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Sümstag den 28. Januar
Erstes Blatt
Nr. 24
Gießener Anzeiger
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Zur Lage in Belgien.
Die Scenen, welche sich am DienStag in der großen Borhalle des ParlameutSgedäudeS zu Brüssel abspielten, lenken «usere Ausmerk'amkeit von Neuem aus die wirthschaftlichen und politischen Zustände deS kleinen Nachbarstaates. Bekannt« vch war der soctal'stische Abgeordurte Demblon wegen seiner heftigen Angriffe auf die Regierung durch daS Präsidium von der Repräsrutantenkammer ausgeschlossen worden, versuchte aber am DienStag tu dieselbe einzudrtngen und wmde hierbei von einer Anzahl seiner Parteigenossen unterstützt. Die den Eingang zum ParlamentSgebäude bewachende Ab- »Heilung Soldaten verwehrte Demblon den Eintritt, wobei eS bann zu einem regelrechten Handgemenge kam, im Der« laufe dessen beide Theile mit fühlbarer Wuth auf einander loShteben. Nach Wiederherstellung der Ruhe begann in der Kammer eine sehr erregte S tzuug, und eS brachen Tumulte au», die an die Vorgänge in Wien erinnerten und noch lange nachhalten werden.
Die wirthschaftlichen und politischen Gegensätze sind in Belgien besonders stark entwickelt. Die großen StrtkeS tu den mächtigen Kohlenrevieren sind ein beredter Beweis, daß Eapital und Arbeitskraft in steter Fehde mit einander liegen. Fast alljährlich spielt sich ein furchtbarer Kampf zwischen beiden Theilrn ad, der da» Land in große Gefahr bringt und nicht ohne Einfluß ist auf die wirthschaftlichen Zustände anderer Saattn. Unendlich viel Notionaleigevthum hat hierbei daS Ländchen schon eingebüßt, und fre Erbitterung zwischen den wirthichaftltch Schwachen und den Starken nimmt einen immer höheren Grad an. Daß unter diesen Umständen die Socialdemokratie viele Anhänger gefunden hat, darf deshalb nicht verwundern, und die letzten Wahlen haben gezeigt, daß man mit ihr rechnen muß und eine wettere Ausdehnung derselben erwarten kann.
Die Soctaldemokraten und die Clertcaleu find jetzt al» die beiden Havpiparteteu anzusehrn, während der früher dc-mintrende Liberalismus fast ganz aufgerirbkn worden ist. Bi» jetzt haben die Clericalen noch bei Weitem das Urbergewicht und in Folge dessen einen maßgebenden Einfluß auf die innere Politik des Staates. Ihnen ist e» z. B. zu ver- danken, daß baß Land nun schon seit geraumer Zeit ohne Kctegsminister ist. Der frühere Inhaber dieses Portefeuille» hatte einen weitgehenden Plan zur Reorganisation de» Heere» auSgea-beitet, u. A. die Einführung der persönlichen, allgemeinen Wehrpflicht inS Auge gefaßl und überhaupt versucht, da» belgische Heerwesen auf ein Niveau zu bringen, welches den modernen Ansprüchen entspricht. Für diesen Plan hatte fich der Minister die Zustimmung seiner Collegen gesichert und hoffte nun auf die Unterstützung seitens derselben im Parlament.
Aber es kam ganz anders. Die Krmmermehrheit ist allen Reorganisationen auf milititärischrm Gebiete abhold, und da» Mmistrrtum wollte es mit dem Parlament nicht verderben, weßhalb eS den Kriegs Minister dkSavoutrte und diesen zur Demisfion veranlaßte. ®i6 jetzt hat fich unter den obwaltenden Umständen noch kein höherer belgischer Offizier bereit finden lassen, da» KriegSportefeuille zu nehmen. Neuerdings wird gemeldet, daß der Mtntsterrarh beschlossen habe, grundsätzlich die Einführung deS persönlichen Heere»« dienstes zu veranlassen, womit die Ministerkrifi» wohl beendet werden, aber ein Conflict mit der Kammer ent- stehen dürfte.
Seit einigen Wochen haben fich die Parteiverhältnisse in Belgien insofern verktnfacht, als die Einigkeit im liberalen Lager wiederhergestellt worden ist, was man bisher für unmöglich gehalten -hatte. Die Bestrebungen zur Wiederver« einigung datiren schon seit dem Jahre 1884, alS die liberale Partei so große Niederlagen erlitt, daß fie ihre bis dahin entscheidende Stellung in Belgien aufgeben mußte. Nach langem Bemüh-.n ist jetzt endlich zwischen den Radicalen und den Liberalen ein Compromlß zu Stande gekommen, au Grund dessen beide Parteien jetzt geeint Vorgehen werden. Vorläufig hat dieser Schritt weniger Werth, er wird erst bedeutungsvoll angesichts der auch in Belgien in diesem Sommer bevorstehenden Parlamentswahlen. Bon noch größerer Wichtigkeit für die Politik de» Lande» wird diese Einigung, wenn eS fich bewahr,,eitrt, daß die Sozialisten mit den Liberalen einen Wahlpakt schließen wollen, um die Clericalen aus dem Sattel zu heben und damit eine ganz neue Mehrheit im belgischen Parlament zu schaffen. Freilich wird dies nicht ohne schwere Kämpfe möglich sein, und an öffentlichen Kund- gedungen auf beiden Seiten wird eS nicht fehlen. Die belgische Regierung wird deshalb gut thun, die sich vorbe« reitenden Ereignisse zu beobachten, damit ihr nicht etwa die Zügel entrissen werden. (xx)
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Deutsches Reich.
Berlin, 27. Januar. Bei der heutigen Feier de» Reichstag» anläßlich drS Geburtstage» des Kaisers brachte Präsident v. Buol den Toast au», hinweisend auf die früheren Anlässe ähnlicher Art, bei denen er die Aufgabe des Kaisers hervorhob, die ihm durch die Verdienste seiner Vorfahren erwüchsen. Hierbei wurde stets die Hoffnung ausgesprochen, daß ihm vergönnt sei, daS Errungene zu erhalten und in friedlicher Thätigkett zu genießen und zu mkhren. Der Präsident gedachte alsdann der Action in Ost« afien, die so friedlich eingeleitet worden sei. Der Reichstag schöpfe daraus die Zuversicht, daß trotz der angesonuenen Rüstungen eS nicht darauf abgesehen sei, von dem einge« schlagenen Wege deS friedlichen Einvernrhm'U» abzugehen.
Berlin, 27. Januar. In den ersten Nachmittagestunden war eS in der Straße Unter den Linden, in der Leipziger- unb Friebrich-Strahe etwa? ruhiger geworden. Das Publikum, das bie Vormittags Feier nach Berlin» Feststraße ge lockt harte, hatte fich zurückgezogen, um für bie Jllumi- Nation heute Abenv etwa» auSzuruhrn. Gegen 5 Uhr wurde e» wieder lebendig. Coloffale Trupp» von Menschen bewegten fich den Hauptstraßen zu, die bereits um 7 Uhr in Hellem Ltchterglanze prangten. Eine ganz besondere Anziehungskraft hatte auch diesmal wieder die Illumination de» Welthauses Rudolf Hertzog. Am First deS Mittelbaues ragte ein mächtiger Adler, unter ihm erstrahlten Sceptrr, Schwert und OrdenSkreuz. Die Seitenflügel zeigten ein coloffaleS W mit der Kaiserkrone. 16 Flambeanx ergoffen ihr Licht weit über die Straße. Da» Waarenhau» A. Wertheim erstrahlte im Glanze vieler taufender Glühlampen in wüster Farbe. Vorn Erdboden bis zum Dachfirst hinauf zogen fich die langen Lichter Rethen. Ueberragt wurde der mächtige Bau von einer aus Glühlampen hergestellten Kuppel, die außerdem noch mit Bogenlampen auSgestattet war. Und wie geschmackvoll und farberprächtig hatten wieder die Deutsche Bank, die Dresdner Bank, die Pommersche Hypothrkenbank, da» Raufhau» H. Gerson, die Modewaareugeschafte Cord», Haase, Michel» u. s. w. illuminirt! Die Gebäude der All- gemeinen Berliner ElectrtzttätS Gesellschaft und die Firma Siemen» und HalSke boten in dem Glanze ihrer mit zahl losen bunten Glühlampen anS^esührten Jllum Nation ein märchenhafte» Bild, und ringehüllt in ein Flammenmeer hob sich daS RetchStagsgebäude vom dunklen Hintergründe, dem Thiergarten, ab. Nicht minder prachttg waren die Gebäude Unter den Linden beleuchtet. Vorwiegend bildete da» elektrische Licht die Beleuchtungsart, doch waren„ auch Ga» und Kerzen vielfach verwendet. — In den späteren Abendstunden nahm daS Gedränge auf den Straßen beängstigende Dimensionen an. Das trockene Wetter hatte ein no 1) zahlreicheres Publikum al» sonst veranlaßt, Berlin im Lichtecglanze zu betrachten.
Berlin, 27. Januar. Eine Extraausgabe des „Reichs« anzrigerS" bringt einen Königlichen Erlaß Über die zweckmäßige Einrichtung des Schülerruderns in Berlin. Dieser umfaßt folgende GisichtSpunkte: 1« Schüler sind von den Ruderveretnlgungen Erwachsener grundsätzlich fernzuhalten. 2. Die Ruderüdungen der Schüler find durch einen ruder- sportlich vorgebildeten Lehrer und durch einen erfahrenen Arzt zu überwachen. 3. Bei W'.ttrudern ist die Orffentlichkeit auszuschließen- nur die besonders eingeladrnrn Angehörigen und Freunde der betheiligten Anstalten und Schüler können zugelaffen werden. 4. D<e Benutzung eigentlicher Rennboote ist nicht gestattet. Bri Wettfahrten ist die Ruderbahn auf 1200 Meter zu verkürzen. An Wettrudern dürfen nur Primaner und Obersecundaner theilnrhmen. 6. Durchführung dieser Gesichtspunkte. Zur Beschaffung eine» eigenen Uebungs« platze» mit besonderem BootShause und Rudermatertal für sämmtliche Berliner Schülerrudrr Vereinigungen find 35000Mk. au» dem König!. Dispositionsfonds zu- Verfügung gestellt. An Stelle des bisherigen Wanderpreise» de» Kaiser» werden zwei Kränze all Preise für die alljährlich stattfindenden Wett- rudern auSgefrtzt, einer für die größte Rudergeschwlndigkeit, der andere für die beste Leistung der Anstalt htnfichtlich der Ausbildung und der Zahl der rudernden Schüler. Die Preise verbleiben den fiegrnden Anstalten.
Kiel, 27. Januar. Der tu Tsimo ermordete Matrose Johann Schultze ist 1875 inNeurennbeck, Kreis Blumen- »Hal, geboren. Er ist am 1. Februar 1895 bei dem Ab- iösuugStranSport auf der „Weimar" und zuerst an Bord der „Arcona" und dann an Bord de» „Kaiser" gekommen.
Straßburg i. S., 27. Januar. Beim Festmahle aus Anlaß des Geburtstage» de» Kaiser» hielt der Statthalter eine Rede für die Flottenfrage.
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Weimar.
Arr-Larrd.
Freiburg (Schweiz), 27. Januar. Die deutschen Pro- »ssoren und Studenten der hiesiger, Uaiverfität feierten gestern den Geburtstag de» deutschen Kaiser» durch einen Commer», der sehr zahlreich besucht war und flott verlief. An den Kaiser wurde ein Glückwunschtelegramm abgesandt. Der deutsche und der bayerische Gesandte in B<rn, welche z« dem Feste etngeladen waren, hatten ihr Nichterscheinen schriftlich entschuldigt.
Budapest, 27. Januar. Aus Anlaß de» Geburtstage» des deutschen Kaisers bringt der „Pcster Lloh^" einen Artikel, in dem das Bündniß und die Freundschaft der beide« Reiche und ihrer Souveraine in schwungvollen Worten gefeiert wirb. Weiter heißt es in dem Artikel: Die Garantie« de» europätschen Frieden» seien in keinem Augenblick so stark und sest begründet gewesen, wie jrtzt, denn die Erkenmniß der untrennbaren Gemeinschaft zwischen den beiden Kaisern habe auch aus die Widersacher der Allianz heilsam gewirkt. Nachdem der Artikel die Friedensliebe de» deutschen Kaiser- hervorgehoben, heißt eS bann: „Möchte bie Verständwßinnig- keit, welche bie beiden Souveraine beseelt, auch unter den Völkern Deutschland» und Oesterreich-Ungarn» walten, nicht lediglich in einer festgeschloffenrn Haltung nach außen, sonder« auch in der freundschaftlichen Beurthetlung ihre» innere« staatlichen Lebens: Es soll Jeder nach feiner Fa§on selig werden.
Rom, 27. Januar. Die hiefige deutsche Colonie veranstaltete gestern in den Räumen deS deutschen Künstler- Verein» zur Feier de» Geburtstages des deutschen Kaiser» eine Festlichkeit, an welcher 170 Männer aller Stünde und Confesfionen theilnahmen. Nachdem BotichastS- rath Graf Pückler in Vertretung de» deutschen Botschafter» ein Hoch auf den König von Italien auSgedracht hatte, ergriff Professor Ottokar Lorenz dvS Wort zu einer Festrede, welche mit einem Hoch auf Kaiser Wilhelm schloß.
Rom, 27. Januar. Die radicalen socialistische» Vereinigungen beschlossen: 1) Eine Kundgebung vor der Deputirtenkammer an dem Tage zu veranstalten, an dem die Kammer den Gesetzentwurf über die Herabsetzung der Ge- treidezölle berathen wird, und 2) eine Kundgebung am Sonntag zu veranstalten, in welcher die Nothwendigkett der vollständigen Aufhebung der Grtreidezölle bekräftigt und al» Ersatz hierfür eine Verminderung der Ausgaben für da» Militär verlangt werden soll. Man glaubt, die Regierung werde diese Kundgebungen verbieten.
Amsterdam, 27. Januar. Eine hier anSgelegte Zu- sttmmungSabresse für Zola hat bis jetzt 713 Unterschriften erhalten.
Paris, 27. Januar. Die Budgetcommisfion hat gestern die verlangten Credite zur Verstärkung de» französischen Geschwader» im äußersten Osten und Absendung eines neuen Kreuzers nach Madagaskar angenommen.
Paris, 27. Januar. Der Vorschlag de» Abgeordnete« Toussaint, im Dienste gestorbene Soldaten ohne religiöse Ceremonien zu beerdigen, wurde in der heutige« Kammersitzung mit 358 gegen 104 Stimmen verworfen.
Petersburg, 27. Januar. Au» Anlaß de» Geburtstages Kaiser Wilhelms fand, wie alljährlich, ein Fest- gottesdienst in der Petrikirche statt. Der Botschafter Fürst Radolin war von dem Kaiser zum Galafrühstück geladen.
Moskau, 27. Januar. Anläßlich de» Geburtstage» de» Deutschen Kaiser» sandte die deutsche Colonie Telegramme an den Kaiser und den Fürsten Bismarck. Abend» sand ein Festbanket statt.
Sofia, 27. Januar. Anläßlich de» Geburtstage» des Deutschen Kaisers gab Fürst Ferdinand ei« Dejeuner von 25 Gedecken. Nachdem das Hoforchester den „Bang an Aegir" gespielt hatte, brachte der Fürst in deutscher Sprache den Toast auf den Kaiser anS.
Konstantinopel, 27. Januar. Der Verkehr in der türkischen Hauptstadt ist durch den seit drei Tagen herrschenden Schnee sturm vollständig in« Stocken gerathen. Der Wagrnverkehr ist ganz eingestellt. Es mangelt an LebenS- mitt-ln. — Auf dem Schwarzen Meer sind zahlreiche Schis f»« Unfälle vorgekommen.
Konstantinopel, 27. Januar. Seit gestern herrscht hier stürmische» Wetter und starker Schneefall. Auf dem Schwarzen Meere find viele Schiffsunfälle vorgekommen.
Bombay, 27. Januar. In der vergangenen Woche find 834Personen ander Pest gestorben. Die Gesammtsterblich- keit belief fich auf 1726.
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