vom 5chiltzenwesen.
eutc, wo wir uns anschicken, ein Schützenfest in großem Stile, bas 17. Verbandsschießen des Badischen Landesschützenvereins, des pfälzischen und Ulittelrheinischen Schützen bundes in unserer Vaterstadt Gießen zu
begehen, dürfte es den Lesern unseres Blattes erwünscht sein, über Berechtigung und Hern unserer Schützengesellschaften kurz unterrichtet zu werden. Unsere heutigen Schützengesellschaften bilden den letzten Rest jener einst dem deutschen Bürger zustehenden allgemeinen Waffenfähigkeit, die mit der hohen Blüte und Ulachtentwickelung der Städte aufs engste zusammenhing. Als häufige Lin- und Übergriffe des Adels und der Fürsten die Städte zu beständiger Aampf- bereitschaft nötigten, ordnete sich auch ihr Kriegswesen. Die patrizischen Geschlechter nahmen Waffen und Rüstung der Ritter an, die übrigen Bürger aber, nach Zünften oder Stadtvierteln geordnet, rüsteten sich mit verschiedenen Waffen, meist mit der Armbrust, weil aber erfolgreiche Führung der Armbrust eine nur durch lange Übung zu gewinnende Fertigkeit voraussetzte, bildeten sich bald Schützenvereine in der damals allgemein üblichen Form von Gilden, als deren Schutzheiliger gewöhnlich der durch Pfeilschüsse gemarterte St. Sebastian galt. Schützenhäuser, Schießbahnen auf freien Plätzen oder in Zwingern, eine durch Beiträge und Vermächtnisse bereicherte Vereinskasse und zahlreiche Schützenfeste waren die notwendige Folge, und die städtischen Behörden begünstigten solche Linrichtungen natürlich aufs kräftigste. Namentlich gediehen die Schützenfeste, die den Bürgern dasselbe wurden, was den Rittern die Turniere gewesen waren, zu großer Ausdehnung und hoher, selbst politischer Bedeutung. Wit besonderem Glanze wurden fie im 15. und 16., ja bis ins 17. Zahrhuudert hinein gefeiert. Als die Bürger gelernt hatten, das Feuergewehr zu handhaben, bildeten sich auch schon frühzeitig Schützen gesellschaften für Wallbüchse und Standrohr. Durch veränderte Kriegführung und Linbuße städtischer Freiheit verloren die Schützengilden allmählich ihre frühere Bedeutung und sanken zu Vergnügungsgesellschaften herab, dje nur in besonderen Notfällen zum Zwecke des Gemeinwohls herangezogen wurden. Lrst mit dem nationalen Aufschwünge der neueren Zeit erhoben sie sich wieder zu höherer patriotischer Bedeutung. Nach Vorgang der großen schweizerischen Schützenfeste, die alljährlich den Drt wechseln, hielten die deutschen Schützen 1861 in Gotha ein allgemeines deutsches Schützen und Turnfest und gründeten einen deutschen Schützenbund, der sein zweites Bundesschießen 1865 zu Frankfurt a. 2TL, dann solche 1865 zu Bremen, 1872 zu Hannover, 1875 zu Stuttgart, 1878 zu Düsseldorf, 1881 in Ulünchen, 188H in Leipzig, 1887 in Frankfurt a. 211., 1890 in Berlin, 189^ in Ulainz abhielt. 1897 wurde es in Nürnberg abgehalten. Der Bund verfolgt als Ziel: Verbrüderung aller deutschen Schützen, Vervollkommnung der Kunst des Büchsenschießens und Hebung der IDehrfähigkeit des deutschen Volks.
Auch die jetzt in unseren Alauern weilenden Vereine sind Glieder des großen Bundes und als solche berufen und bemüht, dessen Ziele zu verwirklichen. Freuen wir uns mit Zhnen des unserem Volke innewohnenden Kraftbewußtseins, das versteht, zu rechter Zeit zu arbeiten und zu feiern, und hoffen wir, daß sie der erfahrenen Gießener Gastfreundschaft ein bleibendes Gedächtnis bewahren.
Der Festplatz.
lüjpin ungefähres Bild von der herrlichen Lage des Schützenfestplatzes erhält der Besucher desselben schon beim 2lustritt aus der Stadt. Die nach der höhe führende Grünberger Straße bildet vom Ludwigs platze ab mit ihren großen Kastanienbäumen einen schönen Laubengang, eine natürliche via triumphalis, mit hübschen
Vorgärten auf beiden Seiten, hier wird sich der Verkehr nach und von dem Festplatz am lebhaftesten entwickeln. Das erste, was der Besucher nach Ankunft auf der höhe erblickt, ist die ehrenpfortenartig angelegte, zierliche Straßenüberbrückung, welche den Verkehr zwischen dem Festplatz und dem Schützenhaus mit der dahinter errichteten, ebenso schön wie praktisch angelegten Schießhalle und ihren verschiedenen Zwecken dienenden Anbauten vermitteln soll, hier ist den Schützen auf ungefähr 50 Ständen Gelegenheit gegeben, ihre Kunst zu zeigen. — Betritt man den Festplatz, so fällt beim Ausblick nach rechts sofort die imposante, 66 Dieter lange Festhalle mit ihren Fenstermalereien und dem hohen Bogen des Giebelbaues auf, in dem auch die Büste des hohen Protektors zur Aufstellung kommen soll. Die Halle bietet zu ebener Lrde und auf den sie umgebenden Galerien 2000 lllenschen bequem Platz. Zn ihr werden die Glanznummern des Festes, . die Ulonstre- Konzerte unserer hessischen Nlilitärkapellen, die Gesangsvorträge, das eigens für das Fest vorbereitete Festspiel, die turnerischen Aufführungen u. s. w., die Besucher entzücken. Der innere Schmuck der Halle ist ein vornehmer. An den Gallerien entlang sind die mit Fahnen umgebenen Wappen der zum Verbände gehörigen Städte angebracht. Die Giebelseiten werden in ihrer ganzen Ausdehnung von ZHalcreien eingenommen, die Weister Scheichs Künstler- Hand geschaffen; für den nördlichen Giebel gaben unser Gleiberg sowie das Nationaldenkmal am Niederwald herrliche wotive. Der südliche Giebel bildet den malerischen Hintergrund der großen Schaubühne für die Hauptaufführungen. Daß die große Halle ferner Diensträume für verschiedene Zwecke, eine große Wusikbühne und eine noch größere — Küche mit zahlreichen Unterabteilungen enthält, ist selbstverständlich. Der nach der Stadt zu liegende Teil des Trieb wurde zum Zuxplatz eingerichtet; hier wird sich während der Festtage reges Leben entfalten, da reichlich für allerlei Kurzweil gesorgt ist. — Bierhallen von großem Umfange, hallen für (Safes, Konditorei, IDeinausschank, Zigarren-, Postkarten-, Zeitungsverkauf u. s. w. u. s. w. umgeben den weiten Raum zwischen Festhalle und Zuxplatz.
Vor der Festhalle erhebt sich ein zierlicher Bau, dazu bestimmt, all die jedes Schützenherz erfreuenden Schätze zu bergen — der Gabentempel. Angesichts der hier aufgestapelten Kostbarkeiten muß — für die Dauer des Festes wenigstens — der Ruf. „Die Waffen nieder" verstummen. Die Witte des Festplatzes nimmt der wusiktempel ein; von dort aus werden unsere wackeren wusiker unter Leitung der bewährten 211usikmeister nicht nur dem kunst- und musikliebenden Publikum mit ihren 217elodieen aufwarten, sondern auch denen, die nun einmal das Bedürfnis haben, das Tanzbein zu schwingen. Zwei große Tanzböden laden die Besitzer, noch mehr aber die schönen Besitzerinnen glatter Stiefelsohlen dazu ein.
Allen Besuchern des Festplatzes wünschen wir, mögen sie nun am Knallen der Büchsen oder der Flaschen,
am kühlen Gerstensaft oder am Tanze Gefallen finden - viel Vergnügen!
Die Gießer Zchitzekombame.
(Giessener Mundart.)
foo flaa aach unser Städtche war, So hatt's doch schont fer hunnert Zahr Ihm länger, in de frühste Frih' L stattlich Schitzekornbanie.
Die Borjer nun Gernaaneräthe warn bei de Schitze meist verdrede; Wersch iiucns dhat e biffi kenne, wollt sich mit Stolz en Schitz aach nenne.
Ihm nowel ging derr der sch da her! — Als wann deß Geld rein gar nix wer, Ihm Speis unn Trank nix koste dhet, — So schlemmte se oft früh unn speed. Ls hott derr so en Schitzemage Schon damals strawaziöse Dage, Vorab wann so c Ritterschieße hielt Schitzeleutnant Schwalb in Giesse.
Da käme her von weit unn breit Die Schitze zu der Lustbarkeit, Von Frankford unn von Worms sogar L mancher Schitz zu sehe war. Die Kunde hatte se vernomme: Sie feilte all nach Giesse komme, Zu em sechsdäg'ge Ritterschieße Der Schitzekornbanie in Giesse.
Fimfhunnert (Sille als Gewinn! — Däi stäke manchem still im Sinn, 2hm hunnert (Sille warn net wenig, - Geminzt allaa fer’n Schitzekenig! werr sieht, daß sich net lumbe ließe, Die Schitze dazemal in Giesse, Unn wäi se's friher hunn gedriwwe, So sinn se aach bis heut gebliwwe.
Zn mancher stormbewegte Zeit 2Darn unser Schitze kampfbereit, Zn Reih' un Glied, mit Herz unn Hand, So schosse se fersch Vadderland.
Se dhate stets in’s Schwarze treffe Unn's Bolwer net umsonst verbleffe, Se hawe selbst bei Scherz unn Spiele Vergesse net ehr hohe Ziele!
Ihm als nachher in driewer Zeit Verschwand die Schitzeherrlichkeit Ihm Alles, Alles schien verrbei Da bliewe doch die Schitze treu. Unn als verrbei die große Needhe, Da sinn se widder aagetrete Uff ehre Schießständ, in de Halle Ihn widder monder fort ze knalle.
Fest steht die Schitzescbaar noch heut, Lhr Fahn' aach, wäi in frihrer Zeit, Wit Stolz sich immer noch erhebt (Obgleich se manchen Storm erlebt, heul', wo viel fremde Schitze lenke Lhr Schritt zu uns, muß merr gedenke Aach dene, die in unferm Giesse Die Schitzefahn net sinke ließe!
ver Zeftzug
wird am Sonntag den 2. Juli um 10 Uhr vormittags aufgestellt, und zwar für die erste Abteilung in der Ular- burgerstraße vom wallthor ab, für die zweite Abteilung in der (Dftanlage vom wallthor ab und für die dritte Abteilung in der Nordanlage vom wallthor ab, für die Festwagen und die Vereine in der Schott- und Steinstraße. Der Festzug setzt sich punkt 1/212 Uhr in Bewegung und bewegt sich durch die wallthorstraße über den Lindenplatz, Kirchplatz, Ularktplatz, durch die Ularktstraße, Bahnhofstraße , Westanlage, den Seltersweg, Krenzplatz, die Iltäusburg, den Ularktplatz, die Schulstraße, Neuenbäue, Gartenstraße, den Ludwigsplatz, die Grünberger Straße nach dem Festplatz. Dort nehmen die erste und zweite Abteilung Ausstellung zum Vorbeimarsch der dritten Abteilung. Die Anordnung des Festzuges ist auf der folgenden Seite abgedruckt.


