Ausgabe 
1.1.1899 Viertes Blatt
 
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Nr. 1

Viertes Bl<M.

Sonntag den l. Januar

1899

Gießener Anzeiger

Henerat-AnMger

Anrts- und Anzeigeblatt für den 'Kreis Gieren

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Amtlicher Ml.

Gefunden: 1 silberner Ring, 1 Portemonnaie ohne Inhalt, 1 Uhrkette, 1 Kompaß, 1 Pelerine, 1 paar Hand­schuhe, 1 Halstuch, 1 Strickzeug und 1 Anhängsel (Uhr« fchMel).

Gießen, bett 81. Dezember 1898.

Großherzogliche» Polizeiamt Gießen.

Muhl.

Deutsches Reich.

Berlin, 30. Dezember. Der Präsident des Reichstages Graf Ballestrem, hat den Hinterbliebenen des verstorbenen Alters-Präsidenten D i e d e n durch das Bureau des Reichs­tages für die Samstag früh stattfindende Beisetzung einen Kranz übersenden lassen. Auf dem linken Bande der weißen Schleife ist in schwarzem Druck die Widmung an­gebracht : Seinem alten Mitglieds Christian Dieden. Auf dem rechten Bande der Schleife: In treuem Andenken. Der deutsche Reichstag.

Berlin, 30. Dezember. Betreffs der Abrüstungs-Kon­ferenz meldet diePost", daß bis jetzt über das Programm für diese Konferenz, welches vom russischen Kabinet fertig gestellt zu sein scheine, noch keine Verhandlungen mit irgend einem andern Kabinet auch nicht mit dem deutschen statt­gefunden haben. Alle entgegenstehenden Zeitungsmeldungen sind unrichtig.

Berlin, 30. Dezember. DieNational-Zeitung" schreibt Aber den Stand der deutsch-englischen Handelsver­trags-Verhandlungen gehen Mitteilungen durch die Presse, welche nach unseren Informationen unzutreffend sind. Es wird gemeldet, daß demnächst dem Reichstage ein Gesetz­entwurf über einen provisorischen Handelsvertrag zwischen Deutschland und England zugehen werde. Die endgiltige Regelung sollte bis zum Ablauf der Verträge mit Oester­reich, Italien, Rußland usw., dem 1. Januar 1904 ver­schoben werden. Eine solche Vorlage ist nicht zu erwarten. Die deutsche Regierung hat der englischen vor einiger Zeit Vorschläge für einen definitiven Handelsvertrag übermittelt, auf die bis jetzt noch keine Erwiderung eingetroffen ist. Gegenwärtig ein Provisorium zu schaffen liegt kein Grund vor, da ein solches bis zum 31. Juli ds. Jrs. verein­bart ist.

Die Denkschrift über Kamerun. Lebhafter wie früher wendet sich seit einiger Zeit das kolonialpolitische

Feuilleton.

Kaiserthränen.

Frei nach dem Französischen von Aug. Schacht.

(Nachdruck verboten.)

Der kleine Prinz lag im Sterben.

Als die Aerzte dem Kaiser sagten, daß sie am Ende ihrer Kunst angelangt seien, ließ er sie alle ins Gefängnis werfen, und schwur bei seiner goldenen Krone, sie sollten ihr Leben verlieren.

Nun stand der Kaiser an der Lagerstatt seines schwach- tenden Kindes, angethan mit seiner goldenen Rüstung, das Schwert au der Seite, die Krone auf dem Kopfe. Er hatte die Hand seines Kindes gefaßt, aber er weinte nicht, denn für ihn war es undenkbar, daß der Tod es wagen würde, sein Kind zu nehmen, während er an dessen Seite stand.

In seinem prächtigen Bett, um welches auserwählte Soldaten Wache hielten, lag der kleine Prinz in den letzten Zügen. Seine Brust atmete schwer, ein sonderbarer Laut drang zwischen den Zähnen hervor, und zuweilen ballten sich die kleinen Hände krampfhaft, als wollten sie irgend ein unsichtbares Gewicht fortstoßen.

Dann plötzlich wandte er sich an seinen Vater und fragte ihn, weshalb seine Mutter nicht dort sei und weshalb alle die Soldaten um sein Bett ständen. Doch sein Vater tröstete ihn und sagte:

Schlafe, kleiner Prinz, die Soldaten wachen über Dich." Aber die Augen des Kindes blieben weit geöffnet, sein Atem wurde immer undeutlicher.

Da wurde am Fuße der großen Treppe ein Geräusch hörbar. Der Kaiser wandte sich zornig an seine Leibwache. In demselben Augenblicke erschien aber auch schon ein alter Mann in der Thüröffnung. Sein langer Bart, der ihm

Interesse im Reiche unserem Schutzgebiete Kamerun zu. Verschiedene Gesellschaften haben sich gebildet, welche die kulturelle und kommerzielle Aufschließnng dieser Kolonie zum Ziele haben. Die jetzt im Anschlüsse an die früher ver­öffentlichte Denkschrift über die deutschen Schutzgebiete mit Ausnahme von Kamerun ausgegebene Denkschrift über die Entwicklung der letztgenannten Kolonie im Berichtsjahre vom Juli 1897 bis Juli 1898 rechtfertigt dieses erhöhte Interesse in vollem Umfange. Auf allen Gebieten läßt sich ein be­deutender Fortschritt hinsichtlich des Schutzgebietes feststellen. Die Verwaltung der Kolonie ist mit Eifer darauf bedacht, dem Handel und Verkehr neue Wege und Absatzgebiete zu eröffnen und für die Sicherung der Straßen zu sorgen. Zwar ist es immer noch nicht gelungen, dem hemmenden Zwischenhandel der Duallas ein Ende zu bereiten, indessen werden doch die Handelsstationen von allen Seiten immer weiter in das Land hinein vorgeschoben und immer von neuem die Versuche wieder ausgenommen, die Landesprodukte direkt von den Eingeborenen zu erstehen. Die Firmen, welche in Kamerun den Handel in Händen haben, sind zwar im Berichtsjahr der Zahl nach nur um eine gestiegen und beziffern sich jetzt auf 16 (9 deutsche, 7 englische), ihre Thätigkeit hat aber nicht unwesentlich an Ausdehnung ge­wonnen. Die Ausfuhr beläuft sich jetzt schon auf nahezu 4 Millionen Mark, die Einfuhr auf 7,1 Millionen Mark. Durch die Unterwerfung der Banes und Bulis sind dem Handel neue Absatzgebiete geschaffen worden, aber auch die alten in den Flußgebieten des Mungo, Wuri, Abo und Sannaga haben gezeigt, daß der Handel in ihnen noch weiterer Ausdehnung fähig ist. Einen hoch erfreulichen Fortgang nimmt der Plantagenbau im Norden wie im Süden des Schutzgebietes. Im Viktoriabezirk waren am 30. Juni ds. Js. schon 1309 Hektar mit Kakao, Kaffee und Tabak bepflanzt, im Berichtsjahre allein wurden 715 Hektar neu­bepflanzt. Die Nachfrage nach Plantagenland ist im Steigen begriffen und in kurzer Zeit dürfte das anbaufähige Land zwischen der Küste und dem Mango am Kamerunberge ver­griffen sein. Mangoaufwärts aber ist noch gutes Plantagen­land in Menge zu haben. Der Bericht bezeichnet es mit Recht als für die Zukunft der Kolonie von größter Bedeu­tung, daß das deutsche Kapital endlich seine bisher geübte Zurückhaltung aufgegeben hat und sich mit Energie auf die Hebung der in dem jungfräulichen Boden Kameruns ruhenden Schätze geworfen hat.

Berlin, 30. Dezember. Wie diePost" berichtet, hat der Reichskanzler Fürst Hohenlohe auf der Rückreise aus den Reichslanden gestern den Großherzog von Baden

bis auf den Gürtel reichte, war weiß wie Schnee, er wor­in ein seidenes Gewand gehüllt, dem Alter und Gebrauch das frühere Aussehen genommen hatten. Mit der einen Hand lehnte er sich auf einen Bambusstock, die andere hielt ein vertrocknetes Chrysanthemum.

Der Kaiser wollte zornig auf den Fremden eindringen, doch dieser sagte ruhig:

Man gestattete mir den Eintritt, als ich sagte, daß ich Deinen Sohn retten will."

Du meinen Sohn retten?"

Ohne sich durch die Soldaten abschrecken zu lassen, ging der Greis auf das Bett des Prinzen zu.

Bei der ausgehenden Sonne," rief der Kaiser,wenn Du lügst, werde ich die schrecklichsten Torturen für Dich ersinnen."

Der alte Mann lächelte.

Wenn man mein Alter erreicht hat," bemerkte er,ist der Faden, der Leib und Seele zusammenhält, so fein, daß das Eisen der Schergen leichte Arbeit hat."

Dann näherte er sich dem Bette, sah auf das Kind und sagte :

Ich komme noch zeitig genug; aber wenn Deine Sol­daten mich zurückgehalten hätten, so wäre Dein Kind in diesem Augenblicke gestorben."

Der Kaiser zitterte; die Worte des Greises machten einen tiefen Eindruck auf ihn.

Und Deine Heilmittel?"

Dies Chrysanthemum, das ich nur auf die Brust Deines Sohnes zu legen brauche, damit frisches Blut in seinen Adern rinnt."

Dann thue es!"

Aber der alte Mann antwortete lächelnd:Zuerst muß ich wissen, was ich von Dir zur Belohnung erhalte."

besucht, und sich längere Zeit bei demselben aufgehalteu. Der Reichskanzler nahm auch an der Frühstückstafel im großherzoglichen Schlosse teil.

Ausland.

Rom, 31. Dezember. Eine vielumstrittene Frage, die der Amnestie, hat teilweise ihre Erledigung gefunden. Der König hat nämlich den Gnadenerlaß unterzeichnet, welcher sich auf alle Personen erstteckt, die wegen der Ruhe­störungen im Mai d. I. von Militär- und Zivilgerichte« verurteilt worden sind, sofern die über sie verhängte Strafe nicht mehr als zwei Jahre Gefängnis beträgt. Ferner wird bei denjenigen Personen, welche zu einer höheren Freiheits­strafe verurteilt sind, letztere um zwei Jahre herabgesetzt. Für Frauen und mehr als 70 Jahre alte Greise, sowie für Minderjährige unter 18 Jahren tritt entweder Straferlaß oder Herabminderung um drei Jahre ein. Einige Kategorien rückfälliger und anderer Personen sind von dem Gnaden­erlaß ausgeschlossen. Man schätzt, daß ungefähr 700 von Militärgerichten Verurteilte und 2000 von den Zivilgerichtu Verurteilte von dem Gnadenerlaß betroffen werden. Ob das Ministerium mit der Maßregel seinen Zweck erreicht, die Bewegung für die Amnestie dadurch zu beseitigen, dürfte sehr zweifelhaft sein; eher könnte ihm das Vorgehen als eine Schwäche ausgelegt werden, die nur zu weiteren Forde­rungen ermutigt.

Paris, 30. Dezember.Petit bleu" versichert, Zola befände sich noch immer in London. Seine Adreffe sei aber nur der Polizei und einigen intimen Freunden bekannt.

Paris, 30. Dezember.Journal" versichert, Prinz Georg von Griechenland, der Gouverneur von Kreta, werde sich demnächst mit der zweiten Tochter des Prinzen von Wales verloben.

Paris, 30. Dezember. Wie aus bester Quelle verlautet, geschieht die Uebermittelung des geheimen Dossier unter folgenden Vorsichtsmaßregeln gegen etwaige Enthüll­ungen. lieber die dem Verteidiger Monard zuzustellenden Schriftstücke muß der Kassationshof in jedem einzelnen Falle beraten und die Uebermittelung soll erst nach vorher ein­geholtem Gutachten des Kapitäns Cuignet stattfinden. Der Verteidiger kann die Schriftstücke der Frau Dreyfus nur dann zur Kenntnisnahme vorlegen, wenn der Kassationshof dazu die schriftliche Erlaubnis gegeben hat.

Paris, 30. Dezember. Die Patriotenliga hielt gestern Abend eine große Versammlung ab, in welcher Millevoye eine revolutionäre Rede hielt. Er sagte u. a.

Des Kaisers Zorn brach von neuem los.Es ist unerhört," rief er aus,sich beim Streite über den Lohn für einen Dienst aufzuhalten, da Du doch selbst sagst, daß die Gefahr groß ist. Weißt Du nicht, daß ich der Herr bin?"

Ueber unser Leben vielleicht, über unfern Willen nie!" war die kühne Entgegnung des Weisen.

Ich könnte Dich ja in Ketten schlagen lassen und mich in den Besitz Deiner geheimnisvollen verwelkten Blume setzen!"

Ich sagte Dir schon, daß der Tod für mich keine Schrecken hat; ich bin so alt, ich habe so lange gelebt, daß ich nichts weiter wünsche, als ewige Ruhe. Aber um meinem Heilmittel Wirksamkeit zu geben, ist es nötig, daß ich es selbst anwende."

Dann bestimme, was Du verlangst! Wünschest Du die Hälfte meines Reiches? Meinen Palast?"

Der alte Mann schüttelte sein Haupt.

Da schlug der kleine Kranke seine Augen auf; seine Hände ballten sich, der Schweiß rann von seiner Stirn, er öffnete den Mund, aber kein Ton kam von seinen Lippen.

Er stirbt!" schrie der Kaiser. Er warf sein Szepter dem alten Manne vor die Füße und rief:Nimm es, wenn es die Macht ist, die Du wünschest, für mich ist es nichts mehr wert, da ich sehe, daß ich machtlos bin, mein Kind vom Tode zu erretten!"

Er fiel auf seine Kuiee und preßte seine Lippen auf die Hand seines Sohnes, während Thränen aus seinen Augen stürzten. Auch die Soldaten fielen auf die Kuiee, als sie ihren Kaiser knieen sahen; der alte, weißbärtige Arzt war die einzige Person, die in dem prachtvollen Zimmer aufrecht stand. Einen Augenblick stand er bewegungslos, dann streckte er seine Hand aus, führte das Chrysanthemum an