Ausgabe 
31.3.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 76 Zweites Blatt. Donnerstag den 31. MLrz

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Grscheinl ILgNch mit Ausnahme des Montag-.

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Gießener Anzeiger

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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.

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Amtliche»« Theil,

Gießen, den 29. März 1898.

Betr.: Die Rahegehalte der Volksschullehrer.

Die

Grotzh. Kreis-Schulcommisswn Gießen

an die Grohh. Bürgermeistereien des Kreises.

Wir beauftragen Sie, uns innerhalb acht Tagen zu berichten, welche penstontrten Lehrer tu Ihren Gemeinden leben. Frhlbertchte sind nicht zu erstatten.

_______v. Gaaern. ________________

Bekanntmachung,

betreffend die Umlage der laud. und forstwirthschaftlichen Br- rufSgenoffenschaft für ba« Großherzogthum Hessen.

Die Umlage der land- und forstwi'thschaftlichen Berufs- ßenoffevschaft für daS Großherzogthum Heffen für das Jahr 1897 beträgt 676 815 Mk. 37 Pfg. (326 458 Mk. 31 Pfg. für Uafallkntfchädigungen, 162 729 Mk. 16 Pfg. al« Anlage zum Reservefonds uud 88 627 Mk 90 Pfg. für Verwaltung«- -osten). Da sich die Geiammtsumme der beitragspflichtigen Steuercapttalieu auf 13769 498 Mk. 91 Pfg. (8 032 207,7 Gulden) beläuft, so ergiebt sich ein Ausschlag von 4,189 Pfg. auf die Mark Steuercapital (7,181 Pfg. auf den Gulden).

E» wird die« gemäß § 19 der Verordnung vom ll.Jalt 1888 unter dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Erhebung dieser Umlage demnächst in einem Ziele unter Zusendung besonderer AnforderuugSzettel statifinden wird.

Darmstadt, den 4. März 1898.

Der Vorsitzende de« Vorstände« der land« und forftwtrth- schaftlicheu BerufSgenoffenschast für da« Großherzogthum Heffen. _______________Nover, Regierungsrath.____

Aus de« Verhandlungen der Zweite« Kamm« bet hessische« »taube.

G. Darmstadt, 29. März 1898.

Die Sitzung wird um V<n Uhr eröffnet. Nach Vcr. Kündigung einer Reihe neuer Einläufe und Berichtsanzeigen

tritt die Kammer in die Berathung eine« Gesuche« der Bau» I Handwerker zu Bad-Nauheim wegen Vergebung staat- 1 licher Bauarbeiters bei Erbauung eine« neuen Badehause« daselbst. Mtuistertalrath Schäffer stellt fest, daß bet Her- stellung diese« Bauwerke« mit verkürzten Fristen gerechnet werden mußte, und au« diesem Grunde habe hier eine Aus­nahme bet der Vergebung der Bauarbetten stattgesunden. Im Uebrtgen könne er die Kammer versichern, daß die Ver­gebung staatlicher Bauarbetten nach ganz bestimmten Grund- sätzen erfolge und daß die einheimische Eoncurreuz der Bau- Handwerker in erster Linie berücksichtigt werde. Die Abgg. Weith und Ulrich bitten die Regierung dringend, den Wünschen de« Kleinhandwerker« bet Submissionen Rechnung zu tragen uud insbesondere diejenigen, die an Ort und Stelle, mehr zu berücksichtigen.

Der Abg. Cramer und Genoffen haben beantragt, die Errichtung einer Heilstätte sür Lungenleidende und andere chronische Kranke zur Durchsühruug zu bringen. Der Berichterstatter v. Köth beantragt Namen» de« Auö- schuffeS, da« Ersuchen an die Großh. Regierung zu richten, alSvald eine Vorlage über Errichtung einer staatlichen An­stalt zur Pflege uud zur Heilung aller unbemittelten Kranken dem Hause zugehen zu lasten. Abg. Ulrich kann sich mit dem «buchten Antrag deS AuSschi-strS einverstanden erklälen. Diese schreckliche Krankheit der Proletarier, welche jährlich Tausende dahin raffe, wüste im Entstehen uud mir aller Energie bekämpft werden. An Hand von statistischem Material de« ReichSgesundheitSamtes gibt er dem Hause ein Bild von der Mortalität der Lungenkrankheiten. In ähnlicher Weise, wie dir« bei dem Gesetz über die Beaufsichtigung der Wohn­ungen und Schlafstätten der Fall sei, müffe man auch hier auf gesetzlichem Wege diesem Uebel entgegentreten. Abg. Reinhardt ist ebensall» der Ansicht, daß auf diesem Ge- biete und zwar auf Staatskosten etwas geschehen wüste. StaatSwiutster Finger erklärt, fo sehr dieser auf Humanität aufgebaute Antrag den Herren Antragstellern und seinen Fürsprechern alle Ehre mache, so habe derselbe doch seine großen Bedenken. ES werde zunächst schwer sein, von Staat«, wegen diese Kranken tu die Anstalt zu zwingen. Bet Irren usw. sei diese» etwa« andere«- diese seien nicht Herr ihre«

Geiste«. Gr sürchte, daß daher da« Unternehmen nach dieser Richtung hin den Zweck, den man erhoffe, nicht erfüllen werde. Geh. Medicinal-Rath Neidhardt stellt fest, daß zur Zeit etwa 18000 Lungenkranke tu Heffen leben. Davon seien ungesähr 12000 mittellos. ES frage fich da­her, wie man alle diese Kranken in Krankenhäusern unter- bringen wolle, da ein Krankenbett fich auf ca. 3000 Mk. jährlich stelle. Die Idee, diesen Kranken auf Staatskosten zu helfen, sei recht schön, ersordere aber colosiale Mittel, vor denen die Regierung zurückschrecken müffe. Andere Staaten seien dieser Frage noch nicht näher getreten. Abgg. Fre- nay und vr. David sprechen sich sür Errichtung einer solchen StaatSanstalt aus. Letzterer bestreitet die Richtigkeit der Angaben de« Regterungövertreter« über da» Vorhanden- setn so vieler Lungenkranker in Heffen. Die Krankheit der- thetle sich auf sechs Jahre, und damit müffe man rechnen. Gerade bet jungen Kranken wüste angegriffen werden. StaatSwiutster Ftuger will nicht in Abrede stellen, daß bei dieser Krankheit eine gewtste Gefahr sür da« Laud vorliege. Ob mau aber dieselbe zu solchen Maßregeln verwenden könne, daS sei doch eine Sache, die sich nicht über« Knie brechen laste. Der Abg. David wünsche die Kranken uud deren Familien auf Staatskosten zu übernehmen. E» scheine ihm, daß im Hause über die Behandlung dieser Frage eine außer- ordentliche Unklarheit herrsche. Diese Frage wüste erst in richtige Erwägung gezogen werden. Der Regierung sei hin- fichtlich der Ausbringung der Mittel, ob Staat oder Commune, noch gar kein Wegweiser gegeben. Die Regierung sei von Herzen ebenso geneigt wie die Antragsteller, diesen Kranken zu Helsen. Dazu gehöre aber auch der Kopf und der sei noch nicht zu Rathe gezogen worden. Abg. Schönberger hält die Naturheilmethode für diese Krankheit entschieden billiger al« die medictutsche und empfiehlt die Ltnsühruug der ersteren sür die zu errichtende Anstalt. Seiten« de» Abg. Schmeel wird beantragt, die Regierung zu ersuchen, über die Pflege unbemittelter, unterstützungsbedürftiger, tuberculoser Kranken eine Vorlage zu machen. Abg. Weidner sieht aus dem Verhalten der Regierung, daß sie dem Antrag nicht geneigt fei. Da« sei bedauerlich. Abg. Friedrich wird für den Antrag Schmeel stimmen. Gr

Feuilleton.

Bhue Glück, ohne Ilern.

Eine LtebeSePtsode au» der Zeit Friedrich« de« Großen. Von E. Gerhard.

(Schluß.)

All diese Worte vermochten aber nicht die Hoffnung im Herren de« Prinzen zu ertödten. Er lud seine Mutter nach Oranienburg, da« er mit Lchlem Kunstsinn verschönt hatte, und veranstaltete dort heitere Feste. Der herrliche Park mit seinen köstlichen Laubgängen, seinen verschwiegenen Grotten hallte wieder von fröhlichen Stimmen, von Lachen und Ge- fang. Die schönste von sämmtltchen Damen de« Hose« blieb Sophie v. Bannewitz- vielleicht hatte ihre Schönheit noch durch den rührenden Ausdruck der Schwerwuth gewonnen, erzeugt durch den beständigen Kampf gegen de» Prinzen und ihre eigene Neigung. Sie hatte bereit« eiogesehen, daß die Schönheitnur ein Vorzug zu setn scheint", aber empfunden, daß fie e» nicht ist, die man haben muß, um glücklich zu sein". Prinz August Wilhelm verglich sie oft mit seiner retzlos.n Gemahlin, und btt Vergleich diente nur dazu, ihn leidenschaftlicher zu machen. Er zeigte seine Neigung zu Sophie so unvorsichtig all« Welt, daß er de« edlen Mädchen- guten Ruf in Gefahr brachte. Ja, ihr eigener Bruder nahm r« sich heran», ihr die bittersten und doch unverdientesten Vorwürfe zu wachen. Au« Gram fiel sie in eine schwere Krankheit. Da sie nie, wie sie schrieb,die Gebote der strengsten Sittsamkeit und Tugend vergeffen", schmerzte e» ste tief, daß selbst ihre Angehörigen an ihr zweifelten.

Der Prinz verzehrte fich fast in Sorge um fie, die er leidend wußte. Alle Morgen schickte er ihr einen Brief oder ein kurze« Billet, begleitet von duftenden Blumen.

So fehr fie auch diese zarten Beweise seiner Liebe rührten, so fühlte fie doch, daß ste sich ihm für immer ent- ziehen müffe. Dazu gab e» nur einen Weg: ihre Heirath mit einem «ndereu. Und so unsagbar schwer ihr diese« Opser auch erschien, fie mußte uud wollte e« bringen. Zwar hatte der Prinz schon zwei ihrer Bewerber, den Grafen Neipperg und den Fürsten Lobkowitz, zurückzuschrecken gewußt, aber jetzt kam ein neuer Verehrer Sophien» in Berlin an, der

frühere Gesandte am Dresdener Hose, Johann Ernst v. Voß. Der König begünstigte seine Werbung- so sehr er auch Sopte geneigt war, so hätte er doch niemals ihretwegen in eine Scheidung der Ehe de» Prinzen gewilligt. Al« dieser von dem Projecie Kenntniß erhielt, bestürmte er die Geliebte, Herrn v. Voß abzuwetseu. »Ich ertrüge e« nicht, Dich in den Armen eines Anderen zu sehen! Eher würfe ich mein Leben von mir, da« ohne Dich keinen Werth mehr für wich hat!"

,®ure Königliche Hoheit werden die hohe Meinung, die ich von Ihnen habe, nicht durch ein fo feige« Thun zerstören. Stolz tote eia zur Sonne fliegender Kvnig-adler möchte ich Eure Hoheit allezeit sehen!" erwiderte fie.

Wenige Tage darauf, am 17. Januar 1751, verlobte fie fich mit Herrn v. Voß und bereit« am 11. März, an ihrem Geburtstage, fand die Hochzeit statt. Sophie be- zeichnet in ihren Memoiren diefen Tag selbst al» den ent­setzlichsten ihre« Leben«. Aber ob auch ihr Herz zu brechen drohte, fie blieb standhaft, fich selber treu. Die Königin, welche da« von ihrem Hosfräuletn dem königlichen Hause ge­brachte Opfer wohl anerkannte, schenkte ihr schöne Spitzen und 1000 Thaler zum «rautkleide »von weißem Moor mit filbernen Blättern". Al« der Prinz die heiß Geliebte und nun für immer ihm Verlorene in diesem Gewände vor dem Altar stehen sah, als er fie den Eid der Treue dem uu- geliebten Mauve schwören hörte, fiel er in Ohnmacht und mußte au« der Kirche getragen werden. Sophie aber gelobte fich innerlich, »hinfort einzig und allein der Pflichten gemäß zu handeln, zu denen da« Jawort, da» fie gesprochen, fie verband."

Nach rauschenden Festen reifte da» junge Paar nach Großwitz in Mecklenburg ab. Die junge Frau war bestrebt, ihrem Manne da» zu sein, wa« er von ihr verlangen konnte, eine treue Gattin- und da» Bewußtsein, recht gehandelt zu haben, erleichterte ihr da» Leben. Doch von Neuem durch­brauste ein Sturm ihre hartgeprüfte Seele, al« die Anstellung ihre» Manne« Im Ministerium fie nach Berlin und wieder an den Hof führte.

Der Prinz, dem man ihren tapferen Entschluß al» einen Verrath hingestellt, begegnete ihr wohl mit Achtung und stand auch bet ihrem zweiten Sohue Pathe, aber er blickte fie zu

ihrem Kummer stet» gekränkt und vorwurfsvoll an. Trotzdem erregte sein Verhalten die Eifersucht de« Herrn v. Voß. «r bat um seine Versetzung und kam al« Präsident nach Magdeburg.

Unter tausend Thränen verließ Sophie Berlin. Sie schrieb darüber: »Erst mit dem erzwungenen Lo-reiße», da« ein so willkürliche» und ungerechte« Motiv herbeigesührt hatte, fing für mich das wirkliche Unglück in meiner Ehe an I"

Ihre sehnenden, theilnehmenden Gedanken flogen oft zu dem Prinzen, den bald ein tragische« Geschick ereilte. Ob­gleich er der Ltebling-bruder de« großen König« war, für den derselbe sein große» Gedicht, »Die Kriegskunst", verfaßte und dem er im Jahre 1752 seine »Geschichte de» Branden burgischev HauseS" mit Worten der Liebe und Bewunderung widmete, wurde er doch schon nach fünf Jahren von ihm faßen gelassen. Nach der unglücklichen Schlacht bei Collin, welche dem Monarchen den Glauben an seinen Stern und zugleich seinen klaren Blick raubte, ließ er einen Theil der Truppen durch den Prinzen August Wilhelm in die Lausitz zurückführen und gab ihm den General v. Winterfeldt mit. Dieser verleitete den Prinzen zu Maßnahmen, die unglücklich ausfielen und große Verluste an Menschen und Bagage zur Folge hatten.

Winterfeldt stellte den Prinzen al« den Schuldigen hin und der erzürnte König verbannte ihn, ohne seine Recht- fertigung zu hören, nach Berlin. Ties verletzt ging August Wilhelm nach Oranienburg, um dort zu sterben. Schwer krank, verheimlichte er seine Leiden, damit er nicht geheilt werden konnte. Der Tod erlöste ihn am 12. Juni 1768 von dem Gram über seine unglückliche Liebe zu grau v. Boß und über die unverdiente Ungnade feine» Bruder» und König».

Mit tiefem Schmerz erfuhr Sophie den Sturz ihre» Sonnenaar«, den Heimgang de« nie vergeffenen. Obgleich fie allgemeine Hochachtung genoß, obgleich sie liebevolle Kinder besaß, war ihr doch niemals ein volle», reine» Glück zu Theil geworden, und e» bewährte fich an ihr und dem Jugend­geliebten da» Dichterwort:

,6te haben gehabt weder Glück noch Stern, Ste find verdorben, gestorben!"