Nr. 99 Zweites Blatt._______Freitag den 29 April_______________________L8S8
erscheint ILgNch mit Ausnahme des MontagS.
Die Gießener As«milie«vkätter werden dem Anzeiger wtcheotlich viermal beigrlegt.
Gießener Anzeiger
Aezugrpreta vierteljährlich 2 Mark 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn.
Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den falzende» Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
General-Anzeiger
Alle Anzeigen'BermittlungSstellen deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.
Amts- und Anzeigeblutt für den Ureis (Sieben.
Rcdartion, Expedition und Druckerei:
Schnkgraße Ar. 7.
^Gratisbeilage: Gießener Familienblätter.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße«.
Fernsprecher Nr. 51.
Das Handelsvertragsprovisorium mit England.
ES kam der britischen Regierung jedenfalls nicht so un« erwartet und ungelegen, al» im vorigen Jahre die Regierung »oa Sanaba ihren neue» Zolltarif mit seinen Vorzugszollsätzen für englische Maaren bekannt machte. widersprach überhaupt jeder Vernunft, anzunehmen, daß baß Ministerium in Ottawa solch tiefgreifende und neuartige Zollmaßnahmeo getroffen haben könnte, ohne vorher mit der Levtralregierung in London stch in» Einvernehmen gesetzt zu haben, in welcher Weise man dem unaußdleiblichen Proteste Deutschland» begegnen könnte.
Der ganze Plan trug den Stempel Chamberlain'scher Spitzfindigkeit an der Stirn und die Kündigung de» Handel»- vertrag» mit Deutschland war beschlossene Sache, ehe die kanadische Regierung jenen Beschluß faßte. So ganz überraschend war für Deutschland da» Vorgehen England», denn daß wir zu denselben Zollsätzen wie da» Mutterland nnsere Maaren den britischen Lolouien zusühren kovnien, war den EoglLndern schon längst ein Doru im Auge, insbesondere seitdem unsere Industrie einen so mächtigen Aufschwung genommen und unser Handel seine Fittiche auszudehnen be- gönnen hat.
Wir haben schon wiederholt darauf hingewiesen, daß die Differenzen, welche in den letzten Jahren -wischen England *nb dem Deutschen Reiche hervorgetreten waren, weniger auf politische Gründe zurück,»führen find, sondern hauptsächlich auf Mißgunst darüber, daß wir England auf dem Weltmärkte fo starke Coaeurreuz machen- daß deutscher Fleiß und deutsche Intelligenz iwm:r mehr Anerkennung finden auf Gebieten, die bi»her al» ausschließliche Domäne England» galten.
Der Handelsvertrag war am 31. Juli v. I. zu dem- selben Tage diese» jetzt laufenden Jahres gekündigt worden.
Daß die gegenseitigen wirthschaftSpolitischen Beziehungen einer Neuregelung unterzogen werden mußten, erschien ganz selbstverständlich, und sosort gaben beide Regierungen ihre Geneigtheit kund, in Verhandlungen über neue Abmachungen einzutreten. Diese bedürfen aber reiflichster Erwäguagen und langer Vorbereitungen, sodaß die Gefahr einer vertrag-losen Zeit vorlag, der man nun durch ein Provisorium zuvorkommen will.
Dem Reichstage ist nämlich am Montag ein Gesetzentwurf zngegangen, durch welchen der Buride»rath ermochiigt werden soll, den Angehörigen und den Erzeuquifien Großbritannien», seiner Solontrn vnd auswärtigen Besitzungen für die Zeit bi» zum 31. Juli 1899 diejenigen Bortheile zu ge- währen, welche Seiten» de» Reich» den meistbegünstigten
Fettilleton.
Berliner FrLhlingsbriese.
Originalbericht für den „Gießener Anzeigers
(Nachdruck verboten.)
IV.
Die Jbsen-Aera in den Theater«.
Dr. M. Man hat eigentlich Ibsen in diesem Monat in der deutschen Reich»hanptstadt, wo sein Stern früher als irgendwo aufgegangen ist, zu vorübergehendem Aufenthalt erwartet. Zum Anfeiern ist der Mann wenig geschaffen. An den Tafeln, die ihm zu Ehren gerüstet werden, fitzt er, ein stiller, schweigsamer Gast, der sehr höflich, mit tiefer Verneigung auf die Toaste dankt, die man ihm widmet, der fich aber nur in Ausnahmefällen geneigt fühlt, selbst da» Dort zu ergreifen. Bon der grandiosen Grobheit eine» R chard Magner und Gottfried Keller trägt er nicht» an sich. Dir Fremden, die zu ihm kommen, behandelt er freund- lich, läßt fich auch bereitfinden, sein Autograph zu geben, aber schwerlich wird fich Einer rühmen können, der große Räthseldichter habe ihm so gleichsam im Vorübergthrn sein Allerheiligste» ausgeschloffen. Und doch ist kein Dichter mehr als Ibsen aus die intime Wirkung, auf daS Entgegenkommen Einzelner angewiesen. Da» zeigt fich besonder» auch bei den Dramen, die man eben jetzt dem Verständntß von der Bühne au» 'näherrücken möchte, bei den gewaltigen Ideen- dxamen .Kaiser und Galiläer" und „Branb". Ibsen bittet niemals die Menge zu Gast, deßhalb tcnn er auch vie durch fie gerichtet werden. Mit einigen Wenigen zieht er in die Einsamkeit seiner Gedankenwelt.
Eß will also etwas heißen, wenn ,nBerlin das „Belle- Alliance-Theater", da» eigentlich ein ganz andere» Genre cultivirt und deffen Publikum fich beim leichten Schwank
Kemtsches Reich.
Berlin, 27. April. Heute früh um 8 Uhr traf der Kaiser hier ein und fuhr gegen 10 Uhr zum StaatSsecretär v. Bülow. Alsdann kehrte er ins Schloß zurück und hörte die Vorträge de» StaatSsecretär» Tirpitz und de» Sontre- Admiral» Freiherrn v. Senden-Bibran.
Berlin. 27. April. Da» Herreuhaut begann heute mit der Etatberathung. Nach längerer Berathung wurde der Eisenbahnrtat genehmigt. Morgen Fortsetzung.
Berlin. 27. April. Im Abgeordnetenhause wurde heute nach Erledigung beß Bericht» der Agrar Lommisfiou über den Antrag Herold, betreffend die Ueberrahme der Kosten thierärztlicher Untersuchung auf die Staatskasse, der Antrag Mrndel und Ring, betreffend Maßregeln gegen Viehseuchen, sowie Einführung der odligator'.schen Fleischschau rc. berathen. Im Laufe der Debatte erklärte Mwisterpräfideut Fürst Hohenlohe, daß beabfichtigt werde, dem Bundeßrath einen Gesetzentwurf detr. dieEivführung der obligatorischen Fleischschau im ganzen Reiche zur Beschlußfassung vorzulegen. Minister v. Hammerstein erklärte, die Regierung sei bereit, in eine erneute Prüfung de» Seuchengesetzes einzutreten. Freitag: Fortsetzung der Debatte und zweite Lesung der Privardocenten- Vorlage.
Berlin, 27. April. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht da» Gesetz betreffend die Bewilligung von Staat»- Mitteln zur Beseitigung der durch daß Hochwaffer im Jahre 1897 herbeigeführteu Beschädigungen.
Berlin, 27. April. Die dritte Berathung der Militär- Strafproceß-Reform wird voraussichtlich verschoben
Ländern zuerkannt werden. Dem Entwürfe ist eine kurze I Begründung betgesügt, welche der Nothwendigkeit Rechnung trägt, an den Handelsbeziehungen beider Länder keine Unter- I brechuug eiutreten zu taffen. In der Begründung heißt eß aber ausdrücklich, daß von der Ermächtigung nur insoweit Gebrauch gemacht werden soll, al» auch in den britischen Befitzungeu und (Kolonien die Erzeugnisse Deutschland» nicht ungünstiger behandelt werden al» diejenigen Englands. Man darf wohl annehmen, daß in dieser Htuficht bereit» bündige Erklärungen der britischen Regierung vorliegen und nicht ein fortwährender kleiner Zollkrieg die Folge de» jetzigen Ueber« einkommen» sein wird. Da» letztere gilt ja übrigen» nur für ein Jahr- bi» dahin dürfte der neue Handelsvertrag mit England frrtiggestellt sein, wenn auch der Schwierigkeiten, die sich gerade jetzt einem solchen entgrgensttllen, viele sein und heftige Debatten In den Parlamenten beider Länder veranlaßt werden dürften. (xx)
werden, weil, wie man in Reichstagskreisen annimmt, eine Verständigung mit Bayern noch nicht endgültig herbei- geführt ist.
Wie», 27. April. Die in den beiden lrtzteu Sitzungen de» infolge heftiger Ausfälle und Zwischenrufe entstandenen Duellfordernngen find heute gütlich beigelegt worden.
London, 27. April. Noch New-Yorker Meldungen herrscht in den amerikanischen Küstenstädteu eine panikartige Furcht vor einer Ueberrumpelung des spanischen Geschwader».
London,27. April. Au» Keywest kommt die Nachricht, die Einwohner von Havanna seien nicht in einer so kritischen Lage, wie man hier a nimmt, obgleich ein großer Theil derselben fich in das Innere der Insel zurückgezogen hat.
Was fie vor 50 Jahren wollten.
Nachstehend theileu wir den Wortlaut eine» Aufrus» mit, welchen der Ausschuß de» Vaterländischen Vereins zu Giegeu (der sich nach der unterm 28. April 1848 im „Gießener Anzeigeblatt" veröffentlichten Satzung auch „vaterländischer, constitutionell demokratischer Verein- nannte) am 26. April 1848 erlassen hat. Der Aufruf tautet:
Au unsere Mitbürger von Gießen und Umgegend.
Ohne Gesetz keine Freiheit! Ohne Ordnung kein Recht!
Am heutigen Tage hat sich hier ein Bürgerverein im Sinne des vaterländischen Vereine» zu Darmstadt gebildet, der fich zu folgenden Grundsätzen bekennt:
vorwärts! nicht Stillstand, noch weniger Rückgang, aber vorwärts nur auf der Bahn des Gesetze»! Alle» ganz, nicht» halb, aber ganz nur da» VolkSgemäße, also die Fortentwicklung auf dem Grunde deutscher Eigenthümlichkeit.
Al» ächte Baterlandssreuude wollen wir ein einige», große» freie» Deutschland, stark und geachtet nach Außen, ge- fichert, glücklich und zufrieden nach Innen. Und diese Segnungen im neuen Deutschland sollen nicht etwa blo» einzelnen Ständen zu gute kommen, fie sollen ein gleiche» Gemeingut sein Aller, die thätig und schaffend, ein Jeder in seinem Kreise, durch Fleiß, Betriebsamkeit und Ordnungsliebe mit» wirken am gemeinschaftlichen Wohl. Wir wollen, daß Deutschland» neue Gestaltung unter Mitwirkung seiner Fürsten, fich entwickele auf demokratischer Grundlage.
Zu dem Ende wollen wir ein gemeinsame» Oberhaupt für Deutschland, ein deutsche» Parlament, bestehend au» dem Senat der Einzelstaaten und einer Volkskammer, durch welche
am wohlsten fühlt, die Einstudirung von „Kaiser und Galiläer" rt-ktrt. Im Unterschied zu den übrigen Ibsen- Stücken bewegt fich diese» Werk ja noch in einer Aufeinander- folge äußerer «ctioaen, die eine gewiffe scenische Wirkung auskommen taffen. Aber da», wa» im Bühnenfinne feffeit, ist gerade da» Schwächste und minder Wichtige der Dichtung. Diese in ihrem vollen Umfange vorzuführen, erwie» fich al» ein Ding der Unmöglichkeit. Bei den Kürzungen, die statt- finden mußten, hat die Regie Georg Droescher jedenfalls Geschmack bewiesen, indem eS ihr bei allem Zusammenrücken der Sceuen doch möglich gewesen ist, einen gewissen Zusammenhang zu wahren. Der seelische Eonflict de» Helden, sein Schwanken zwischen Schönheit und Wahrheit und seine glühende Sehnsucht nach dem dritten Reich, in welchem die beiden versöhnt nebeneinander walten, wurde jedenfall» durch die Gruppirung der Sceuen und die warme Hingabe, welche Conrad L'Allemand dem Julian angedeihen ließ, zum klaren Ausdruck gebracht. Bei Weitem weniger scharf hob sich die Stellung der anderen Personen heran». Nicht weniger al» neununddreißig Sprechrollen führt der Spielzettel auf!
Den größten Eindruck, vom rein theatralischen GefichtS- punkte aus, erzielte die Scene, in welcher der Apollotempel zusammenkracht, die Geisterbeschwörungsscene und der Tod JulianS.
Eine große künstlerische Ausgabe hat fich da» Schiller- Theater mit der Einstudirung deS „Brand" gestellt. In den kleinen Theaterjourvalen, die am Eingänge verkauft wurden, fand fich neben Jbsen-Vildern und Jbseu-Betrach- tnngeu ein ganz kleiner (Kommentar zur Dichtung in der Auffassung Ernst Brausewetter», der fich um die Uebersetznng und Verdolmetschung der nordischen Litteratnr überhaupt große Verdienste erworben hat. Weine» WiffenS ist Profeffor Jerusalem jedoch der erste deutsche Litterarhistoriker, welcher die Nebeneinanderstellung von Faust — Manfred unb
Brand gewagt hat. Alle brel stimmen barin überein, baß fie über bte Grenze be» menschlichen Können» hinan» wollen. Bei bem Pfarrer Brand kehrt ohnehin ein Grunbzng Jbsen'icher Helden wieder: der Kampf gegen Halbheit und Feigheit. Aber e» wird Niemand gekrönt, er kämpfe denn recht! Brand muß mit seinem Wahlspruch: „Wenn Du Deinem Gott nicht alle» gibst, hast Du ihm nicht» gegeben," doch den falschen Weg gewählt haben, der wohl auf die Höhe führt, aber in die steile, unwirthliche Felsenwildniß, wo alle» warme Leben gefriert. Dieser Aufstieg zu immer einsameren Gipfeln, bei welchem schließlich selbst die treueste Gefährtin, die fich au» freier Wahl an Brand geschloffen, bte Gattin Agne», nicht mehr mükommen kann — ist eine große Menschtntragödie, welche bte Mittel bet Bühne nur annähernd bewältigen können. Der Hundertste im Theater versteht z. B. die Bedeutung der Figur des wahnfinnigen Gerd, die allemal erscheint, wenn Brand an einem Scheidewege steht, um ihn in seinen starren Fanati»mu» zurückzupeitschen. Wie Wenige fassen die Sym- bolik de» Finale», wenn die einsame Kirche in den Gletscher- bergen plötzlich durch einen Lawinensturz in den Abgrund gerissen wird — da» Sinnbild der Wahngedanken de» Helden — in dem Augenblick, da Brand seine UnsShigkeit empfindet, eine Kirche auf Erden zu gründen! Hingegen erschließt fich die tiefernste Stimmung de» Weihnachtsabend» (3. Act) jedem einigermaßen fühlenden Menschen. E» ist zu loben, baß die Regie be» Schiller-Theater» von ben lateinischen Schlußworten be» Original» abfieht unb fie burch deutsche ersetzt. Ibsen hat fich zum ganz unmottvirten Latein an dieser Stelle (bewegen wir un» doch durchau» auf protestantischem Boden) vermuthltch burch bte Rrminiscenzen an „Faust" verleiten taffen. — In Herrn v. Win ter st ein besitzt ba» „Schiller- Theater" einen vorzüglichen Vertreter de» „Brand".


