Nr 146 Zweites Blatt.
Samstag den 25. Juni
18OS
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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amtlicher Theil
28 bei Reichl-Gesetzblatts, ausgegeben den 20. d. M. enthält:
(Nr. 2493.) Bekanntmachung, betreffend die dem internationalen Uebereinkommen über den Elseubahnsrachtverkehr betgefüqte Lifte. Bom 15. Juni 1898.
(Nr. 2494.) Bekanntmachung, betreffend die Anzeige- Pflicht für die Gkflügelcholera. Dom 16. Juni 1898.
(Nr. 2495.) Bekanntmachung, betreffend Ausführung», besttmmungen zu den §§ 980, 981, 983 des Bürgerlichen Gesetzbuchs. Bom 16 Juni 1898.
Gießen, den 23. Juni 1898.
GroßherzogltcheS KretSamt Gießen.
_________________________v. Gaqern._______
Bekanntmachung.
Droschkenbefitzer Heinrich Lather in Gießen hat die Erlaubniß erhalten, eine Droschke mit der Nr. 7 nach Maß- «abe des Droschken Reglements für die Piovinzial-Hauptstadt Gießen vom 3. Auguft 1878 in Betrieb zu setzen.
Gießen, den 22. Juni 1898
Großherzogltches Polizeiamt Gießen, v. Bechtold.
Sitzung der Stadtverordneten
am 23. Juni 1898.
Anwesend: Herr Oberbürgermeifter Gnauth, die Herren Beigeordneten Georgi und Wolff, von Seiten der Stadt- verordneten die Herren Adami, Brück, Emmeltus, Faber, Zlett, Dr. Gutfletsch, Habenicht, Haubach, Heichelheim, Helfrich, chehligenstaedt, Jughardt, Kirch, Keller, Löber, Loos, Orbig, ^Petri, Scheel, Dr. Schäfer, Schwall, Dr. Thaer und Wallenfels.
Herr Dietrich Sieben hat in seinem Garten ein chävSchen errichtet- die hierzu nöthige Erlaubniß wiid ihm «achträglich und auf Widerruf ertheilt.
Im botanischen Garten sollen neue Gewächshäuser Errichtet werden, deren Stellung jedoch mit Rücksicht auf die Äichtverhältuiffe nicht rechtwinklich zur Sevkeudergstraße er fsolgen kann, »ad gegen § 17 des OrtsbaustatmS verstößt. "Vie Versammlung spricht sich für die ausnahmsweise Ge- «ehmigung der Anlage aus.
D e Anlage eines Doppelhauses für Dteoerwohauugen und eines Thierdauses beim zoologischen Institut ver- stößt gegen die Bestimmungen der §§ 16 und 17 des OrtS- ftatuf*. Mit Rücksicht auf den besonderen Zweck der Anlage beschliißt die Versammlung, dem auf Genehmigang lautenden Antrag der Baudeputatton zuzufttmmen.
Das Baugesuch deS Herrn Wilhelm Valentin, welcher am Gletberger Weg ein größeres Wohnhaus mit Wtrihschafts- betrieb errichten will, wird auf Grund dcS § 5 dcS OrtS« baustatutS abgelehnt.
Zur Anlage eines Brunnens auf dem städtischen Gelände im Wiener Hof wird Herrn Bauunternehmer Ab ermann nachträglich und widerruflich die Genehmigung ertheilt.
Herr Heinrich Wiuther hat um die Erlaubniß zur Herstellung eines Fußpfades von seinem au der künftigen Parallelstraße der Grünbergerstraße errichteten Neubau nach der Moltkestraße nachgesucht,- die Erlaubniß wird ertheilt.
Nachträgliche Genehmigung findet das Gesuch deS Herrn Ferdinand Schott um Erlaubniß zur Asphaltiruug des Trottoirs vor seinem Hause au der Bahnhofstraße.
Gelegentlich des Umbaues der Wolken gaffe soll das dort befindliche GaSrohr gegen ein solches von 80 Millimeter lichter Weite ausgewechselt werden,- die auf 215 Mk. veranschlagten Kosten werden bewilligt.
Desgleichen ist aulgewechselt worden daS Gasrohr in der Katharinengasse, wofür 140 Mk. bewilligt werden. Zur Einführung der Wasserleitung in genannte Gaffe wird unter Bewilligung der 246 Mk. betragenden Kosten nach- träglich Genehmigung ertheilt und das GaS- und Wafferwerk ermächtigt, die Wasserleitung daselbst fortzusetzen, fall- die in Betracht kommenden Anlieger die übliche Reute garantiren- auch soll bei dieser Gelegenheit die schadhafte GaSrohrleituug ausgewechselt werden.
Zur Fortführung der Wasserleitung auf der Rod- Heimer Straße zwecks Anschlusses der Häuser von Lang Wittwe und Friedrich Cost wird Genehmigung ertheilt, nachdem die Gesuchsteller eine zehnprocentige Rente der 895 Mk. betragenden Kosten garantirt haben.
Die Berathung über die Fortsetzung der Gasleitung in der oberen Grünberg erftraße bis zum Schützenhaus wird ausgesetzt.
Zur Fortsetzung der Gasbeleuchtung aus dem Schisf en
de rg er Weg bis zum Neubau de- Herrn Wilhelm Steinbach werden 210 Mk. bewilligt.
Herr Bauunternehmer v. Münchow beabfichtigt, ander Ecke der Bahnhofstraße und dcS Tiefenwegs ein HauS zn errichten und sucht nm käufliche Ueberlassung deS Gelände» nach. Es wird auf Antrag der Baudeputatiou beschlossen, vorläufig von dem verkauf abzvsehen, da noch nicht über die Verbreiterung deS DefenwegS Beschluß gefaßt ist.
Für die in einer früheren Sitzung beschlossene Ueber- brückung der Reststrecke deS Schoorgrabeos am Volks- bad werden 1086 Mk. angewiesen.
Nachdem in einer der letzten Sitzungen die Löhne der städtischen Tagearbeiter eine Ausbesserung erfahren, sind auch die FriedhosSarbeiter um eine solche vorstellig geworden. Es wird aus Vorschlag des Stadtbauamts beschlossen, diese Arbettetkategorie in die gleichen Lohnklaffeu wie die übrigen stätti'chen Tagelöhner aufzunehmen- ferner soll ihnen die übliche Herbstgratificaiion bewilligt und die bisher schon gewährte Verdoppelung deS Lohnes bei Verlegung von Leichen weiter gewährt werden.
Am 16. und 17. Juli findet hier die VerbandS- auSstellung der Herdbuchgesellschaften für das Vogelsberger Rindvieh statt. Auf diesbezügliches Gesuch beschließt die Versammlung die Ueberlassung des Oswalds Garten» nebst Schuppen und Lagerplatz daselbst an den Ausstelluvgs- ausschuß, die Abgabe des zu Stallungen usw. benörhigten Holzes aus dem Stadtwald zum TarifpreiS von 10 Mk. für den Festmeier, sowie die kostenfreie Ueberlassung des Wassers aus der städtischen Leitung. Der für den 18. und 19. Juli vorgesehene Biehmarkt soll mit Rücksicht auf die Ausstellung auf 12. und 13. Juli verlegt werden. Wie weiter mttgetheilt wurde, findet gelegentlich der Biehausstellang eine Volks- trachtenausstellung aus dem Gebiete der Provinz Oberheffrn und der benachbarten preußischen Kreise statt.
Die in Nähe der Oeconom Kennel',chen Besitzung anzulegende Straße zwischen dem Rieqelpsad und der Liebtgstraße soll die Bezeichnung Querstraße erhalten.
Die vor einiger Zeit in Umlauf gesetzte Petition an den Stadtvorstaud, derselbe möge sich bet der Kgl. Eisenbahu- dtrection Frankfurt für die Errichtung einer Eisenbahn- Haltestelle für den Pers onen-Berkehr am Nordende der Sradt verwenden, hat in der Baudeputation Berathung gefunden. Herr Oberbürgermeister Gnauth be-
Feuilleton.
Aus Wien.
Don unserem Specialcorrespondenten.
(Nachdruck verboten).
Zu Wagen, zu Fuß und zu Rad dräugt fich die Menschenmenge, um der ueuerstandenen Stadt Im Prater, wo die köstlichen Errungenschaften der letzten 50 Jahre zu wurm anschaulichen Ganzen aufgrstopelt find, einen Besuch rbguffatten. Während der Fachmann mit tiefem Ernst an 8)rt und Stelle feine Studi-n macht, flattert der Flaneur wie ein Schmetterling von Ort zu Ort, das Interessante, i-itoie daS P kante im Fluge in fich ausnehmend, flüchtigen Nlickes dal Gediegene nur streifend, und ohne fich darüber del Kopfzerbrechen zu machen, welche Fülle von Arbeit dieses cslossale Bildet buch —„Anschauungsunterricht für Erwachsene" hüte man die Ausstellung benennen — ihren Unternehmern Mkostet hat. Und diese wünschen nur, daß der Wettergott t'in freundliches Gesicht macht, von dessen Laune der Erfolg d» Unternehmens abhängen wird und der bil vor Kurzem micht immer freundlich gefinnt war. Wien ist fich auch im Festjohre treu geblieben, es schimpft und lobt in einem Athem itnb ist stolz und vergnügt, den Fremden in die Ausstellung s ihren zu können, wo jeder Mensch etwa» finden muß, waS tun iutereffirt, vom „Kinderbrutapparat" augefangen bil zur ^i!eichenverbreonungsan,.alt". Bon der ersteren wissen Sie joc wohl bereits, welches Schicksal den ersten kleinen Welt' i trgern, die ihm anvertraut wurden, zu Theil wurde. Drum Krill ich lieber von einer anderen Anstalt von Lebewesen be- I-aderer Anziehungskraft sprechen, denn es find Eelebritäten nisten Ranges darunter, welche bereit» internationale» McnommH erreicht haben. Wir reden von der Hande- »usstellnng, welche wahre Prachtexemplare von Jagd« und Lixushunden aufweist. Die edelsten Pointers und Borsteh- Kunde, elegante Gordo und Jrischselter», temperamentvolle Macken und GllffonS, nervöse Foxterriers, glatte Doggen, sttwarze Pidel, kluge Spitze und faurc Möpse sind da bei
sammen, der winzigen King Charles und seidenhaarigen Pinscher nicht zu vergessen. Sehr komisch ist el, trenn die EtgemhÜmer und EigenthÜmerinnen ihren Lieblingen einen Besuch abstatten, man kann fich von dem Freudengeheul und Schweifgewedel des betreffenden Exemplars keinen Begriff machen, und manche enragirte Hundemutter, welche für ein armes Kind nichts übrig hat, verließ thränenden Auge» die Stätte, wo ihr „guter Hund" nun weilt. — Aber wir verlieren uns in Details und können nur flüchtigen Blickes an der Urania, der Jugendhalle, der WohlfahrtlanSstelluug, tem Radfahrcorfo und dem Fechtturnier vorbei, denn nach kurzer, eiliger Befichtiguvg und Bewunderung ist eS Abend geworden, tausende von electrtschen Lichtern, an kunstvollen Säulen angebracht, tauchen die Ausstellung in magisches Licht und locken uns in die Avenuen, um beim Corso nicht zu fehlen. In der sogenannten „Freßavenue" (wie der Wiener sagt) drängt fich Kopf an Kopf die Menge, schlanke, leicht« füßtge Damen in prachtvollen Gommertotletten, mit seccefio« nisttsch roth gefärbtem Haar lenken die Blicke auf fich und mit deren Schönheit nicht immer Schritt haltende Cavaliere" begleiten dieselben, voll Selbstbewußtfein auf die Anziehungskraft ihrer gefüllten Börse pochend. Aber auch vornehme Aristokratinnen, deren Einfachheit oft nicht die Trägerin eines stolzen Namens vermuthen ließe, sowie schlichte Bürgers- töchterletn und die feschen Vertreterinnen des Mittelstandes kommen herbeigeströmt, um zu sehen und gesehen zu werden. Bei Sacher, deffen Küche Weltruf besitzt, drängen fich die Spitzen der Finanzwelt, hervorragende Künstler und Börsen« matadore schwelgen in kulinarischen Genüssen und erholen fich bei Camembert und der Novität, dem Waldmeisterkäse, von dem Degout, welches ihnen die Schilderung des durch Bac llen in der Ausstellung künstlich erzeugten Käses hervorgerufen hat- trotzdem letzterer von Fachmännern als höchst gelungen bezeichnet wird, dürste fich der Laie nur schwer an durch „Bacillen" hergestellte Nahrungsmittel gewöhnen. Bei Demel, dem Hofzuckerbäcker, versammelt fich Alle-, was Anspruch auf Namen, Geld und Schönheit hat, um den Süßigkeiten der Ausstellung dal richtige Urihetl abzugewinucn. Auch
dem schönen Durst, über den der Wiener jederzeit verfügt, ist in hervorragender Weise Rechnung getragen rooiben, den« 16 Bierbrauereien sorgen abwechselnd mit ihrem goldenen Nah für Befeuchtung. Die Südavenue wird wegen der Noblesse der boxt befindlichen Restaurants die Avenue de» „Speisens", die Nordavrnne, wo sich die einfacheren Gasthäuser befinden, die Avenue be» „Essens" genannt. Um aber ja ketne HungerSnoth auskommen zu lassen, liefern Autowaten mit Selbstbedienung Speise und Trank, und „Winzer- HauS", sowie „Champagnerpavillon»" zeigen, daß wir that-- sächlich im Lande der „PHSaken" leben, wo ein „Freßgeschäft" seinen Mavn stet» ernährt. ES würde zu wett führen, über die Avenue der „Ernährung" noch zu berichten, obzwar diese» Thema schier unerschöpflich ist, wir h ben uns aber interessante Detail» für ein anderes Mal auf und streifen nur noch flüchtigen Blicke» die Stätten, wo Wein, Weib und Gesang fich zu harmonischem Dreiklang etablirt haben. Da ist vor Allem da» Riesenfaß, wo ein weibliches Schrammelquartett Wiener Weisen fingt, spielt und pfeift, während das wirkliche Schrammelquartett, ferner Edi und Biedermann, sowie Guschelbauer den goldenen Wiener Humor pflegt- in zündender Weise ertönen allabendlich in den We n« stubcu ihre Lieder, deren Refrain gewöhnlich von dem ganzen Publikum, welches der Elite der Wiener Gesellschaft angehört, mitgesungen wird. Die Ausstellunglgastwirthe räsonniren nicht wenig über die merkwürdige Verordnung, schon um 1 Uhr ihre heiligen Hallen schließen zu müssen, und bieten Alle» auf, um eine Milderung dieser gar nicht großstädtischen Maßregel durchzusetzen. Auch das Publikum ist auf ihrer Teile und hofft, bei Becherklang und österreichischem Wein die heißen Sommernächte angenehm in der Ausstellung verbringen zu können, denn
„Dal Drah'n, daö ist mein Leben, Kann'- denn mal Schöneres grben — A s drah'n die ganze Nacht, Bt4 bah Ein' d' Sonn' anlacht!"


