Ausgabe 
1.10.1899 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

a ulc national- LLL'S ötoul- wttb ®efoetbp u '"buktide Arbeit "«'S des llntetuS »eiSboreit MüchiL mit feiltni

lmtm CW hebt«,

Nr. 23 i Zweites Blatt_______Sonntag den 1. Oüober

1S99

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg vierteljährlich.

N-,«g«,relS vierteljährlich

2 Mark 20 Pf, monatlich 75 Pf, mit Bringerloh«.

Xnnthit len Anzeigen |u der nachmittags für de» Mir te, erscheinenden Nummer Hl vorm. 10 Uhr.

Alle Anzeigen-VermittlungSstellen des In- und ÄullenKl nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger mtgtfw

erscheint lt,Nch mit Ausnahm« deS Rewteff.

Vie Gießener Jamitioltttter »erben dem Anzeiger wSchcntltch viermal beige legt.

Aßnts- und Zlnzeigeblutt für* den Uveis Gieren.

Aedaktion, Expedition und Druckerei:

Ach»rstr«ße Nr. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblütter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde.

Adresse für Depeschen: Anzeiger chleN», Fernsprecher Nr. 51.

H billige« wir nnd c die Uebemahme der des öffentlichen Lebens m. Dagegen Werben Allste bekämpfen.

W, zur Ausgleichung orgehen.

lofien für die Männer

welche in diesem

66S9

tte»

Apo^'

cbr;,n k-10.

pollei,1" (hep. Lite <«11^

1^®.! jitinP<-: ,t *5 $cb!jCb

e»M

Eine Versöhnung.

Fürst Ferdinand weilte dieser Tage in der öster­reichischen Hauptstadt. Das ist an und für sich nicht weiter bemerkenswert, da derBeherrscher aller Bulgaren", falls er sich nach dem Westen Europas begeben will, immer die Kaiserresidenz an der Donau Passieren muß und daselbst schon oft zu Gaste gewesen ist. Wichtig ist der diesmalige Aufenthalt insofern, als der Fürst nach langer Zeit wieder in der Hofburg erscheinen durfteund vom Kaiser Franz Josef nicht nur empfangen, sondern auch durch Verleihung eines hohen Ordens ausgezeichnet wurde. In früheren Jahren war es selbstverständlich, daß Fürst Fer­dinand, wenn er nach Wien kam, auch dem greisen Monarchen seine Aufwartung machte, aber dieses intime Verhältnis hatte vor einiger Zeit Plötzlich ein Ende genommen. Einmal konnte es der strenggläubige Franz Josef nicht vergeben, daß Fürst Ferdinand seinen Sohn, den Erbprinzen Boris, in den griechisch-orthodoxen Glauben hatte aufnehmen lassen, und dann hatte der vorige bul­garische Ministerpräsident Stoilow durch seine Indiskreti­onen es mit der österreichischen Regierung verdorben. Das Verhalten Ferdinands bei der Umtaufe seines Sohnes ist wohl von niemand gebilligt worden; denn es lief auf eine Erniedrigung vor dem Zaren hinaus, deren sich ein Fürst nicht schuldig machen durfte. Gewiß hat es ganz Europa beifällig ausgenommen, daß der Friede zwischen Sofia und Petersburg wieder hergestellt wurde, aber der­selbe Hütte auch unter billigeren, weniger erniedrigenden Be­dingungen erkauft werden können. Noch heute ist Fürst Ferdinand mit der Familie seiner verstorbenen Gattin nicht wieder ausgesöhnt worden, und bis jetzt zürnte auch Kaiser Franz Josef dem der katholischen Kirche abtrünnig Gewor­denen. Aber die Zeit heilt so viele Wunden, sie gleicht so manche Gegensätze aus, daß man auch annehmen durste, der österreichische Monarch werde den Fürsten wieder in Gnaden ausnehmen, falls genügend Gras über die Verfehlung ge­wachsen sein würde. Und das ist jetzt geschehen, dem Fürsten Ferdinand und seinem Lande leuchtet wieder die Gnadensonne des habsburgischen Herrschers.

Die in der Wiener Hofburg vollzogene Versöhnung ist Politisch nicht unwichtig. Als die Großmächte auf dem Berliner Kongreß das Fürstentum Bulgarien schufen, da dachten sie dort einen Stützpunkt für westliche Kultur zu errichten und einen Ausgangspunkt für Weiterverbreitung derselben nach dem Morgenlande hin zu finden. An dieser ihrer Schöpfung haben aber die Mächte bisher wenig Freude erlebt, und nach einem vielversprechenden Anlauf ist Bul­garien in den letzten zehn Monaten mehr und mehr zurück gesunken in Barbarei und Sittenverderbnis. Insbesondere

Der Riesenschirm aus der Pariser Weltausstellung.

M

Die Amerikaner kommen mit einer sonderbaren Idee auf die nächstjährige Pariser Weltausstellung mit einem Riesenschirm. An den einzelnen Spitzen des ganz aus Eisen und Stahl hergcstellten, über 100 Fuß hohen Bauwerks sollen Wagen hängen, in welchen dieReisenden" Platz nehmen, um einen Blick auf Paris und Umgebung zu genießen. Das ganze Unternehmen erscheint uns sehr amerikanisch

hat Stoilow sein Teil dazu beigetragen, um Bulgarien die Sympathien Europas zu verscherzen. Unter dem jetzigen Ministerpräsidenten Grekow hat man weniger von Bulgarien gehört, und das ist vielleicht ein gutes Zeichen. Es wäre wenigstens zu wünschen, daß die Sofiaer Regierung alle Pläne, die auf die Gründung eines Großbulga­rien hinauslaufen, endgiltig bei Seite legen, und sich ganz der Befestigung der inneren Zustände im Lande widmen würde. Bei der unsicheren Lage auf der Balkanhalbinsel würde eine feste Regierung in Sofia immerhin eine gewisse Bürgschaft dafür sein, daß die Dinge nicht über Nacht einmal drunter und drüber gehen. Es mag

Feuilleton.

Briefe aus der Htesidenz.

(Origtnilbericht für denGießener Anzeiger"'.)

(Nachdruck verboten.) XVIII.

Zweite Ausstellung derFreien Vereinigung Darmstädter Künstler".

Bei der großen Aufgabe, welche heute der angewandten hilft zufällt, die ja geradezu die Brücke baut, welche dem Verständnis des Laien hinüberhilft in jene rein idealen Regionen, wo alle praktischen Interessen schweigen, kann ti nicht fehlen, daß jeder größeren Ausstellung von Ge­mälden und Skulpturen jetzt auch immer eine kunst­gewerbliche Abteilung als gleichberechtigter Faktor ungegliedert wird.

In Darmstadt ist man so verfahren, daß man die Kleinkunst nicht gänzlich von der großen trennte, daß man z. D. in die Räume, welche in erster Linie dem Aufbau von. wertvollen Möbelstücken, Wandschirmen, Stickereien, keramischen Arbeiten rc. dienen sollten, auch Bilder hing, Porträts, Landschaften, Blumenstücke, dekorative Malereien, mit der bestimmten Absicht, dem Publikum die Auffassung bkizitbringen, daß dergleichen Werke nicht nur für die weiten Säle der Museen oder die Prunkgemächer der Fürsten bkstnmmt sind, daß vielmehr auch ein wohlhabender Bürger unfeerer Tage es dem mittelalterlichen Patrizier gleichthun und sich die Kunst als Hausgenossin einladen sollte.

Ein Raum, den z. B. der Geschmack eines Bruno

Paul (München) im Mobiliar beherrscht, kann an seinen Wänden auch recht wohl einen Engel ober Hofmann vertragen. Sehr gutes, tägliches Zusammensein läßt sich auch mit einigen Bildern von Bracht und vielen Kompo­sitionen von Bader denken.

Unsere ersten Firmen sind bei dem kunstgewerblichen Teil vertreten. Wenn eine Serie von modern englischen Stühlen und Sesseln, Wohnzimmerschränke, Tische, Ständer auf die Hofmöbelfabrik Trier Hinweisen, so ein entzückender Schreibtisch auf die Firma G l ü d e r t, während ein mächtiges, altdeutsches Büffet mit dem Wahlspruch:Schaffe, strebe, aber lebe!" der A l te r'schen Fabrik ein gutes Zeugnis ausstellt.

Besonders reich ausgefallen ist die Abteilung für Keramik. In dieser brilliert unter anderen Lorenz Kraus (Ekerts Nachfolger) mit sehr geschmackvollen hessischen Kunst­töpfereien. Neben ihm können sich die gleichfalls durch ihn der Sammlung überwiesenen Töpfereien von Carlo Korn- Has und Max Länger (Karlsruhe) sowie die Erzeugnisse der Poterie populaire in Paris sehen lassen.

Ohne Tif fany-Vasen, Galle-Gläser und Kunst­webereien der Schule zu Scherrebek ist eine Ausstellung selbstredend kaum noch denkbar.

In Wandteppichen, Tischdecken-, Sophakissen-Stickereien, und Ofenschirmmalereien bietet DieDarmstädter" auf engem Raum ganz Vorzügliches.

Ob wir nun Otto Ubbelohde's (München) drei­teiligen Wandschirm mit Temperamalerei auf Gobelin­leinwand bewundern, oder den feinen Geschmack studieren, der in den Kunststickereien der Damen v. Bellersheim,

fein, daß die österreichische Regierung von dem guten Willen der jetzigen Machthaber in Sofia überzeugt ist, und deshalb darf man auch im übrigen Europa den Empfang des Fürsten Ferdinand in Wien als Beweis ansehen, daß Bulgarien wieder den richtigen Weg zu wandeln entschlossen ist.

(xx)

Lokales und ProvinMes.

Gießen, den 30. September 1899.

** Von allen aus den Manövern zurückgekehrten Soldaten wird die Aufnahme, welche dem Militär in Oberhessen zu Teil wurde, recht gelobt. Waren auch insbesondere in den kleineren Ortschaften bei wenig begüterten Leuten die Quartiere oft recht primitiver Natur, so waren doch die Bewohner freundlich und boten, was sie hatten. Damit waren die Soldaten dann gerne zufrieden. Trotz der großen Strapatzen und der schlechten Witterung während der Ma« nöoer war doch der Gesundheitszustand bei der Hess. Divi­sion ein vorzüglicher.

** Die kleinen Silberzwanziger. Die Eisenbahndirektion Mainz hat bei ihren sämtlichen Kassen bekannt gemacht, daß bei der Einnahme von silbernen Zwanzigpfennigstücken nur solche Stücke unbrauchbar gemacht werden dürfen, welche eine gewaltsame Beschädigung aufweisen. Alle übrigen Zwanzigpfennigstücke, auch wenn sie durch den natürlichen Verkehr bei dem Publikum abgeschliffen sind und dadurch einen geringeren Wert erhalten haben, müssen bei sämtlichen Eisenbahnkassen des Bezirks für voll angenommen und dürfen nicht mehr ausgegeben werden.

** Eine neue Eisenbahn-Verkehrs-Ordnung tritt mit dem 1. Januar 1900 in Kraft. In dem zur Zeit dem Bundes­rat vorliegenden Entwurf derselben sind auch hinsichtlich des Aufdrucks auf den Frachtbriefen für den innerdeutschen Verkehr mehrfache Aenderungen vorgesehen, während die Größe der Frachtbriefe die roten Streifen auf den Eilgut­frachtbriefen und die Vorschriften über die Beschaffenheit des zu den Frachtbriefen zu verwendenden Papiers unver­ändert bleiben sollen. Es ist zwar vorgesehen, daß das Reichseisenbahnamt ermächtigt werden soll, zum Aufbrauch der bisherigen Formulare eine angemessene Frist zu ge­währen; immerhin empfiehlt es sich, bei Bemessung des noch zu beschaffenden Vorrats an bisherigen Frachtbrief­formularen auf die eintretenden Aenderungen jetzt schon Rücksicht zu nehmen.

** Das Jahr00". Das Jahr00" soll nun doch seine amtliche Anerkennung erhalten. Alle diejenigen Be­hörden nämlich, die zur Beglaubigung ihrer ihnen amtlich überwiesenen Aktenstücke sich eines Datumstempels be­dienen, also z. B. die Post-, Steuer- und Gerichtsbehörden befanden sich in einer gewissen Klemme gegenüber dem

Braun, Weygandt zu Tage tritt immer erstreckt sich die Aufmerksamkeit auf eine Technik, die im Dienste einer echt künstlerischen Absicht steht.

Eine reiche Auswahl an geschmackvollen und originellen Wanduhren trifft man hier gleichfalls. Auch eine kleine Standuhr" aus Birnbaumholz und vergoldeter Bronze (Heinrich Kimmel, Erbach i. O.) lockt zur Erwerbung.

Die Glaslilder von Karl Ule (München) (Abend- landschaft Nacht Hansaschiff) und die Fenster in amerikanischem OpalescentglaS, nach Entwürfen von Hans Christiansen ausgeführt von Friedrich Endner (Darm­stadt). zeigen, daß unsere Zeit auch in der Kunst der Glas­mosaik, wie der Glasmalerei neue Techniken erobert hat.

Angenehm gefesselt wird das Auge auf dem Gebiete der Kleinkunst durch die Kunstschmiedearbeiten in echtem Silber, mit welchen die Hofsilberwarenfabrik E. L. Viet or (Darmstadt) ihre Visitenkarte abgegeben hat. Die Vasen mit dem Iris und Chrysanthemum Motiv sind Schaustücke, die einer Kaisertafel zur Zierde gereichen können.

Die großen und kleinen Räume des Kunstvereinslokals präsentieren sich auch bei trübem Wetter sehr günstig, weil überall elektrische Beleuchtung hineigelegt ist, und die mon­tierten Muscheln und Birnen ihren sanften und doch starken Glühglanz über alle Gegenstände verbreiten.

An dem Regentage des 28. September beehrten die kaiserlich russischen Herrschaften um 4 Uhr nachmittags die Ausstellung und machten verschiedene Einkäufe. Der Kaiser erwarb den Bracht'schenBirkenwald", die Kaiserin die HolzfigurCharitas" von Georg Busch. -ich.