Ausgabe 
1.7.1899 Erstes Blatt
 
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Nr. 15% Erstes Blatt. Samstag den 1. Juli

L899

Gießener Anzeiger

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Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Teil.

Bekanntmachung, betreffend: Feldbereinigung Ningelshausen; hier Herstellung des Langder Wegs.

ES wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß wegen einer teilweisen Verlegung des Feldwegs von Ringelshausen nach Langd in der Gemarkung Ringelshausen, dieser Weg zurzeit bis zu der etwa am 12. Juli erfolgen­den Vollendung der Arbeiten für Fuhrwerke unpassierbar und daher für den Fuhrwerksverkehr gesperrt ist.

Gießen, den 29. Juni 1899.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

Bekanntmachung,

betreffend: Die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe.

Auf Grund des § 105 b Abs. 2 der Gewerbe-Ordnung rrnd des § 2 der Bekanntmachung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 26. März 1892 wird anläßlich .des in der Zeit vom 2. bis 9. Juli 1899 dahier ftatt- findenden 17. Verlandsschießens des Bad. Landes-Schützen- oereins, des Pfälz. und Mittelrhein. Schützenbundes für

Sonntag, den 2. Juli 1899

die Verkaufszeit für das Handelsgewerbe auf die Stunden von 11 Uhr vormittags bis 7 Uhr nachmittags ausgedehnt.

Gießen, den 26. Juni 1899.

Großherzogliches Polizeiamt.

Muhl.

Bekanntmachung.

Betr.: Die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe.

Wir bringen hiermit zur Kenntnis, daß außer den in unserer Bekanntmachung vom 26. l. Mts. für das Handels­gewerbe sreigegebenen Stunden von 11 Uhr vormittags bis 7 Uhr abends die Verkaufszeit weiter auf die Stunden von 7 bis 9 Uhr vormittags ausgedehnt wird.

Gießen, am 30. Juni 1899.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

__________________Muhl._________________

Bekanntmachung.

Betr.: Die Beaufsichtigung der Hunde in der Provinzial- Hauptstadt Gießen.

Nach § 2 der obigen Verordnung vom 20. Januar 1882 ist das Mituehmeu von Hunden zu öffentlichen Fest­lichkeiten verboten.

Wir bringen hiermit diese Vorschrift mit den Anfügen in Erinnerung, daß demgemäß auch auf dem Festplatz auf dem Trieb Hunde nicht mitgebracht werden dürfen.

Zuwiderhandlungen, die Geldstrafe bis zu 30 Mark nach sich ziehen, müssen zur Anzeige gebracht werden.

Gießen, den 30. Juni 1899.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

__Muhl._________________

Bekanntmachung.

Auf Grund des Art. 56 Ziff. 28 der Städte-Ordnung werden aus Anlaß des bevorstehenden Schützenfestes für den 2. und 3. Juli l. Js. die nachstehenden Anordnungen -getroffen:

1. Alle in der Grünbergerftraße verkehrenden Fuhrwerke haben stets die rechte Seite der Fahrbahn, von der Fahrrichtung aus gerechnet, einzuhalten.

2. Das Aufstellen von Fuhrwerken auf den Straßen ist ohne dringende Veranlassung gänzlich untersagt.

Zuwiderhandlungen werden nach § 366, 10 des R. Str. G. B. mit Geldstrafe bis zu 60 Mk. event. mit Haft bis zu 14 Tagen bestraft.

Gießen, den 30. Juni 1899.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Muhl._______________

Deutsches Reich.

Berlin, 29. Juni. Ueber den Erfolg des Statsministers Strenge in der Koburger Thronfolgefrage,

worüber im Landtage morgen Bericht erstattet werden soll, wird aus Koburg gemeldet, daß der Herzog von Albany präsumtiver Thronfolger wird. Die Herzogin hat, nachdem durch die Mission des Ministers alle Schwierigkeiten be­seitigt sind, ihre Reise nach London aufgegeben.

M.P.C. Berlin, 29. Juni. Die letzthin eingegangene englische Antwort auf die deutschen Vorschläge zur Gewinnung eines neuen handelspolitischen Abkommens mit England werden voraussichtlich dem­nächst auch dem wirtschaftlichen Ausschuß zur Vorbereitung handelspolitischer Maßnahmen unterbreitet werden.

M.P.C. Berlin, 29. Juni. Man schreibt uns aus Regierungskreisen: Einige Blätter haben dieser Tage den Geheimen Ober-Regierungsrat von Philippsborn aus dem Ministerium des Innern zum Regierungspräsidenten zu ernennen und nach Hildesheim zu versetzen unternommen. Diese Meldung wird an zwei Stellen dementiert. Ob sie nach einiger Zeit als richtig sich erweisen dürfte, bleibt abzuwarten. Geh. Negierungrat v. Philippsborn gilt schon seit längerer Zeit als Kandidat für einen freiwerdenden Regierungspräsidentenposten. Andererseits möchte man ihn in leitenden Kreisen gern in Berlin festhalten, weil er, wie kaum ein zweiter Beamter der inneren preußischen Ver­waltung, vertraut ist mit allen persönlichen und sachlichen Verhältnissen, welche bei der Entwicklung der politischen Dinge in den letzten 10 bis 20 Jahren in hohem Maße in Betracht gekommen sind. Geh. Rat von Philippsborn hat seinerzeit die sogenannte Umsturzvorlage in erster Linie ausgearbeitet, er wohnte auch den Verhandlunden des Reichs­tags über das sogenannte Zuchthausgesetz bei.

Herne. 29. Juni. Die Straßen von Herne bieten seit den frühesten Morgenstunden ein bunt bewegtes Bild, in welchem die zur Ausvechrerhalwng der Ordnung hierher beorderten Truppen eine hervorragende Rolle spielen. Vör­den Schaltern des Poft- und Telegraphen-Amtes herrscht unentwegt dichtes Gedränge. Die Beamten können nur durch äußerste Anstrengung allen Wünschen gerecht werden. Im ganzen befinden sich jetzt in Herne etwa 2000 Mann Militär. Gestern wurden zur größeren Sicherheit der Agitator Dobrozeski und der Sozialistenführer Adamski in Haft genommen. Von den vorgestern schwer Verwundeten sind wiederum zwei gestorben, sodaß die Zahl der Ge­storbenen jetzt 5 beträgt. 12 bis 15 Personen sind schwer verwundet.

Ausland.

Oschatz, 29. Juni. In den hiesigen Steinbrüchen erfolgte durch die Unvorsichtigkeit eines Arbeiters eine furchtbare Explosion. Ein Arbeiter wurde getötet, vier andere verletzt.

Paris, 29. Juni. Dreyfus wird in der Nacht zum Sonntag in Rennes erwartet. Der Prozeß wird wahr­scheinlich Anfang August stattfinden, weil den ganzen Juli hindurch die hiesige Bevölkerung starken Zuzug von außen erhält, indem die 1200 Studenten aller vier Fakultäten ihre Examen machen.

Brüffel, 29. Juni. Die Polizei, die Gendarmerie und die Bürgerwehr befanden sich fast während der ganzen Nacht an verschiedenen Punkten der Oberstadt, wo sie die neutrale Zone beschützten, in fortwährendem Handgemenge mit Kundgebern. Ueber 30000 Menschen drängten sich an die Wache heran, unter Absingung revolutionärer Lieder und den Rufen: Nieder mit van den Peereboom, Demission. Man befürchtete die Durchbrechung der neutralen Zone, aber im entscheidenden Augenblick schritten Militär und Gendarmerie ein, welche die Menge zu zersteuen suchte.

Brüffel, 29. Juni. Der Ministerpräsident von der Peereboom versuchte in der heutigen Kammersitzung die Regierungs-Wahlvorlage zu rechtfertigen, während gleich­zeitig die Linke ihre Obstruktion beginnt. Die Sozialisten bringen eine Interpellation ein, welche lautet:Wird die Negierung die Niedermetzelungen von gestern abend sich wiederholen lassen." Der Ministerpräsident antwortete aus­weichend. Auf der Linken wird nunmehr mit einem un­geheuren Lärm begonnen. Der Ministerpräsident erlangt wiederum das Wort, die gesamte Linke jedoch sucht dies durch einen fortgesetzten ohrenbetäubenden Tumult zu ^ver­hindern, sodaß die Sitzung unterbrochen werden mußte. Bei ihrem Austritt aus dem Kammergebäude wurden die sozialistischen Abgeordneten von einer vieltausendköpfigen Volksmenge empfangen. Heute abend werden wieder blutige Zusammenstöße stattfinden, da die Sozialisten kurz

entschlossen sind, ihre bis jetzt vertretene Haltung unter allen Umständen beizubehalten.

Brüffel, 29. Juni. In den Wandelgängen der Kämmer wird dementiert, daß eine Ministerkrisis bevor- stehe. Anderseits wird versichert, daß die Regierung ent­schlossen ist, die jetzige Wahlvorlage nicht zurückzuziehen, wohl aber bei Beratung derselben Zugeständnisse zu machen.

Lokales und Provinzielles.

Gießen, den 30. Juni 1899.

** Von der Universität. Heute, unter dem Zwang be­sonderer Verhältnisse einen Tag früher als sonst, wurde der Stiftungstag unserer alma Ludoviciana in der hergebrachten Weise festlich begangen. Um ll1/* betrat der Zug der Dozenten die reich geschmückte und von alten und jungen Freunden und Freundinnen der Hochschule dicht be­setzte Aula des Kollegienhauses, womit der Festakt seinen Anfang nahm. Nach dem Vortrag der Beethoven'schen Marcia trionfale und eines Chors aus Händels Messias ergriff der zeitige Rektor der Universität Geh. Med. Rat Prof. Dr. Löhlein das Wort zu der Festrede. Die An­regung zur Schaffung klinischer Institute für Wöchnerinnen sei in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts von Straßburg ausgegangen. In Gießen wurde ein solches Institut seit 1777 geplant, doch kam es erst nach den napoleonischen Wirren zu dessen Einrichtung. In der Mitte dieses Jahr­hunderts hätten die gynäkologischen Institute außerordent­lich an Kredit eingebüßt infolge der ungemein zahlreichen Erkrankungen und Todesfälle durch Kindbettfieber. Erst nachdem dessen Ursache durch den Wiener Gelehrten Semmelweiß erkannt worden sei, habe sich hierin ein Wandel vollzogen, so daß allmählich, dank der antiseptischen Behandlungsweise, die Sterblichkeitsziffer auf ein Minimum sank. Eine willkommene Ergänzung fänden die klinischen Institute durch die neuerdings geschaffenen Wöchnerinnenasyle. Eingehend auf die Chronik gedenkt Redner mit beredten Worten des großen Verlustes, den Gießen durch den Tod des gewaltigen Bismarck erlitten hat, der Ehrendoktor der Universität war. Hierauf wird das Resultat der Preisaufgabenbearbeitungen bekannt gegeben. Die Preisaufgabe der theologischen Fakultät ist einmal bearbeitet worden. Der Verfasser, dem der volle Preis zugebilligt wurde, ist Herr W. Gaul aus Ober-Ingelheim. Die juristische Aufgabe hat ebenfalls eine Bearbeitung gefunden. Doch konnte ihr der Preis nicht zugesprochen werden. Die medizinische Fakultät hatte zwei Aufgaben gestellt, eine für den aka­demischen und eine für den Baiserpreis. Nur die letztere war bearbeitet worden, doch konnte ihr bei aller Anerkennung des aufgewendeten Fleißes der Preis nicht erteilt werden. Von Seiten der philosophischen Fakultät waren fünf Preis­aufgaben gestellt worden, je eine aus dem Gebiet der Zoologie, der Chemie, der Mathematik, der griechischen und römischen Philologie. Die letzte hat zwei, die übrigen je eine Be­arbeitung gefunden, mit Ausnahme der zoologischen, die unbearbeitet geblieben ist. Allen fünf eingereichten Arbeiten hat der volle Preis zuerkannt werden können. Als Ver­fasser der preisgekrönten Arbeiten wurden verkündigt die Herren: W. Eid mann aus Gießen (Chemie), G. Lo n y aus Gießen (Mathematik), Fr. Adami aus Worms (griech. Philologie), G. Sch mall aus Worms (röm. Philologie), I. Kemps aus Mainz (röm. Philologie). Als Preisaufgaben für das Jahr 1899/1900 sind gestellt:*) a) Der theologischen Fakultät: 1) Geschichte des Be­griffsReich Gottes" seit Kant; b) der juristischen Fa­kultät : 2) Ueber die bindende Kraft oberstrichterlicher Ent­scheidungen; c) der medizinischen Fakultät: 3) für den akademischen Preis: Die verschiedenen Arten der Bruch­richtung und der Bruchstückverschiebung, welche bei Knochen­brüchen am unteren Ende des Radius Vorkommen, sind unter Berücksichtigung der einschlägigen Sitteratur nach Röntgen­aufnahme am Patienten zu beschreiben; 4) für den Preis der Balser stift ung: Es ist durch Versuche festzustellen, ob und in wie weit die sogenannten Glutoidkapseln für die Diagnostik der Darmerkrankungen, speziell der Erkrankungen des Pankreas verwertbar sind: d) der philosophischen Fakultät: 5) Chemische Aufgabe: Welchen Einfluß übt die Stellung der Nitrogruppe bei der elektrolytischen Re­duktion von Nitrokörpern zu Azokörpern aus? 6) Phy­sikalische Aufgabe: Untersuchung der Biegungselastizität von Kautschuk bei tieferer Temparatur; 7) Indisch-phi­lologische Aufgabe: Die Ausgabe des Frahang i oim (Zand-Pahlavi-Glossary. Bombay 1867) soll mit den alten Handschriften K 20 und M 6 verglichen und danach auf