Nr. 126 Erstes Blatt. Ddnnerstag den I.Juni 1899
Meßmer Anzeiger
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Amtlicher Teil.
Bekanntmachung, ktieffend: Den Ausbruch der Maul- und Klauenseuche zu Kirtorf.
Die wegen Verdachts des Vorhandenseins der Maul« iab Klauenseuche in Kirtorf, Kreis Alsfeld, angeordnete -rhSjftsperre ist wieder aufgehoben worden.
SSießen, den 24. Mai 1899.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Am Gamstag dem ».Juni d. I., vormittags 10 Uhr, findet im Lenz'schen Saale in der Bahn- psstraße (Liebigstraße) die Generalversammlung des lindkirtschaftlichen Bezirksvereins Gießen mit nachstehender lafltäSorbnung statt, zu welcher die Mitglieder des Vereins »b alle Freunde der Landwirtschaft hiermit eingeladen ■itrben. Etwa um 11 Uhr wird der untenerwähnte Vor- trilg stattfinden, zu welchem jedermann, der sich für die bachc interesfirt, eingeladen ist. Die Herren Bürgermeister itita dies in ihren Gemeinden ortsüblich bekannt machen inb lauf einen zahlreichen Besuch hinwirken, da in vielen :Orient die Frage der Wasserversorgung eben erörtert wird.
»Gießen, den 27. Mai 1899.
Der Direktor des Landw. Bezirksvereins, v. Bechtold.
Tagesordnung.
1. Prüfung der Rechnung für 1898/99.
2. Aufstellung des Voranschlags für 1899/1900.
). Wahl eines Ausschußmitglieds.
4. Wahl zweier Mitglieder in die Kommission sür die Milchverkaufsverordnung der Stadt Gießen.
9. Vortrag desHerrnRegierungsbaumeisterS Schmick von Frankfurt a. M. über „Die Wasserversorgung der Gemeinden mit besonderer Berücksichtigung d er Verhältnisse im Kreise Gießen".
Bekanntmachung.
Wilhelm Gelzenleuchter hat die Konzession als ?!>iem st mann mit der Nr. 22 erhalten.
Gießen, den 30. Mai 1899.
Großherzogliches Polizeiamt.
I. V.: Roth.
Bekanntmachung, betr.: Die Erhebung und Beitreibung der direkten Steuern pro 1899/1900.
Es wird hiermit bekannt gemacht, daß der Termin, bis zu welchem das 1. Ziel der direkten Gtaatssteuer und die Gewerbspatentftempel der Stadt Gießen für 1899/1900 ohne Kosten bezahlt werden können, durch Verfügung Großherzoglichen Ministeriums der Finanzen, Abteilung für Steuerwesen, vom 25. d. M. zu Nr. F. M. St. 17406 bis zum 24. Juni d. Js. hinausgeschoben worden ist.
Gießen, den 30. Mai 1899.
Großherzogliches Rentamt Gießen.
I. E.: Böß.
„Seife ist die Hauptsache".
In diese Worte, welche der Kaiser bekanntlich gelegentlich des Empfangs von Delegierten zum Tuberkulose-Kongreß fallen ließ, könnte man das Ergebnis der Beratungen, welche die berühmtesten Gelehrten der Welt in voriger Woche in der deutschen Neichshauptstadt behufs wirksamer Bekämpfung der Tuberkulose gepflogen haben, zusammen- fasien. Eine große Anzahl von Vorträgen sind gehalten worden, deren Bedeutung wir durchaus nicht herabsetzen wollen, die verschiedensten Behandlungsweisen von Krankheitsfällen wurden erörtert und von der Versammlung gutgeheißen, aber gemeinsam war wohl allen Rednern das Grundgesetz: „Die Hauptsache bleibt immer, der Ausbreitung der Tuberkulose vorzubeugen, und die erste Vorbedingung hierzu ist strengste Sauberkeit und Reinlichkeit".
Man darf als selbstverständlich voraussetzen, daß der Kaiser die oben wiedergegebenen Worte nur bildlich gebraucht hat. Im weiteren Sinn gehören zur Reinlichkeit noch Luft und Licht, sowie eine geregelte Diät. Wirken alle diese Faktoren zusammen, so wird es leichter sein, die Umstände zu beseitigen, welche die Tuberkulose begünstigen, und haben die Bemühungen der Aerzte Erfolg, den Reinlichkeitssinn der Bevölkerung zu heben, so eröffnet sich auch die Aussicht, daß dem Würgengel Tuberkulose in absehbarer Zeit einmal der Nährboden entzogen sein wird, auf dem allein er gedeihen kann. Um einen solchen Erfolg zu erzielen, müssen aber Staat, Kommune und jeder Einzelne zusammenwirken. Die ersteren beiden könnten vorgehen, um die Wohnungsverhältnisse mehr als bisher in hygienischer Beziehung zu regeln, enge Wohnungsguartiere zu beseitigen, nur den Bau luftiger, gesunder Wohnungen zuzulassen, und im weitesten Umfange die Bade-Einrichtungen
zu verallgemeinern. Die Millionen, welche Staat und Gemeinde etwa für solche Zwecke verwenden wollten, würden beiden wieder zu gute kommen, da an dem Bau und der Unterhaltung von Krankenhäusern gespart, und die Erwerbskraft der Bevölkerung erheblich gefördert werden würden. Welche Gefahren ungünstige Wohnungsverhältnisse in sich bergen, hat sich ja bei der letzten Cholera-Epidemie in Hamburg im Jahre 1892/93 so recht deutlich gezeigt, und um welche gewaltige Summen damals das deutsche Nationalvermögen geschädigt worden ist, hat die Statistik klar erwiesen. Deshalb liegt es im ureigensten Interesse der obengenannten Faktoren, durch umfassende hygienische Maßnahmen allen gesundheitsschädlichen Einflüssen den Weg zu verlegen.
Eine weitere Pflicht von Staat und Kommune bleibt es noch, in geeigneter Weise auf die Bevölkerung einzuwirken, damit auch von den im gesundheitlichen Interesse geschaffenen Einrichtungen ein genügender Gebrauch gemacht wird, auf daß jeder einzelne einen richtigen Begriff von dem Segen der Reinlichkeit und Sauberkeit erhält. Deutschland steht ja, wenn man den Verbrauch von Seife als Maßstab nimmt, auf einem recht hohen Kulturftande, aber es kann immer noch mehr geschehen, und großer Anstrengungen wird es noch bedürfen, ehe ein gewisser Grad von Vollkommenheit erreicht ist. Hoffen wir, daß die Bestrebungen aus diesem Gebiete, welche sowohl durch den Kongreß selbst wie auch durch die Worte des Kaisers eine weitere Anregung erfahren haben müssen, in immer größeren Kreisen Der-, ständnis finden, denn auch das einzelne Individuum kann in hohem Maße dazu beitragen, dem Umsichgreifen der Tuberkulose Einhalt zu thun. (xx)
Deutsches Keich.
Berlin, 30. Mai. Der Kaiser hat den Erzherzog Franz Ferdinand von Oesterreich ä la suite des Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiments Nr. 2 gestellt.
Berlin,30. Mai. Erzherzog Franz Ferdinand stattete heute nach der Frühstückstafel den hier weilenden Prinzen und dem österreichisch-ungarischen Botschafter seinen Besuch ab und nahm später am Paradediner Teil. Morgen gedenkt der Erzherzog Berlin wieder zu verlassen.
Berlin, 30. Mai. Dem Herzog Nikolaus von Württemberg ist gestern vom Kaiser der Schwarze Adler-Orden verliehen worden.
Berlin, 30. Mai. Wie aus Peking berichtet wird, wurde der deutsche Gesandte, Freiherr v. Heyking, heute vom Kaiser von China in Audienz empfangen und überreichte demselben den Schwarzen Adler-Orden sowie für die Kaiserin-Witwe zwei in der Berliner Königl. Porzellanmanufaktur hergestellte Girandolen.
Feuilleton.
Das 19. Jahrhundert.
Archer Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herauSgegeben von Friedrich Thieme.
(Nachdruck oder AuSzug verboten.) X.
Naturwifseuschafteu. II.
(Fortsetzung.)
Die Mathematik weist Namen wie Arbogast, Laplace, »ßu ß, K. G. I. Jacobi u. s. w. auf. Arbogast begründete 21800 die Derivationsrechnung, Laplace macht durch An- lmvuug der Integralrechnung die allgemeinste Auflösung Ihr oerwickelsten Probleme der Wahrscheinlichkeitsrechnung ichllich, Gauß bereichert die höhere Arithmetik mit den «D.jendsten Entdeckungen, und Jacobi wird epochemachend ikich seine Entdeckungen im Gebiete der elliptischen 'Millionen u. s. w.
Die Geographie erhoben erst Humboldt und Ritter ipi Wissenschaft im modernen Sinne, letzterer wird als der 'xitzsie Geograph der neueren Zeit bezeichnet. „Er hat als cherrblicheS Denkmal deutscher Gelehrsamkeit," heißt es in Msrggers „Allgemeiner Kulturgeschichte" von ihm, „mit im Fundamentalzügen unermeßlich weiter und tief durch« kettet Forschung sein Hauptwerk niedergelegt: Die Erd- knb« im Verhältnis zur Natur und Geschichte des Menschen, km i diesem großartigen Werke sagt Humboldt in seinem tssvnoS: „Es behandelt die vergleichende Erdkunde in hron weitesten Umfange, ja in ihrem Reflex auf die Ge
schichte der Menschheit, auf die Beziehungen der Erdgestaltungen zu der Richtung der Völkerzüge und den Fort- schritten der Gesittung musterhaft." Ferner machten sich um die Entwickelung der geographischen Wissenschaft, sowie die Ausbreitung geographischer Kenntnisse u. a. verdient: Adolf Stieler (Herausgeber von Atlanten), Heinrich Berghaus, Heinrich Kiepert, v. Sydow, Daniel, August Peter- mann, Justus Perthes u. s. w. Die geographischen Reisen und Forschungen haben wir bereits aussührlich gewürdigt. Die Größe und Gestalt der Erde wurde im Laufe des Jahr« Hunderts durch eine große Reihe sorgfältig ausgeführter Gradmessungen bestimmt.
Nicht gerade eine neue Wissenschaft, da sich schon die Griechen und Römer mit ihr beschäftigten, aber erst in unserem Jahrhundert zur Entwickelung gelangt ist die Meteorologie, die Wissenschaft von den Vorgängen in unserer Atmosphäre und den diese herbeiführenden Gesetzen. Auch unter den Bahnbrechern auf diesem Gebiete finden wir A. v. Humboldt, ferner den scharfsinnigen Leopold v. Buch und den um die Meteorologie hochverdienten Dove, welcher der Meteorologie eigentlich erst wissenschaftliche Geltung verschafft hat. Zurrest fördern in allen Ländern meteorologische Stationen und^Gesellschaften in gemeinsamem Vorgehen die Zwecke der jungen Wissenschaft. Die deutsche meteorologische Gesellschaft wurde 1883 in Hamburg gegründet. In den letzten 15 Jahren findet die sogenannte Falb'sche Theorie (des Meteorologen Rudolf Falb) in weiten Kreisen Beachtung, nach welcher diejenigen Tage, an denen die Flutfaktoren verstärkend zusammenwirken, als kritische bezeichnet werden.
Einen ebenso erfreulichen wie raschen Aufschwung nahm
in unserem Jahrhundert die Chemie. Nachdem Lavoisier (1743 bis 1794) gegen Ende des 18. Jahrhunderts durch die Analyse die wahren Elementarbestandteile der organischen Verbindungen entdeckt, erfolgte die Auffindung und Erzeugung einer ganzen Reihe der wichtigsten Stoffe, sodaß die chemische Industrie gegenwärtig in allen Kulturstaaten in großartiger Blüte steht. Bedeutende Forscher und Gelehrte, wie der Franzose Gay Lussac (1768—1850), der Schwede BerzeliuS (gestorben 1848), Faraday, Mitscherlich, Friedrich Wöhler u. s. w., haben ihre Namen mit goldenen Lettern in die Geschichte der Chemie eingetragen. Gay Lussacs Beobachtungen über die Atome wirkten bahnbrechend. BerzeliuS machte sich verdient durch die Bestimmung der Atomgewichte und die chemische Wirkung der Elektrizität. DaS Verhältnis der Krystallformen zu den chemischen Eigenschaften der Krystalle untersuchte Ernst Mitscherlich (1794 bis 1863). Eine besonders hervorragende Stelle unter den Chemikern nimmt aber Justus v. Liebig (1803 bis 1873) ein, welchem Friedrich Wöhler in seiner „Synthese des Harnstoffs" (1828) wirksam vorgearbeitet hatte. Liebig erweiterte vor allem unsere Kenntnis der Ernährung und beobachtete die chemischen Vorgänge im Tier- und Pflanzenkörper, Bunsen (geb. 1811) bereicherte die chemische Wissenschaft um viele neue Untersuchungen und Entdeckungen.
In der Medizin siegte im 19. Jahrhundert die Methode der exakten Forschung unter Beiseiteschiebung der Gall'schen Phrenologie, des Mesmer'schen tierischen Magnetismus, der Brower-Röschlaub'schen Erregungstheorie und der von Hahnemann (1755 bis 1843) begründeten Homöopathie. Die Franzosen Corvisart (gest. 1821) und LaSnnec (gest. 1826) führten die Perkussion und Auskultation in die prak-


