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Nr. 225 Drittes Blatt.Sonntag den 25 September
1808
Meßmer Anzeiger
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Fernsprecher Nr. 51.
Zur Eröffnung der Ersten Darmstädter Knust- und Kunftgewerbe-Ausstelluug.
Am vormittag bei 20. September betraten der Großherzog, Prinz Wilhelm, Graf nnb Gräfin zu Erbach-Schönberg, Graf Abalbert zu Erbach Fürstenau nnb Graf Elias |u Erbach-Fürstenau mit Gefolge burch bas festlich geschmückte Portal bte Kansthalle, bte burch Flaggenschwuck, bte färben- glühenbe Ausmalung brr Attika, welche von ben Herren W lh. Bader nnb PH. O. Schäfer herrührt, unb die ver- golbnng bei Gitters ein außergewöhnliches Ereigniß an- zeigte: die Erste Darmstäbter Kunst-Ausstellung »ar eröffnet.
Im Hauptiaale richtete ber Vorsitzende bet „Freien Vereinigung Darmstädter Künstler", Herr Wilhelm Bader, an Se. Kgl. Hoheit eine kurze Ansprache, in welcher er die Gefühle del Dankes ber Künstlerschaft für Uedernahme bei Protektorates von Seiten bei LanbeSherrn tu herzlicher Weise zum Auldruck brachte. — Sodann erfolgte ein etwa ein- stündiger Rundgang burch bte fämmtlicheu Räume ber Kunsthalle.
Der Großherzog sprach in wärmster Weise über beibe Abtheilungen lebhafteste Anerkennung aus, nnb auch bal dtstiuguine Publikum, welches sich zur Eröffnunglfeter ein- gefunben hatte, war sichtlich überrascht von bet Fülle nnb künstlerischen Gediegenheit bei Gebotenen; n. A. waren auch bie Spitzen ber Hof-, Staatl- und städtischen Behörden anwesend.
Der große Hanptsaal enthält die Gemälde-Ausstellung der neugegrünbeten „Freien Vereinigung", sowie ber von dieser Künstlergruppe geladenen Maler. Gerade dem Eingänge gegenüber feffelte uns bal temperamentvolle Eoloffal- gemälbe „Eentanren-Kawpf" von Ph. O. Schäfer, welcher auch dal Placat der Ausstellung entworfen unb bas Treppenhaus mit einem Eyclus von Entwürfen für becorative Malereien geschmückt hat. Ganz reizende Arbeiten finb bte Aquarelle Wilh. Baders nnb bte kleinen Oelgemälbe von Melchior Kern. Adolf Bchrr zeigt sich sowohl all Porträtist wie all Zeichner von gleich soltber Durchbildung, und sein großes becoratioeS Gemälde „Blühende goldene Zeit" verleiht de« ganzen Saale eine festliche, fröhliche Stimmung. Wir sehen ferner sieben äußerst subtil und fleißig durch- gearbeitete Oelgemälde von Richard Hölscher und eine Serie stimmungsvoller Landschaften vou Paul R ppert. Ganz entzückend find die kleinen Bronceu des Bildhauers Ludwig Habich, die zum Allerbesten gehören, was auf diesem bisher
Feuilleton.
Jlnter der Sonne Palästinas.
Eindrücke und Erinnerungen.
Von Karl Böttcher.
(Nachdruck verboten.)
IX. Auf dem Libanon.
„Ihr Name, mein Herr?"
Ich reiche eine« dicken, rothbefezteu, hochgestiefelteu Polizisten meine Karte.
„Danke.!"
Man wird seitens der lieben Polizei nach „Nam' und Art" beinahe caput gefragt im schönen Syrerlaud.
Nachdem der Dicke einen buchstabtrenden, au die Unbeholfenheit eines A-B E Schützen erinnernden Blick auf die Sitte geworfen, wobei ich stark bezweifle, daß er lesen kann, steckt er fie zu den übrigen. . . .
Und wieder steige ich im Zauber der GebirgSwelt des L banon herum, dieser reichen Schatzkammer wundersamer Naturschönheiteu.
Hier zieren Weingärten und Olivenhaine üppige Thäler- dort streben steile Felsschrofeu empor, geschmückt mit im- posauten Tempelruinen; drüben zwängen sich utederdouuernde Wafferfälle durch tiefe Schluchten, und tu der Ferne glitzern schueegekröute Berggipfel, deren kühngeschwungene Linien sich scharf abheben vom tiefblauen Himmel, glitzern hinaus auf leuchtende Golfe nnb azurne Meeresweiteu. . . .
Ha, bas ist bte Herrlichkeit ber Schweiz — aber wild- anumthiger, künstlerischer unb ausgestattet mir der üppigen Vegetation bei Orient«!
Juchhei, wie herzerfrischeob, so in ber Heimath bei I Deines unb ber Tebern übet Berg unb Thal zu ziehen, in solch lebensvoller, von balsamischer Luft durchhauchten SebirgS- |
noch wenig cultiöirten Gebiete in Deutschland hervorgebracht wurde. Sehr charakteristisch unb von feiner Gesammtwtrkong ist auch bte Büste bei Großherzogl, von bemselden Künstler in Marmor aulgeführt, sowie bet „Narziß", bitect nach bet Natur in Kalkstein gehauen.
Eduarb Selzam hat an! Utting am Ammersee, wo et sich seit Jahren niebetgelaffen, neben einen großen Genre „Harfenspielerin" brei vorzügliche Walb Jaterieurl und ein prächtigel „Hanbeporträt") gesaubt, Meister Lnbwig v. Löfftz ein Pastell („Marathon" unb eine virtuose Zeichnung, Lnbwig v. Hofmann nicht weniger all vier seiner poefievollen Werke, bte ben Namen dieses Künstlers bei den Kunstfreunden der ganzen Welt bekannt gemacht haben. Bon Eugen Bracht bemerken wir ebenfalls eine seiner berühmten Stimmung«' landschaften unb von dem jungen Münchener Bildhauer Th. v. Gosen drei hübsche kleine Arbeiten. Die Eowwiffion hat es auch nicht unterlaßen, in pietätvoller Weise durch fünf nachgelassene Werke an ben großen Künstler zu erinnern, auf besten äußerlich zwar so bescheibene, innerlich aber um so mächtigere Anregung ber ganze Aufschwung unseres Kunst- lebens, ber tiefe schöne Ausstellung zur Folge hatte, zurück- zuführen ist: an Heinz Heim.
Die Äbtheiluug für angetoanbte Kunst unb moberne Zimmer-Ausstattnng ist unter ber Oberleitung beS verdienstvollen Herausgebers der „Zeitschrift für Innendekoration", Herrn Alexander Koch, zusammengestellt worden. Man gewinnt hier in der That einen höchst lehrreichen Urberblick über bte moberne Bewegung im Suustgewerbe, bet um so wetthvoller erscheint, all es hier zum ersten Male gelungen ist, wirkliche Z mmer modernen Eharacters einheitlich auszugestalten. Wundervoll ist gleich bal erste Gemach neben de« Hauptsaale: Möbel von W. Michael in München, Tapete nnb Teppich von Professor Eckmann in Berlin, bann im folgenbeo Saale, bie wahrhaft berückenben Srzeugn sse bei iw französischen Kunftgewerbe als epochemachender Führer geltenben Emile Gallü io Ranch. Er enthält Möbel mit Holzeiolageu von eigenartiger Schönheit nnb eine Sammlung ber weit- berühmten GlaS-vasen GaüLs, barunter Meisterwerke vou höchstem Werthe. Diese Ausstellung Galläs ist 'bie reich- haltigste, welche tiefet Künstler jemals tn Deutschland veranstaltet hat, unb repräfentirt einen großen materiellen Werth. Auf ber anbern Seite bei Mittelsoales befindet sich ein als Herrenzimmer entwickelter Raum, in welchem bte Beröffent- Hebungen bei Kunst-Berlages von Alexander Koch zum Studium ac fliegen, und ein zweites, „urgemüthlichel" Zimmer mit Möbeln vou H. E. v. Berlepsch. Im Parterre find drei
frische nichts zu spüren von dem todtmüden Verfall, ber tiefes Traurigkeit, dem großen Dahinsterben des benachbarten Palästina I
Und das Allerschöoste: man trifft hier keine Bergfexe, etwa Berliner Salomhroler, großschnauzig renomwirend unb unbändig biervertilgenb, welche plattfüßigen Enthufiasmus oblaben nnb mit ihre« gigerlhaften Sebirgscostüm jeden Augenblick geeignet wären, in einer Operette aufzutreten und einen schwindsüchtigen Jodler tn bie Luft zn krähen.
Wie ich mich mehr unb mehr vertiefe in bas wilbe Gebtrgslanb, diel herrliche Heldenepos ber Natur voll an- heimeluber Schrecklichkeit, wie ich aufjubeln möchte in solch wuobersamer Pracht — »lebet hat wich ein Polizist ergattert . . .
„Ihr Name, «ein Herr?"
Ich reiche einem spindeldürren, rothbefezten, hoch- gestiefelten Polizisten meine Karte.
„Danke!"
Jetzt treibe ich «ich im Städtchen Mnallaka herum. Ja dem kleinen Bazar des alten, zwischen Teppichen zusammen- gekauerten Ali beobachte ich, wie Reisende allerhand Gobelins kaufen, in welche man fromme Koraosprüche tn schwungvollen arabischen Schriftzügen einstickte. Ein befreundeter Araber erklärte mir, daß viele solcher Gobelins mit ben golbenen Schnörkeln nur für bie Fremden zurechtgestntzt find, daß dabei von gewiffeu Spaßvögeln bunter Blödsinn zusammen- phautafirt wird, der mit der Weihe des Korans nichts zu thun hat. Als Beweis «acht er mich auf einige kräftige Proben aufmerksam:
„Trink, bis du am Boden liegst, du Kamee!!" heißt es hier . . . „Wer kein Geld hat, ist stets ein Lump!" flimmert es dort . . . „Das Beste ans ber Welt finb doch die Weiber!" liest man weiterhin.
Ein englischer Lorb hat kürzlich mehrere solcher Gobelins
Räume burch eingezogene Wände gebildet, bereu hinterster, eine von Schiele in Frankfurt a. M. eingerichtete Muster- Küche, bas Entzücken unserer Damen bilbet. Die betbeu anbern Räume enthalten künstlerische Ceberarbeiten vou Georg Hulbe in Hamburg, Beleuchtungskörper von Paul Stotz, Glasfenster von Engelbrecht, Kunstgewebe ber Schule von Scherrebek nach Eckmann n. f. w. Die becorativen Malereien bes vestibnlums finb von Hoftheatermaler Kempin, bie der Lünetten im PorticuS von Melchior Kern, bte außer- orbevtlich geschmackvollen Blumenarrangements vou ber Hof- gänuerei nnb vou ber Firma H. Henkel, bte oft recht schwierigen modernen Weißbinder- unb Plafonbarbeiten haben bte Gebr. Weder bahier tn ausgezeichneter Weise ausgeführt. Bon glanzvoller Wirkung ist auch bas Glasfenster von Endner- Darmstadt im Gallo Saale. Süwmtliche Kunstverglasungen finb in amerikanischem Opalescent-Glas ansgeführt, also nicht gemalt. Unmöglich ist es, in bleiern Berichte auch vur anfzuführen, was tu ben einzelnen Gemächern an Kupfer- unb Zinngefäßen, Keramik, Gläsern, Schmiebeeisen, Beleuchtungskörpern, Webereien, Tapeten n. s. w. vertheilt ist. Wir stehen nicht an, auf Grund einer großen Erfahrung im deutschen Sunst-AuSstellungSwesen zu bekennen, baß tieft Ab- thellung ein so klares Bild vom gegenwärtigen Stande bei neuzeitlichen deutschen Kunftgewerbel giebt, wie es in Berlin noch nie, in München kaum erreicht wurde, unb wenn man habet beachtet, baß ber Saal ber „Bereinigung" als Ganzel ungefähr ben Einbrnck eines gutgehängten Saales ber Münchener „Secession" macht, so wirb man unseren Künstlern, wie auch Herrn Alexanber Koch nur bte größte Hochachtung entgegenbringen können. Dank gebührt auch der Großh. Staatsregierung, der Stadtverwaltung und dem Heff. Kunst« verein für bie Förbernng, welche fie btefem bebentungsvollen Unternehmen tn jeber Hinficht zu Thetl werben ließen. Möge nun auch bal Darmstädter Publikum an feinem Theile dazu beitragen, daß diese „Erste Aulstellung" nicht die Einzige bleibt! Darmst. Tagbl.
Deutsche» Reich.
Berlin, 23. September. Wie bte „Norbb. «llg. Zig." hört, hat fich Reichskanzler Fürst Hohenlohe, ber gestern Auffee verlassen hat, zu kurzem Aufenthalt nach Baben Baben begeben, von wo er Ende nächster Woche voraussichtlich mleber tu Berlin eintreff en wirb.
Berlin, 23. Post. Der „Post" zufolge war heute Mittag auf bem Auswärtigen Amt unb auf ber hiesigen chinesischen Botschaft noch keine Bestätigung dcS aus Shanghai gemeldeten
I gekauft. Ich vergegenwärtige mir, wie Mhlorb, ber ahnungslose, baheim, voll leuchtenber Erinnerungen an feine Orient- fahrt, im pompös ausgestatteten Zimmer fitzt, mit lieben Frennben Wein kneipenb, während von der Wand tn großen Schnörkeln arabische Sinnfprüche herabglänzen In die Festfreude, von denen einer in entsprechender deutscher Orthographie lautet:
„Arbeit jiebtS hir nachmittags von drei biß fier, ihr Baulpelze l"
Wie ich mich so freue Über bte malerischen Gruppen ber Verkäufer, bte «Ich mit Ihrem relzenbsten Lächeln unb einem Hagelschauer von Redensarten zum Kaufen einlaben, freue Über baß aufgeregte Feilschen — —
„Ihr Name, mein Herr?"
Ich reiche einem krummbeinigen, rothbefezten, hoch- gestiefelten Polizisten meine Karte.
„Danke I*
Halt — da trottet wieder eine Heerde Engländer die Standstraße dahin .... Immer, wo in der Welt gewaltige Ruinen ans längst verschollenen Zelten herüberdämmern, zumeist sind es die herbeiziehenden Söhne Albions, welche für die nöthlge Bewunderung sorgen. Solches Ruinenpnbllkum burchpilgert auch ben Libanon.
Weber bie melancholische Wildheit der Berge mit den schwarzen Abgründen, noch die Eigenart der Bevölkerung, noch die farbenstrahlenden Landschaften — rein gar nichts ist für diese Leute vorhanden. Hier erglüht ihr Sehnen und Verlangen allein für das Trümmerfeld der Ruinen von Baalbeck. Sich einige Stunden tn den zerklüfteten Säulen- g8ngen bei Sonnentempels hernmtreibeu, habet mit der gleichgiltigsteu Miene vou ber Welt „wellt® . . . „all right!" . . . „oh yes!® heransnäselu nnb nach Erledigung dieses Rulnenpensums schnell wieder von bannen traben — ha, ein Vergnügen ist's! —


