Nr. 225 Erstes Matt.Sonntag den 25. September
1898
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General-Anzeiger
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Gießen, den 24. September 1898.
Großherzogliche» Polizeiamr Gießen. Muhl.
Deutsche» Aeich.
Verli». 23. September. (5 in GeschenfsVr.Kaiser Wilhelm. Die deutsche evangelische Gemeinde in Jerusalem wird dem deutschen Kaiser bei seinem Besuche in der heiligen Stadt eine prachtvolle Bibel widmen. Sie ist jetzt in der Wiirttembergischen Bibel-Anstalt in Stuttgart fertiggestellt worden und ist das erste Exemplar einer ganz neuen, von der Bibelanstalt veranstalteten Ausgabe. Sie bekommt einen wundervoll geschnitzten Oliven« und üedernholzdeckel (nach einem Entwürfe des Oberbauraths v. Goltz, der jetzt in Jerusalem ist). DaS Buch erhält Goldschnitt und feine Kalbleder- und Seidenmoiree-Besätze.
Berlin, 23. September. Dce Berathungen d»-» Bun d eS- raths werden, wie die »Kreuzztg." meldet, iu diesen Tagen wieder ausgenommen werden. Zunächst finden jedoch nur Ausschußfitzungrn statt, während daS Plenum erst zu Beginn des nächsten Monats die erste Sitzung nach den Sommer- ferien abhaltrn wird. WaS die Vorlagen für den Bunde»- rath anbrtriffr, so dürste in erster Linie der neurediatrte Eat- Wurf der Re chr BerftchKuugrgrsttz.L t? Betracht kommen, der dem BuudeSrath demnächst zugeheu soll. Ferner soll de« Bundesrath dem Vernehmen nach der Entwurf einer neuen Seemannrordnung zugeheu, die an die Stelle der Veemannßordnung vom 27. September 1872 treten soll.
M P.C. Berlin, 23. September. Man nimmt in politischen Kreisen im Allgemeinen an, daß die Einberufung des Reichstags wahrscheinlich erst für den Anfang December zu erwarten sei. Jedenfalls ist vorläufig auch nicht abzusehen, wie rasch oder wie langsam die im nächsten Monat vom Bundesrath aufzunehmenden Arbeiten sich werden fördern lasten.
— M.P. C. Die deutsche Flotte weist nach den in den Annalen der italienischen Floiteumediciu von Augusto Zest gemachten Mittheilungen bedeutend weniger Krankheitsfälle als die rusfische und österreichisch-ungarische Flvue auf. Die Zahl der Todesfälle sei sogar noch geringer als selbst bei der italienischen Flotte, deren GlsundheitSzuftaud dem aller übrigen europäischen überlegen sei. Die englische Flotte zeichne flch durch die höchsten Ziffern für Krankheit»-, TodeS- und Entlastungssalle auS, obgleich eS auch in England neuer- dingS beträchtlich bester wird.
Ausland.
M.P.C. Frankreich. Der französische Marineminister Lockroy wieS in feiner Rede am 20. d. M. in Toulon darauf hin, daß die Rolle der Marine lange Zeit mißverstanden fei. Diese sei im Gegentheil eine besonders wichtige, denn in künftigen Kriegen würden die großen Entscheidungen zur See fallen, wo auch die ersten Schläge gethan würden. Der spanisch-amerikanische Rrieg sei das beste Beispiel dafür. Erft von jetzt ab werde die wahre Bedeutung der Marine erkannt u. s. w.
Paris, 23. September. Els»enceau behauptet in der ,Aurore", Oberst Henry habe eine hochgestellte Militär- Person all Mitschuldigen grbabt. Die Ursache des Selbstmordes Henrys werde man später erst erfahren. Eommandant Rrvarty erklärt eS für unrichtig, daß er feine Untersuchung nut gegen Picquart und nicht gegen Esterhazy gerichtet habe- im Gegentheil habe er in seinem Bericht mehrere Esterhazy üderführeude Beweise eingeschaltet gehabt, die er aber durch den Generalstab gezwungen wurde, zu streichen. Oberst Picquart kann mit seinem Advokaten Labori nur mittelst offene« Brief verkehre». Die Uatersochung gegen ihn wird gehet« beführt.
M.P.C. Tane«ark. Für das Jahr 1898/99 werden für Kriegszwecke verlangt: 10067 073 Kronen.
Petersburg, 20. September. ES giebt wohl jemanden, der nicht die besten Wünsche für das Gelingen der Friedens- beftrebungen empfände- vor der Erfüllung der warmen
Wünsche und lebhaften Hoffnungen aber thürmen sich noch große Schwierigkeiten, die nur ein europäischer Staatenbund würde Überwinden können. Ueber die Entstehungsgeschichte der bekannten Friedensnote verlautet, daß — General Kuropatkin, der russische KriegSmtnister, die Anregung gegeben habe. Es sollte die Enthüllung deS Denkmals Alexanders II. durch eine Kundgebung verherrlicht werden, wie sie dem Geiste des verewigten Zaren am meisten entsprach. Und da Alexander II. der Zar-Befreier und der Zar-Friedensfürst heißt, so lag eine Friedenskundgebung sehr nahe. Jedenfalls wurde der Gedanke mit Eifer erfaßt und seine Veröffentlichung in der bekannten Art durchgefühtt. Die losgelaffenen oder aufgerufenen Friedensgeister jenseits der Grenzen wird man nun nicht los, obwohl die Zeitungen gleich nach der Veröffentlichung die Nothbremse zogen, um den Strom allzukühner Hoffnungen zum Stehen zu bringen.
M. P. C. Petersburg, 23. September. Im Rückblick auf die stattgehabte Besichtigung der SchwarzenMeer-Flotte durch den Kaiser von Rußland in Sebastopol ist es toter* effani, die Fortschritte zu verfolge», welche diese Flotte in den letzten 16 Jahren gemacht hat. Die Wtederschaffuug der Schwarzen Meer-Flotte, welche im Krimkriege zerstört wurde, datirt vom 6. Mai 1884, ali das erste der neuen Panzerschiffe, Tschetma, unter großen Feierlichkeiten in Gegenwart Alexander UL in Sebastopol vom Stapel gelaffen wurde. — Die Flotte besteht jetzt aus 7 Panzern erster Klaffe: TscheSma, Siuape, Ekaterina II., Dveradzat Apostoloff, Georgi Pobie- donoffetz, Tri Sviatstelya und RostiSlaff. Der gedeckte Kreuzer Pamyak Merkuri- 6 Kanonenboote: Tschornomoreh, Teretz, Kubanetz, Donetz, Mraletz und SaporoShetz, 3 Torpedokreuzer : Eaptain Jack, KasarSki und Griden. 22 Torpedoboote und 2 TorpedotrauSportboote: der Boug und Dunai. Die ge* sammtrn 41 Fahrzeuge hab^n einen Tonnengehalt von 90 000 t Hierbei find 3te verschiedenen HLsrnvcrthridtgttagSschiffe nicht «itgerechnet.
M. P. C. New York, 23. September. Nach eine« New- Dorker Journal hat ein amertkanischer Ingenieur eine automatische Karabiner-Pistole erfunden, deren Magazin 16 Patronen aufnimmt, welche mit enormer Schnelligkeit verfeuert werden können. Der Erfinder hofft mtt einem Gurtband an Stelle des Magazins demnächst 150 Patronen hintereinander abfeuern zu können. Infolge der Länge des Laufs ist die neue Pistole etwas größer als ein gewöhnlicher Revolver. Die Waffe hat einen abnehmbaren Kolben. DaS Geschoß soll noch auf 1350 Meter tödtlich sein - auf 350 Meter wird ein 10 Ceutimeter starke- Fichtenbrett durchschlagen.
Tas Programm des Gietzener Stadttheaters für die Spielzeit 1898/99.
Von
Dr. M. Schilling.
Herbstanfang! Wenn die Tage allmählich abnehmen und die Abende länger werden, dann rüsten sich die Theater zur Wintercampagne. Die Directoren versenden die neuen Spielpläne, und da» Publikum wird zum Abonnement ein- geladen.
Was ist es, das die Menschen immer wieder ins Theater lockt? Was reizt sie immer wieder, Thaliens Tempel zu betreten? Es ist die Freude an dem farbigen Abglanz des Lebens, der uns dort geboten wird. Wir wollen dort das Leben wiederfinden, alles, was uns selbst himmelhoch jauchzen läßt und zum Tode betrübt, wir suchen uns selbst wieder aus den Brettern, die die Welt bedeuten; und alles, was außerhalb unserer Interessensphäre liegt, wird kühl beurtheilt oder gar abgelehnt. Uns kann nur menschliches Leid rühren, das uns selbst täglich im Kampfe de» Lebens zustoßen kann; wir können uns nur über menschliche Freuden belustigen, die uns selbst täglich auf dieser wunderschönen Erde zu Theil werden können. Diesen Grundsatz hat zum Glück unsere moderne dramatische Kunst immer mehr befolgt.
Unter den Novitäten, die die Direction für diese Spiel- zeit ankündigt, ist keine Richtung besonder» ausgezeichnet, keine unverdient zurückgefetzt. Neben Wildenbruch» „König Heinriche und den .Lluitzow»" — die übrigens schon ein recht stattliches Alter haben — finden wir de» jugendlichen Georg Hirfchfelds modern-realtstische» Drama ,2)ic Mütter" und Mox Halbes „Mutter Erde", ein sehr fein psychologische» Werk, da» in des Dichters Heimach, in Ostpreußen, angefiedelt ist. Gerhatt Hauptmann, zweifellos der größte Kür.stler unter den jetzigen Bühnendichtern, ist mit, Hannele" vertreten, einem visionattigen Werk, das in einem schlesischen Armenhaus mit packender Realistik anhebt, uns den irdischen Leidens
weg eine» von Gott und den Menschen verlassenen^Findel- kindes darstellt und uns schließltch die Pracht des Himmels aufschließt. Der Dichter wagte es sogar, den Heiland, der die Züge von Hannele» Lehrer Gottwald trägt, auf der modernen Bühne auftnlen zu lassen, eine für unsere zum Theil superrigorose Zeit unerhörte Neuerung, die, in den Mysterien des Mittelalters begründet und beliebt, einen Sturm der Entrüstung bei empfindlichen Geistern hervorrief. Ganz auf religiöses Gebiet führt uns Sudermann» „Johanne» der Täufer", für den ein vorsichtige» Polizetverbot feiner Zeit unnöthig Reclawe machte. Dieses jüngste Werk Sudermann- Hat eine geteilte Aufnahme gefunden; man bat mit Recht betont, daß er der biblischen Gestalt des Vorläufer» Christi nicht vollauf gerecht geworden ist oder doch daß er sie un» nicht menschlich nahe zu bringen vermochte, während die Figuren der Herodias und der Salome meisterlich getroffen sind, allerdings mit einem bedenklichcn Stich ins Moderne, an Berlin W. gemahnend. „Vafantaftna" wird uns die Märchenwelt des Orients erschließen; auf Cypern spielt da» graziöse Märchen „Der Talisman" von Ludwig Fulda, der uns in allerjüngster Zeit vermöge feines glänzenden Formtalents des Franzosen Rostand geistsprühendcs Spiel „Eyrano de Bergerac" eingedeutscht hat. Von sonstiger auswärtiger Literatur wird uns „A basso porto" mit derbrealistischen Scenen au» dem modernen italienischen Volksleben bekannt machen, und „Johanna" wird den jungen Björn Björnfon erstmalig bet uns zu Wort kommen lassen mit einer interessanten Studie, der zum Schluß leider der dramatische Athem ausgeht.
Mit den Lustsp elen war es von je bei un» arg bestellt, Ausländer pflegen gerne zu sagen, die Deutschen müssen doch ein sehr ernste» Volk fein, denn sie haben nur 3 klassische Lustspiele: Lessing» „Mmna", Kleists „Zerbrochener Krug" und Freytags „JournaUsten". Es steckt em Körnchen Wahrheit in diesem Vorwurf, denn unfer Schiller hat der deutschen Bühne nicht, wie Shakespeare den Engländern, eine Reihe von Lustspielen geschenkt. Schwankfabrikanten allerdings haben wir genug, doch deren Producte haben ein ephemeres Dasein: ein Jahr begehrt und dann für die Ewigkeit verschollen. Obenan stehen natürlich Blumenthal und Kadelburg, deren „weißes Rößl" wohl über alle deutschen Wrlt-Bretter gesprungen ist. Es ist ein recht lustiges Ding mit geringer Handlung, alten Lustspieltypen und einer Fülle neuer Witz- worte. Die Krikik muß gegenüber dem Erfolg verstummen, d. h. alle Kritik ist zwecklos, denn im Berliner Lessing Theater feiert da» „Rößl" diese Woche sein zweihundertstes Jubiläum; und wenn der Recensent ein noch so saures Gesicht macht, J die Autoren lachen sich vergnügt ins Fäustchen. Dann folgt - die Berliner Schauspielerfirma Jarno und Fischer mit dem I „Aschermittwoch" und die Herren Stein und Walther mit dem „Opferlamm". Ein höhere» literarisches Interesse beanspruchen nur Ernst von Wolzogens „Unbeschriebenes Blatt" und Ludwig Fuldas „Jugendfreunde", die uns einen ausgezeichneten 2. Act beschert haben. Fulda und Wolzogen: in deren Hand ruht die Zukunft des deutschen Lustspiel», wenn auch dem letzteren nach einem grandiosen „Lumpev- gefindel" nicht» Nennenswerthe» mehr gelungen isi.
Unter den Volksstücken verdienen Victor L6ons „Geblldete Menschen", denen in Frankfurt Strohecker zum Sieg ver- Holsen, und de» ehemaligen Wiener Burgdireclor» Max Burck- hardt „'s Katherl" Auszeichnung. Burckhardt hat sich mit feinem Wiener Volksstück den Naimundprei» errungen, wenn auch fein Stück einen höchst unbefriedigenden Eindruck hinterläßt. Der Conflict ist mühsam ersonnen, der Bau noch unbeholfen, die Handlung macht Quer- und Seitensprünge, nur die Characteristik bet Personen vermag für diese Mängel zu entschädigen. Entschieden glücklicher war Burckhardt mit der frischen Sotyre „Die Bürgermeisterwahl". Unter den Volksstücken vermissen wir leider Philipp Langmanns „Battel Turafer", ein ins Oesterreichische übersetztes Weber-Drama, das einen bedeutenden Platz unter den Neuheiten der letzten Jahre verdient, umsomehr da eS der erste Wurf eines vorher völlig unbekannten Autors ist.
Wir vermissen ferner unter den älteren Werken, die zur Aufführung vorgesehen sind, namentlich die Volksstücke Anzen- grubets. Er darf heute auf keiner Bühne mehr fehlen. Das königl. Schauspielhaus in Berlin und die Wiener Hofburg haben diesem trefflichen Dialectdichter nicht länger den Eingang wehren können. Der Dichter des „Pfarrer von Kirchfeld" hat sich längst feinen Platz in der Literatur erobert. „$)er Meineidbauer", „Das vierte Gebot", „Der G'wissevs- wurm" und die köstliche Bauernkomödie „Doppelselbstmord": der bloße Titel erweckt herrliche Erinnerungen. Allerdings,


