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Donnerstag den 2. März
1S99
Pir. 52 Erstes Blatt
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Annahme een Anzeigen zu der nachmittags für den i,(groben La, erscheinenden Nummer bi- norm. 10 Uhr.
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Deutscher Reichstag.
44. Sitzung vom 28. Februar. 1 Uhr.
Auf der Tagesordnung steht zunächst der schleunige Antrag der Sozialdemokraten auf einstweilige Einstellung eines gegen den Abg. Stadthagen (Soz.) schwebenden Strafverfahrens.
Die Geschäftsordnungskommission empfiehlt Annahme des Antrages.
Das Haus beschließt, die Angelegenheit nochmals an hie Kommission zurückzuverweisen.
Es wird sodann die Beratung des Etats der Zölle und Verbrauchssteuern bei Titel-Zölle fortgesetzt.
Abg. Paasche (natl.) verlangt, daß der Bundesrat eudlich einmal seine Erwägungen über Einschränkung der Zvllkredite auf Getreide zum Abschluß bringe, und dem Reichstage auf dieses Verlangen eine definitive Antwort gebe Redner wünscht ferner Zollerleichterungen bezw. Beseitigung von Zollscherereien.
Direktor im Reichsschatzamt v. Koerner erklärtem 3er Frage der Zollkredite habe sich der Bundesrat noch nicht schlüssig gemacht.
Abg. Graf Klinckowström (kons.) meint, der Bundesrat hätte sich darüber schon lange schlüssig machen können. Redner kommt sodann auf die gestern angeregte Frage betreffs der Zollvergütung auf verschiedenwertige Mehltypen zurück.
Schatzsekretär v. Thiel mann entgegnet dem Vorredner, er wisse nichts von einem Versprechen, das bezüglich her Zollkredite im Vorjahre gegeben worden sei. (Ruf rechts: Miquel!). Zurückweisen müsse er auch die Vorwürfe, welche -er Vorredner gegen die Typenermittelung vorgebracht habe. Einwandsfrei könne kein Verfahren sein; man müffe wählen, tvas man für das relativ beste halte. Werde ihm ein gangbarer Weg vorgeschlagen, so werde er gern einer Konferenz zur Prüfung zustimmen.
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
Auch der junge Goethe ist in dem Lustspiel „Der Königsleutnant" mit der Altklugheit ausgestattet, wie sie nur Theaterknaben besitzen. Obwohl der frühreife Wolfgang der eigentliche Held ist, vermag uns eine andere Ge- stalt mehr Interesse einzuflößen, der Königsleutnant Graf Thorane, oder wie er in Wirklichkeit hieß: Graf Thoranc. Diese Rolle mit ihrem Gemisch vou Ritterlichkeit und romantischer Schwärmerei, von Soldatentum und Sentimentalität, von Berufspflicht und künstlerischer Vorliebe und endlich mit ihrem Gemisch von deutschen und französische» Brocken war lange der erklärte Liebling reisender Schauspielervirtuosen. Seitdem aber die deutsche mimische Kunst in heilsamere Bahnen eingelenkt und die Vorherrschaft eines kunstwidrigen Virtuosen — oder Startums gestürzt hat, um in der gleichmäßigen Ausbildung des Ensembles, nicht mehr in der überragenden Leistung eines Schauspielers, ihre Hauptaufgabe zu erblicken, ist auch der Graf Thorane mählich in den Hintergrund getreten, und die Zeit wird nicht fern sein, wo er mit thränenerstickter Stimme die Worte: „Adieu pour toujoura“ wirklich zum letzten mol gesprochen hat. Friedrich Haase hat mit dieser Rolle einen seiner nachhaltigsten Triumphe gefeiert.
Auch in dem historischen Lustspiel „Zopf und Schwert" begegnet, abgesehen von den geschichtlichen Personen, eine besonders markante Erscheinung der Zeit, die eigentlich in diesem Rahmen nichts zu suchen hat: der Grenadier Konrad Eckhof aus Hamburg, der einst preußische» Werbern in die Hände gefallen war, und der nun zur Strafe für ein Vergehen degradiert und zu den Possenreißern geschickt wird, damit er „die deutsche Nation hinfort mit feine» komödiantischen Spüfien kriminaliter amüsieren soll". Man weiß, daß Konrad Eckhof der Begründer de« deutschen
Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Nachdem die Maul- und Klauensenche in Alsfeld erloschen ist, ist die angeordnete Gehöfte- und Gemarkungssperre wieder aufgehoben worden.
Gießen, den 27. Februar 1899.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
Feuilleton.
Karl HußKows „Zopf und Schwert".
Von Dr. M. Schilling.
Gerade in diesen Tagen, da man die FeierzuFriedrich Spielhagens siebzigstem Geburtstag rüstete und sein Schaffen litterarisch würdigte, hat man Karl Gutzkow Zfter genannt; aber nicht den Dramatiker, der sich heute «och auf dem Repertoire behauptet, wiewohl sein Stern stark im Verbleichen ist, sondern den Romanschreiber Karl Gutzkow, dessen Ruhm die heutige Generation kaum noch kennt. Von Goethes „Wilhelm Meister", dem ersten großen yildungsroman in Deutschland führt der Weg über Jmmer- rianns „Epigonen" direkt zu Gutzkow hin, der in den „Rittern vom Geiste" und im „Zauberer von Rom" die Totalität des Lebens zu erfassen bemüht war. Wir, die i»ir von Meister Spielhagen eine neue Technik des Romans erhalten haben und immer mehr der Novelle zustreben, ver- arögen uns heute nur schwer durch den Wirrwar der Gutzkow'schen Komposition hindurchzuwinden. Wir vermögen kaum noch zu begreifen, was diese neunbändigen Compendren, Sie der Autor später selbst auf vier Bände reduzierte, so beliebt und verbreitet gemacht hat. Wir staunen über diese ungeheure Fülle von Details, über diesen Roman des Nebeneinanders, wie ihn damals Eugöne Sue in Frankreich pflegte, und der in ganz Europa Schule gemacht hat. Wir st aunen nicht zuletzt über Gutzkows ungeheuerlichen Stil, her die unglaublichsten Blüten treibt. Es ist eine überwundene Epoche des Romans, die Gutzkow vertritt. Nur jw leicht urteilt die Nachwelt von ihrer höheren Warte h trab »ngerecht. Al- Erscheinung seiner Zeit war Gutzkow
lanqehin maßgebend, obwohl seine praktische Leistungsfähigkeit nicht auf der Höhe des vom „jungen Deutschland" entworfenen Programms stand.
Auch der Dramatiker Gutzkow, den unsere Zeit noch besser kennt, ist arg zerzaust worden. Dor dem Tribunal einer strengen Kunstauffassung kommt er sch echt weg, obwohl seine Stücke teilweise großen Erfolg fanden. Sem Cbarakterisierungstaleut, das in seinen Romanen für die Schwächen der Handlung und die lose Verknüpfung der einzelnen Teile entschädigen muß, kommt in den Dramen nur spärlich zum Vorschein. Er zeichnet nicht Eharaktere mit großen Vorzügen und kleinen Fehlern, oder, wie sie das Luitiviel braucht, mit kleinen Vorzügen und großen Fehlern, sondern er schreibt Rollen, abstrakt gedachte Rollen, die auf einen Akkord gestimmt sind. Obenan steht in der langen Reihe seiner dramatischen Schöpfungen „Uriel Acosta"(184b). Lier nimmt seine Sprache bisweilen einen feurigen Schwung an dem das Trauerspiel nicht zum wenigsten seine Wirkung verdankt. Sein Held trägt den Stempel des Märtyrertums, und Gutzkow hat ihn noch besonders verteidigt.: „Wollt doch nur einmal e.wasGroßesiu d-rW-It! Ihr werdet bald finden, daß die Ueberzeugungstreue im großen Stil Phasen hat, die nickt die Phasen einer Stadtverordnetenkonsequenz sind. Aber seine Figuren sprechen nicht aus ihrer Charakteranlage beraus, sie sagen nur, was Gutzkow sagen wollte sie werden zu helltönenden Sprachrohren des Dichters. Die philosophische Weisheit endlich, die dem Knaben Spinoza m den Mund gelegt wird, bewegt sich sehr an der Oberfläche. Gutzkow liebt es, solche Persönlichkeiten elnzufuhren die geneigt sind, dem Drama die geschichtliche oder kulturgeschichtliche Unterlage zu geben. Dadurch wird em bestimmter Zeitabschnitt dem Verständnis der Menge nähergebracht.
Abg. G a m p (Rp.) ist der Ansicht, daß eine Aenderung unbedingt geschaffen werden müsse. Auch in Bezug auf die Getreidezollkredite sei die Erklärung des Schatzsekretärs der reine Eiertanz gewesen.
Direktor v. Körner entgegnet zunächst, die Errichtung von Freilägern sei gesetzlich festgelegt und die Regierung an diese Bestimmungen gebunden. Des weiteren verbreitet er sich über die Mühlenkonten und Vergütungen auf Mehlexporte.
Abg. Ger sten berg er (Centr.) plaidiert für schleunige Regelung der Frage der Zollkredite und MSHlenkonten im Interesse der Kleinmüller und der bäuerlichen Landwirtschaft und für Einführung des Quebrachozolles.
Abg. Hahn (b. k. F.) tritt in längeren Ausführungen für Regelung der Zollkreditefrage ein und behauptet betreffs des in dieser Angelegenheit gegebenen Versprechens, daß Herr v. Miquel es gewesen sei, der im Herrenhause dies Versprechen gemacht habe. In allen solchen Fragen, wo es sich um den Gegensatz zwischen Großbetrieb und Kleinbetrieb handle, habe die Regierung nur die Sozialdemokratie und Freisinnigen auf ihrer Seite. Es sei jedenfalls höchste Zeit, daß in dieser Angelegenheit etwas geschehe seitens der Regierung, sei es nun durch die gegenwärtigen Männer oder durch andere.
Abg. Möller (nl.) vertritt entschieden das Verlangen des Abg. Paasche, den Exportfabriken im Inland möglichst ohne lästige Zollscherereien dieselben Zollvergünstigungen zu gewähren, wie den Fabriken in den Freilägern.
Inzwischen ist eine Resolution v. Kar dorff (Rp.) ein- gegangen, den Reichskanzlei um eine anderweite Regelung (durch Regulativ) der Zollvergütungen auf Mehl zu ersuchen.
Abg. Br oemel (frs. Vg.) meint, die Erschwerung des Mehlexports für die Großmüllereien würde eine offenbare Schädigung der Gesamtmüllerei zur Folge haben. Einer Aenderung des Regulativs könne er nur dann zustimmen, wenn das Rendement überhaupt etwas niedriger gegriffen werde. Was die Zollkredite anlange, so solle man doch nicht vergessen, daß gerade bei ihrer Einführung nur eine verständige Rücksichtnahme auf die Jntereffen des Handels mit» gesprochen habe.
Abg. Dr. Roesicke (Bd. d. Laudw.) tritt für einen Quebrachozoll ein und beklagt sodann, daß der Schatzsekretär so ernste Fragen so ironisch behandle.
Der Titel Zölle und der Titel Branntweinsteuer wird genehmigt.
Bei dem Titel „Zuckersteuer" erklärt Schatzsekretär v Thiel mann, die Regierung sei bestrebt, die Verwendung denaturierten Zuckers als Viehfutter zu fördern. Im Ge
sundheitsamt seien Versuche angestellt worden, um ein geeignetes Denaturierungsmittel zu finden.
Abg. v. Staudy (kons.) wünscht Herabsetzung der Konsumsteuer. Die Hauptschuld an der jetzigen bedenklichen Lage trage jedenfalls der Abg. Paasche als Vater des bestehenden Zuckersteuergesetzes. (Rufe links: Sehr richtig.)
Abg. Wurm (Soz.) pflichtet dem Vorredner durchaus bet
Nach weiterer kurzer Debatte wird der Titel genehmigt, desgleichen der Titel Salz steuer.
Sodann vertagt sich das Haus.
Nächste Sitzung morgen 1 Uhr.
Tagesordnung -Fortsetzung der Etatsberatung.
Schluß 6i/. Uhr.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Februar. Beim Landwirtschaftsminister Freiherrn v. Hammer st ein findet heute abend aus Anlaß der Tagung des Landes-Oekonomie-Kollegmms ein Diner statt, an welchem auch der Kaiser teilnehmen wird.
Berlin, 28. Februar. Die „Berliner Korrespondenz" schreibt: Die „Freisinnige Zeitung" und die „Münchener Neuesten Nachrichten" enthalten Erörterungen und Meldungen, welche den Eindruck zu erwecken geeignet sind, al« beständen Gegensätze zwischen einzelnen Ressortministern und dem Präsidenten des preußischen Staatsministeriums. Alle diese Mitteilungen entbehren jeder thatsächlichen Unterlage.
Berlin, 28. Februar. Der Vorstand des Vereins bet Berliner Getreide- und Produkten-Händler teilt mit, daß erneute Verhandlungen zwischen der Regierung und de» Vertretern des Vereins über die Wiederherstellung einer Produktenbörse stattfinden. Die Einzelheiten entziehen sich vorläufig noch der Oeffentlichkeit, doch scheint eine Verständigung nicht ausgeschlossen zu sein.
— Allerhöchste Ordre. Das„MarineverordnungS- blatt" bringt folgende die Seekadetten und Schiffsjungen betreffende Allerhöchste Ordre zur Kenntnis:
„Ich bestimme bezüglich der durch das Flottengesetz bedingten und mit allen Mitteln durchzuführenden Flotten- vermehrungen nach Ihrem Vortrage hiermit folgendes:
1) Bis auf weiteres sind jährlich bis zu 200 Seekadette» und bis zu 800 Schiffsjungen einzustellen. Zur ersten Ausbildung dieses Personals sind 5 große Schulschiffe vorzusehen.
2) Die Ergänzung des Seeoffizierkorps ist bis auf weiteres in folgender Weise zu ändern:
a. Die in § 5 der betreffenden Bestimmungen gesetzten. Altersgrenzen kommen in Fortfall, es bleibt jedoch der zuständigen Stelle überlassen, junge Leute von zu hohem Alter zurückzuweisen.


