reges Leben. Die wichtigsten Untersuchungen wurden an- gestellt , die wichtigsten Fragen beantwortet. Theodor v. Saussure (1767 bis 1845) bewies (1804), daß bei der Ernährung der Pflanzen die Lichtstrahlen eine Hauptrolle spielen, und zeigte den Ursprung der Nährstoffe der Pflanzen. Justus v. Liebig (1803 bis 1873) baute dann die Lehre von der chemischen Ernährung der Pflanzen weiter aus und machte sie zur Grundlage einer rationellen Landwirtschaft. Das Geheimnis der Pflanzenbefruchtung und der Entwickelung der Keimlinge suchten Koelreuter, Sprengel und Schleiden (1804 bis 1881) darzulegen. Hugo v. Mohls (1805 bis 1872) entdeckte die Teilbarkeit der Pflanzenzelle, der Engländer R. Brown das runde Zellkörperchen; Schwann (1810 bis 1882) stellte die Zellentwickelung als das gemein» same Entwickelungsprinzip aller Organismen dar; Nägeli (1817 bis 1891) begründete im Verein mit Mohl und Schleiden die moderne Anatomie der Pflanzen. Von deutschen Forschern nennen wir ferner W. Hofmeister, Cohn, Sachs, Schwendener u. s. w., von ausländischen Darwin (England), Thuret (Frankreich), Delpino (Italien), Warming (Dänemark). Die Pflanzenphysiologie erhob sich in neuester Zeit zum Range einer eigenen Wiffenschaft und übte auf unsere gesamte Naturanschauung den nachhaltigsten Einfluß aus.
Mineralogie und Geologie entwickelten sich zu derselben Blüte, letztere nachdem sie von G. A. Werner (1750 bis 1817) zu Freiberg zuerst als selbständige Wissenschaft gelehrt worden war. Hervorragende Männer wie Charles Lyell, Leopold v. Buch (1774 bis 1853), Roderik Murchison, Elie de Beaumont und viele andere sichern der neuen Wissenschaft bald die ihr gebührende außerordentliche Bedeutung. Hat auch die Neuzeit die Theorien Humboldts und Buchs verlassen, so bleiben ihre Verdienste doch unangetastet. Von den neueren Geologen mögen hier Dana,
Süß. Neumayer u. s. w. erwähnt sein, auch Falb hat mit seiner Erdbebentheorie in weiten Kreisen Beachtung gefunden.
Zum Schluß sei noch der Anthropologie gedacht, die, obzwar erst eine Schöpfung der letzten Jahrzehnte, sich bereits zu einer der populärsten Wissenschaften ausgestaltet hat. Nachdem Darwins Entwickelungslehre ‘bie allmähliche Entwickelung der höheren Pflanzen und Tiere aus niederen Formen behauptet hatte, mußte naturnotwendig die Frage auftauchen, ob dies Gesetz der Entwickelung auch für den Menschen seine Giltigkeit bewähre. Bedeutsame Funde, wie die der skandinavischen Kjökenmöddinger und der zuerst im Züricher See 1853/54 aufgefundenen Pfahlbauten, erwiesen sich als von ungeheurer Wichtigkeit für die Lösung der Frage nach dem Alter und dem ehemaligen Zustande des Menschengeschlechts. Gelehrte wie Heer, Keller, Rütinmeyer, Boucher de Perthes, Quatrefages, Broca, Falkoner, Ramsay, Lubbock, Ranke, Fraas u. s. w. förderten die neue Wissenschaft; vor allem zwei Männer, Schliemann und Virchow, verliehen der deutschen anthropologischen Forschung einen ganz besonderen Nimbus. In Deutschland wurde 1870 eine besondere Anthropologische Gesellschaft begründet, welche mehrere tausend Mitglieder und eine beträchtliche Anzahl von Lokalvereinen zählt.
Mit den hier erwähnten Wiffenschaften hängen noch zahlreiche andere zusammen, die auch nur aufzuzählen und in ihrer Bedeutung zu erklären einen besonderen Artikel beanspruchen würde. Noch viel weniger wäre ein näheres Eingehen auf die Ergebnisse der Forschung selbst möglich. Nur wollen wir nicht versäumen, am Ende noch der nach Hunderten zählenden wissenschaftlichen Vereinigungen zu gedenken, deren Aufgabe in der Förderung all der angedeuteten Bestrebungen besteht. Naturwissenschaftliche Gesellschaften, Museen und Institute entstanden allenthalben und
Berlin, 31. Mai. Wie der „Kreuzzeitung" aus Rom geschrieben wird, ist der Urlaub des russischen Gesandten beim Vatikan keineswegs auf eine Spannung zwischen der Kurie und Rußland zurückzuführen, vielmehr seien die russisch-vatikanischen Beziehungen, dadurch, daß Leo XIII. auf der Friedens-Konferenz nicht vertreten ist, in keiner Weise getrübt worden.
Berlin, 31. Mai. In Witzenhausen bei Kassel wurde am 28. d. M. die erste deutsche Kolonialschule in Gegenwart des Herzog-Regenten von Mecklenburg, des Kolonialdirektors v. Buchka und des Oberpräsidenten von Zedlitz-Trützschler feierlich eröffnet. Herr Oberbergrat Dr. Busse-Koblenz eröffnete die Anstalt im Namen ihres Protektors, des Fürsten von Wied, und übergab sie ihrer Bestimmung „Pioniere deutscher Sitte, deutscher Arbeit «nd deutscher Wissenschaft in unsere Kolonien hinauszusenden". Direktor Fabarius gab einen Ueberblick über das Entstehen der Anstalt, die keine Universität oder Akademie, sondern eine Stätte zur Pflege von Wiffenschaft und Thatkraft sein solle. Nachdem der Herzog-Regent der Anstalt ein günstiges Gedeihen gewünscht, erwähnte Kolonialdirektor v. Buchka, daß diese Schule zwar nur die moralische Unterstützung der Reichsregierung habe, daß er ihr aber das größte Interesse entgegenbringe und das gelegentlich auch durch die Thal beweisen werde.
Kiel, 31. Mai. Der technische Direktor der Kruppschen Germania-Werft, Hagen, glitt bei Besichtigung der für den Stapellauf des Panzerschiffes „Ersatz König Wilhelm" hergerichteten Taufkanzel beim Besteigen der frisch gestrichenen Umfassung aus und stürzte herab. Er brach das Rückgrat und war sofort tot. — Der Maschinenbauer Kranich wurde bei der Montage durch einen herabstürzenden Fahrstuhl getötet.
Ausland.
Wien, 31. Mai. Der „Polit. Korresp." geht von kompetenter französischer Seite eine Mitteilung zu, welche kategorisch die Blättermeldung dementiert, daß der französische Delegierte mit Hintergedanken zur Friedens- Konferenz gekommen sei, um die Verhandlungen zu hemmen und womöglich definitive Resultate zu erschweren. Frankreich habe die ehrliche Absicht, zur Erzielung friedlicher Beschlüsse mitzuwirken.
Paris, 31. Mai. Im Revisions-Prozeß wies heute der Prokurator Manau aus dem Inhalt der auf Pauspapier geschriebenen Briefe Esterhazys nach, daß die
Vermutung des Generals Roget, diese Briefe könnten nachträglich im Auftrage der Verteidigung des Dreyfus angefertigt sein, eine völlig grundlose Beleidigung bedeute. — Im Prozeß Dsroulöde wurde heute auf die Vernehmung weiterer Zeugen verzichtet. Der General-Staatsanwalt Lombard begann alsdann seine Rede mit der Schilderung der früheren Rolle Düroulebes, besonders während der Boulanger-Epoche. Das gegen Deroulöbe zu fällende Urteil wird heute noch erwartet. — Die Nationalisten haben in der Erwartung der Freisprechung Dsrou- lodes und Haberts für abends ein Meeting einberufen, um die Freisprechung zu feiern.
Paris, 31. Mai. Unter dem Vorsitz des Präsidenten Loubet fand gestern abend spät im Elysee ein Mini st errat statt, in welchem von dem Kriegs- sowie dem Justizminister der Vorschlag gemacht wurde, erst nach der Veröffentlichung des Urteils über die Revision am Samstag telegraphisch Weisung an den Gouverneur von Cayenne abgehen zu lassen, damit Dreyfus unverzüglich eingeschifft werde. Auf das persönliche Eingreifen des Präsidenten Loubet wurde beschlossen, sofort telegraphisch Weisung an den Gouverneur von Cayenne abgehen zu lassen, damit am Samstag alles in Bereitschaft gehalten werde für die Einschiffung des Exkapitäns nach Frankreich. Es ist dies ein Beweis dafür, daß alle Meldungen, Dreyfus sei bereits nach Frankreich unterwegs, unrichtig sind.
Niederlande. Von der Friedenskonferenz im Haag weiß der Draht heute doch etwas mehr aus guter Quelle zu melden. Bekanntlich zog Herr v. Staal jüngst in der betreffenden Kommission Schriftstücke aus der Tasche, welche bestimmte Vorschläge Rußlands in der Schiedsgerichtsfrage enthalten. Diese werden in ihren Grundzügen jetzt wie folgt veröffentlicht: „Im Falle ernster Meinungsverschiedenheiten oder eines Zerwürfnisses sollen die Signatar- Mächte, bevor sie zu den Waffen greifen, so weit die Umstände es gestatten, die guten Dienste oder die Vermittelung einer oder mehrerer befreundeten Mächte in Anspruch nehmen. Wenn die Zerwürfnisse Fragen von Politischer Bedeutung betreffen, bieten die bei dem Streite nicht beteiligten Mächte aus eigenem Antrieb den streitenden Mächten ihre guten Dienste zur Herbeiführung einer freundschaftlichen Lösung an, welche die Interessen der übrigen Staaten nicht verletzt. Vermittelung und gute Dienste haben einzig und allein den Charakter eines freundschaftlichen Rates und nicht etwa den eines bindenden Zwanges. Falls sich der Streit auf Rechtsfragen bezieht, findet zunächst eine Auslegung der bestehenden Verträge statt. Das Schiedsgericht wird als
Freitag dm 2. Juni
Erstes Blatt.
1899
Meßmer Anzeiger
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Bekanntmachung.
Der Hamburg-Bremer Feuerversicherungs-Gesellschaft uuJjaajburg ist durch Entschließung des Großherzoglichen ÄMstev iums des Innern die Ausdehnung des GeschäftS- bü£riebe«3 auf die Versicherung gegen Einbruchsdiebstahl im Eeßhrczogtum Heffen gestattet worden.
Gießen, am 30. Mai 1899.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
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Amtlicher Heil.
Bekanntmachung,
ittreffcnb: Maul- unb Klauenseuche zu Geilshausen.
Rnchbem weitere Seuchenfälle außerhalb ber ersten urrlir Sperre gestellten Schafherbe in ber Gemarkung Geils- ;iam|en nicht festgestellt worben finb, heben wir bie Ge- w»«rkv agSsperre hiermit auf. Dagegen bleibt die Äbperre der Weide jener verseuchten Schafherbe zwischen dncStnaße Geilshausen-Beltershain unb Geilshausen-Beuern avgßrtchl erhalten. Wieberkäuer unb Schweine dürfen diese Wieide nicht betreten.
Gießen, den 31. Mai 1899.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
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Deutsches Reich.
Berlin,31. Mai. Erzherzog Franz Ferdinand »»ivOesterreich stattete heute vor der Parade den hier atJhtbiticrten Botschaftern sowie dem Staatssekretär v. Bülow B 4 siche ab.
Berlin, 31. Mai. Staatssekretär v. Bülow hat sich üciHKiel begeben.
Berlin, 31. Mai. Wie aus Schwerin gemeldet wird, hczlt sch die älteste Tochter des Erbgroßherzogs von Mecklen- bmmg-Strelitz, Prinzessin Elisabeth, in London mit deM Grafen Cametel verlobt. Die Hochzeit wird im Ihm ftattfinden.
Berlin,31. Mai. Prinz Max von Baden, dessen Witllung ä la suite des Garde-Kürassier-Regiments neulich geMlbkt wurde, hat dem „Berliner Tageblatt" zufolge einen sc Hmo-natlichen Urlaub erhalten. Bekanntlich vermählt sich ber Prinz im August d. I. in Petersburg. Nach Ablauf bei® Urlaubs beabsichtigt er seine militärische Thätigkeit errietet aufzunehmen.
3>fls 19. Iaßrßundert.
Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herauSgegeben von Friedrich Thieme.
(Nachdruck oder Auszug verboten.) X.
Naturwissenschaften. II.
(Schluß.)
Auf die Gestaltung der Z o o l o g i e übte zunächst Cuvier (lm?69 bis 1832) den größten Einfluß, obgleich er gerade biturf) die Größe seines Ansehens mit der Zeit ein Hindernis f £jfc öent Fortschritt wurde. Der große Forscher, Systematik Lehrer, Redner und Staatsmann berücksichtigte zuerst diAni gesamten inneren Bau der Tiere, unterschied innerhalb dmiOrdnungen natürliche Familien, erhob die von Haller b'ikgiunldete vergleichende Anatomie zur Wiffenschaft im rmckmen Sinne, und leistete ferner den Naturwissenschaften g^tch Dienste durch die wissenschaftliche Begründung der Wersleänerungskunde, speziell der Paläozoologie, d. h. der Licht von den ausgestorbenen Tieren. Karl Ernst Baer muche sich um die Embryologie verdient, welche mit der G»!wi<ikelungsgeschichte, die wir bereits eingangs ausführlich btHandoelt haben, im engsten Zusammenhänge steht. Von d k«, be:dentenderen Zoologen des 19. Jahrhunderts nennen »it a ußerdem noch H. Burmeister, Thomas Bell, den kkW'ckhen Ornithologen Audubon, den um die Erforschung dl« Musorienwelt hochverdienten Chr. G. Ehrenberg, den Wetsafser des berühmten Werkes „Brehms Tierleben", Alfred Wichan, Tschudi, Joh. Müller u. s. w.
Auf dem Gebiete der Botanik herrscht nicht minder
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