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Mittwoch den 31. Auguft
1808
Zweites Blatt.
Nr. 203
Meßener Anzeiger
General-Anzeiger
Aints- und 2lnzsiget>latt für den "Kreis Greszen
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Rußland und Frankreich.
Das waren selige Tage für bie Franzosen, als am j 18. August vorigen Jahre- Felix Faure von Dünkirchen , aus an Bord des „Polhuan" seine R^rse nach Rußland antrat, um im Namen Frankreichs dem Zaren einen Gegen- j besuch zu machen. Wie stark war nicht der Rausch an der | Seine, als am 23. August zwischen dem Selbstbeherrscher aller Reußen und dem Präsidenten der französischen Republik Gruß und Kuß au-getauscht wurde, und wie hoch gingen nicht die Wogen der Begeisterung, al» endlich auf dem an Bord des „Polhuan" gegebenen Festmahl der Zar das Wörtchen „Alliance" ausfprach, das man fo sehnsüchtig bereits beim Aufenthalt des russischen Kaisers in Pari- und insbesondere im Feldlager von Chalons erwartet hatte! Die Erinnerung an jene festliche Zeit wurde durch die in diesen Tagen zwischen dem Zaren und dem Präsidenten Faure aus- gelauschten Telegramme wieder wachgerufen, und e» ist deshalb angezeigt, einmal das gegenwärtige Verhältniß zwischen den beiden alliirten Nationen näher zu beleuchten.
Schon längst hat Frankreich erkannt, daß sein großer Bruder an der Newa für Revanche.Jdeen nicht zu haben ist, daß e» eine thörichte Hoffnung wäre, aus der Allianz auf eine Wiedergewinnung verlorener Provinzen schließen zu können. Ueberhaupt haben die Franzosen viele kühne Traume ausgeben müffen, seitdem im vorigen Jahre auf der Rhede von Kronstadt die Küffe an-getanfcht worden find. Schon vor der Reise Faure» war man an der Seine ungeduldig geworden, da der Zar das Zauberwort immer noch nicht ausgesprochen hatte. Und da es schließlich gefallen und der erste Freudetaumel vorüber war, überblickte man klaren Blickes die Situation, um zu finden, daß fich in der Stellung Frank« reich» eigentlich nichts verändert hatte. Der Zar schien großen Werth darauf zu legen, daß man an ferner Friedensliebe nicht zweifle, und dies konnte natürlich an der Seine nicht befriedigen. Mit der Zeit find die Beziehungen noch kühler geworden, und recht rauhe Worte sind bereits aus dem sonnigen Süden nach dem rauhen Osten gesandt, in denen der Werth der Alliance sehr skeptisch beurtheilt wurde. Ernste fianzöstsche Politiker haben längst eingesehen, daß ihrem Vaterlande da» Bündniß mit Rußland theuer zu stehen kommt, und auch die jüngsten Freundschaftsversicherungen zwischen Nicolau« II. und Felix Faure können über die Thatsache nicht Hinwegtäuschen, daß der schönste Theil de» Traume» der Verbrüderung beider Nationen bereits zu Ende ist. Rußland wendet sein Hauptaugenmerk aus den Osten, dort liegt seine Zukunft, während ihm die Dinge im Westen viel gleichgültiger find. Ueberdies find die innerpolitischen Verhältniffe
Frankreichs nicht dazu angethan, vertrauenerweckend auf den Alliirten zu wirken, fo daß man es in Petersburg nicht für angezeigt halten kann, fich allzu sehr für den Bundesgenoffen zu engagiren. Jedenfalls bildet der Zweibund heute weniger denn je eine Gefahr für den europäischen Frieden, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß die kommenden Ereigniffe in Frankreich dazu beitragen werden, ihn noch mehr zu lockern, (xx)
Wie Cerveras Geschwader unterging.
Da» tragische Geschick, bas die spanische Marine vor Santiago betroffen hat, ist noch in frischer Erinerung! Da bilher indeffeu nur kurze, ganz allgemeine Mittheilungeu darüber in die Oeffevtlichke'.t gelangten, wird es gewiß Manchen interesfiren, Einzelheiten über den Untergang de» Geschwader» Cnvera» zu ersahren. Ein deutscher Marine« Osfi-ier schreibt den „C. N. N." hierüber.
Crrvera hatte, nachdem e» ihm -u allgemeiner Hebet« raschung geglückt war, den Hasen von Santiago zu erreichen, die Abficht, 24 Stunden später wieder auSzulausrn, welche» Borhaben infolge der Unmöglichkeit, in dieser Zeit die nöthigen Kohlen zu erhalten, unterblieb. Gleich daraus wurde er durch die amerikanische Flotte, zuerst einen Theil derselben, dann durch deren Hauptmacht blockirt, und verblieb, wieder zum allgemeinen Staunen, unthLtig, bi» er von dem spanischen Marineminister da» Telegramm erhielt: Einerlei, welche Folgen, in See gehen und den Feind bekämpfen."
In Ausführung diese» Befehl» wählte Cervera zu seinem Au»brechen einen Sonntag vormittag, zu welcher Zeit, wie er annahm, die Amerikaner wegen de» GotfeSdienste» an Bord in ihrer Wachsamkeit nachlaffen würden. B.er Tage vorher wurde mit den nöthigen Vorkehrungen begonnen und Pro« viant für eine größere Seereise übernommen. Die Abficht de» spanischen Admiral» ging dahin, die „Brooklyn", da» Flaggschiff de» Lommodore Schlth, den wegen seiner Schnellig« leit gefürchtetsten Gegner, womöglich zu vernichten und nach Havanna zu entkommen.
An dem betreffenden Tage lag da» amerikanische Panzerschiff „Texa»" gerade Santiago gegenüber, al» der wach, habende Offizier, Lieutenant Bristol, um halb 10 Uhr Vormittag» Rauch in der Einfahrt zu dem Hafen, zwischen den Fort» „Morro" und „La Socava" wahrnahm. Einen Augen« blick später kam ein Schiff-bug hinter der Batterie „Estrella" her -um Vorschein. Dre Leute auf ihre Gefecht»stationen rufen, sowie den weiter ab liegenden Schiffen da» Signal machen: „Der Feind sucht zu entfliehen" war ein»!
Inzwischen waren die Spanier, im Ganzen fieben Schiffe
d. h. die modernen Kreuzer „Lhristobal Eolon", „vizcaha", „Jnsanta Maria Teresa" und „Almirante Oquendo", aus welchem fich Eervera befanb, ein Kanonenboot und zwei eben» sall» ganz moderne Torpedoboot»zerstörer, völlig aus de« Hasen in See erschienen und suchten in obiger Reihenfolge hintereinanderfahrend, mit westlichem Kur» zu entfliehen. Sie liefen, wa» die Maschinen nur hergeben konnten, und feuerten unaufhörlich au« allen Geschützen, um ihre Flucht unter dem Schutze de» Pulverqualm» möglichst zu verschleiern. Nach amerikanischen Berichten sollen die Offiziere der Spanier mit geladenen Revolvern hinter den Geschützmannschaften gestanden und dieselben augefeuert haben, wobei so gehetzt worden fein soll, daß die Leute kaum ordentlich laden, geschweige denn ruhig zielen konnten.
Jntereffant ist die Thatsache, die hier eingeflochten sei, daß auf dem „Ehristobal Eolon", einem ursprünglich für die italienische Marine bestimmten Schiffe, die schweren Geschütze bei der Ueberuahme noch nicht installirt waren, und e» auch nachher nicht wurden, sodaß die 15 Eeutimeter Kanonen, d. h. die eigentliche Mittelartillerie, da» schwerste Kaliber diese» Panzerkreuzer» au-rnachten. Trotzdem hoffte mau spanischer- seit» bestimmt auf da» Entkommen gerade diese» schnellsten ihrer Schiffe.
Schon bevor da» erste spanische Schiff völlig zu sehen war, hatte da» Gefecht begonnen. Die „Texas" war mit aller Kraft auf den Feind zugedampft und feuerte mitten hinein in den Engpaß, durch den derselbe fich entwickelte, während die weiter in See liegenden amerikanischen Schiffe, so schnell sie laufen konnten, herankamen. E» waren die Panzerschiffe „Indiana", „Iowa" und „Oregon", während baß Flagschiff de» Admiral» Sampsou „New York" fich zwar auch näherte, wegen der großen Entfernung aber nicht in Betracht kam, dasjenige des Commodore Schleh dagegen, die „Brooklyn", sofort daran ging, den Spaniern den Weg zu verlegen.
Der Sachlage entsprechend hatte die „Texas" zunächst da» ganze Feuer der Gegner au»zuhalten, erhielt tnbeffeu nur zwei Treffer, ben einen in den Rumpf, beu anberen in die Eowmandobrücke, von welcher der Eommandant eben bie Leute in ben Commanbothurm deorbert hatte. Die meisten spanischen Schüffe gingen viel zu hoch.
E» war ein unbeschreibliches Getöse, habet ein Pulver- qaolm, baß man zeitweise absolut nichts sehen konnte. Scheinbar ging e» auf den amerikanischen Schiffen auch nicht ganz ruhig her. Auf der „Iowa", welche neben der „Trxa»" am nächsten heran war, wurden die schweren Thurmgeschütze mehrmals quer zur Kielrichtung abgeschoffen, wodurch eine
Feuilleton.
Mach Jerusalem.
Zur Erinnerung an bie Orientreift des Kaiser Friedrich.
Nur noch wenige Wochen, bann unternimmt unser Kaiser von venebig au« seine Fahrt nach bem Orient unb nach Jerusalem. Siu Kreu.zug ist biefe Fahrt, aber nicht einer jener Kreuzzüge, wie fie im Mittelalter unternommen würben, um ba« „heilige" Laub ben Hänben bet Ungläubigen zu entreißen, sonberu ein Zug, um bem beutscheu Hanbel im Osten neue Bahnen zu erschließen, eine Fahrt, um an jenen Stätten, an welchen ber Stifter unserer Religion wandelte, einem Werk ber Pietät bie Weihe zu geben.
Kaiser Wilhelm II. ist ber erste beutsche Kaiser, der eine Fahrt nach Jerusalem unternimmt, aber nicht der erste Hohenzoller, ber bem gelobten Laube einen Besuch abstartet, denn schon vorher hatten ber .rothe" Prinz Friebrich Karl unb ber beutsche Kronprinz Friebrich Wilhelm, „unser Fritz", der nachmalige Kaiser Friebrich bie Fahrt unternommen.
Die Vollendung be» Suez Eanal», biefe» gewaltigen Serke», bie feinem Erbauer, bem Franzosen Ferdinanb Lessep» ungeheure Ehren einbrachte, sollte vorn prachtliebenbeu Shedive von Aegypten burch ein glänzenbe» Seseiert werben, wie ja auch bie Einweihung be» Kaiser Wilhelm, ttanal» im Jahre 1895 burch großartige Veranstaltungen feierllch begangen wurde. Alle Mächte waren mit Siuladungeu bedacht, und in ben Hauptorteu Kairo, Alexaubrieu unb be« fonber» Port Saib, bem nörblicheu SuSgangShafeu be» Suez- 6anal» traf man bie umfassendsten Vorbereitungen, um bie sremblänbischen Besucher tu ein Märchen au» tausend» unb eine Nacht versetzen zu können.
Preußen, bamal», iw Jahre 1869, die führende Macht
be» norddeutschen Bundes, war gleichSsall» mit einer Einladung bedacht worden- Kronprinz Friedrich Wllhelrn sollte im fernen Osten die Macht vertreten, die fich durch einen glücklichen Krieg und durch die StaatSknnst eine» Minister- präfidenten zu einer europäischen Großmacht ersten Range» aufgeschwuugen hatte.
Aber da» KriegSrninisterium, bem bamal» auch bie Marine unterstanb, gerieth burch bie Einlabung in arge Bet- legenheit- man wußte nicht, woher ein Schiff nehmen, um ben andern Mächten gegenüber nicht zu sehr zurückzustehen. Die beiden Panzer „Kronprinz" und „Prinz Friedrich Karl" schienen für bie Reise nicht so recht geeignet zu sein, ber große Panzer „König Wilhelm", mit bem Prinz Heinrich 1897 zu ben JubilSum»seierlichkeiten nach England) fuhr, war erst vor kurzer Zeit in Englanb augekauft unb lag vollstänbtg uvauSgerüstet im Kieler Hafen, unb auch bie neue gebeckte (Sorbette „Elisabeth" konnte bei ber Kürze ber Zeit nicht au-gerüstet werben. Jnfolgedeffen blieb nicht» anderes übrig, al» die gedeckte (Sorbette „Hertha", die für ben ostafiatischen Dienst tereit gestellt war unb in der Nordsee kreuzte, für bie Fahrt nach Aegypten zu bestimmen.
Dover erhielt bie „Hertha" am 22. September 1869 ben Befehl, sofort ben englischen KriegShaseu Port»mouth an« zolaufeu unb hier ihre Einrichtung für die Aufnahme be» beutschru Kronprinzen zu berbollständigeu bezw. abzuänberu. In verhaltnißmäßig kurzer Frist war bie» geschehen, benn schon am 3. October bampfte ba» Schiff wieder ab. Mit „Volldampf voraus" ging« durch ben (Sanal unb ben Busen von Bikcaha in« mittellänbische Meer hinein. Nur in Gibraltar würbe Halt'gemacht, ba frische Kohlen eingenommen werben mußten. Außerdem wurde später ans Malta und Sorsu eine kurze Rast gemacht. Am 22. Ocwber, Nach« mittag« 5 Uhr, genau einen Monat nach der Ertheilung be« Beseh'.» in Dover, kam ber beutsche Kronprinz in Begleitung
be» König» von Griechenland» im Pyräu» an Borb ber Hertha. Letzterer verließ nach kurzer Zeit wieder ba» Schiff.
Sofort würben bie Anker gelichtet unb weiter gingS nach bem goldenen Horn und Konstantinopel.
Großartig war hier ber Empfang, ber ben beutscheu Seeleuten zu Theil würbe, aber lange währte auch hier ber Aufenthalt nicht, am 29. October ging» weiter, nachdem am Tage zuvor ber Kaiser von Oesterreich in Konstantinopel eingetroffen war.
Nach nur breitSgiger Fahrt würbe auf ber Rhede von Jaffa vor Anker gegangen. Jeder, der einmal Gelegenheit hatte, die Ostseebäder Müritz und Graal ober b e an Natur« schönheiteu reiche bäuische Insel Möen zu besuchen, wirb wiffen, wa» ba« Ausbooteu zu bebeuten hat. Aber gegen ba« Aurbooten an ber stet» branbenben Küste von Jaffa ist jene» ba« reine Kinberspiel- wie erst bei stürmischer Witterung! Eine solche war ber Mannschaft ber „Hertha" sür ihre Ankunft Vorbehalten unb oft unter Lebensgefahr würben der Kronprinz, sein Gefolge unb 30 Seesolbaten auSgebootet. Mancher Spritzer burchnäßte bie „blauen Jungen" bi« auf bie Haut.
Sm Straube hatten fich die Eingeborenen in großer Zahl versammelt, btnen wohl bisher ein solcher Anblick nur selten geworben war. Die türkischen Sicherheitßbeamten verfuhren nicht gerabe allzu lieben-würbig mit ihren Laubs- lernen, benn nm fie am weiteren Vorbringen zu Hinbern, würben Knuteuhiebe ausgetheilt, unb zwar in solch barbarischer Weise, baß von beutscher Seite gegen biefe Züchtigung Einspruch erhoben würbe.
Jaffa ist eine ziemlich öde unb dabei schmutzige Stadt, deshalb freuten fich die Teilnehmer an ber Expebition, al» vor ben Thoren ber beutscheu Colonie Halt gemacht würbe, die erst wenige Jahre vorher gegründet worben war. Wie man fich benten kann, war bie Aufnahme hier eine überau»


