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1.8.1899 Drittes Blatt
 
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9ir. 178 Drittes Blatt. Dienstag den 1. August

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Fernsprecher Nr. 51.

Deutsches Keich.

Berlin, 29. Juli. Die Hohenzollern" ist, um Kohlen für die Rückfahrt einzunehmen, in Bergen em- getroffen. Die Abreise erfolgt voraussichtlich Sonntag abend. Die Kommandanten der in Bergen lagernden englischen Schiffe haben gestern abend an Bord derHohenzollern" gespeist. Samstag fand ein Frühstück bei dem deutschen Konsul statt. Es regnet andauernd.

Die Abreise der Kaiserin und ihrer Kinder von Berchtesgaden wird neueren Bestimmungen zufolge am 5. August stattfinden. Wie bereits mitgeteilt, siedelt die kaiserliche Familie nach Schloß Wilhemshöhe über, wo sie längere Zeit zu verweilen gedenkt mit Ausnahme der drei ältesten Prinzen, und zwar des Kronprinzen Wilhelm und der Prinzen Eitel Friedrich und Adalbert, welche am 9. August zur Fortsetzung ihrer Studien wieder im Prinzenhause zu Plön ihren Einzug halten werden. Als Abschiedsgruß wird die Einwohnerschaft Berchtesgadens den hohen Herrschaften am Abend vor der Abreise eine großartige Huldigung dar­bringen, deren Einzelheiten noch nicht bestimmt sind. Die Geburtstagsfeier des Prinzen Oskar und die in Aussicht genommenen Veranstaltungen von der Einwohnerschaft Berchtesgadens und Umgegend ist trotz des am Abend ein­getretenen Regens in glänzender Weise verlaufen. Wie von dort geschrieben wird, brachte die Kapelle der Bamberger Kaiser-Ulanen dem Geburtstagskind um 8 Uhr morgens ein längeres Ständchen, und abends bot das Berchtesgadener Thal einen geradezu märchenhaften Anblick. Während die Musikkapelle vor demGrand-Hotel" spielte, wurden auf den hohen Bergen der Umgegend zahlreiche Almfeuer an­gezündet. Der ehrwürdige Watzmann war in glühend­rotes bengalisches Licht getaucht, und von seinen beiden Gipfeln stiegen zahllose farbige Raketen in die Höhe. Durch das sogen.Weihnachtsschießen" der Bauernburschen wurde die Wirkung des von der Sektion Berchtesgaden des deutsch- ssterreichischen Alpenvereins, sowie des Verschönerungs­vereins der Stadt veranstalteten Feuerwerks noch erhöht. Die Kaiserin nahm, in einem Armsessel ruhend, von ihrem Empfangszimmer aus an den Festveranstaltungen teil und war Gegenstand lebhafter Huldigungen der festlich erregten Volksmenge, während die kaiserlichen Kinder teilweise um die Mutter, teilweise auf dem vor dem Zimmer befindlichen Balkon weilten. Der Geburtstagstisch des 11jährigen Prinzen Oskar war natürlich überreich mit Geschenken be­deckt; auch der Kaiser hatte im hohen Norden seines Sohnes gedacht und außer einem Glückwunschschreiben einige hübsche

Geschenke gesandt. Die Mitte des Tisches nahm ein mächtiger Blumenstrauß ein, welchen die Bürgerschast des Ortes dem kaiserlichen Geburtstagskind durch ein junges Bauernmädchen in der altgeschichtlichen Tracht überreichen ließ. Die Ge­burtstagsfestlichkeiten erreichten erst in später Abendstunde ihr Ende, und auch die Kaiserin blieb bis zum Schluß, ohne irgend welche Ermüdung zu zeigen, am Balkonfenster sichtbar.

Berlin, 29. Juli. Wie der Post mitgeteilt wird, ver­lautet in Lehrerkreisen, daß seitens des Unterrichtsministers eine Erläuterung zu dem sogenannten Züchtigungs- Erlaß ausgearbeitet wird, welche alle Bedenken, die grade von Lehrern gegen die Verfügung geäußert worden sind, zu beseitigen im stände sein wird.

Jn Friedrichsruh traf Freitag mittag eine aus sechs Herren bestehende Abordnung von Ehrenmitgliedern und Mitgliedern des königlich sächsischen Militärvereins Deutscher Kriegerverein zu Glauchau" ein, um am Sarge des Fürsten Bismarck einen massiv silbernen Lorbeerkranz niederzulegen, auf dessen Schleise die Widmung steht:Dem Schöpfer des Deutschen Reiches". Nach der ebenso kurzen wie erhebenden Trauerfeier in der Gruftkapelle begab sich die Abordnung auf Einladung des Fürsten Herbert Bismarck ins Schloß hinab, wo dieser den Herren bewegten Herzens dankte für die seinem entschlafenen Vater bewiesene Treue und Anhänglichkeit. Der Fürst gab insbesondere seiner Freude darüber Ausdruck, wie gerade die sächsischen Städte bei Lebzeiten seines Vaters wiederholt Beweise ihrer Ver­ehrung gegeben hätten, wie sie nun auch nach dem Tode des Fürsten noch in Dankbarkeit desien Andenken bewahrten. Die Herren wurden dann noch ins Stcrbezimmer geführt, in dem die Riesenmenge der bisher eingegangenen Kränze nach Möglichkeit untergebracht worden ist.

Die Ernennung von Bibliothekaren. Die Ernennung eines Berliner Privatdozenten zum leitenden Bibliothekar der Landesbibliothek in Wiesbaden hat die preußischen Bibliotheksbeamten sehr verstimmt. Sie be­dauern, daß kein Fachmann an die Spitze der Bibliothek gestellt wurde. Die jetzige Ernennung bedeute die Umkehr zu dem früheren System, Universitätslehrer als Bibliothekare anzustelleu, das man nach den trüben Erfahrungen ver­gangener Zeiten und der seit den letzten Jahrzehnten ge­übten, für die Bibliotheken und unser ganzes Bibliothek­wesen geradezu Epoche machenden und überaus erfolgreichen Praxis für immer abgethan glaubte. In einem Schreiben heißt es dann weiter: Die Anstellungsverhältnisse sind namentlich in letzter Zeit so schlecht geworden, daß die so­eben Angestellten bereits volle zehn Jahre im Bibliotheks­

dienste thätig sind und das 36. Lebensjahr überschritten haben, unseres Erachtens wahrlich Grund genug für die oberste Spitze der preußischen Biliotheksverwaltung, auf ein schnelleres Aufrücken der Beamten Bedacht zu nehmen und es nicht noch durch Ernennungen nach Art der Wiesbadener zu verschlechtern.

Heer und Arbeitsvermittelung. Aus dem Hannoverschen wird derT. R." geschrieben: Der Kriegs­minister hat neuerdings die königlichen Generalkommandos angewiesen, Bestrebungen, die entlassenen Soldaten wieder dem Lande und der landwirtschaftlichen Arbeit zuzuführen, zu unterstützen. Die Kommandosielleu lassen infolgedessen die Listen derjenigen Mannschaften, welche eine Arbeitsstelle innerhalb des Bezirks einer bestimmten Landwirtschasts- kammer wünschen, der betreffenden Kammer zustellen.

Kaiser Wilhelm-Denkmal in Straßburg- Professor von Zumbusch war bekanntlich vor einiger Zeit von dem Vorstande der Universitätsbibliothek zu Straßburg i. E. mit der Ausarbeitung eines Entwurfes für ein Kaiser Wilhelm-Denkmal beauftragt worden. Der Künstler hat nunmehr das Modell zu dem Denkmal fertiggestellt und es nach Straßburg gesandt, wo es am 3. September vom Kaiser besichtigt werden wird. Das Modell stellt den greisen Kaiser in aufrechter Stellung in der Infanterie Generals- Uniform mit Helm dar. Die linke Hand umfaßt den Degen­knauf, die rechte die Widmungsrolle für die genannte Bib­liothek, die seiner Zeit von dem Kaiser gegründet worden ist. Die ganze Gestalt wird von einem Mantel mit losem Faltenwurf umschloffen. Der Gesichtsausdruck ist wohl getroffen und zeigt jene Milde, die dem alten Kaiser eigen war. Der Sockel wird umgeben von Palmen und Lorbeer und trägt die in Goldschrift auszujührende Widmung: Wilhelm der Große".

Die Augen derKöniginvon England. Bor einiger Zeit verlautete, daß die greise Königin ihres hohen Alters wegen so schwachsichtig geworden sei, daß der Zustand der Augen fast an Blindheit grenze. Zur Behandlung wurde der bekannte deutsche Augenarzt, Prof. Pagen steche r aus Wiesbaden, zugezogen. Dieser hat nun während der letzten 10 Wochen die Augen der Königin sorgfältig beobachtet und es wird jetzt gemeldet, daß die Bemühungen des be­rühmten deutschen Arztes sehr glücklich ausgefallen sind. Das Augenlicht ist jetzt nicht mehr gefährdet und eine Operation wird nicht nötig sein. Die Königin trägt nur sehr starke schwarzgeränderte Brillen von ungewöhnlicher Größe, die Professor Pagenstecher für sie angeordnet hat. Die eine wird von ihr beim Lesen oder Schreiben, die

Feuilleton.

Johann Gutenbergs MMriger Geburtstag.

Von Hans R. Fischer.

(Nachdruck verboten.) Seht ihn mit Ehrfurcht an, Gutenberg ist der Mann, Der ewig lebt!

Würdig der Huldigung, Denn zu dem kühnsten Schwung Brack er dem Geist die Bahn, Die ihn erhebt."

(Altes Volkslied.)

Deutschland hat manchen seiner großen Söhne darben urfb verkümmern lassen, aber keiner hat mehr des Volkes Undank erfahren, als Johann Gutenberg, der Erfinder der Buchdrucktrkunst. Im Leben ging es dem Herrlichen zum Teil tief traurig; andere beuteten seine Erfindung aus, und wollten sogar die Großthat für sich in Anspruch nehmen. Aber die Geschichte ist gerecht; heute wird niemand mehr daran zweifeln, daß Gutenberg allein der Ruhm der Er­findung gebührt; auch das Ausland neigt sich zustimmend. Noch im Jahre 1823 konnte die niederländische Stadt Harlem eine große Feier für ihren Coster, der angeblich den Druck geschaffen, veranstalten; doch dann regte es sich mächtig im VaterlÄnde des wirklichen Meisters. Schon zu Anfang dieses Jahrhunderts war in Mainz, der Vaterstadt Guten­bergs, an die Gewissen appelliert worden; denn so unglaub­lich es klingt: er war seit Jahrhunderten vergessen worden. Selbst Napoleon I., unter dessen Herrschaft Mainz ge­kommen war, konnte sich nicht dem Genius Gutenbergs ent­ziehen. Er ehrte ihn auf eigene Art. Der Cäsar verfügte am 1. Oktober 1804:In dem Kaiserlichen Palaste zu

Mainz. Napoleon, Kaiser der Franzosen, verordnet wie folgt: Art. 1. Es soll in der Stadt Mainz, in dem Bezirke der Dompropstei, ein neuer Platz errichtet werden. Dieser Platz soll einen Flächeninhalt von 10- bis 12,000 Meter haben. Art. 2. Die in diesem Bezirk liegenden National­häuser, die nötig sind, um diesen Platz zu bilden, sollen niedergerissen werden. Art. 3. Die Achse dieses Platzes soll vom Tiermarkt gegen den Gemüsemarkt gerichtet sein. Seine Hauptlinie wird durch die achteckige St. Sebastians- kapelle, welche abgerissen wird, gehen. Auf diesem Platze soll eine Stelle zur Erbauung eines Theaters Vorbehalten bleiben. Art. 4. Dieser neue Platz wird den Namen Gutenbergs, des Erfinders der Buchdruckerkunst, führen . . . Art. 7. Die Minister des Innern und der Finanzen sind mit dem Vollzug dieses Dekrets beauftragt. Napoleon. Auf Befehl des Kaisers, Maret, Staatssekretär."

Hinreißender ist die Huldigung, die Napoleons Stell­vertreter in Mainz, der Präfekt Jeanbon St. Andr«, am 6. April 1804, in der Sitzung der Gesellschaft zur Beför­derung der Künste und Wissenschaften im Departement Donnersberg, den Manen Gutenbergs darbrachte:Der Tag wird kommen, wo das Andenken Gutenbergs gerächt, das Vergeffen gut gemacht werden wird, wo die Weisen von ganz Europa es als heilige Pflicht ansehen werden, jeder einen Stein auf sein Grab zu tragen und ihm ein einfaches, aber hehres Denkmal zu errichten, auf dem sein Name mit unauslöschlichen Buchstaben wird geschrieben werden. Man wird einsehen, daß, wenn die Vergangenheit durch die Gegenwart übertroffen wird, es Gutenberg allein ist, dem wir dies verdanken." Der Mahnruf griff an die Herzen, aber ehe man sich zur That aufraffte, verstrich wieder eine geraume Zeit. Es war schon viel erreicht, als die Mainzer Kasinogesellschaft ihrem Hause auf dessen Terrain einst das Stammhaus der Mutter Gutenbergs ge­

standen haben soll den NamenHof zum Gutenberg" aufs neue gab. Ja, nach einigen Jahren setzte man ihm im Garten der Gesellschaft ein von dem Bildhauer Scholl geformtes Standbild, das Professor Lehne mit einer tief­empfundenen Inschrift schmückte:

Was einst Pallas Athene dem griechischen Forscher verhüllte, Fand der denkende Geist deines Geborenen, o Mainz!

Völker sprechen zu Völkern, sie tauschen die Schätze des Wissens; Mütterlich-sorgsam bewabrl, mehrt sie die göttliche Kunst;

Sterblich war einst der Ruhm, sie gab ihm unendliche Dauer, Trägt ihn von Pole zu Pol, lockend durch Thaten zur That; Stimmer verdunkelt der Trug die ewige Sonne der Wahrheit, Schirmend schwebt ihr die Kunst wolkenverscheuchend voran Wandrer, hier seine den Edlen, dem so viel Gröhes gelungen; Jedes nützliche Werk ist ihm ein Denkmal des Ruhms."

Der Samen war ausgestreut, und langsam sproßte es empor; im engeren, wie im weiteren Vaterlande, und selbst im Auslande besannen sich die Menschen immer mehr darauf, welch ansehnliche Schuld an Gutenberg abzutragen sei. Freudig wurde dem Gedanken, den Meister durch ein wür­diges Monument an der Stätte seiner Geburt zu ehren, zugestimmt. Vielleicht interessieren darüber einige Zahlen. Es spendeten für das in Mainz zu errichtende Denkmal: Mainz selbst 10,382 Gulden, das Großherzogtum Hessen 1403 Gulden, andere deutsche Länder 5452 Gulden, König Louis Philipp von Frankreich 800 Gulden, Rußland (da­von die Moskauer Akademie 452) 470 Gulden, Belgien 14 Gulden, Ungarn 10 und die Schweiz 9 Gulden. Zum Glück fand sich auch der Künstler, welcher Gutenbergs würdig war: Albert Thorwaldsen. Ein Mainzer Maler, Dr. Eduard v. Heuß, hatte Anfang der 30er Jahre den Meister für den Denkmalsplan zu entflammen gewußt, und mit jugendlicher Begeisterung und Selbstlosigkeit ging Thorwaldsen darauf ein. Er verzichtete auf jedes Honorar Der Künstler nahm den Auftrag im Sommer 1832 an doch die Neberlastung mit anderen Arbeiten ließ das Mode.