu können, daß die Absicht einer Auflösung des preußischen Abgeordnetenhauses nicht mehr besteht. Das­selbe wird in seiner jetzigen Zusammensetzung bestehen bleiben, aber andere Männer dürften durch das Vertrauen der Krone an das Ruder Kommen. Man steht vielleicht unmittelbar vor der Entscheidung.

Berlin, 1. Juli. Das Berliner Tageblatt läßt sich aus Lübeck telegraphieren: Sonst gut unterrichtete Kreise wollen wissen, der Kaiser trage dem Fürsten Herbert Bis­marck heute das Reichskanzleramt an. (?)

Herne, 1. Juli. Seit heute früh 5 Uhr halten Kavallerie- und Infanterie-Patrouillen die Chausfee be­setzt, um den Arbeitswilligen Schutz zu gewähren. Die erschossenen Bergleute wurden heute morgen um 5 Uhr beerdigt. Dem Zuge folgten nur die nächsten Anverwandten sowie einige Männer und Frauen. Zur Verhütung von Ruhestörungen waren im Krankenhause und auf dem Fried- Hofe zahlreiche Schutzleute aufgestellt, indessen kam es nirgends zu Ruhestörungen.

Herne, 1. Juli. Die Lage im Ausstandsgebiet hat sich wieder mehr verschärft. Alle Posten sind ver­doppelt. Zwei Kompagnien sind im Geschwindschritt nach den Zechen Blumenthal und König Ludwig ausgerückt. Die Hauptwache ist um einen Zug verstärkt worden, ebenso die Wachen und Patrouillen. Auf einen Posten bei der Zeche Schamrock wurde geschossen. Der Posten hat die Schüsse erwidert.

Koburg, 1. Juli. Im gemeinschaftlichen Landtage wurden gestern vorgelegt die Verzichturkunden des Herzogs und des Prinzen von Connaught zu Gunsten des Herzogs von Albany. Ersterer verzichtet unbedingt, letzterer mit dem Vorbehalt seines Erbrechts, falls der Herzog von Albany vorzeitig sterben oder deffen Mannesstamm erlöschen sollte. Zum Vormund des Herzogs von Albany ist der Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg ernannt. Der Herzog von Albany wird mit seiner Mutter sofort dauernden Auf­enthalt in Koburg nehmen, eine deutsche Erziehung genießen, später eine deutsche Universität besuchen und in die deutsche Armee eintreten.

Nom, 1. Juli. In politischen Kreisen hält man die Vertagung der Kammer nach den gestrigen Tumulten für ganz sicher. Der Regierung sind durch das Auftreten der Sozialisten alle Mittel in die Hand gegeben, die vor­gelegten Maßnahmen ohne die Zustimmung der Kammer durchzusetzen. Nach Schluß der gestrigen Sitzung fand so­fort ein Ministerrat statt, in welchem der Schluß der Session beschlossen wurde. Darauf hielt Pelloux dem König Vortrag.

Rom, 1. Juli. Die Kammersession wurde infolge der gestrigen Skandalszenen geschlossen.

Brüffel, 1. Juli. Unmittelbar nach Schluß der Kam­mer trat die gesamte Opposition zusammen und hat ein­stimmig beschlossen, in den Manifestationen fortzu­fahren, jedoch denselben einen friedlichen Charakter zu geben. Man will die Bewegung zu Gunsten des Widerstandes so lange in Kraft lassen, bis die Regierung der öffentlichen Meinung völlig gerecht worden ist. Die Opposition des Senats schloß sich diesem Votum an. Heute abend finden in allen Vorstädten Volksversammlungen unter freiem Himmel statt, in welchen über die allgemeine Lage und über die Regierungsvorlage beraten werden soll. Aus halb­amtlicher Quelle verlautet, daß der Bürgermeister Buls mit den Stadträten aller größeren Städte Belgiens gestern eine geheime Konferenz hatte und mit diesen die zu er­greifenden Maßnahmen erwog. Am Nordbahnhofe fand gestern abend ein Meeting unter freiem Himmel statt. Der Priester Dhäns hielt eine zündende Ansprache und erntete ungeheuren Beifall von den ca. 4000 Personen, welche sich eingefunden hatten.

Rennes, 1. Juli. Dreyfus soll mit dem Spezialzuge 2 Uhr 40 Min. morgens von Bahnstation Redon hier an­kommen und von einem Gendarm-Kapitän begleitet, vom Bahnhofe in einem Fiaker zum Gefängnis, das er in seiner alten Uniform betreten wird, gebracht werden. Es ver­lautet, für Dupaty de Clam sei im Gefängnis eine Zelle reserviert, in der Voraussicht wiederholter Konfrontationen mit Dreyfus. 3 Uhr 50 Min. Wie in letzter Stunde gemeldet wird, hat der Spezialzug, welcher Dreyfus um 2 Uhr 40 Min. hierher bringen sollte, bedeutende Ver­spätung, da der Zug bereits in Redon mit Verspätung ein­getroffen ist. Der Bahnverkehr zwischen Redon und Rennes ist ganz abgebrochen. Man weiß nicht, ob dies auf Befehl der Behörden oder infolge des Gewitters veranlaßt ist. Eme Gruppe von 300 Personen erwartete am Bahnhofe m Rennes die Ankunst des Spezialzuges. Die Menge läßt sich ourd) ben herabströmenden Regen nicht entmutigen. Die Präfektur hat den Journalisten ihr Versprechen wieder- holt, eine Viertelstunde nach der Internierung Dreyfus demselben em offizielles Kommunique zustellen zu lassen. 4 Uhr 5 Min. Man ist noch immer ohne Nachricht über