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Prozeß Dreyfus.
Rennes, 30. August.
Die heutige Sitzung wurde um 6 Uhr 40 Minuten eröffnet. Als erster Zeuge wurde Paul Heyer, Direktor -er Ecole des Charles verhört. Derselbe erklärte, er habe bereits zweimal seine Ansicht über das Bordereau vor dem Schwurgericht und vor dem Kassationshofe abgegeben. Er habe in dem Bordereau nicht die Schrift Esterhazys erkannt, er könne aber nicht versichern, ob dieselbe von der Hand Esterhazys herrühre, bis er das Original in Händen gehabt. Aus dem ihm vorgelegten Original glaubt er versichern zu können, die Handschrift Esterhazys wieder zu erkennen. Zeuge unterzieht dann das System Bertillons einer scharfen Kritik und drückt die Meinung aus, man könne sich auf die Aussagen Bertillons nicht verlassens
Hierauf wird Professor Molliniöre von derselben Schule verhört. Auch er zieht dieselben Schlüffe aus der Untersuchung, wie man sie an der Hand des Bordereaus feststellen konnte und weist dabei auf die Wichtigkeit verschiedener Vergleichs-Schriftstücke hin und macht die Mitglieder des Kriegsgerichts auf den viel besprochenen Satz aufmerksam: Ich reise ins Manöver, der auch in anderen Briefen Esterhazys vorkommt. Einer der Richter fragt den Zeugen, ob er nicht vor dem Kassationshofe gesagt habe, Esterhazy habe seine Schrift nach der Publikation des Bordereaus verändert, um den Verdacht von sich abzulenken. Muliniere erwidert, er habe das allerdings gesagt. General Mercier erhebt sich und fordert, daß der Brief eines Herrn Grenier (eines Bekannten Esterhazys) verlesen werde, in welchem erklärt werde, warum Esterhazy seine Schrift veränderte. Der Brief wird verlesen. Man glaubt im Saale zuerst, der Brief werde Esterhazy irgendwie entlasten. Das Erstaunen ist daher allgemein, als der Brief statt dessen nur konstatiert, daß Esterhazy seine Schrift wirklich verändert hat. Die Schrift, die früher eckig gewesen, ist rund geworden. Labori sagt, das bekräftigt doch, wenn ich recht verstehe, die Aussage des Professors Molliniöre. Wenn Esterhazy seine Schrift nach 1894 verändert hat, geschah es, weil er vorhersah, daß er verfolgt werden würde. General Mercier erwidert, er habe seine Aussage gemacht, um in diesem Punkte die Aussage Molliniöres zu bestätigen.
Professor Giry stimmt dem Urteil der beiden Zeugen zu und erklärt, es bestehe zwischen den Handschriften von Dreyfus und Esterhazy eine gewisse Aehnlichkeit. Eine genaue Analyse jedoch zerstöre diesen ersten Eindruck und lasse eine Menge Verschiedenheiten erkennen. Auf eine Frage Laboris bemerkt Zeuge, daß eine Veränderung der Handschrift Esterhazys seit 1894 nicht besonders deutlich hervortrete. Labori fragt hierauf: Hat General Mercier vorhin sagen wollen, Esterhazy hat seine Schrift so verändert, daß sie sich von der Schrift des Bordereaus entferne oder daß sie sich ihr nähere. General Mercier entgegnet, ich habe gesagt, daß sich die Schrift Esterhazys dem
Feuilleton.
Jrankfurter Brief.
Ortginalbericht für den „Gießener Anzeiger".
(Nachdruck verboten.) Egmout im Opernhause. — Frankfurt an Festabenden. — Goethe im Schneider'schen Kuustsalon. — Die Anfichtspostkarte.
Dr. M. So wie die lokalen Verhältnisse eben liegen, kann eine Festvorstellung im richtigen Stil nur im Opernhause stattfinden. Die Komparserie, welche ein „Götz" oder „Egmont" benötigen, kann sich auf der Bühne des alten Schauspielhauses schlechterdings nicht entfalten. Und doch ist das Opernhaus nicht der geeignete Platz für das gesprochene Drama, mag auch die Akustik noch so gut sein. Intimere Wirkungen können da nicht wohl aufkommen. Alle Szenen natürlich, die auf den Straßen in dichtem Volksgewühl spielen und die Menschen in hellen Haufen auftreten lassen, finden daselbst viel Spielraum. Anders ist es jedoch bestellt um die Bilder im kleinen, knappen Rahmen, zu welchen z. B. alle die Auftritte gehören, die fich in der Wohnung Clärchens abspielen.
Es war übrigens ein wunderschönes Ensemble, das dieser Festvorstellung, zu ihrem mächtigen Eindruck verhalf. Der von Emil Claar gedichtete, die Gefühle der Hörer aufwärts ziehende Prolog, den Frl. Charlotte Boch sprach, und das „lebende Bild" mit den Charaktertypen aus
Bordereau genähert hat. Labori verbeugt fich gegen Mercier. | Es tritt jetzt eine Pause ein. Während derselben verlautet, daß morgen zeitweilig die Oeffentlichkeit ausgeschlossen werden soll, weil ein Teil der technischen Diskussion dies erfordere.
Nach der Pause wird Picot, Mitglied des Instituts de France verhört. Er soll über eine Unterredung aussagen, die er mit einem fremden Militär-Attachs gehabt hat. Picot erzählt, er habe im Mai die Ehre gehabt, in einem befreundeten Hause den österreichischen Militärattache, Obersten Schneider zu treffen. Regierungs - Kommissar Carriörs fährt wütend auf: Soll das Diskretion sein? Ich protestiere im Namen der Regierung und des Staates gegen die Indiskretion des Zeugen. Picot fährt fort: Der Attache einer fremden Botschaft, wie er sich also ausdrücken werde, habe es als seine Gewissenspflicht betrachtet, laut die völlige Unschuld Dreyfus zu proklamieren. Er habe weiter die Haltung der französischen Offiziere scharf ge- mißbilligt, welche das Wort anderer Offiziere hätte in Zweifel setzen können. Der betreffende Militärattache habe ferner gesagt, daß Esterhazy ein Hauptbetrüger sei. Von den im Bordereau aufgezählten Dokumenten käme nur dreien wirklicher Wert zu, die Nummern 1, 3 und 7. Ihm, dem Zeugen, sei es ausgefallen, daß der Attachö mit größter Bestimmtheit immer nur von der Wassergrenze, nie von der Wasserluftgrenze gesprochen habe, und er habe sich gefragt, ob man in Hypothesen Über dieses Wort nicht weiter gegangen sei, als möglich war. DerAttachö habe wiederholt dieWert- losigkeit der Dokumente Nr. 2 und 4. betont. Mit Esterhazy habe man nichts weiter zu thun haben wollen, so habe der Attache bemerkt, weil er ein Betrügersei. Zu derselben Zeit, als der Betrug aufgedeckt worden sei, habe Esterhazy Schritte unternommen, um sich Eintritt in das Ministerium zu verschaffen. Auf ein neues Angebot Esterhazys habe der fremde Abnehmer mit der bekannt gewordenen Rohrpostkarte geantwortet (Petit bleu) und sich selbst gesagt: Nein ich kann entschieden keine Verbindung mit* dem Manne eingehen. (Bewegung). Zugleich habe er den Rohrpostbrief wieder zerrissen und in den Kamin geworfen. Wie die Papierfetzen aus dem Kamin wieder herausgekommen, das könne er, Zeuge, nicht sagen, denn der fremde Militär-Attache habe ihm darüber nichts mitgeteilt. General Roget bittet ums Wort. Er sagt, zu Picot gewendet: Was hält der ehrenwerte Zeuge von einem fremden Militär-Attachö, welcher im „Figaro" in einem sensationellen Dementi ableugnet, ein Dokument geschrieben zu haben und hinterher sagen muß, daß er es doch geschrieben habe. Picot antwortet, er habe die Unterredung wiedergegeben, wie er sie gehört habe, einen Kommentar füge er nicht hinzu. General Roget: Wenn hier Zeuge Picot behauptet, die Unterredung habe im Mai ftatt- gefunben, so bemerke ich, daß im Mai die Enquete der Kriminalkammer stattfand. Ich überlasse dem Kriegsgericht, daraus den gehörigen Schluß zu ziehen. Es folgt die Vernehmung des Artillerie-Generals Deloye. Damit beginnt
Goethes Dramen half die Stimmung sehr glücklich vorbereiten. Dekorationsmaler und Kostümschneider hatten ihren rühmlichen Anteil an der prächtigen Inszenierung. Für stilvolle Dekorationen ist Wien noch immer die hervorragendste Theaterstadt. Die neuen Stücke werden größtenteils von Berlin bezogen, aber das Gewand läßt man sich von den Künstlern kommen, welche die Hosburg an der Donau versorgen, wenigstens ist das der Fall mit den Kulissen. Frankfurter Garderobiere hatten indessen die Kostüme für den „Egmont" geliefert. Die Worte, mit welchen „Schneider Jetter" seine Freunde auf das neue Hofkleid des Grafen, das ganz nach spanischem Schnitt sei, aufmerksam macht, gewannen dadurch thatsächlich einen doppelten Sinn, denn das Kostüm, welches Herr Barthel trug, war wirklich von ausgesuchter Noblesse.
Als wir uns von der Egmont-Vorstellung, der wir freilich nicht bis zum Schluß beiwohnen konnten, zum Bahnhof begaben, war es schwierig, sich durch die von Menschen überfüllten Straßen hindurchzuwinden. Der Regen hatte aufgehört, und man konnte wieder in aller Gemächlichkeit die reiche, stellenweise höchst sinnige Illumination bewundern. Das Wort „Gemächlichkeit" paßt freilich für eine solche Promenade nicht ganz. Gemächlich und gemütlich ist es nach 10 Uhr abends auf den Frankfurter Straßen auch nicht mehr. Das „alte Frankfurt", für das diese Bezeichnung gelten durfte, zieht sich immer mehr vor dem „modernen", großstädtischen zurück, wird von diesem
die technische Diskussion des Bordereaus. Zeuge wiederholt seine Aussage vor dem höchsten Gericht, wonach das Begleitschreiben nur von einem Artillerie-Offizier herrühren könne. Er behauptet, das 12 Centimeter Geschütz, wovon das Begleitschreiben spricht, sei das kurze haubitzenartige, obschon dies nicht gesagt fei und daß Dreyfus es habe kennen können, ebenso wie die Wasserluft-Bremse, welche in dem Begleitschreiben gemeint sein müsse. Dreyfus erklärt, er habe das 12 Centimeter-Geschütz zweimal im Kasernenhofe gesehen, doch sei es niemals in seiner Gegenwart abgefeuert worden. Regierungs-Kommissar Carriöre verliest jetzt ein Schreiben des Kriegsministers, welcher ankündigt, daß er weitere Schriftstücke für die Dreysus-Sache schicke, aber den Ausschluß der Oeffentlichkeit verlange.
Der Gerichtshof beschließt, morgen eine geheime Sitzung stattfinden zu lassen. Um 11 Uhr 50 Minuten schließt die heutige Sitzung.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. August. Die Beförderung des Kriegsministers v. Goßler zum General der Infanterie wird dem Vernehmen nach am 1. September, dem Tage der großen Herbstparade über das Gardekorps, erwartet. Mit seiner Beförderung dürfte gleichzeitig diejenige des Generalleutnants v. Stülpnagel, kommandierenden Generals des 5. Armeekorps, erfolgen.
Berlin, 30. August. Korvettenkapitän Gühler vom Reichsmarineamt ist zum Marineattach« bei der Gesandtschaft in Tokio, und Kapitänleutnant v. Rebeur-Pasch - witz, bisher Marineattachö bei der Gesandtschaft in Tokio, zum Marineattachs bei der Botschaft in Washington ernannt worden.
Berlin, 30. August. Wie die „Post" erfährt, beruhen die Nachrichten, welche von einer ernsteren Beschädigung des Küstenpanzerschiffes „Aegir" gelegentlich seines Zusammenstoßes mit einem englischen Handelsdampfer sprechen, auf Uebertreibung. Es handelt sich vielmehr lediglich um eine Eindrückung einiger Platten des Schiffskörpers an dem un- gepanzerten Bug des „Aegir", deren Reparatur nur kurze Zeit in Anspruch nehmen wird.
Berlin, 30. August. Beter anenbeihilf en. Nachdem durch das Gesetz vom 1. Juli d. I. die zur Gewährung laufender Beihilfen an ehemalige Kriegsteilnehmer bestimmten Summen eine derartige Erhöhung erfahren haben, daß die hervorgetretenen Ansprüche in weitgehendster Weise befriedigt und von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, sämtliche in den Listen notierten Anwärter berücksichtigt werden konnten, ist auf die Bereitstellung weiterer Mittel zu dem angegebenen Zweck nicht zu rechnen. Es sind daher einer höheren Orts ergangenen Anweisung zufolge alle weiter eingehenden Gesuche auf Bewilligung der in Rede stehenden Beihilfen einer besonders sorgfältigen Prüfung zu unterziehen. Jedenfalls sind die Erfordernisse aufgesogen. Vielleicht hat es seine letzte große Rolle in diesen Goethe-Tagen gespielt, und eine spätere Generation muß sich erst wieder künstlich zu ihmhintasten. Am Tage finden wir es noch am „Römerberg" um den „Hirschgraben" herum, aber der Abend gehört der breiten Kaiserstraße, auf welcher der Verkehrslärm dem der Berliner Friedrichs- straße bald nicht nachstehen wird.
In sehr sinniger Weise hatte der Sch neid er' sch e Kunst salon an Goethe gedacht, indem er seine Erker mit den duftigen, farbentiefen Aquarellen schmückte, die H. Hendrichs zum Goethe'schen „Märchen mit der Schlange" gemalt hat. Der Thüringer Hendrichs, der die Spuren der deutschen Sage mit Vorliebe verfolgt, hat in diesem Cyklns den Stimmungsgehalt der schlichten Goethe'schen Dichtung so treu zum Ausdruck gebracht, wie anderswo die gewaltige Poesie des Wagner'schen Naturmythus.
Bis in die späten Abendstunden hinein schrieen Händler ihre „Denkmünzen" und „Ansichtspostkarten" aus. Mit letzteren blühte der Handel wie noch nie, pflanzte sich sogar in Straßen fort, die dem Brennpunkt der Festlichkeiten ferner lagen. Viel verlangt wurde die als offiziell abgestempelte Karte, welche im Farbendruck den jungen Goethe zeigt, nach einem im Besitz des Hochstifts befindlichen Bilde. Infolge der Nachfrage war der Preis dieser Karte, -die am Samstag für 25 Pfg. zu haben war, am Montag auf 50 bis 70 Pfg. gestiegen!


