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29.9.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 228 Erstes Blatt. Donnerstag den 29 September

1899

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Die Giehkner A«mtki,»blätter »erden dem Anjeigrr WöcheMlich viermal dtigrlegl.

Kießener Anzeiger

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Zum Bezug desGietzener Anzeige^ für das 4. Vierteljahr 1898 laden wir hiermit ergebenst ein. Wie bisher, wird derSiebener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten zuverlässiger telegraphischer Nachrich^en- BureauS sowie zahlreiche Mitthellungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorkommnisse in demselben aus dem Lausenden. Unterstützt durch umsichtige Berichterstatter in allen Orten Oberhessens und in den bedeutenden Städten der anderen hessischen Provinzen, ist der Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge innerhalb unseres engeren Vaterlandes und der Nachbargebiete so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, des­gleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Thclle des Anzeigers zu Thcil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem WissenS- werthcn aus dem Gebiete derselben besondere Berück- fichttgung zu Thell werden lasten, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Kunst und Wissenschast, Litteratur, HauSwirthschast, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuille­ton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten üntechaltungsstoff bieten. DieGießener Familienblütter" werden dem Anzeiger wöchentlich 4 mal (Dienstags, Donnerstags, Samstags und Sonntags) beigelegt und neben den Erzählungen, Romanen und Novellen beliebter Schriftsteller anziehenden Unter­haltungsstoff aus dem Gebiete des Familienlebens und der HauSwirthschaft bringen, und somit namentlich im Kreise der Famllien eine beliebte Beigabe bieten.

Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende hiesige Abonnenten er- hatten vom Tage der Bestellung bis 1. Ortober den Anzeiger kostenfrei zuzesteüt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe-Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weüersenden und den Abonnements betrag durch Quittung erheben lasten, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.

Hochachtungsvoll

Verlag desGießener Anzeiger" Brühl'sche Univ.-Buch> u. Steindruckerei (Pietsch Erben).

Endlich!

Ohne Uebertteibung darf man sagen, daß die ganze gebildete Welt gegenwärtig unter dem Eindruck der Ereignisse in Frankreich steht, und man darf versichert sein, viele Lausende athmen erleichtert auf angesichts der nunmehr end- gütig beschlossenen Revision des DrehfuS-ProcesseS. Nicht etwa, daß allgemein große Sympathie herrscht für den Kapitän, nein, nur die Thatsache, daß der mit Füßen ge- tretenen Gerechtigkeit Genüge gethan werden soll, wirkt beruhigend auf die Gemülher. Wer hätte noch vor einem Jahr erwarten dürfen, daß die Revision so schnell in die Wege geleitet werden würde! Wir haben hier an dieser Stelle freilich stets unserer Ansicht dahin Ausdruck gegeben, daß eine Wiederaufnahme des ProcesieS unbedingt erfolgen müffe, möge auch noch so viel Zeit darüber vergehen. Frank- reich begann sich in zwei Heerlager zu spalten: für oder gegen DreyfuS, und die Erregung nahm nach und nach einen

gefährlichen Charakter an, so daß man Schlimmes befürchten konnte.

Der Beschluß der RevisionScommission, welcher mit Stimmengleichheit die Wiederaufnahme deS ProcesieS ver­worfen hatte, durfte von vornherein nur als ein Schlag in'S Wasser angesehen werden, und der Ministerrath hat der öffentlichen Meinung Genüge geleistet, als er sich trotz jenes VerdictS für die Revision aussprach. Im Uebrigen hätte Brision ja auch seiner ganzen Vergangenheit und seinen politischen Anschauungen wideriprochen, wenn er nicht seinen ganzen Einfluß für die Revision einge etzt hätte. Die Hinder- niffe, die sich ihm in den Weg stellten, waren freilich nicht gering, daß sie aber nicht unüberwindlich waren, haben die Thatsachen gezeigt.

Man kann die letzten Ereignisse in der DrehfuSaffLre als einen Kampf zwischen dem Generalftab und der bürger­lichen Institutionen ansehen, in welchem der Sieg sich bald nach dieser und bald nach jener Seite neigte. Der Einfluß, welchen das Militär in Frankreich auSübt, ist nicht gering, und eS gehörte wahrlich ein großer Muth dazu, wenn der Ministerpräsident Brision der GeneralstabSpartei die Stirn geboten hat. Man weiß ja, Brision ist künftig Canditat für die Präsidentschaft der Republik wenigstens dürfte er seine Anwartschaft darauf kaum aufgegeben haben und er hat, will er mit Erfolg candidtren, gar viele Rücksichten zu nehmen. AuS diesem Grunde hat er auch erst nach langem Zögern den Auftrag zur LabinetSdildung angenommen, da er Gefahr lief, seine ganze Zukunft aufS Spiel zu setzen, falls er FiaSco machte. Brision wird die Revillou des DrehfuSProcesieS nunmehr energisch durchführen, und man darf erwarten, daß alles Dunkel gelichtet wird. Mag nun die Revision für DreyfuS günstig oder ungünstig ausfallen, die gespannte Aufmerksamkeit, mit welcher alle Welt heute nach Frankreich blickt, giebt die Gewähr, daß wenigstens volle Gerechtigkeit walten und daß wieder gutgemacht werden wird, was vor vier Jahren gesündigt worden ist. Besonders in diesem Sinne darf der Entschluß deS Ministerraths freudig begrüßt werden. xx

Zur Revision des DreyfuS Proceffes

schreiben dieM. N. N." :

DaS französische Ministerium hat sich, der Noth ge­horchend, zu einem mannhaften Entschluß aufgerafft und die Revision deS DreyfuS-ProcesseS wie verlautet einstimmig beschlossen. Brision hat sich damit viele Freunde, vielleicht noch mehr Feinde erworben. Die Revision-- gegner werden ihn mit einer Fluth von Gehässigkeiten über­schütten. Dies mag ihn vorab kalt lassen- im entgegen­gesetzten Falle wäre er nicht minder in einer wenig beneidens- werthen Stellung- denn die Revisionisten, die ihn schon dumm und feige nennen, weil er den Oberstlieutenant Picquart der Milttärjustiz auSliefern ließ, würden ihm das Leben zur Hölle machen. Gerade der Fall Picquart aber mußte die Minister überzeugen, daß höchstens «ine Militärdiktatur fähig gewesen sei, die Revision zu verhindern oder auch nur zu vertagen. Man darf sich gar nickt von sentimentalen Regungen beeinflussen lassen und dem französischen Ministerrath Ge- rechtigkeitsgefühle vindtciren, die er selber mit einem schmerz­lichen Lächeln ablehnen würde. Der heutige Beschluß der Minister war für diese ein kläglicher Gang unter daS kaudinische Joch, ausgeführt unter dem ehernen Zwang der Selbsterhaltung, der ministeriellen, präfidentiellen (auch FaureS Stuhl hat in den letzten Tagen gewackelt) und gar republi­kanischen. Ob die Minister sich durch den RevifionSbeschluß ihr EintagSfliegen-Dasein noch einige Tage, Wochen oder Monate verlängern ober bei dem zu erwartenden Sturm der clerical-militärischen ReactionSpartei ihr Portefeuille einbüßen, ist für den Gang der DreyfuSsache belanglos. Einstweilen gilt für diese das Seherwort des vielgeschmähten Meisters von Meudon: Die Wahrheit ist auf dem Weg. Für unS Deutsche blieb und bleibt noch die ganze klägliche DreyfuS- Affaire, so lange Deutschland nicht damit verquickt wird, eine rein interne Angelegenheit unserer französischen Nachbarn, die wir mit heiterer Gelassenheit, vielleicht vermischt mit einem BiSchen Schadenfreude, über die schwarz-weiß-rothen Grenz- pfähle hinweg verfolgen würden wenn nicht die französische Regierung mit einer Frivolität ohnegleichen ben Dreyfus-Fall bazu benützt hätte, um bem deutschfeindlichen, revanchelüsternen Chauvinismus, an dessen Knochen sie nun schon fast ein Menschenalter nagt, etwas frisches Fleisch zu geben und nicht nur eine ganze Nation, sondern einen ganzen Erdtheil zeitweise zu beunruhigen. Wenn der heutige Revision--

beschluß den Anfang bildet zu einer Einkehr und Umkehr in Frankreich, dann kann jeder Rechtdenkende und Friedensfreund, den jetzt die inneren Wirren in Frankreich mit berechtigter Besorgniß erfüllen, ihn nur mit aufrichtiger Genugthuung und Erleichterung begrüßen.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. September. Reichskanzler Fürst Hohen­lohe und der Staatssekretär v. Bülow werden Ende dieser Woche wieder in Berlin eintreffen und ihre Geschäfte über­nehmen.

Berlin, 27. September. Nach eigenen brieflichen Mit- theüuvgen der gestern Abend unter verdächtigen Umständen tobt aufgefundeneu Leichenbeschauerin Becker ist erwiesen, daß kein Mord vorliegt, sondern die verstorbene sich selbst daS Leben genommen hat.

Barmen, 27. September. Sestern Abend wurde der Tagelöhner Dahlich mit Frau und sechs Kindern in seiner in der Alleestrahe Hierselbst belegenen Wohnung vergiftet aufgefunden. Alle hatten Leuchtgas eingeaihmet. Die Frau und zwei Kinder waren tobt, der Mann und die übrigen vier Kinder wurden bewußtlos ins Krankenhaus gebracht. Mau hofft, diese am Leben zu erhalten.

BreSlan, 27. September. Wie derBreslauer General- Anzeiger" meldet, wurde heute früh um 6 Uhr der Lackirer Eugen Kühn, welcher am Nachmittag des 12. Januar d. I. eine Trödlersfrau in ihrem GefchäftSloeale ermordet und beraubt hatte, durch den Scharfrichter Reindel hin­ge r i 4t e t.

Hamburg, 27. September. Der Bund deutscher Fraueu-Vereiue, der gegenwärtig die deutsche Frauen­bewegung und die verschiedensten Gebiete socialer Frauen­arbeit vertritt und 90 Einzelvereine mit über 60 OOO Mit­gliedern umfaßt, hat auf Einladung der Hamburger Orts­gruppe des Allgemeinen deutschen Frauenvereins Hamburg als Ort seiner diesjährigen Generalversammlung gewählt, die vom 2. bis 6. Oktober daselbst stattfindeu wird. Nicht nur Mitglieds Vereine, auch solche, die bem Bunde noch nicht augehöreu, und Männer und Frauen, die sich für Frauenarbeit und Fraueubestrebungeu tnteresstren, können an ben Deleqirteuversammlungen und au ben Sitzungen der einzelnen Commissionen, an ben beet öffentlichen B^rtragS- Abenden und auch an der DiScuffion theilnehmen.

AttsUnsd.

Dien, 27. September. Die Sociald emokraten wollen in der nächsten DonnerStagfitzung des Abgeord- nerenhaufeS mehrere auf den Ausgleich bezügliche Dring- i lichkeitSannäge einbringen, darunter einen Antrag auf sofortige ! Aufhebung deS § 14.

Paris, 27. September. Heute ratifieirte der offictelle Ministerrath unter bem Vorsitz des Präsidenten Faure den gestern gefaßten Beschluß der Verweisung der Revision deS DnhsuS-ProcrffeS. Bisher hat keine Demission eine» Mitgliedes deS Ministeriums stattgefunden.

Paris, 27. September. Rach den gesetzlichen Bestimm, nngen kann DreyfuS auf Befehl deS Jasti,ministerS sofort In Freiheit gesetzt werden, bevor noch der EassationShof sich über die Annahme des EaffationSgesucheS ausgesprochen hat.

London, 27. September. Die »Daily News" bringen einen Artikel über die angebliche Ursache des Rücktrittes Last mir PerrierS. In bem Artikel wirb erzählt, zwei Berichte beS Grasen Münster an Kaiser Wilhelm seien auf ber Reise nach Berlin erbrochen, Photographin unb wieder versiegelt worben. Lastmir Perrier, welcher beim ersten Fall sein Won gegeben hatte, eine strenge Untersuchung zu ver­anlassen, refignirte beim zweiten Fall, ber seine Ohnmacht gegenüber ber Militär-Partei barthut.

Manila, 27. September. Die Amerikaner haben ben Befehl, sich alle Schiffe der Rebellen anzueignen, da die Flagge der Aufständischen von keiner Großmacht anerkannt ist und jede dieser Mächte die Aufständischen als Piraten behandeln kann. Die Insurgenten plündern angeublick.ich die Insel Lueou.

Locales unb provinzielles.

Gieße», 28. September 1898.

* Schnldienst. Nachrichten. Am 6. August wupde der von dem Herrn Fürsten zu Löwensteiv-Wertheim.Rofenberg auf die Lehrerftelle an der Gemeiudeschule zu NIeder-Klingen, Kreis Dieburg, präseutine Schullehrer Franz Ritter zu