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30.8.1898 Zweites Blatt
 
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1898

Nr. 202 Zweites Blatt. Dienstag den 30. August

Gießener Anzeiger

Heneral-Anzeiger

nahmt von Nnzeigr» jn brr Nachmittag» für brn halflrabai Lag nfd)«ntnbre Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

Hqufliyrrtn oieneiiädrl'ch 2 Mark 20 Pfg monatlich 75 Bt> mit Bnngtrlohn.

Btt Poflvrzug 9 Mark 50 Vlg. virrttltLbrNch.

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Orschelni täglich mit An»nahme bei Montags.

D» Gießener JlMmtlkenß kälter »erben bem Anzeiger »ächenkl'ch viermal beigelegt.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giefzen.

-j5-;r Emtisbrilazr: Girhcnrr FamilienblLttrr.

Deutsches Aeich.

Bttlii, 27. August. Au bcn bieSjährigen Ratfer- m an Ob ern nehmen auf besondere Einladung des Kaisers im Ganzen elf Osfiziere fremder Staaten Theil. Die Kosten der Verpflegung und Unterkunft dieser Offiziere wird der Kaiser au» seiner Privatschatnlle bestreiten.

Berit». 27. August. DirVerl. Reuest. Nachr." schreiben: Auf dem Katholikentag hat Herr Dr. Porsch behauptet, Dr. »tndthorst habe seiner Zett nicht durch die Vermittelung b« Gehetwrath» Bleichröder eine Unterredung mit dem Fürsten Bismarck nachgesucht, sondern die Vermittelung sei von einer anderen Stelle au»gegangen. Demgegenüber können wir au» eigenem Munde de» Fürsten feststellen, daß thatfächltch die Vermittelung durch Bleichbäder erfolgt ist. Auch hat Fürst Bt»marck öffentlich erklärt: Wtudthorst hat um die Unter­redung uachgesncht und zwar in ungewöhnlicher Form. Er ließ nämlich durch meinen Bankier avfragen, ob ich ihn em­pfangen «olle.

Berlin, 27. August. Der Staatssekretär de» Aus- wärtigen, v. Bülow, ist gestern hier eingetrofien und begab sich Abend» zu» Jmmedlatvortrag beim Kaiser nach Pot»dam. Der Kaiser begab fich heute früh nach Iüterbogk, um daselbst Schießübungen brizuwohveu.

Heere»forderungen. Die Behauptungen, die kürzlich in derFreis. Ztg." «tt so großer Sicherheit auf» gestellt wurden, find bisher noch nirgend» bestätigt. Al» wahrscheinlich gelten bisher nur die OrgautsatiouSveräuder» ungen bezüglich der Feldartillerie und der technischen Truppen, über die schon früher berichtet ist. DaS Gerücht von einer Vermehrung der Infanterie-Bataillone scheint darauf zurück- zerführen zu sein, daß der Etat der Bataillone in den neu» sormtrten Regimentern derart verstärkt werden soll, daß er denen in den alten R ^meutern entspricht. DaS würde eine Maßregel sein, sür die r» an triftigen nnd durchschlagenden Gründen nicht fehlt. Dagegen dürsten andere Nachrichten wohl tu daS Gebiet der Räubergeschichten gehören. Da» »Memeler Dampfboot" gibt, allerdings unter Vorbehalt, eine Nachricht wieder, wonach auch tn Ostpreußen ein neue» Armeecorp» formirt werden soll. Die Sache läuft, wie eS icheint, auf ein Mißverfiändniß hinaus.

Flenttnrg, 27. August. Auf Anordnung dr» RegierungS» präfidrnttn von Schleswig wurde die auf gestern anberaumte gottesdienstliche Versammlung in der dänischen freien Gemeiudektrche zu Baulund verboten.

Att»Ur«d.

Wien. 27. August. Ministerpräsident Baron Banffy und Ftnanzmiuister Lukao» find heute gemeinsam in ein»

stündiger Audienz vom Kaiser empfangen worden. Die Minister referirten über den StaatSvoraoschlag von 1899. Morgen werden Banffy und Thun tn der Angelegenheit der Ausgleichsfrage gemeinsam vom Kaiser empfangen werden.

Rom, 27. August. Auf Befehl de» Papste» werden die Cardtnäle Sarti und Patriarca Kaiser Wilhelm tn Venedig osficiell begrüßen.

Pari», 27. August. DteAnrore" veröffentlicht einen Rachwet» der von Ester h azy verübten Schwtndeleteu und verlangt sofortige Verhaftung deS Schuldigen.

Pari», 27. August. Der KrtegSmintster Lavaiguac hat fich nach LhalouS begeben, woselbst er den Schteßversuchen mit den neuen Feldgeschützen beiwohnen wird. Der Marine» Minister Lockroh reist am 2. September nach Cherbourg, um dort da» vertheidiguug»gelände genau zu befichtigen und dte Pläne zur Neugestaltung der Hafeubefestigun, vorzubereiten.

Brussel,27. August. Der Streit zwischen vlämeu und Wallonen nimmt einen derartigen Umfang an, daß er zu einem Raffenkampf entbrennen wird, wie er in Oester- reich-Ungaru kaum setne»gletcheu findet, wenn e» der Regierung nicht gelingen sollte, eine gütliche Beilegung deS Streites herbetznführrn. Unter anderen Repreffalieu, welche die Wallonen gegen dte vlämeu planen, wollen fie den Hafen von Antwerpen, weil er vlämisch tst, boyeottireu und alle Waaren über Dünkirchen befördern lassen.

Antwerpen, 27. August. Der Bürgermeister und die Schöffen haben der jungen Königin gestern ein Glück» Wunsch-Telegramm übersandt.

Den veuerdtng» wieder laut gewordenen Gerüchten, daß Rußland die Besetzung de» Hafens von Raheita am Rothen Meere unter Mißachtung der älteren Rechte Italien» beabfichttge, tritt dte deutscheSt. Petersburger Zeitung" entgegen. Sie versichert, Rußland verhandele tn dieser Beziehung mit keiner auswärtigen Re­gierung. Falls Rußland jemals eine» Hafens oder einer Kohlenftation im Rothen Meere für seine zahlreichen mit dem fernen Osten verkehrenden Sch'ffe bedürfen sollte, so werde die Erwerbung derselben jedenfalls tn solcher Wetse geschehen, daß weder die guten Beziehungen zu den befreundeten Mächten, noch der allgemeine Friede gefährdet tst.

Wie man aus Marokko meldet, war der Sultan über dte nach Europa gesandte Meldung von seinem angeb­lichen Ableben derart empört, daß er sofort den Grohvezier und den Minister des Innern ihrer Aemter entsetzte und fie ins Gefäugniß abführen ließ. AIS Anstifter der Jntrigue fah er seinen jüngeren Brndrr an, der ebenfalls verhaftet wurde, ebenso wie zahlreiche Anhänger de» Letzteren, an denen ein furchtbare» Strafgericht vollzogen werden dürfte. Gleichzeitig

hat der Sultan beschloffen, eine große Gesandtschaft an die europäischen Höfe zu entsenden, um diesen die großen Reform- pläne mitzutheileu, dte der Sultan zur verbefferung der inneren Verhältnisse und der an»wärtigen Beziehungen deS Sultanats durchzuführen gedenkt._______

Locales and provinzielles.

A Sich, 27. August. Bet der heute stattgefundenen Gemetnderathswahl wurden gewählt Herr Instrumenten­macher August Förster, Herr Glasermeister Ludw. Scherfs und Herr Bäckermeister Jacob J.hrtng. Die Wahlbetheilig- ung war eine sehr rege.

hl. Langsdorf, 26. August. Unter» Heutigen trat dahier auf Anregung de» Bürgermeister» Köhler eine Bereinigung von Schweinezüchtern und Freunden der Landwirthschaft zu­sammen zur Begründung eines Zuchtverein» für da» Meißener Schwein sür Lang»dorf und Umgegend. Der Verein zählt vorerst 18 Mitglieder und wird, sosern er vom Laudwirthschaftlicheu Beztrksveretn für den Kreis Gießen anerkannt wird, bereit» im Verein eine Zucht eingeführter Meißener junger Zuchtsauen sammt einem Eber auf der Thterschau zu Hungen am 19. September ausstellen. Als Vorstand wurden gewählt: die Herren Heinrich Weller II, al» Direktor, Konrad Schäfer II. al» Stellvertreter de» Direktor» und Heinrich Hardt al» Rechner und Schriftführer. Dem Schriftführer ist außer den rechnerischen- und Sorre- fpondenz-Arbeiten insbesondere auch die Führung deS Zucht­register» übertragen. Der Verein unterwirft sich im Uebrigen den Anordnungen des Hesfischen LaudwirthschaftSrathe» uub betrachtet fich selbst al» ein Reffort im laubwirthschaftlichen Verein für bte Provinz Oberheffeu.

n. Don der mittleren Nidda, 27. August. Noch lange wird der Landmann unserer Gegend von der diesjährigen Ernte, namentlich der deS Wintergetreide», als einer reich- gesegneten sprechen. Dicht bei einander stehen die Frucht- Hausen im Feld. ES ist nicht möglich, Alles unter Dach und Fach zu bringen, zumal auch schon große DÜrrsutter- vorräthe aufgestapelt find. Große Haufen werden darum im Freien zusammengesetzt, und die Dreschmaschinen arbeiten im Feld. Die Witterung begünstigte die durch da» Lagern der Frucht so schwierigen Erntearbeiten ganz ungemein. Gering ist der Körnerertrag nur da, wo da» Lagern vor der BlÜthe eintrat. Im Durchschnitt hat man auf dem Hektar 12 Fuder (L 60 Garben) gebunden, vom Fuder rechnen fich Land- wirthe, die schon gedroschen haben, drei Doppelcentuer Weizen. Dieser muß zum größten Theil als hochfeine Waare bezeichnet werden. Der Ertrag de» Roggens ist gut bi» fehr gut, der de» Hafer» gut. Gerste ist dagegen im Durch- schnitt geringer.

Ferdlleton.

Frankfurter Brief.

(Originalbericht für den .Gießener »nidger*.)

(Nachdruck verboten.)

Der Abschied einer Tragödin. Gastspiel von Heinrich Log! (alsSiegfried"). 3m Schneider'schen Kunstsalon.

Dr. M. Die Theater spielen schon wieder über einen Monat und doch haben wir nnö noch in keiner Zeile mit ihnen beschäftigen können. Da» ist kein Wunder einmal bei der Hitze, die Einem da» bloße Denken an theatralische Genüsse in geschloffenen Räumen zur phyfischen Qual machen lonnte, und sodann bei dem alten Winterrepertoire mit (einen mehr ober rninber glücklichen Sngagement»gastspielen. Zu Mittheilungen nach ,aufl»8xt»" lieferte bie .gedrängte JahreSüberftcht" de» Spielplane» wirklich kein Material. t. Jetzt aber brücken uu» zwei Vorkommnisse im Bühnenleben unserer Nachbarschaft bie Feber in bie Hanb. Da» eine ist ein Ab sch leb, da» anbere ein Wirb ersehen.

Der Abschieb gilt ber geliebten und mit Recht gefeierten Tragödin Kathi Frank, einer Künstlerin guten und vor­nehmen Schlages, die fich dem Frankfurter Publikum am Donnerstag zum letzten Male als©app^o" zeigte. Gibt u wohl eine Rolle, bie geeigneter bazu wäre, bie süß- $ schmerzlichen Ehren letzten Triumphes einzuheimsen, als btefe Grillparzer'sche Frauengestalt, auf ber von Anfang an so tt»a» wie bas Flimmern scheibenber Abenbsoune, ba» weh- »üthige Mattgold der Herbsttöne ruht?!

,6» ist verwelkt der Lorbeer und das Saitenspiel ver­klungen I"

Diese Worte des treuen Rhamnes enthalten fie nicht

gleichsam die Quivteffenz, den Finalesatz im Leben jedes ernst- haft strebenden Mimen?!

Einmal kommt der Augenblick, mag er auch selbst fich noch so stark im Vollgefühl seiner Kraft und im Zenith seine» Können» glauben ba er sein Saitenspiel bem Nachfolger aufliefern und ba» allmähliche vergilben feiner grünen Kränze erwarten muß. »Um euretwillen freut »ich biefer Kranz!" sagt bte tn den olympischen Fest- spielen gekrönte Dichterin, al» sie zu ihren LaubSlenteu nach Lesbo» heiwkehrt.

ES steckt keine falsche, keine gemachte Bescheibenheit tn einem berartigeu Ausspruch- er enthält vielmehr eine tiefe Wahrheit, bie Wahrheit, daß baß Publikum bie Kränze, bie eS seinen Dichtem unb Künstlern reicht, thatsächlich sich selbst feinem Berstänbniß gewunbeu hat, unb daß bte Ehre, die eS jenen gibt, auch auf e» selbst zurückstrahlt.

So verhält es fich benn auch mit den Ehrungen, bie einer scheidenben Bühvengröße zu Theil werben. Sie finb ein Zeichen dafür, daß die Bürger der Stadt fähig waren, gute Kunst zu genießen und fie tn ihrer Mitte heimisch werden zu laffeu.

Franksurt a. M. tst dasür bekannt, daß fich die Jünger ThaltenS tu seinen Mauern wohl fühlen können, auch Fräu­lein Kathi Frank wird da» erfahren haben. Sie selbst gehört zu jenen Schauspielerinnen, bte durch bte subtile Nervenpoefie der modernen Schule noch nicht verlernt haben, Gestalten zu verkörpern, die monumental wirken müffev, wenn sie überhaupt wirken sollen. Neben bte Menschen der Jbsen'schen und Sudermann'schen Dramen konnte fie eine ^Sappho" ^Brnnhilde" .Iphigenie" stellen, und tn einer Rolle, die noch ganz tn den Jbealgehalt der klassischen Muse getaucht ist, haben wir uns denn auch zuletzt an ihr erfreuen können.

Das Wiedersehen, welche» fich zeitlich dicht neben dieses Lebewohl stellte, sand statt zwischen den Frank­furtern unb bem berühmten Kammersänger Heinrich Vogl auS München. ES hielte einigermaßen schwer, über Vogl Neue» zu sagen- bie Frage ist auch nur bie: ob sich über ihn noch ba» Alte mit gutem Gewiffen sagen läßt.

Die menschliche Stimme ist ber Geige, bie mit den Jahren an Güte zunimmt, leider darin nicht ähnlich. Auch ber größte Sänger ist im vorgerückten Alter nur noch ber Schatten seines einstigen Wesen». Aber eine so große, ge- bicgene Konst, über welche Heinrich Vogl verfügt, muß gleich ber eine» Albert Niemann noch immer ihre Glanz- spuren sehen loffea. Auch von bem Erblasser einer großen Künstlerschaft gilt ba» Goethe'sche Wort: .Aber ging es lenchtenb nteber, lenchtet» lange noch zurück!" ES ist ja nicht nöthig, baß man fich diesen .Jung Siegfried" so scharf durchs Opernglas anschaut. Aber, wer Ohren hat zu hören, bem kann e» weder bei den idyllischen Waldscenen, noch beim heroischen Weckruf am BrÜnhildenfelsen entgehen, daß hier ein vollwerthiger Dolmetsch Wagner'schen Geiste», ein echter Jünger de» großen Meisters vor un» steht.

Im Schneider 'scheu Kunstsalon brütet noch immer die Hitze unb eine gewiffe Schläfrigkeit. So au»* gestorben haben wir den großen länglichen Saal noch nie geschaut leer von Menschen nämlich. Bi Iber finb ja ba aber fie hängen schon ziemlich lange an ihrem Platz und scheinen ordentlich eintrockneu zu wollen. Man darf es bem Kunsthändler wahrlich nicht Übel nehmen, wenn er vor­läufig noch keinen Muth zu einer besonderen Lollecttv- außstellung faßt. Gemälde wollen angeschaut sein, unb vor­läufig scheint bie Menschenklaffe, die ba» tn Frankfurt thut, noch im Gebirge ober an ber See zu weilen.