Nr. 124 Drittes Blatt. Sonntag den 29. Mai
1S9S
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
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Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger
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Fernsprecher Nr. 51.
Amtlicher Theil.
Gießen, 27. Mai 1898.
Vetr.: Kreis Lehrercouferenz.
Die
Großh. Kreis-Schulcommission Gießen au die Schulvorstände und Bürgermeistereien deS Kreises.
Rubricirte Couferenz findet Montag den 6. Juni I., Bormittags IO*/, Uhr, in Stein- Garten dahier statt. Sämmtliche Lehrer des Kreise- find verpflichtet, zn derselben zu erscheinen.
Tage-ordnung:
1. Statistik über die Bolk-schulen de- Kreise- für da» Jahr 1898/99.
2. Vortrag des KretSschnlinspcctorS Dr. Luetu- über die wissenschaftliche Pädagogik der neueren Zeit, mit besonderer Berücksichtigung Herbart».
Au die Couferenz schließt fich ein einfache- Mittag« essen an.
Wir beauftragen Sie, die Lehrer Ihrer Gemeinden hiernach zu bedeuten.
b. Gaaern.
Bekanntmachung, betreffend: das Ober-ErfatzgeschSft für 1898. Das Ober-Ersatz-Geschäft für 1898 wird im Kreise
Gießen
Montag den 20. Juni im Gasthaus „Zum Rappen" zu Grünberg, Vormittags 8 Uhr,
Dienstag den 21. Juni in der Restauration „Zum Lonys
Bierkeller", SchanzenstraHe Nr. 18, zu Gießen, Vormittags 8 Uhr,
Mittwoch den 22. Juni daselbst, Vormittags 8 Uhr, Donnerstag den 23. Juni daselbst, Vormittags 8 Uhr,
Freitag den 24. Juni im Rathhause zu Sich, Vormittags 8 Uhr,
Samstag den 25. Juni daselbst, Vormittags 8 Uhr, stattfinden.
Es haben sich nach Maßgabe der besonders ergehenden Vorladungen an den genannten Tagen vor der Großherzoglichen Ober-Ersatz-Commission im Bezirk der 49. Infanterie- Brigade in sämmtliche« Aushebungsorten zu ge- stellen:
a. die für dauernd untauglich befundenen Militärpflichtigen, soweit denselben eine besondere Ladung zugeht;
b. die zum Landsturm I in Vorschlag gebrachten Militärpflichtigen ;
e. die zur Ersatz-Reserve in Vorschlag gebrachten Militärpflichtigen ;
d. die von der Ersatz-Commission als tauglich und einstellungsfähig erkannten Militärpflichtigen, einschließlich derjenigen aus früheren Jahrgängen;
e. die von den Truppentheilen zur Dispositton der Ersatz-Behörden entlaßenen Soldaten;
f. die von den Truppenthellen abgewiesenen einjährig Freiwilligen.
Den Großherzoglichen Bürgermeistereien werden beson- dere Ladungen sür die Militärpflichtigen k. H. zugehen, welche den Betreffenden unverzüglich zuzustellen sind. Der Vollzug der Ladungen ist innerhalb 5 Tagen anzuzeiaen. Die Militärpflichtigen sind außerdem anzuweisen, ihre Loosungsscheine mit zur Stelle zu bringen.
Die zur Beurtheilung von Reclamationen in Betracht kommenden Personen haben ebenfalls zu erscheinen.
Sollte eine Ladung nicht vollzogen werden können, so ist der Grund hiervon berichtlich anzuzeigen und ist, wenn ein Militärpflichtiger von seinem bisherigen Wohnorte weg- gezogen ist, zugleich anzugeben, wohin derselbe verzogen ist.
Die Großherzoglichen Bürgermeister haben bei dem Ober- Ersatz-Geschäfte bis zum Schluß des gesammten Geschäfts selbst anwesend zu sein, um bei der Untersuchung von Feld- dienstuntauglichen sowie Invaliden ev. Auskunft geben zu können, auch haben sich dieselben darum zu bemühen, daß die Militärpflichtigen, den Ladungen entsprechend, eine Stunde vor Beginn des Geschäfts zur Stelle sind.
Gießen, am 28. Mai 1898.
Der Civil-Vorsitzende der Großherzoglichen Ersatz-Commission des Kreises Gießen.
Dr. Wallau.
Q
Feuilleton.
®nt Mnndernng durch Spessart and RHSa.
Reifeskizze von G. I. O. Schmandt.
(2. Fortsetzung.)
Anderen Tage- bringt un- der Zug nach dem main« Lufwärt- gelegenen alterthümlichen Gemünden. Enge, winklige Straßen, zahlreiche Erker an den Häusern. Wir besuchen die dicht über dem Städtchen gelegene Ruine Schereoburg, deren Thurm leider nicht zugänglich ist. Bom Burghofe au- überblicken wir die reizenden Thäler de- Maine-, der Saale und der Sinn, welche Flüffe fich hier miteinander vereinigen. Unter un- liegen, fast greifbar nahe, die Straßen und Häuser de- Städtchen-, da- fichelförmig am den Schloßberg gelagert ist. Am rechten Ufer der Saale sehen wir da- Dorf Klein-Gewünden, wir der Stadt sowohl durch eine Straßen«, wie eine Eisenbahnbrücke verbunden. Luf dem Bahnhöfe, welcher weit ab von der Stadt liegt, herrscht stet- rege- Leben, denn hier münden die Schienen- wege von Aschaffenburg, Würzburg, Schweinfurt, Elm und Hammelburg. Nach letzterem führt im Thale der Saale eine Nebenbahn, welche noch der Weiterführung nach dem Bade Ktsfingen harrt. Der Verkehr auf dieser Strecke ist daher -trotz der elf Haltestellen sehr gering und beschränkt fich auf tSgttch zwei Züge .in jeder Richtung. Auch wir folgen auf unserer Wanderung dem Thale der Saale, an dem Minoriten- Aoster Schönau vorüber, da- sehr freundlich vor dem dunklen Walde liegt. Die Miuoriten unterscheiden fich von den Frav-i-kaneru nur durch ihr Kleid, da ihre Kutte schwarz statt braun ist. Bemerken-werth ist die zwischen zwei reizenden Villen in einer Thalfenke gelegene Fischzuchtaustalt bei der Hattestelle Seewiese. Sie ist nach Hüuiugen die erößte Deutschland- und dient hauptsächlich zur Aufzucht von Forellen, »eschen, Lachsen und Schleien, welche zum größten Theile in der bei Gräfendorf in die Saale mündenden Schondra an-gesetzt werden.
Bei MorleSau erblicken wir den steilen, ruinen«
bekrönten „Sodenberg", wege» seiner Form mit Vorliebe der „fränkische Rigi" genannt. Da e- dunkelt, beeilen wir un-, da- uralte Städtchen Hammel bürg zu erreichen. Daffelbe liegt am rechten Saaleufer, am Fuße des Hammelberge-, auf welchem bereit- zur Zeit Karl- de- Großen die Herzogin Amalberge von Thüringen eine Burg erbauen ließ, von welcher jedoch keine Spur mehr vorhanden ist. Hammel« bürg, dessen großer Marktplatz mit Rathhau- und schönem Brunnen beachten-werth, kam durch eine Schenkung Karl» de- Großen im Jahre 777 an da- Stift Fulda, erhielt 1242 vom Abte Conrad von Malkoz da- Stadtrecht verliehen und mußte im Jahre 1391 durch den Bischof Gerhard von Würzburg, sowie im dreißigjährigen Kriege mehrere Belagerungen au-halten. Auch wüthete hier während de- Bauernkriege- Thoma- Münzer mit seinen Spießgesellen in entsetzlicher Weise. Seit 1816 gehört e- zu Bayern. Den alterthümlichen Character hat da- Städtchen infolge der großen Feuer-brunst von 1854 eingebüßt. Ueber Ouartter und Verpflegung im Gasthaufe „zur Post" find wir sehr ungehalten („Hirsch" und „Adler" sollen bester fein), so daß wir dem ungastlichen Orte bald den Rücken kehren und zunächst Schloß Saaleck, am linken Flußufer gelegen, besuchen. Am südlichen Abhange de- Schloßberge- wächst der vortreffliche „Saalecker Wein"- östlich, am Fuße de- Berge-, liegt da- an Sonntagen vielbesuchte Frauzi-kaner- kloster Altstadt. Bon hier führt eine Treppe von 155 Stufen zur Höhe de- Schlöffe», da-, wie Hammelburg, bi» zum Jahre 1816 den FÜrstäbteu von Fulda zu Eigen war und erst 1866 von Bayern an den Würzburger Bavquirr Wornberger verkauft wurde. Der alter-graue Thurm am Eingang de- Schlöffe- mit seinen roh zugerichteten.Quadern stammt au- der Zeit der Salier. Seine Mauern find nicht weniger al- 34/4 Meter dick. Wegen seine- hutsörmigen Schieferdache- wird er im Volk-mund der „blaue Hut" genannt. Aetter al- dieser Thurm ist der westliche, aus der Zeit Karl» de- Großen stammende Flügelbau des SchlosteS mit dem runden, innen polygonalen Eckthurm, desteu wohlerhaltenen Räume der Herzogin Amalberge al- Wohnung
Kriegsgerichtliches Erkenntniß.
Durch kriegsgerichtliche-, unter« 23. d. Mt». bestätigte» Erkenntniß vom 30. vorigen Monat- ist der Rekrut Karl Kutscher vom Landwehrbezirk Gießen, geboren am 4. November 1875 in Lollar, Krei- Gießen, in contumaciam für fahnenflüchtig erklärt und in eine Geldstrafe von tausendfünfhnndert Mark vernrtheilt worden.
Darmstadt, den 26. Mai 1898.
Gericht der Großherzoglich Hefftschen (25.) Divifion.
Welche Bortheile bringt uns Prinz Heinrichs Besuch in Peking?
Am Mittwoch hat Prinz Heinrich von Preußen die chinesische Hauptstadt verlaffen, nachdem er vorher noch de« Kaiser von China einen Abschiedsbesuch gemacht hatte. Damit hat ein Ereiguiß seinen Abschluß gefunden, dessen Bedeutung von der Presse aller Culturläuder gewürdigt worden ist. Wa- vorher Niemand für möglich gehalten hatte, ist nun zur Thatsache geworden: der Sohu des Himmels hat einen anderen Bewohner der Erde al- gleichberechtigt empfangen, ohne daß diese sich dem chinefischen Hofceremoniell unterzn« ordnen brauchte. Daß dieser Kaiser, dem die höchsten Würdenträger de- Reich- niemals tu aufrechter Haltung nahen dürfen, dem Gaste sogar seinen Gegenbesuch gemacht hat, steht einzig da in den Annalen der Geschichte.
Wa- ist e- nun, das den Kaiser und den chinesischen Hof veranlaßt hat, mit der uralten, immer heilig gehaltenen Hofetiquette zu brechen? Auch Vertreter anderer Höfe sind bereits in Peking eingekehrt, ohne daß fich der Empfang so herzlich und ausgedehnt gestaltet hätte. Haben auch die Shtuesen die Bedeutung deS mächtig aufstrebenden Deutschen Reiche- voll erkannt? DaS muß doch wohl fein, denn schon die ganze Erledigung der Siautschou-Angelegeuheit hat gezeigt, daß mau im äußersten Osten mit uuS al- mit einem maßgebenden Factor rechnet, der nicht umgangen werden kann. Berechtigte Ansprüche, dessen müssen wir immer eingedenk sein, hatten wir nicht an irgend einem Gebiet«theil China», und der erste Act der Besitzergreifung der Kiautschou Bucht erfolgte mit Waffeugewatt, wenn auch vielleicht vorher eine Verständigung über den geplanten Schritt mit den anderen beteiligten Mächten stattgefuuden hatte. Aber der deutsche
dienten. Von hier genießt man eine prächtige Au-ficht über da» Saalethal bi» zu den Rhönbergen. Der neueste, östliche Theil de- Schlöffe» stammt au» dem 12. Jahrhundert und enthält unten Wirthschaftsraume, oben eingerichtete Wohn- gelasse, die zeitweise bewohnt find. Die Thürme diese» jüngsten Gebäudefiügel» wurden 1868 durch eine Feuersbrunst zerstört und durch Plattformen ersetzt.
Oberhalb Hammelburg erweitert fich das Thal der fränkischen Saale, von welcher man ebenso gut, wie von ihrer sächfischeu Schwester fingen kann, daß „an ihrem grünen Strande Burgen stehen, stolz und kühn", denn schon von ferne winken un» die wohlerhalteneu Thürme der Ruine T rimburg entgegen, welche auf stell abfallendem «alkfelfeu majestätisch thront.
Saaleck undTrimburg! — Hie Fulda, hie Würzburg! So lautete der Krieg»ruf, welcher den Burgen im Bauernkrieg zum Verderben werden sollte. Wohl flammten die Feuerzeichen auf Trimburg hoch auf, um die Saalecker zur Hilfe zu entbieten, al» die Bauernheere, Mord und Braud hinter fich lassend, die Saaleabwärt« zogen. Aber die Hilfe blieb au», die stolze Trimburg fiel und ward zerstört. Nur durch ein Wunder entging Saaleck dem gleichen Schick- sal, aber in Folge der Gräuel zu Hammelburg erlitt auch e» großen Schaden.
Im 16. und 17. Jahrhundert ließen die Fürstbischöfe von Würzburg die Trimburg wieder aufbauen, doch litt sie in den späteren Kriegen durch Beschießung und Brand. Heute find von der Ruine noch die Hauptmauern und Thürme, sowie zwei hohe Giebel erhalten- ein Theil derselben ist sogar als Wohnung hergerichtet und enthält eine recht gute Wtrthschast. Die Aussicht von der Trimburg ist eine überaus schöne. Ueppige Fluren, reinliche Dörfer, rebenbedeckte Hügel, im Thal der Saale, dahinter die schwarzen Berge der Rhön, — der Dreistelz, das Dammer»feld, der Kreuz, berg — westlich Saaleck und Hammelburg, der Sodenberg, der Reuhenberg und in der Ferne der bewaldete Spessart.
Bon der alten Fahrstraße zweigt vor dem Dorfe Tri«- berg auf der Höhe die im Bau begriffene neue Straße aß,


