Ausgabe 
1.2.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 27

Mittwoch den 1. Februar

Zweites

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Mehener Anzeiger

Heneral-Anzeiger

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Deutsches Reich.

Berlin, 30. Januar. DieNordd. Allgem. Ztg." schreibt: Seit einigen Wochen beschäftigt sich die Presie mit Gerüchten, wonach der Reichskanzler seinen Rücktritt ms Auge gefaßt haben soll. Einige Blätter wissen sogar schon den Tag des Rücktritts anzugeben. Wir sind zu der Erklärung ermächtigt, daß auch diesmal die Gerüchte über rmen Kanzlerwechsel völlig unbegründet sind.

Berlin, 30. Januar. Das Abgeordnetenhaus setzte heute die Etatberatung fort. Erledigt wurde zunächst der Etat der Domänen-Verwaltung und die Einnahmen des Etats der Landwirtschafts-Verwaltung. Beim TitelMi­nistergehalt" entspann sich eine längere Debatte über die Notlage der Landwirtschaft und über die angebliche Fleisch- not. Minister v. Hammerstein griff wiederholt in die Debatte ein und erklärte u. a., daß ein Wassergesetz in dieser Session wohl nicht mehr dem Hause werde vorgelegt werden können. Morgen Fortsetzung der Etatberatung.

Berlin, 30. Januar. Im Berliner Konzerthause fand gestern mittag eine von etwa 3000 Personen besuchte Trauerfeier für den Oberstleutnant Egydi statt, an welcher u. a. Liebknecht, Pfarrer Naumann, Professor Förster und Baronin Suttner teilnahmen. Pfarrer Ziegler aus Königsberg hielt die Gedächtnisrede.

Berlin, 30. Januar. Ein Kongreß von preußi­sch« n Gemeindebeamten fand gestern hier statt. Es waren dazu etwa 800 Beamte, meistens Delegierte der Gemeindebeamten-Vereine aus allen Teilen Preußens er­schienen. Den einzigen Gegenstand der Tagesordnung bildete bev Entwurf eines Gesetzes betreffend die Rechtsverhältnisse der Gemeindebeamten. Nach längeren Debatten wurde eine Resolution angenommen, in welcher die Versammlung die Fürsorge der Regierung anerkennt. Es wurde beschlossen, M den Kaiser und den Minister des Innern Ergebenheits- Telegramme abzusenden.

Berlin, 30 Januar. In der Angelegenheit des neuen Poftzeitungstarifs fand gestern Abend im Kaiserhof -eine Zusammenkunft von deutschen Zeitungsverlegern statt. Lm Ganzen waren 26 Herren anwesend.

Berlin, 30. Januar. DasKleine Journal" meldet Ms Paris: Der Staatsstreich Dupuys gegen die Straf- Wnuner des Kasfationshofes ruft wachsende Erregung hervor. ^)ie Annahme des Gesetzentwurfs wird in der Kammer und »och mehr im Senat auf großen Widerstand stoßen. Trotz t£i Sonntags fanden sich zahlreiche Deputierte im Palais Sourbon ein und diskutierten erregt die neue Politik der

Regierung. Für heute wird eine äußerst erregte Kammer­sitzung erwartet. Allgemein gilt das Vorgehen der Regie­rung als der bedenklichste Schritt seit Beginn der Dreyfus- Affaire. Barthou, Millerand und Pellctan werden heute den Regierungsantrag bekämpfen. Der Widerstand des Senats verschärft sich. Gestern fanden Versammlungen von republikanischen Abgeordneten und Senatoren zur Beratung von Maßregeln gegen cäsaristische Machenschaften statt.

Berlin, 30. Januar. Das Schwurgericht zu Catania verurteilte, wie dasBerliner Tageblatt" meldet, eine Bürgersfrau, die, weil sie ihr Kind verhext glaubte, dafür 10Nachbarskinder durch Gift getötet hatte, zu 30 Jahren Zuchthaus.

Berlin, 28. Januar. Koloniales. Der Viehzüchter Josef Frank in Hüftngen hat im Auftrag des deutschen Kolonialamtes zehn Zuchttiere (fünf Farren und fünf trächtige Kalbinnen) verladen, welche als Zuchtmaterial für Südwest­afrika nach Windhoek bestimmt sind. Sie stammen aus dem Zuchtgebiet Donaueschingen und gehören sämtlich der Simmenthaler Rasse an. Der Assistent Schmidt zu Hagenow, der s. Z. in dem Institut für Infektionskrank­heiten des Geh. Medizinalrats Prof. Dr. Koch in Berlin gearbeitet hat, wird sich in den nächsten Tagen nach Ost­afrika begeben, um die Ursachen der dort vorkommenden Rindviehseuche zu erforschen. Der vom Kaiser kürzlich so überraschend ausgezeichnete Dr. Esser erscheint in einer etwas merkwürdigen Beleuchtung, wenn man eine Zuschrift von l)r. Hans Wagner an dieTägl. Rundschau" durchlieft, in welcher dem Reisenden nichts weniger vorgeworfen wird, als in einem Vortrag über seineReise nach dem Kunene im nördlichen Gebiet von Deutsch-Südwestafrika" die Ge­sellschaft für Erdkunde in Berlin und in seinem 1897 er­schienenen BucheAn der Westküste Afrikas" das große Publikum an..eflunkert zu haben. Unter Beifügung der für Dr. Essers Reise feststehenden Daten berechnet nämlich der oben Genannte, daß der Reisende in zehn Tagen auf schlechtesten Wegen 1000 Kilometer gemacht haben muß, das sind pro Tag 100 Kilometer! Dr. Wagner schließt seine Auseinandersetzung mit den Worten:Herr Dr Esser hat in Wahrheit die unter Beifügung einer Kartenskizze in der Gesellschaft für Erdkunde von ihm geschilderte Reise nicht gemacht, er ist von Mossamedes zu Schiff nach der Tigerbai gefahren und hat von hier aus einen zehntägigen Bummel nach dem Kunene gemacht. Dieberühmte" Kunene-Fahrt des Dr. Esser hat also etwa den Wert wie ein Ausflug von Berlin in den Spreewald. Das zu be­

weisen, könnte der Reisebegleiter des Dr. Esser, Herr Hoesch, das ©einige beitragen."

Zur französischen Enquete über die Annäherung Frankreichs an Deutschland liegen eine ganze Reihe höchst interessanter Mitteilungen französischer Blätter über die Ansichten hervorragender Männer Frankreichs dieser Frage gegenüber vor. Ohne die Grundstimmung tiefster Erbitterung gegen England und ohne das Gefühl völliger Jsolirung - was that denn Rußland, um Frankreich wenigstens einen ehrenvollen Rückzug aus der Faschoda- Beklemmung zu sichern? wäre eine solche Enquete selbst­verständlich niemals möglich gewesen. Aber dasselbe Frank­reich, das heute mühjarn Stimmen sammelt, um die Frage einer Annäherung an Deutschland überhaupt nur diskutieren zu können, war vor drei Jahren bereit, sich England an- zubieten, um gegen Deutschland in den südafrikanischen An­gelegenheiten zu operieren. Zwar läßt Herr Bourgeois heute in derVie Jllustree" aufs Entschiedenste dementieren, während der Transvaal-Affaire an das Londoner Kabinet telegraphiert zu haben:Wir sind bereit, gegen Deutschland zu marschieren." Ob die Erklärung Frankreichs an das Londoner Kabinett wörtlich so unumwunden gelautet hat, mag dahingestellt bleiben. Aber als sicher gilt, daß Frankreich sich damals England gegen Deutschland zur Verfügung stellte. Wäre Frankreich die Bahnen weiter gewandelt, die im Frieden zu Schimonoseki leicht eine Annäherung an Deutschland herbeizuführen vermochten, so würde heute sehr wahrscheinlich das Gesamtbild der Welt ein wenig anders aussehen.

Kassel, 28. Januar. Der Kasseler Regierungspräsident Graf Max Clairon d'Haussonville ist heute in Merseburg, wo er Genesung erwartete, gestorben. Der Graf wurde im Juli von einem Schlaganfall betroffen, der sich vor acht Tagen wiederholte.

Ausland.

Prag, 30. Januar. Die fortschrittlichen tschechischen Studenten beschlossen, sich mit der deutschen Studentenschaft in Verbindung zu setzen behufs Anbahnung freund­schaftlicher Beziehungen zwischen den Studenten beider Nationen zur gemeinsamen Pflege der Wissenschaft und Bekämpfung des Chauvinismus.

Budapest, 30. Januar. Finanzminister Lukacs ist hierher zurückgekehrt. In der Audienz, welche er gestern beim Kaiser in Wien hatte, referierte Lukacs über die

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verboten)

Ihe .vczwang nacy langem, säst einjährigem r, in dem zuletzt sogar Konstantinopel bedroht erschien.

Gaug der Weltgeschichte im 19. Jahrhundert.

2. Theil.

Die Jahre 1851 bis 1898.

Feuilleton.

Das 19. Jahrhundert.

Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herausgegeben von Friedrich Thieme.

(Nachdruck oder Auszug !

III.

(Schluß.)

Mit Deutschlands Einigung war die nationale Ent- /«A A to|rfelung m Europa noch nicht abgeschlossen. Durch einen Jwfo'] mfstand .in der Herzegowina geriet im Sommer 1875 w t, jB t ?inr?Q bte orientalische Lawine ins Rollen. Die seinen bewies sich unfähig, die Bewegung, der sich bald

L ,'^Serbien und Bulgarien anschlossen, zu unterdrücken;

Achten geforderten Reformen bot die 0 Oe. A.v- Wirtschaft keine Garantien, und der Versuch, den

' uitstc durch die Einführung einer Konstitution für das

^.lsche Gefamtreich herbeizuführen, mißlang bei der P n inil Lolv«<qchledenhett der im Osmanenstaate zusammengewürfelten i^uerrsfen und Nationalitäten auf das kläglichste Hwei Abdul Aziz, der sich angeblich, de/Thrones ent- mt einer ©$eere tötete, und der bald für geisteskrank fj JL X'3rte ^urab mußten der Macht der ins Rollen ge- r>7^ine weichen, erst Abdul Hamid (von 1876 ab)

/ ntmlll'SÄiloh6 l$ Schwierigkeiten zu behaupten.

.??' Üblich wiederum nur um den unterdrückten

Ä Rechten zu verhelfen, griff 1877 aufs ^"Waffen, bezwang nach langem, fast einjährigem oew zuletzt sogar Konstantinopel bedroht erschien.

die gänzlich erschöpfte Türkei, und willigte unter dem Drucke Englands in die Bedingungen des Berliner Friedens vom 13. Juli 1878, in welchem Rumänien, Serbien und Monte­negro für unabhängig erklärt, Bulgarien in einen eigenen, aber der Türkei tributpflichtigen Staat verwandelt, Bosnien und die Herzegowina unter österreichischeVerwaltung" ge­stellt und Rußland durch Gebietsabtretungen in Asien ent­schädigt wurde. Damit war die orientalische Frage noch keineswegs gelöst, sondern nur wieder einmal vertagt, aber die Ereignisse der nächsten Zeit sorgien dafür, daß der Brandherd auf der Balkanhalbinsel niemals gänzlich erlosch. Bereits im Jahre 1885 brach in Ostrurnelien, der bei der Türkei verbliebenen Hälfte Bulgariens, die Revolution von neuem aus, der zum Fürsten Bulgariens erwählte Prinz Alexander von Battenberg zog in Philippopel ein und über­nahm die Regierung über das vereinigte Bulgarien. Infolge­dessen erklärte Serbien an Bulgarien den Krieg, wurde aber bei Slivnitza geschlagen. Der siegreiche Fürst unterlag jedoch dem russischen Rubel, er dankte ab, und Prinz Ferdinand von Kvbnrg nahm seine Stelle ein, der im Laufe der Zeit seinen thatkräftigen Minister Starnbulow fallen ließ, und sich mehr und mehr dem russischen Einfluß unter­warf. Starnbulow fiel unter den Händen von Meuchel­mördern (18. Juli 1895). Die Ausschreitungen der Türken gegen die Christen auf Kreta entfachten im Jahre 1897 den griechisch-türkischen Krieg, der mit der Niederlage Griechen­lands endigte. Die unglückliche Insel blieb vorläufig in türkischen Händen unter der Aufsicht der Mächte.

Es ist unmöglich, im Rahmen dieses Artikels den sich drängenden Ereignissen der letzten Jahrzehnte zu folgen, nur die wichtigsten mögen hier noch Erwähnung finden. Die Vereinigten Staaten wuchsen im Laufe des Jahrhunderts zu einer ansehnlichen Macht empor, und ihre Entwickelung nahm einen noch rascheren Fortgang, als die Nordstaaten

in dem blutigen Bürgerkriege von 1861 bis 1865 die ab­trünnigen Südstaaten bezwungen und die Schmach der Sklaverei von dem freien Amerika gewälzt hatten. Im Laufe des Jahres 1898 nahmen sie die Unfähigkeit der Spanier, einen vor einigen Jahren in dem von Spanien arg mißhandelten Kuba ausgebrochenen Ausstand zu unter­drücken, zum Vorwand, an Spanien den Krieg zu erklären, dieser kostete dem unglücklichen Lande seine letzten bedeutenden Kolonien, es sank zur Macht dritten Ranges herab, während die Vereinigten Staaten Neigung zeigen, ihren Triumph zum Ausgange einer Großmachtspolitik zu machen. Das Kaisertum Brasilien erfuhr 1889 nach einer kurzen Revo­lution und der Abdankung des Kaisers Pedro II. die Um­wandlung in eine bis zum heutigen Tage innerlich noch nicht gefestigte Republik. Durch den am 31. März 1854 zu Kanagawa mit Nordamerika geschloffenen Handelsvertrag wurde das bis dahin jedem Verkehr verschlossene Japan dem Handel erschlossen. Weitere Verträge mit England, Rußland, Holland und Frankreich folgten, mehrere Häfen öffneten sich den Nationen.

Ein Bürgerkrieg im Jahre 1868 stürzte das eigen­artige Doppelherrschertum des japanischen Reiches, wodurch der Kaiser Mntsuhito seine volle Macht zurückgewann. Japan trat nun in die Reihe der Verfassungsstaaten ein, reformierte feine Einrichtungen nach dem Vorbild der europäischen Länder, gründete Bank- und Versicherungs- inftitute, trat dem Weltpostvereine bei, führte Schulzwang, die neue Zeitrechnung, neue Gerichtsbarkeit, stehendes Heer u. f. w. ein, kurz, ahmte in wenigen Jahren alle bemerkens­werten Institutionen der Kultur nach. Ein Aufstand auf Korea, zu dessen Unterdrückung China und Japan gleich­zeitig Truppen absandteu, hatte einen Krieg mit China zur Folge (1894), in welchem sich Japans Ueberlegenheit im hellsten Lichte zeigte. Im Frieden vom 17. April 1895