M. 126 Zweites Blatt Donnerstag den L Juni
1899
Meßmer Anzeiger
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der geheime Zweck verfolgt worden sei, das französische Nordgeschwader sich anzusehen und die Hafeneinfahrt zu versuchen. Die Ausschiffung eines kranken Matrosen sei nur ein Vorwand gewesen, da selbst der Hospitaldirektor an den Marineminister depeschiert habe, es hätte absolut kein zwingender Grund vorgelegen, den kranken Matrosen schon in Brest an Land zu bringen. Die „Patrie" wittert gleich Verrat. Doch folgt ihr bis jetzt wenigstens keine andere Zeitung auf diesem Weg.
Hessischer Landtag.
Zweite Kammer der Stände.
nn. Darmstadt, 30. Mai 1899.
Die Sitzung wird um 10% Uhr eröffnet.
Nach Bekanntgabe einer Reihe neuer Einläufe und Berichtsanzeigen tritt das Haus in die Tagesordnung ein. Eine Anfrage des Abg. Ulrich über die Gebühren- Erhöhung am Ortsgericht zu Offenbach beantwortet Justizminister Dittmar dahin, daß die Gebührenordnung auf dem Boden des bestehenden Rechts und mit Ermächtigung Sr. Kgl. Hoheit eingeführt worden sei. Eine Gebühren-Erhöhung sei auf Beschluß der Offenbacher Stadtverordneten-Versammlung eingetreteu, weil dieselbe keine Zuschüsse mehr für das Ortsgericht zu bewilligen habe. Früher habe die Stadt 8320 Mk. hierzu beigetragen, jetzt sei ein Ausfall von 6020 Mk. zu verzeichnen. Auch Gießen und Darmstadt zahle bedeutende Zuschüsse zu seinen Ortsgerichten. — Abg. Ulrich ist von der Antwort des Justizministers nicht befriedigt, da derselbe gerade das Wichtigste nicht beantwortet habe. Nach dem Erlaß des Ministeriums seien die Gebühren des Ortsgerichts um 50 Proz. erhöht worden und in Offenbach sage sich die Bevölkerung, daß dies eine Straferhöhung und die Folge des Streitfalles Wolff-Kost sei. Das Justizministerium sei einseitig unterrichtet worden, als es den Beigeordneten Wolff s. Z. entlassen habe und die Veranlasiung zu dem ganzen Konflikt sei der Sekretär Kost gewesen, der sein Amt mißbraucht habe, indem er sich habe schmieren lasten. Von dieser Schmiererei habe auch der Oberamtsrichter Bauer Kenntnis gehabt, und dem Oberbürgermeister und dem Justizminister sei es kein Geheimnis gewesen. Das Amt des Ortsgerichtsvorstehers hätte man auch ganz gut dem Oberbürgermeister übertragen können, aber dann wäre es zu einem Konflikt mit dem Oberamtsrichter Bauer gekommen. Der Fall Kost- Wolff sei beinah konform mit dem Fall Dettweiler und beweise, daß hier rigoros vorgegangen worden sei. Die Schuld an der ganzen Angelegenheit treffe den Oberbürgermeister Brink, der über die Köpfe der Stadtverordneten- Versammlung hinweg Dinge geduldet, die jedem rechtlich Denkenden die Schamröte ins Gesicht getrieben habe. Die
Schmiererei Kosts sei so bekannt gewesen, daß jeder, der am Ortsgericht etwas zu thun hatte, sich mit diesem Umstand abfand und 10 bis 50 Mk. dem Kost als Douceur zukommen ließ, um schneller befördert zu werden. — Justizminister Dittmar gibt ein vollständiges Bild über die s. Z. statt- gefundene Affaire Wolff-Kost, sowie über die Stellung der Regierung in dieser Sache. Die Regierung habe bei dieser Angelegenheit so gehandelt, wie sie es vor ihrem Gewissen und vor dem Lande verantworten könne. Die Angriffe des Abg. Ulrich auf die hessischen Richter weise er entschieden zurück. Damit ist die Besprechung erledigt.
Das Haus tritt hierauf in die Beratung des Gesetz- Entwurfs, die Abänderung des Einkommensteuergesetzes vom 25. Juni 1895 betreffend. — Geh. Staatsrat Krug von Nidda macht der Kammer die Mitteilung, daß die Regierung auf die Einführung einer Lizenzsteuer verzichte, dagegen soll eine Erhöhung der Stempel- und Erbschaftssteuer eintreten. Die Regierung habe sich alle Mühe gegeben, den richtigen Weg zu finden und sie gebe sich der Hoffnung hin, daß nunmehr die ganze Steuer-Reform zu Ende gebracht werden könne. (Bravo.) — Zur Beratung der einzelnen Artikel übergehend, werden die Art. 1 bis 5 des Abänderungsgesetzes für das Einkommensteuergesetz ohne Debatte nach dem Ausschußantrag angenommen.
Zu Artikel 6, welcher die Steuerbefreiungen des Großherzoglichen Hauses bestimmt, beantragt Abg. Osann, die Prinzen und Prinzessinnen von Hessen zur Einkommen- Steuer heranzuziehen, und nur den Großherzog und seine Gemahlin hiervon auszunehmen. — Abg. Ulrich will noch einen Schritt weitergehen und beantragt Strich des Art. 6 und Heranziehung des ganzen Großherzoglichen Hauses zur Einkommensteuer. Er begründet in seiner Weise diesen Antrag.
Bei der Abstimmung wird der Antrag Osann gegen 6 Stimmen angenommen, der Antrag Ulrich abgelehnt. Artikel 6 wird hierauf nach dem Ausschußantrag angenommen und die Sitzung um %2 Uhr abgebrochen.
Morgen früh 9 Uhr Weiterberatung des Einkommensteuergesetzes.
Aus dem Jahresbericht des Grotzh. Hessischen Gewerbe-Inspektors der Gewerbe-Inspektion Gießen sür 1898
(die Provinz Oberheffen umfaffend) (Fortsetzung).
Verheiratete Arbeiterinnen.
Don 2434 erwachsenen Arbeiterinnen in Fabriken sind nach der letzten Erhebung 786 verheiratet.
Von den 1777 (1897: 1646) erwachsenen Arbeiterinnen der Cigarrenfabriken sind 653 (1897: 521) verheiratet, was etwa 37 (1897: 32) Prozent ausmacht. Dieser etwas
Deutsches Keich.
Üfrttlie, 30. Mai. Eine neue Krankenversiche- rr»«gSnovelle wird offiziös in Aussicht gestellt. Es tmitb darüber geschrieben: Wenn nicht alles täuscht, wird Mit Neuerung im Jnvalidenversicherungsentwurf, wonach die Ämter für vorübergehende Invalidität schon nach ununter» 'ünochcLer 26wöchiger Erwerbsunfähigkeit anstelle der bis- lpekigeir 52wöchigen gewährt werden sollen, Gesetz werden. AÄir meisten Krankenkassen aber kennen nur Unterstützungen cnoi l Swöchiger Dauer. Es wird deshalb beabsichtigt, die Äiwilenunterftüfoung, die nach dem Gesetz auch jetzt schon gedehnt werden kann, so zu erweitern, daß sie mit der er vührten Besttmmung bei der Invaliditäts-Versicherung ,>r>chnilrenfällt, also in allen Krankenkassen auf 26 Wochen diemfft n wird. Die Mehrkosten sind auf etwa 10 Millionen Mark oder für jedes Mitglied einer Kranken- und Hilfs- klrjst o af etwas über 1 Mk. geschätzt. Es ist nicht sicher, Moj alle Kassen die neue Last zu tragen imstande sind. Die vkntscheidung hängt daher von der Frage ab, wie die
gsfähigkeit der Kassen durch Zusammenlegung in dem k-l-zenwärtig vielfach sehr zersplitterten Kaffenwesen erhöht »i'tibti kann.
— Po st unterbeamtenvereine. Der Staats- f iftetär des Reichspostamts v. Podbielski hat soeben eine XSttfilgung über die Ausdehnung der Postunterbeamten- £ Streire erlassen. Der Erlaß wird sämtlichen Unterbeamten r I« Rttchspost- und Telegraphen-Verwaltung, bei den 23er» kichScmstalten durch die Vorsteher, gegen Anerkenntnis be- riiiint gegeben. Er lautet: „An allen Orten des Reichs- dNostge^iets bestehen Postunterbeamten-Vereine, die der Pflege kii«er«dschaftlicher Geselligkeit und der Hebung der wirt- s'lhaflllchen Lage gewidmet sind. Derartige Vereine können, t>mn sie sich auf einzelne Orte und deren Umgebung be- schünken, in vielen Fällen segensreich wirken und wohl ge» iiäjntt sein, die Berufsfreudigkeit ihrer Mitglieder zu for» iirni. Bei der Verschiedenartigkeit der Verhältnisse in den iiiiizelnen Bezirken und im Hinblick auf die Größe des rwichS-Postgebiets erachte ich aber die Ausdehnung solcher ? Hstumterbeamten-Vereine über mehrere Ober-Postdirektions- 1 iiqirfe nicht für richtig und bestimme gleichzeitig, daß in i rät Verstände oder sonstigen leitenden Stellen der Vereine, besonders auch für die Verwaltung von Vereinsgeldern, irirsvlche Mitglieder gewählt werden dürfen, die noch im ‘ötnfl stehen."
Ausland.
Patts, 30. Mai. Betreffs des Einlaufens des !ktt scheu Kreuzers „Hela" in den Hafen von ! Öre ft läßt sich, wie man der „T. R." aus Paris schreibt, ldiitchauvinistische „Patrie" aus Brest melden, daß damit
Feuilleton.
Wie der Aeind zum Areund wird.*)
töte Geschichte aus unserem letzten großen Kriege.
Dem Besucher des Friedhofs in Lich (Oberheffen) wird uiter den Grabgedenksteinen eine gußeiserne Platte, von »chem Marmor umrahmt, hauptsächlich dadurch auffallen, taj sie innerhalb deutscher Worte einige Sätze in franzö- Wer Sprache, sowie als Unterschrift einen französischen Mm en enthält. Macht man sich mit dem Inhalte der kilibschttft näher bekannt und forscht dem darin genannten Untren „Häuser" in Lich näher nach, so erfährt man eine ii einzelnen Teilen oft seltsam klingende Geschichte.
Es war am 14. Januar 1871, als bei Briare, süd- Mch von Orleans, dem 2. hessischen Chevauxlegers-Regi- mtnt der Vorpostendienst übertragen worden war. Fünf derselben stießen unerwartet auf eine starke, feindliche Ueber- »chtt; ein Franktireur-Detachement wurde von dem Sergeant- rojo-r, Leon Blat, befehligt.
Als die Franzosen der hessischen Reiter gewahr wurden, Legtest sie an, eine Salve krachte und einer der Reiter stürzte ldl uoom Pferde. Die Feinde waren unterdes so nahe heran- Ulimlmen, daß Blat (der „Darmst. Tägl. Anz.", dem wir Siese Zeilen entnehmen, folgt jetzt der eigenen Darstellung
») Kürzlich ging durch die Blätter ein aus einem Straßburger Sbttu stammender kurzer Bericht über nachstehende, hier aus authen- Slsibt Quellen hin geschilderte Begebenheit, die aber ungenau und tdilrsüse falsch war.
Blats) das Schwert nach einem der Reiter zückte. Da sieht er, wie dieser (Paser aus Mainz), sein Ende selbst vor Augen sehend, den Blick gen Himmel aufschlägt; der mahnenden Stimme seiner Mutter, einer Elsässerin, das Leben der Feinde thunlichst zu schonen, folgend, zuckt Blat zurück. Doch neue Wut gegen den Feind überkommt ihn, er wendet sich nach der andern Seite und holt zum Hiebe gegen einen andern Reiter (Häuser aus Lich) aus, als er im Innern die Abschiedsworte seiner Mutter vernimmt: „Volont6 tont touer, nous t’avons 61eve ä craindre Dien, laisse les vivre!“ (Du willst alles töten, wir haben Dich erzogen, Gott zu fürchten, laß' sie leben!) Der schon erhobene Arm sinkt ihm, wie gelähmt, herunter; er kann nicht zuschlagen, sondern ruft den feindlichen Reitern zu, sich angesichts der vielfachen Uebermacht zu ergeben. Den sich tapfer wehrenden Hessen lassen aber die nachstürmenden Franzosen keine Zeit zum Besinnen, sondern bedrängen sie aufs äußerste. Blat deckt Häuser mit seinem eigenen Leibe, indem er seinen Leuten zuruft: „Ne pas hier, fair prisonnier!“ (nicht töten, gefangen nehmen!) In der Hitze des Gefechts erhält Blat von seinen Leuten einen Stich durch die eine Seite; doch nach mehrmaligem Zurufe ihres Befehlshabers lassen die Franzosen ab, und die vier Deutschen, einsehend, daß jeder Widerstand vergeblich, folgen in die Gefangenschaft. Blat selbst begleitet die Eskorte der Gefangenen über ein Brachfeld nach dem nächsten Dorfe.
Den Dank des Häuser für die Schonung seines Lebens, damit verknüpfend, daß Blat einer alten Mutter ihren einzigen Sohn erhalten habe, weist Blat mit dem Bemerken
zurück, daß Häuser das Leben allein seiner Mutter im Elsaß zu verdanken habe, die ihn (Blat) beim Abschiede ermahnt, jedes unnütze Blutvergießen zu vermeiden. Scherzend fügt beim Abschied Blat hinzu, hoffentlich sei der Friedensschluß nicht fern, und wenn Bischweiler (Elsaß), sein Heimatsort, vielleicht danach deutsch werde, könnte man als Deutsche noch einmal vergnügt ein Glas Bier zusammen trinken. Ohne daß man die Namen bekannt gegeben, schied man durch einen Händedruck.
Der Oberst des französischen Regiments wurde anfangs vermißt; das Leben der Gefangenen stand aus dem Spiele; kehrte der Oberst nicht zurück, so drohte ihnen das Erschießen durch die Franktireurs. Zu ihrem Glücke traf jedoch der Oberst noch rechtzeitig ein und ordnete zum Weitertransport der Gefangenen die erforderlichen Maßregeln an. Doch wurden sie noch wochenlang nach mehreren Plätzen geschleppt, um nach Friedensschluß ausgewechselt zn werden.
Leon Blat, der sich dem Kaufmannsstand gewidmet, kam nach dem Tode seiner Mutter nach wechselvollem Schicksale nach Odessa in Südrußland, wo er ein eigenes, großes Geschäft gründete. Hier erkrankte er im Jahre 1889 schwer, schon gab man sein Leben verloren, da der Kranke schon mehrere Tage in heftigen Fieberphantasien lag. I« Fiebertraume glaubte er, daß eine ältliche Frauengestalt in deutsch-bäuerlicher Tracht, Häusers Gesichtszüge tragend, sich über ihn neige; sie danke ihm, das Leben ihres Sohnes gerettet zu haben, und rief ihm zu, er werde dafür nicht sterben, sondern weiter leben.


