Nr. 226 Zweites Blatt Dienstag den 27. September
1808
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Amtlicher Theil.
Stehen, den 23 September 1898.
vetr.: Die verhältniffe der israelitischen Religioutlehrer im Großherzogthurn Hessen.
Grobherzogliche Lkreisamt Gießen
an die Gchulvorftäude des Kreises.
Sie wollen berichten, wie viel schulpfl chtige Kinder israelitischer Religion in Ihren Gemeivdeo in den letzten drei Schuljahren (sür tedtS getrennt anzugeben) vorhanden waren.
v. Bechtold.
Die neuesten Vorgänge in China.
Das alt« (Sultuilanb in Ostafleu nimmt mehr und mehr das Jntereffe Europas in An pruch. Seit dem Zuge Li Hung-Tschongs durch die Hauptstädte des Abendlandes hat stch auch die brettere Maste eingehender mit dem Rctche der Mi:te beschäftigt, und gar die Erwerbung eines Landstrichs daselbst fettens Deutschlands daselbst hat Elwartungen und Hoffnungen hervorgerufen, die vielfach als allzu hochge'pavute auf bas richtige Mah zurückgeführt werden muhten. Gar Manche dachten ernstlich an eine Ausheilung Chinas, wie solche schon so lange mit dem türkischen Reiche geplant sein soll- abrr wenn auch alle europäischen Staaten stch über die Berthetluug des Pelzes geeinigt hätten, so mühten fie doch jetzt mit einer Macht rechnen, welche rin bedeutender Factor tu Ostaflen geworden ist — mit Japan. Dieses wird Lum gntwtlltg zugebrn, dah dir europäischen Reiche stch in den Besitz Chinas setzen Im Uedrigen hat daran wohl auch noch keine der in Betracht kommenden Regierungen ernstlich gedacht, da der Aufgaben, die ihrer dort harnen, unermeßliche sein würden.
Rur widerwillig hat stch China bisher die Fortschritte abendländischer Enltur aufdräugeu lasten, und es galt bisher als feststehend, dah gerade die mahgebendru Kreise mit dem Kaiser an der Spitze Alles daransetzten, um das Land auch fernerhin nach anß-u möglichst abzuspeneu. Das Mandarinen- thum fühlt seine Macht ernstlich bedroht durch alle von Westen kommrrdrn Eitflüffc und meint um fette eigene Ex stenz zu kämpfen, wenn es eine Mauer err'chttt gegen das Abendland. Die Macht drS chinrfi'chrn Ra scrs ist eine Scheinmacht- er sührt ein geheimattzvolleS Dasein und kann, da uralte Sitte ihm verbietet, in die Otffentlichkcit za treten, üb.r die Zustände in seinm Reiche, über die Bedürfriste seiner Untertanen und üver die Maßnahmen, welche zu deren Heil dienen würden, ntemcU unterrichtet sein. Nach chtnefi chen Begriffen entsprach es durchaus eicht den Uib:t- l'efetungeo, dah der Kaiser, der Sohn deS Hmmels, testen Antlitz zu tchanen tut wenigen Sterblichen vergönnt ist, den Prinzen H inrich in der Weise empfing, w'e es geschehen ist. Schon damals gaben Opt m'sten der Hoffnung Raum, dah der Ansang gemacht worben sei, um m t den vermoderten Anschauungen und Gebräuchen zu brechen, und wie eS scheint, ist der Kaiser tatsächlich hierzu angeregt worden. Mit einem gewiflen M'htrauen und sehr ungläubig nahm man in Europa die Nachricht auf, daß der Herrscher des Reiches der Mitte von einem ungeahnten Reform eifer ergriffen worden sei und dah drm Fortschritte nun auch dieses Land erschlosten werden solle. Unwillkürlich muhte men an das Sprichwott te. k.u: „Blinder Eifer schadet nur* Die letzt,n Etegniffe bestätigen nur die Wahrheit dieses Wortes, denn es darf wohl als ficher angenommen werden, dah die Abficht, Reformen ein- zuführen, den Kaiser des Regiments beraubt hat.
Die Regieruugsgewalt in China ist wieder der Kaiserin- Mutter übertragen werden, so meldete ein Telegramm an- Peking, und die Minister find angewiesen, dieser künftig die Berichte einzureichen. E ne weitere Nachricht besagt sogar, der Kaiser sei gestorben, doch liegt eine Bestätigung hierfür uoch v'cht vor. Jedenfalls darf man annehmen, dah der Kaiser nicht freiwillig sich der Regierungsgewalt begeben hat, 'onderu dah er zu diesem Acte gezwuogea worden ist. Die Thatsache selbst wird wahrscheinlich ans die Beziehungen zu »en europäischen Staaten wesentlich einwirken und terra ganze Anfmerk amkeit tu Anspruch nehmen. (XX )
Deutsches Aeich.
Berlin, 25. September. Nach Verübung bedeutender Betrügereien ist der Kaufmann Hugo Hofmaun, der am ■1. Oktober die Leitung des hiesigen Friedrich Wilhelm-
Städtischen Theaters übernehmen wollte, flüchtig geworden. Hofmrnn hat sowohl den Vorpächter des Theaters, sowie eine Reihe von Personen, die mit ihm in Verbindung getreten waren, dadurch schwer geschädigt, dah er fie um bedeutende Beträge unter der Vorspiegelung, er würde im November eine Erbschaft im Betrage von 225,000 Mk. in Hamburg erheben, und ihren Ere'.il namentlich bei Begebung von Wechseln in Anspruch nahm.
Berlin, 25. September. Das ,®exl. Tagebl.* meldet aus London: Das Sch ff „Bille de FecamP* ist auf der Reise nach Neu Fnudlaud mit 83 Mann Besatzung »uter gegangen.
— Das deutsch-englische Abkommen. Die Nachricht von der möglicherweise beabfichtigten Abtretung Sanfibars an Deutschland wird von London aus demeutirt. Die englische Prtste hat das Gerücht mit groher Aufregung, zum Theil mit unverbülltem Hohn aufgenommen. Bezeichnend ist besonders, was die „Westminister-Gazette" schreibt: In Anbetracht besten, dah wir jeden Falles das Vorkaufsrecht auf die Delagoabai hatten, ist es zu unglaublich, dah Sanfibar Deutschland als Zeichen guten willens zugeworfen würde. Im Jahre 1890 gaben wir Helgoland Deutschland als Köder, damit es unsere Rechte auf Sanfibar (11) anerkenne. Jetzt, im Jahre 1898, wird nun behauptet, wir geben Sanfibar auf, um das Recht zu haben, Delagoa zu kaufen, vielleicht werden wir im Jahre 1906 Delagoa dafür aufgebev, dah mau unsere Siveiänetät über die Insel Wight anerkeuut. Die bisfige Ironie deS l'tzteu Sktz 6 kann vielleicht Denjenigen unter uns zu denken geben, die mit kaltem Blut die Möglichkeit erwägen, dah die Gegenleistung Englands für Zugeständniste in Afrika vielleicht in der Gavotte des Frankfurter Frieden- bestehen könne. Wir brauchen ebenso wenig e ne Anerkennung unseres Besitzes von Elsaß Lothringen, wie England eine solche in Betnff der Jnftl Wight.
Hamburg, 25 September. Der Gründer der hiesigen Jogendwehr, Buchhändler Brehmer, der sich für einen Lieutenant ausgab und große Schwindeleien verübte, wurde zu 15 Monaten Gefängnih und außerdem wegen unbefugten Tragens der Lentenar Medaille zu drei Wochen Haft ver* urtheilt.
Wittenberg, 22. September. Das 50jährige Jubilänm der inneren Mission wurde mit Festgottesdtensten und Versammlungen am 21. und 22. September dahier begangen. Der Zuzug von Gästen aus ganz Deutschland und auch vom Ausland war aoherordeutllch stark. Predigten wurden gehalten von Oberconfistorialrath Dr. Uh Horn aus Hannover und Superintendent Bieregge aus Magdeburg, Aniprachen von Generaliuperintendent Dr. Heftktel auS Posen, Dr. th. Wichern, Fliedner, Oberhofprediger Dr. v. Schmid aus Stuttgart u. A. BeochtenSwerlh fird die Worte, mit denen Eultus- Minister v. Beste, der im besonderen Auftrag des Kaisers gekommen war, die Versammlung bei dem Festact in der Pfarrkirche begrüßte. Er führte ans: Der Kaiser habe seinem warmen Jntereffe sür die innere Mission Ausdruck gegeben. Die Einwendungen, die in früheren Zeilen etwa gegen das Werk gemacht wurden, seien längst als hinfällig erwiesen. Amtlich und persöul-ch erstatte er den Arbeitern der inneren Misfiou den innigsten Dank- cs gelte, daß wir Alle zur Förderung der inneren Mission kräftig beitragen. Dem Ehrenvorsitzenden des Crutralausschustes, Oberconfistorialraih Dr. Weiß, wurde der Stern zum Rothen Adlerorden 2. El. verliehen.
russus«-.
Lemberg, 25. September. Der Statthalter hat den Beschluß des Gerne nderaths auf Aufhebung des Aus- nahmezustvndes aufgehoben. Mau spricht von der Auflösung des Gemetnderaths.
Senf, 25. September. Da LnccheniS Verhalten immer frecher wird, so wurde desten Einzelhaft bis zum 2. Oktober verlängert. Dem Untersuchungsrichter verweigerte er neuerdings jede Auskunft in französischer Sprache.
Locale» an- Provinzielle».
+ Bübingen, 25. September. 8:t der gestern vor- genommenen Wahl eines Beigeordneten für hieflge Stadt wurde Herr Ehr. Rullmann mit 118 Stimmen wiedergewählt. Der Gegenkandidat, Herr Sastwirth Hölzioger, erhielt 62 Stimmen. Bon den Wahlberechttgteu hatten etwa 30 Pro- cent abgestimml. — vor einigen Tagen hat es in dem benachbarten Wolf fett kurzer Zeit zum dritten Mal in der Hosraithe des L. Mäser gebrannt. Den beiden ersten Branden
fielen Scheuer und Stallung zum Opfer, während das letzte Feuer rechtzeitig entdeckt und Im Entstehen gelöscht wrnde. Der ganze Ort ist darüber in Aufregung, und Keiner wagt mehr, bet Eintritt der Dunkelheit feine Hofraithe zu verlaffeo. Zweifellos liegt hier ein Racheact gegen den Brandgeschädigten vor, der den besten Rus genießt und allgemein bedauert wird. Hoffentlich gelingt tS den Polizeiorgauen, den M.ffethSter zu ermitteln.
Born mittleren Odenwald, 23. September. Nachdem nun die Manöver beendet und die Truppen wieder in ihre Garn fönen zurückgekehrt find, dürfte eS auch angezeigt erscheinen, der Haltung der Mannschaften das verdiente Lob zu spenden- denn allgemein lobt man das Verhalten der Soldaten sehr. Andererseits aber waren auch Offiziere und Unteroffiziere, die in früheren Jahren schon in hiesiger Gegend mavöverirten, voll des Lobes über den Fortschritt, den der Odenwald in den letzten Jahren gemacht hat.
vermischtes.
• Endlich vereint. Mit dem Bremer Dampser „Lahn" traf vor Kurzem eine 64jährige Jungfrau in New-York ein, die die Fahrt Über den Ocean eigen» zu dem Zwecke unternommen hatte, um fich mit ihrem Jugendgeliebten ehelich zu verbinden. Mehr als 45 Jahre waren verstrichen, feitbem die Beiden unter einem Apfelbaum ihrer deutschen Helmath fich gelobt hatten, einander aozugehörev. Die Stürme des Lebens aber hatten das Paar noch vor seiner Bereinigung anseinandergeristen und den Bräutigam über das Weltmeer verschlagen. Jahrzehnte vergingen, ohne daß di» Beiden von einander hörten. Erst vor Kurzem vernahm der schon ergraute Bräutigam zufällig, daß die Geliebte seiner Jugend noch am Leben und unvermählt geblieben sei. Rasch flog ein Briestein nach Deutschland hinüber mit der Einladung an die Braut, nach Amerika zu kommen, um hier den Rest der den Beiden noch zustehenden Erdentage gemeinschaftlich mit einander zu verleben. Die betagte Frau folgte dem Rufe, und die Hochzeit hat gle ch nach ihrer Ankunft in Elimon, dem Wohnsitz des Bräutigams, unter allgemeiner Theilnahme der Bevö kerung stattgefunden.
• Original-Mittheilnugeu über Marinewesen. Durch die Preffe ging vor einiger Zeit eine Notiz über die drei größten Rhedereien der Welt, in welcher von den deutschen Gesellschaften die Hamburg-Amerikalinie, von den englischen die P. u. O. und von den französischen Meffageries Maritimes als die größten Gesellschaften bezeichnet werden. Diese Notiz bedarf insoseru der Berichtigung, als dabei der Norddeuische Lloyd in Bremen übersehen worden ist, welcher mit der Hamburg Amerika Linie an der Sp tze aller Dampf- schiffsahrrSgesellschaften der Welt steht. Der Ravmgehalt der Flotte des Norddeutschen Lloyd benagt z. Zt. 299793 Tonnen, der der Hamburg Amerika Linie 274761 Tonnen- einschließlich der Neubauten wird derselbe bis zum Jahre 1900 bei beiden Gesellschaften, dem Norddeutschen Lloyd und der Hamburg Amerika-Linie, ea. 396000 Tonnen betragen. — Diesen Z ff-rn gegenüber bleiben die auswärtigen Gesellschaften gegen untere beiden größten deutschen Gesellschaften wesentlich zmück.
• Ein CnlturbUd. Der Ballon des Müncher Vereins für Luftschifffahrt, der in München am 10. September auf* stieg, landete in der Nähe von Reit bei Unken zwischen den Drei Brüdern und der Reiteralm in der Höhe von 1000 Met. Einem Privatbrief entnehmen die „M. N. N." nachstehmde bezeichnende Schilderung über die Wirkung des Ballon» auf die dortigen Bewohner: „Zuerst kam die Nachbarbäuerin zu mir und jammerte furchtbar, was für ein „Viech" da oben fei. Es fei (in Himmelszeichen oder eine Strafe Gotte». Als ich sagte, es fei ein Luftballon, wurde mir nicht geglaubt. Ein anderer Nachbar meinte, der Mond fei au» dem Geleise gekommen; ihm standen vor lauter Angst die Haare zu Berge. „Es ist nichts Natürliches", sagte er. Die Sennerin von der Loferer Alpe schrie: „Es ist ein Himmelszeichen, die Welt geht unter. All- müffen wir sterben und Alle fommen in die Hölle". Einige glauben, es fei ein Teufel. Manchen wurde übel vor Schrecken. Mit einem Wort, eine große Aufregung."
* PaläSinareife bt8 Kaisers. Das türkische Kasemattschiff „Affar-i Tewfik" die Corvette „Adschalje" und eine kaiserliche Dacht sind dazu bestimmt, KaiserWilhelm mr Begrüßung in die Dardanellen entgegenzufahren und ihn bis Konstanti- nopel zu begleiten. Die Schiffe werden zur Zeit für diesen Zweck ausgerüstet.


