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25.12.1898 Drittes Blatt
 
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Nr. 303 Drittes Blatt._______Sonntag den 25. Dccember___________________1898

trudel a*n<6 ttt Lu-nadmr ix« Vtntagi.

Die wHrtmrr »eeUUeir*tt<r nbee V*-ngrr W»ch«tt1ich viermal bdgdtgt.

Gießener Anzeiger

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Eratisbeilage: Eießeuer Familirnblätter.

Adresse für Depeschen: Aazeiger Elegs«.

Fernsprecher Nr. 51.

Amtlicher Theil.

Gietzea, den 28. Decembrr 1898.

Vetr.: Ernennung des Vertrauensmanns und Stellvertreters der Steinbruchs Bernfsgenoff'n chaft zn Vertin.

Das Grotzher^ogliche Kreisamt Gießen

en daS «rosth. Polizeiamt Oiefteu und die Großh.

Bürgermeistereien der Landgemeinden deS KreiseS.

Wir bringen zn Ihrer Kenntnis, daß für den Kreis Wietzen zum Vertrauensmann der Steinbruchs.Berufsgenoffen- fchaft zu Berlin L. Hohn in A eheu und zu defsru Stell­vertreter Oskar Graff io Londorf von Reue» bestellt worben sind.

v. B - chtold._____________________

Apolitische Wochenschau.

Unter dem Z ichen der st llco, heiligen Nacht schweigt die Politik für kurze Zeit. Die »aff'", mit denen so heftig gekämpft wurde, werden bet Seite gestillt, und scheinbar ist der Friede, dieses köstliche Gut, welch'» der Heiland den Mcnichea bringen soll, allerorten hergrstellt. Über leider nur scheinbar. Denn die Leidenschaften schlummern nur und Werben bet de« geringsten Anlaß wieder geweckt und viel­leicht io viel grvtz'rem Mahr aogesocht, so datz die wohl» thä'tge Wirkung, welche die Erioverungsseirr der Geburt des Erlösers ausüden soll, nur selten nachhaltig sich erwteseo hat. Und so wüsten wir denn leider erwarten, datz die Zett der Ruhe nur «azu benutzt wird, die Waffen zu schärten, um den Kampf mit um so grötzerer Hrstigkeit foptsührea zu rönnen. Das ist freilich eine betrübende Perspective, aber die E-fahruog lehrt, datz w'r R cht haben.

In der verfloffeoru W^che gab die Mittheiluog des bRetchsavzetgers^, r-atz grgrn deo P.ofeffor Delbrück wegen seiner veröffen l'chuvgen über die Ausweisungen tu Schleswig Holstein ein Discipltaarve,fahren riogeleitet worden fet, za lebhaften Erörirrungea ia der Preffe Anlaß Für und wider ist heftig debattier worden, und nur allmählich werden die Wogen fich verlaufen. Die «uswei uuqro bilden Übrigens noch fortgesetzt brn Hauptgelprächsstoff in den politischen Blättern, nab auch die D Plomarie scheint dadurch alrerirt worden zu sein. Das beweisen dir Audienzen, welche unser Botschafter io Wien beim Kaisir Franz Joseph und

der österreichische Botschafter btt« Kaiser Wilhelm gehabt | haben.

Einzelne Persoualvrränderungen in den hohen Beamten- stellen haben einige Beachtung gefondrv, insbesondere die Wtrderanstklluug des srühtreo Eu'tusmioistrrs Grafen Zedlitz im oetiven Staatsdienst als Oberpräftdevt der Povinz H ffev Raffav. Utber die Bturlaubung des Staatsseere- ears Tirptz lasten sich bereits viele Leute graue Haare wachsen nad legen de« Empfange setors Vorgängers, des Admirals Hollmaun, durch den Kaiser grötzere Bedeutung bei. Auch der Urlaub, w lchrn H:rr v. Lucauus erhalten bat, giebt Manchem zu denken ob «it oder ohne Gruud, läßt fich natürlich nicht feststelleo.

Die vcrtagung des österreichischen Abgeordueteu- Hauses Haden wir bereits besonders gewürdigt, sodatz wir uns hier eines Eowmemars enthalten köaoen. Ja Ungarn ist die erwartete Ministercrifis noch nicht ausgebrochen. Die Lage des Eabiarts Var ffy ist aber nach wie vor sehr kritisch.

Ja Ro« ist d<e «uti-Avarchistevevuferevz zu Ende ge- gaugeu. viele grrtibare Flüchte hat sie nicht gezeitigt- es ist aaschetneod bet Vorschlägen und «areguugen geblieben.

Da» ganze politische L-ben Frankreich» wird fort- gesetzt durch dir Drehsus-Astatre absorbirt. Ueber die ttommerfitzang, in welcher da» Ministerium Dupvtz einen beochteuswertheo Sieg errang und in welcher da» Duell zwi chru Buffon und Eavaignae ausgefochien wurde, haben wir ausführlich berichtet. Jetzt scheint es sicher zu sein, datz dem EastatiovShofe nun auch da» geheimste Dossier vor» gelegt wird.

D>e Situation ia Spanien ist sehr trübe, da» Trbiuet Sagasta liegt im Sterben. Die Hanptschwierigkett bildet die Finanzlage, die angeblich ohne fremde Jmerveutiou nicht zu lösen ist.

Glücklich find jetzt die Kreteusrr, denn sie haben den griechischen Prinzen Georg als Obercommiffar auf der J.sel. Hoffentlich ist ihre Freude ächt und wird nicht alsbald zu W ffe-. (xx)

Deutsches Reich.

Berlin, 28. Dccember. Wie die römischen Blätter melden, verpflichteten sich die Dclegirtev zur Anri-Anar­chist en-Eon fereuz, die am Mittwoch geschloffen wurde, auf Ehrenwort, nichts über die gefatzteu Resolutionen ver» lauten zu lasten. Mau weiß nur, daß das Haupiprotokoll zwei Arten von Maßregeln aufführt, nämlich neue ver-

sügunoen auf polizeiliche« Gebiet, welche internationalen Eharakter haben, und Sonderbestimmungea für jedes Land, welche den Geietzeu der betrtffeuden Linder angepahr worden stad. Die Bläteer fügen Hinz«, daß am Schluß de, Eon» ferenz dir bezügltcheu Protokolle und Schriftstücke verbrannt wurden.

Ergebnisse der Postcoufereozev. Ueber die Verhandlungen der Pofleonferenz i« Re'chep°sta«t werden jetzt weitere Einzelheiten berichtet. In Ergänzung srüherer Mittheilungen sei Folgendes über die Trlegrammbest'lluug «itgrtheilt: Es wurde auf der Eonfereoz für erforderlich erachtet, daß jede» Telegramm, sobald es der Abfertigung»- stelle zugeht, unverzüglich und auf dem kürzesten W'g dem Empfänger zugeführt werden wüste. De« Boten folle daher für jeden Vestellgavg in der Rcgel nur ein einziges Tele­gramm übergeben werden. Eine Ausnahme fei nur dann zu- zulaffen, wenn gleichzeitig weitere Telegramme entweder für denfelben Empfänger oder für einen zweiten in derselben Richtung wohnenden Empfänger vorliegen. Um Telegraphen- boten von der vöthigeu kölperlichen Beweglichkeit zu erhalten, wurde in Frage gezogen, bet den Trlegrephenämtern und den mit Postämtern I vereinigteu größeren T'legravhenbrt'irbs- stellen jaage Leute von 16 Jahren etozustelleu. Diese würden, sobald sie das vorgeschrittene Lebensalter erreicht haben, in das Unterbeamteuverhältniß übernommen werden können. In Belgien, Großbritannien, Oesterre ch und Amerika finden Telegraphenbotrn nicht nur des ougegrbeueu Alter», sondern sogar in noch jüngeren Jahren Berwrndung, und die betr. Verwaltungen haben dabei sehr gute Erfahrungen gemacht. Die Bezahlung der Boren erfolgt iu diesen Ländern gegen Stück ohn (Großbritannien Penny 4-6 Pfg.,

mindesten» aber 7 Schilling rb. 7 Mk. in der Woche, Oesterreich 4 fr. = 6e/10 Pfg., Amerika 2 Lent» ---- 8«/, Pfg., Belgien nach ähnlichen, oem verkehrsumfaug der Telegraphen» austalteu entsprechend abgestufteu Sätzen). Ob bei un» die Bezahlung nach festen Mouatsbriirägeu oder gegen Stücklohn unter Garauttrung eine» Mtudestlohue» einzuführen sein möchte, darüber finden gegenwärtig Erhebungen statt.

Braunschweig, 28. December. DieBraunschw. N 9?/ veröffemlicheu heute rin Interview mit einem Mt»gliede der chineiischen Gesandtschaft iu Berlin, au» dem her­vorgeht, daß zwischen der Kaserin Wittwe und de« Kaiser von Ehina ein freundschaftliche» Uebereiukommeu getroffen worden sei, demzufolge die Kaserin Wittwe regiert, da der Kaiser selbst etugeseheu hat, daß seine Resormrn zu viel Un­

Feuilleton.

Arankfurler Arief.

Originaldericht für den .Gießener Anzeiger^.

(Nachdruck verboten.)

Gastspiel der Sigrid Arnolds,a. Liederabend von Dr Ludwig wvllner.

Dr. M. Während die Großherzoglich Hrfst'che Refidcnz Frau Sigrid «rnoldfou, die fchwedtsche Nachtigall, in den letzten Jahren fünfmal al» Gast der Hofbühue gefehen, hat Frankfurt o. M. erst zweimal Gebrauch von der Au- Wesenheit der illustrro «ünüleriv iu Deutschland gemacht. Hab überdte» wandeln die Beg.isterung de» Publikum» und die Beurihetlung der Kritik hier in Frankfurt wenn nicht getreorte, so doch verschiedene Bahnen.

Woran liegt da«? An den akasttschev verhältuiffeu de» Opernhauses, in welche« die Stimme der «rnoldfou vielleicht nicht ganz so ihre intimtn Reize entfalten kann, wie in de« kleinen, behaglichen Raume te» Darmstädter Hoftheaters? Oder reaairt hier der ästhetische Geschmack auf eine andere, derber packende Knust? Jedenfalls sprechen die Kritiken bei der Aruolbsou immer mehr von den Eigenschaften, die ihr abgehen, als von denen, welche sie brsttzt.

Und doch ist da» gerade ihr Etgenthümliche in seiner «rt so einzig, daß fie zwar eine Gattung repräseurirt, aber »noleich eine, die nur noch an wcvigev erlesenen Exrmplaren dcsliff!" unb e««fi== '°°°- ®',n

BUI nicht erlchkpst, i*nu »It st- eine Sinriterin bet bei canto nennen, benn bie ItaU.nllchm ^dmabonnen allen eilaie« »aten melk ziemlich tewperamentlnle Selchipse, BelAe* M nnßee »eanbe fflilten, fich In ben braeatlHen Ih'-r «°lle Su »»anbei«. ®l. atnalM« Ist aber nicht emr ®elangltän6leiln, fonbern and) D-rstill°,g«. önSlertn. Man könnte allo lagen: von bet alte« Opern schnle hat sie ble %ox», »an bet neuen bie Seele. Daß

tlre auch ia Operogebildeu wohnen kann, die nicht

den Meister von v-yreuth zum Vater haben, lehrt uns ge­rade die Arvoldson in ihrer ,M gaon*, ihrer ,8 fme* und ,6armtn*. Au» letzterer machen fich die Frankfurter am wenigsten; fie nehmen unwillkürlich den Maßstab sür die Interpretation dieser Figur von de« kühnen und wilden Raturalismu» der Belltacioni. Aber wir «Schien hervor» heben, daß t» vielleicht kan« eine Opernfigur gibt, bei welcher dir Persönlichkeit, der Subjectivüät der Künstlerin ein solcher Spielraum verstattet ist, wie bei Btzets Lärmen. Bewri» dafür ist schon, daß die Sängerinnen der verschie- devsteu Stimmlagen fie fiugeo: die LoloratnrfLageriu, die Soobretre, die Altistin, die dra«atifche Sängerin alle strecken fie ihre Hand nach dem Rl hm: dieser Gestalt au».

Frau Sigo.b Aruoldson» »Sarmen^ ist von Aafaug bi» zu Ende «ehr pikante Französin al» leidenschaftliche Spanierin aber ihre Auff^ffung gibt immer ein Ganze», gleichviel, ob diese» non unseren Vorstellungen entspricht oder ihnen zuwiderlävft. Die Zdrone ihrer Schöpfungen wird ja wohl im«er die bMignou" bleiben, was aber nicht hindert, der formvollendeten Sicherheft, in welcher fie fich auch in anderen Partien bewegt, lebhaftes Jatereffe zn schenken. Jedenfalls haben die Eompontstr», deren Opern» Heldinnen fir fang, j, thrilweise kretrte, stets eine frhr große Meinung von ihr grhabt. So Lnßene sich Tharles Gounod über die Arnoldson, al» diese seine ,3nlta* sang: er be» dauere, nicht der Romeo sein zu können! Uab al» fie geenbet, fügte er hinzu: ,t» war bie Nachtigall!"

Dr. Ludwig Wülluer ist eine nrne Erscheinung i« deutschen Knustleben und zugleich eine vollkommen moderne. Wcuu wir na» fragen: war dieselbe etwa auch zur Zeit Mozart» und Beethovev» möglich? so müffen wir diese Frage eutfchieden verneinen. Nicht Musiker ist Wülluer, sondern ein vortragsküustler auf melodischer Grundlage. Wenn nicht die Elavierbegleitung wäre, könnten wir un» allenfalls auch von der Kaust Pallrske» und Strakosch» ähnliche Wirkungen

versprechen. Man hat einmal an Strakosch getadelt, daß er Heines ^Wallsahrt nach Kevlaer^ schon mchr sänge al» spräche. Bei Ladwig wülluer beherrscht nun da» Wort dergestalt dcu Too, wie wir e» in diese« Maße noch uiemal» höre» konnten, da aber diese» Wort doch auf den Pfaden der Melodie wandrft, so ist da» Rrfultat ein ganz aparter Sprech- gefong, nicht zu verwechseln «it dem Melodram. Aber die Dichtnng, der Text ist doch da» wesentliche, der Ausgang»» punkt, von welche« die Brücke zu« Gesanglichen führt. Und deshalb sollte Wülluer stets möglichst werthvolle Texte fingen und auch uie zu viel Schubert, wenigstens nur den Schubert der letzten Phase, der von ungleich gedanklicherer Schwere ist als der jugendliche Eomponist, der den Goldgehaft feiner Töne «auch banalem versleiu lieh.

In erster Instanz wendet wülluer fich nicht an das Gembth, sondern au die refleetireude Phantasie, die er gleichsam avffordert, deu Weg der grüblerischen Aua'yse, den er ge­gangen ist, mftzugeheu. Ich will nicht sagen, daß er in jede«Lledgedicht" analhfirt, er berührt auch oft synthetisch, aber immer «ehr im Sinne der Wortidee al» der musika­lischen Idee.

Wülloer» Eigenart, da», wa» er au» eigener künstlerischer Auffaffuogskraft hiuznthut, ist so stark, daß e» fast auf die Art de» Eospovisteu drückt, sie weniger au»deutet, al» von einem ganz bestimmten Gefichtspnnkle aus, um deutet. Sie werd-u Wach» in seiner Hand. Je au»grprägter der Charaeter be» Lompouistev, desto weniger gewinnt er bei diesem Ver­fahren. Ich kann mir nicht vorstellev, daß die reine, stille Schönheft dr» Mozartstil» oder die brennende Lohe der fiavlich-üderfiunlichen Wagner-Musik bei dieser Vortragsart zu ihrem Recht käme.

Unb doch har Wülluer, und ganz «it Recht, tat 6. Souotagseoueert des Museum» einen großen Erfolg gehabt. In die Lorbeeren de» Abend» hatte er fich it dem P,mristru Eonrad «uforge zu theilen.