Ausgabe 
1.12.1899 Zweites Blatt
 
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* Darmstadt, 29. November. DieNordd. Allg. Z." erfährt, der preußische Gesandte Graf von der Goltz trete unter Verleihung des Charakters eines Wirk­liches Geheimrats mit dem Prädikat Exzellenz in den Ruhe­stand: er soll für eine hohe Hofcharge in Aussicht genommen sein. Zum Nachfolger wurde der Kaiserliche Generalkonsul in Pest, Legationsrat Prinz von HohenloheOeh- ringen, designiert.

Laugen, 27. November. Dasausgesperrte junge Ehepaar. Ein junges Ehepaar aus einem Nachbarorte kam dieser Tage spät abends von der Hochzeitsreise zurück und wollte nun in das neue Heim Einzug halten. Aber, o Schreck, Thor und Thür waren fest verschlossen. Alles Probiereu mit dem Schlüssel half nichts, und hätte beinahe das junge Paar auf der Straße die erste Nacht zubringen müssen, wenn nicht der hilfsbereite Schwiegervater mit der Axt beigesprungen und mittelst kräftiger Hiebe auf Thor und Thüre dem jungen Paare Eingang verschafft hätte. Bei näherer Untersuchung fand man, daß ein Spaßvogel die Schlüssellöcher mit Gyps ausgegossen und dem Schlüssel den Weg versperrt hatte.

Bieber,29. November. Heber einen aufregenden Vorgang schreibt man derOffenb. Ztg." von hier: Eine aus drei Herren und drei Damen bestehende Gesell­schaft kehrte am letzten Sonntag abend etwa um 8 Uhr vom Felsenkeller nach Bieber zurück und benutzte das links­seitige Trottoir. Zwischen dem Felsenkcller und dem neuen Schießhaus kamen im rasenden Tempo drei Radfahrer auf demselben Fußweg entgegen. Nur noch wenige Meter trennten die Heimkehrenden und die Radler, die alle Zu­rufe der geängstigten Leute unbeachtet ließen. Die drei Damen sprangen im letzten Augenblicke in den Graben und auf die Fahrstraße, den drei wie toll rasenden Radlern den Fußpfad überlassend. Von den drei Herren, die hinter den Damen gingen, gelang es zweien, durch rasche Drehung einem Zusammenstoß zu entgehen, dem dritten aber, einem auf Urlaub befindlichen Unteroffizier, ging das vordere (erste) Rad über den linken Fuß und streifte das rechte Bein, wobei der Radler zu Fall kam und die Maschine Schaden nahm. Und nun drohte eine umfangreiche Schlägerei. Der zweite, nachstürmende Radler warf sein Rad zu den Trümmern des ersteren, und gab den Befehl,anzu­greifen", was der erste, der ohne Laterne angeraset war, sich nicht zweimal sagen ließ. Er zog den Revolver und hielt ihn einem der Herren, dem Lehrer B., dicht vor die Brust. Die beiden anderen Herren sprangen dem Lehrer helfend zur Seite, und so ging der Revolverheld rückwärts, die Schußwaffe vor sich hinhaltend. Unterdessen gelang es dem Lehrer mit Hilfe seines Sohnes, den zweiten Radler in das neue Schießhaus zu bringen behufs Fest, stellung der Personalien. Der dritte Radler entkam. Hier, in dem beleuchteten Hausflur des Schießhauses, gelang es unter schwierigen Umständen dem zufällig anwesenden Polizeidiener Blümel von Bieber und dem auf Polizei­dienst verpflichteten Nachtwächter Kunz, ebenfalls von hier, die Personalien des zweiten Radfahrers festzustellen, ebenso diejenigen des Revolverhelden. Letzterer erschien »och zweimal auf der Bildfläche, und jagte, den Revolver in der Hand, die unterdessen groß gewordene Schar Neu­gieriger vor sich her, in den Garten des neuen Schieß­hauses; offenbar wollte der Held mit seiner Schußwaffe seinen unterdessen für verhaftet erklärten Kollegen befreien. Doch genug der Schilderung dieses Vorfalles und ein kurzes Schlußwort. Wenn man bedenkt, daß der Vorfall und Heberfall auf dem Trottoir sich im Dunkeln abspielte, so ist man wohl zu der Frage berechtigt: Welch namenloses Elend hätte durch eine Schlägerei, verbunden mit Gebrauch einer Schußwaffe entstehen können? Zu bedauern ist es, daß ruhig spazierende friedliche Menschen in einer solch empören­den Weise belästigt werden konnten. Die zuständige Behörde müßte unbedingt einen stark benutzten Weg den Radfahrern verbieten. (Das Befahren des linksseitigen Trottoirs ist verboten. Red.) Gerade dieser Weg ist wohl der belebteste im ganzen Kreise. Vor drei Wochen wurde auf demselben Wege ein 12 jähriger Junge von einem Radler überfahren, der ebenfalls keine Laterne hatte. Das Gesicht dieses Knaben dürfte noch lange Spuren des Vorfalles zeigen. Einern 48 jährigen anderen Herrn ging es auf demselben Pfade noch schlimmer, und er hatte obendrein noch alle Mühe, den Kollegen des betreffenden Radlers vor Thätlichkeiten abzuhalten. Der vorstehend geschilderte Fall wird ein gerichtliches Nachspiel haben.

Bingen, 28. November. Zu dem Brande der deutschen Weinkellereien in Büdesheim ist noch folgendes zu erwähnen : Das Feuer soll durch Hm fall en einer mit Benzin gefüllten Kanne entstanden sein; es griff mit großer Schnelligkeit um sich, sodaß das ganze Anwesen im Zeitraum von einer Stunde ein Trümmerhaufen war. Drei Lagerfässer von ea. 120 Stück Wein sind aus­gelaufen, die Fässer verbrannt, ebenso ein Rollwagen, ein Landauer und das Mobiliar des Kellermeisters. Die Pferde und sonstige Wagen waren auswärts. Es ist alles versichert, jedoch verursacht die Betriebsstörung großen Schaden.

* Biebrich, 28. November. Nach Ausweis der letzten Personenstands-Aufnahme beträgt die Einwohnerzahl z. Zt. einschließlich Militär 14064, ist also im letzten Jahre um zirka 500 gestiegen. Ein rapideres Steigen der Be­völkerungsziffer ist für die Folge zu erwarten, da die Bau- thätigkeit gegenwärtigAeine äußerst rege ist und eine ganze Anzahl von einem eingesessenen Architekten ausgeführte prächtige Bauten teils schon fertiggestellt, teils noch im Entstehen begriffen sind.

Kassel, 29. November. Für den erledigten Ober­bürgermeister-Posten werden hier besonders folgende Herren als Kandidaten genannt: Rechtsanwalt Harnier und Landesrat, Beigeordneter Knorz. Ein Wettbewerb

um Entwürfe für Arbeiter-Wohnhäuser in Kirchen- ditmold bei Kassel ist von dem Arbeiter-Bauverein in Kassel unter den im Deutschen Reiche ansässigen Architekten mit Frist bis zum 1. März 1900 ausgeschrieben worden. Für die besten Entwürfe sind 5 Preise (800200 Mark) aus­gesetzt.

Köln,28. November. Nichtsnutzige Bubenhände versuchten zweimal einen Anschlag auf oberrhei- nifche Züge. Vor Mühlheim legte man den Schlagbaum quer über ein Geleise, wodurch die Maschine eines Eil­güterzuges erheblich beschädigt wurde. Auf der Strecke nach Troisdorf überraschte das Streckenpersonal eine Anzahl Burschen, welche kurz vor der Durchfahrt eines Personen- zuges das Geleise mit Schienenstücken und Holzschwellen verrammelten, in der entschiedenen Absicht, eine Entgleisung des NachtzugeS herbeizuführen. Das Geleise war voll­ständig versperrt, sodaß ein großes Hnglück geschehen wäre, wenn die Beamten den Anschlag nicht entdeckt und recht­zeitig verhütet hätten. Leider entkamen die Hebelthäter. Von der Behörde ist das Ermittlungsverfahren eingeleitet worden.

Erndtebrück, 28. November. Gestern abend gegen 9 Hhr ereignete sich auf hiesigem Bahnhofe ein recht beklagens­werter Hnglücksfall. Dec Maschinenputzer Herling war nämlich im Begriffe, neben dem Bahnmeisterbureau das Geleise zu überschreiten, als die Maschine des nach Raum­land fahrenden Zuges herankam. Herling bemerkte dies in dem dichten Nebel nicht und so wurde er von den Rädern erfaßt. Er verlor beide Beine. Der Hnglückliche ist Vater von vier Kindern.

Kirche und Schule.

Hausen. Am 25. Oktober tagte in der Johannes- kirche zu Gießen die diesjährige Dekanats­synode, zu der fast sämtliche Abgeordnete erschienen waren. Nach dem Gottesdienst, in welchem Pfarrer Eckstein aus Allendorf a. d. Lumda über Psalm 51, 20 predigte, wurden durch den Dekan die Verhandlungen mit Ansprache und Gebet eröffnet. Der alsbald verlesene Rechenschaftsbericht konnte manche erfreuliche Mitteilung machen. Neben den Schatten- fehlen auch nicht die Lichtseiten in unseren Ge­meinden, neben der verhängnisvollen Gleichgiltigkeit gegen alles Höhere, gegen Gottes Wort und die h. Sakramente findet sich bei vielen treue Liebe zu Gottes Wort und Gottes Haus. Neben der Religions- und Chriftusfeindschaft, der schreckenerregenden Genußsucht, der Verwilderung und Um botmäßigkeit vieler Jünglinge und Jungfrauen findet sich auch bei vielen ein für die ewigen Wahrheiten aufgeschlossener Sinn, ein frommer, kindlicher, an die in Gottes Wort ge- offenbarten Verheißungen sich feftUammernber Glaube. Ein Volksbuch wie kein anderes ist die Bibel. In ihm sind reiche Lebenskräfte auch für unser deutsch-evangelisches Volk enthalten. Nach dem Vermächtnis des großen frommen Kaisers Wilhelm I. muß unferm Volke die Religion erhalten werden. Ohne sie kann es nicht bestehen. Gott helfe den Irregeleiteten, daß sie wieder zu besserer Erkenntnis gelangen. Das Andenken irn letzten Jahre verstorbener Lehrer und Kirchenvorsteher wurde in Üblicher Weise geehrt. Auf einigen Pfarrstellen kamen durch Versetzungen von Geistlichen Veränder­ungen vor. Einem Pfarrer mußte wegen seiner angegriffenen Gesundheit ein Vikar beigegeben werden. Zwei Jahresfeste von Zweigvereinen der Gustav Adolf-Stiftung wurden im Dekanate Gießen am 26. Juni v. I. gefeiert, für unseren Gießener Zweigverein in Leihgestern und für den Butzbacher in Kirch-Göns. Beide Feste waren trotz des höchst un­günstigen Wetters sehr gut besucht, die Kollekten wurden für die Diasporagemeinde in Bürgel von den Kirchenvor- ständen bestimmt, die Kollekte in Kirch-Göns betrug 61 Mk., die in Leihgestern erhobene 88 Mk. 70 Pfg. Drei Missionsfeste wurden in 1898 in Gemeinden des Dekanats Gießen gehalten, in Hausen, in Oppenrod und in Allen­dorf a. d. Lda. Die Kollekten dieser Feste für die äußere Mission betrugen zusammen 255 Mk. Im November 1898 sand in Gießen das Jahresfest des oberhessischen Vereins für innere Mission statt, bei dem auf Grund eines Referates von Pfarrer Fritsch in Ruppertsburg überdie Gefahren des Wirtshauses" verhandelt wurde. Am Abend des ersten Tages fand starkbesuchter Gottesdienst in der Stadtkirche statt, nach demselben wurden in Steins dichtbesetzem Garten­saal höchst interessante, fesselnde Ansprachen von Professor D. Stamm, dem Vorsitzenden dieses oberhessischen Vereins für innere Mission, und Pfarrer Alberts aus Frank­furt a. M. gehalten. (Fortsetzung folgt.)

Alzey, 25. November. Lehrerversammlung. (Verspätet.) Die Thronrede bei Schluß des letzten hessischen Landtages hat der Gehaltsbewegung der hessischen Volksschullehrer neues Leben eingehaucht. Nachdem das Beamtenbesoldungsgesetz den Staatsbeamten, die Gehalts­regulative der Städte den kommunalen Beamten und städtischen Volks­schullehrern eine zeitgemäße Gestaltung ihrer Gehaltsverhältnisse gebracht hat, kann eine entsprechende Regulierung der Landlehrergehalte nicht ausbleiben. Die hessische Lehrerschaft ist denn auch an der Arbeit, die baldige Lösung dieser ihrer sozialen Frage zu fördern. So tagte heute dahier im Römerschen Saalbau eine Versammlung rheinhessischer Lehrer. Es waren über 50G Lehrer aus Rheinhessen, auch einige aus den beiden anderen Provinzen Heffens erschienen. Auch die Vorsitzenden der beiden hessischen Lehrervereine Herr Oberlehrer Backes-Darmstadt und Herr Lehrer Schorn-Mainz hatten sich eingefunden. Die Versammlung zeigte ein festliches Gepräge: Feier des Geburtstages des Großherzogs und der Großherzogin und in Verbindung damit eine Vertrauenskund­gebung zur Großherzoglichen Staatsregierung im Hinblick auf die zu hoffende Gehaltsregulierung. Zum Vorsitzenden der Versammlung wurde Herr Oberlehrer Backes-Alzey, zum Schriftführer Herr Jost-Weisenau gewählt. Herr Backes eröffnete die Versammlung mit einer zündenden patriotischen Ansprache. Er gedachte der warmen Fürsorge unseres Fürsten für sein Volk, wie auch besonders für Schule und Lehrer, wie dies in der Thronrede so hofsnungsfreudigen Ausdruck finde. In das auf unser Fürstenpaar ausgebrachte Hoch stimmte die Versammlung voll Begeisterung ein. Das Referat über die Gehaltsfrage erstattete Herr Lehrer Trau-Weisenau. Derselbe gab in großen Zügen ein Bild der sozialen Lage der Landlehrer Heffens in der Gegenwart. Die Aus­führungen. objektiv, sachlich und würdig gehalten, lasten sich kurz so zusammenfassen: Die in der Thronrede angekündigte und durch die Lebeusverhältniffe der Gegenwart notwendig bedingte Gehaltsausbesterung

der Volksschullehrer Heffens möge recht bald nach den Grundsätze» deS Beamten-Besoldungs-Gesetzes (gleiche Bildung und Arbeit auch gleiche Bezahlung) entsprechend der Besoldung der seminaristisch gebildeten Lehrer von höheren Schulen, wie auch der der städtischen Volksschullehrer HestenS, erfolgen. Diese Wünsche wurden in der nachfolgenden Resolution nieder­gelegt, die einstimmig Annahme fand:Die heute in Alzey versammelten Lehrer Rheinhessens, Seiner Königlichen Hoheit, unserem erhabene» Landesfürsten, für die in der Thronrede beim Schluffe des letzten Land­tages so gnädig zugesagte Bestergestaltung der Besoldungsverhältniffe der Volksschullehrer unterthänigst dankend, sprechen Großherzoglicher Staatsregierung ihr unbedingtes Vertrauen aus, in der sicheren Hoffnung, daß hohe Staatsregierung mit den beiden hohen Ständekammern wie bisher für die gedeihliche Entwickelung der hessischen Volksschule eintrete» und die materielle Lage der Volksschullehrer Hessens nach Maßgabe des Beamtenbesoldungsgesetzes und entsprechend den Eingaben der hessische» Lehrervereine regeln werde." Diese Resolution soll der hohen Staats­regierung, sowie den beiden Ständekammern eingereicht werden. Nach­dem aus der Versammlung noch einige Mitteilungen und Vorschläge kurz gemacht worden waren, wurde die Besprechung geschloffen. Wohl- thuend waren die Ruhe und Nobleste, mit der die Verhandlungen geleitet und die einzelnen Materien besprochen wurden. Alle Redner, so nament­lich auch die beiden oben genannten Vorsitzenden der hessischen Lehrer­vereine Herr Backes und Herr Schorn mahnten zur Würde und zielbewußten Besonnenheit in der bevorstehenden Angelegenheit Alle- dies machte sichtlichen Eindruck auf die Versammlung, so daß dieselbe würdig des hohen Tages, würdig der heiligen Sache der Schule und Lehrerschaft verlief. Rheinhessens Lehrer können stolz sein auf diesen Tag und Erfolg.

Universität und Hochschule.

Keine Frauen im Männer Kolleg!

Der vielgenannten Hörerin des Professors Behrendt, jener Berliner Schulvorsteherin, der von dem genannten Dozenten die Erlaubnis zum Besuch seines Kolleg- über die Prostitution erteilt worden war, haben sich die Pforten des Hörsaals wieder verschloffen. Die Zurück­ziehung der Genehmigung ist in Rücksicht auf die durch das Erscheinen der Dame im Kolleg, wie ausführlich von uns berichtet, fortgesetzt hervorgerufenen Kundgebungen erfolgt. Professor Behrendt hat bekannt gegeben, er bekenne sich nunmehr zu der Ansicht des Profeffors Waldeyer, daß gewiffe Dinge nicht gemeinsam vor Studentinnen und Studenten erörtert werden könnten. (Er erkenne jedoch das Interesse, welches die Dame in fein Kolleg geführt, aus­drücklich als berechtigt an und beabsichtige, im nächsten Semester über das jetzt von ihm behandelte Thema aus­schließlich für Damen zu lesen. Die Erklärung befl Prof. Behrend, durch welche der im Hinblick auf die Ent­wickelung der deutschen Frauenbewegung zweifellos keineswegs bedeutungslose Fall einstweilen feinen Abschluß gefunden hat, hatte etwa folgenden Inhalt:

Ec habe so erklärte P of. Behrendt vor überfülltem Audi­torium zu Beginn seiner letzten Vorlesung, der ersten, welcher die Hörerin nicht detwohnte den Hörern eine Mitteilung zu machen; vorher müffe er aber dringend bitten, ihn nicht durch Äeußerungm deS Beifalls oder Mißfallens zu unterbrechen, da er sonst sofort seinen Vortrag beenden und den Saal verlassen müffe. Da sich für und gegen die Dame ein so gewaltiger und lärmender Streit erhoben habe, wäre es nicht angängig gewesen, ihr die Erlaubnis zum Hören auch weiterhin zu geben. Sie sei entzogen worden, weil sich heraus­gestellt habe, daß die feineren, zarteren Gemüter unter den Studenten sich dagegen sträubten, einen Vortrag wie den seinigen gemeinsam mit einer Frau zu hören. Er könne ihnen das nicht verübeln. Wenn er Srudent wäre, würde ihm die Sache wahrscheinlich auch peinlich sein. Diese Szenen hätten nur von neuem den Beweis ge­liefert, daß Waldeyers Anficht richtig sei: DaS Frauevstudtum sei nur bei getrennten Vorlesungen möglich. Doch nun sei die Sache erledigt, und er würde gar nicht daraus zurückgekommen sein, wenn die Angelegenheit nicht noch ein heiteres Nachspiel gehabt hätte: Er habe von einer anderen Dame, einer Lehrerin W., einen sehr ent­rüsteten Brief erhalten, auS dem er einige Stellen vorlesen wolle. Zunächst sei ihm darin .Pflichtverletzung" vorgeworfen, weil er der Dame die Erlaubnis zum Hören gegeben habe. Er über- lasse es den Studenten, darüber sich selber ein Urteil zu bilden. Ferner sei von einerDtszipltnaruntersuchung" in dem Briefe die Rede, und es werde bemerkt,e6 sei nicht schicklich für Damen, in den Schmutz des Lebens einzutauchen." Eine solche Be­merkung müffe entschieden zurückgewiesen werden, da in diesen Räumen nur reine Wissenschaft gelehrt werde und kein Schmutz. Auch sei in dem Briefe das Ansinnen gestellt, er solle dafür sorgen, daß die Dame in der Vorlesung keinen sittlichen Schaden nehme. Die Schreiberin be­haupte, die betreffende Hörerin habe sicher kein wissenschaftliches Interesse gehabt. Woher sie das wisse, sei ihm schleierhaft. Er selbst habe die entgegengesetzte Ansicht gewonnen; denn alle Vorlesungen, welchen die Dame beigewohnt habe, hätten sich mit sozialwissenschaftlichen Fragen beschäftigt. Seiner Meinung nach wären die Damen nicht nur berech­tigt, sich mit der Frage der Prostitution zu beschäftigen, sondern sie hätten auch ein großes Interesse daran. Ihre Thätigkeit in dieser Sache hätte schon vielen Segen gestiftet. Er erwähne nur die Bestrebungen der VereineFrauenwohl" undJugendschutz", sowie die Heilsarmee, deren soziale Thätigkeit sehr hoch angeschlagen werden müsse. Damit sei nun der Fall erledigt. Der Briefmöge an seinen Ort wandern", und es werde nun hoffentlich auch der Friede wieder in den Hörsaal einkehren. Im nächsten Somm.rsemester aber werde er seine Vor­lesungen über Prostitution vor Damen wiederholen und sich freuen, wenn die Hörerinnen der Universität recht zahlreich dazu erscheinen würden.

Zur Beurteilung der Sachlage fei im Anschluß an die Mitteilungen des Herrn Professor Behrendt noch erwähnt, daß die für jetzt aus dem Hörsaal entfernte Hörerin sich so eingehend mit sozialwissenschaftlichen Fragen beschäftigt hat, daß sie im vorigen Semester im Seminar des Professor- Wagner einen Vortrag über die Lage der Fabrikarbeiterinnen halten durfte.

Epnantttr Der außerordentliche Profeffor in der philosophischen Fakultät zu Kiel Dr. Säckel zum ordentlichen Professor derselben Fakul­tät. Der Bibliothekar und Profeffor der Klausenburger Universität, Dr. Zoltän Ferenczy, zum Direktor der Budapester Universitäts­bibliothek. Zum Nachfolger von Lord Kelvin (William Thomson), der »ach SOjähriger Lehrthätigkeit von der Professur für Nataral- Philosophy an der Glasgower Universität vor kurzem zurückgetreten, Prof. Andrew Gray.

Berkin, 29. November. Der Geheime Medizinalrat Profeffor Dr. Liebreich, Vorsteher des hiesigen Pharmakologischen Instituts, ist schwer erkrankt.

Berkirr, 29. November. Der Wahlkampf um das Direk­torium der akademischen Lesehalle ist mit einer polizeilichen Beschlagnahme eingeleitet worden. Die national-antisemitische Part« ließ ein Flugblatt verteilen, das keine Angabe über den Drucker enthiett und daher beschlagnahmt wurde Die Antisemiten stellen 7 Kandidaten auf, darunter 2 Mitglieder des Vereins deutscher Studenten, einen Ver­treter der V.-E.-Turnerschaft, je einen Vertreter vomWingolf" und vom nationalen Verbände wissenschaftlicher Vereme, sowie zweinicht- inkorporierte" Herren. Die Fmkenschaft will eine eigene Kandidatenliste aufstellen. Die Wahl wird am 8., 9 , 11. und 12 Dezember stattfinden.

Leipzig, 29 November. Von Paris aus sind jetzt die Ein­ladungen für den im kommenden August dort stattsindenden Intern

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im Sinne der SM®5',1 daher in eine Geldstraf' A Tagen Haft zu ° ,-rurteilt. GleichM" den Meldenden TeN schirm tw, ta

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