Ausgabe 
24.7.1898 Zweites Blatt
 
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1808

Sonntag den 24. Juli

Anits- ttitb Zlnzeigrblcrtt für den Ursis Gisfzen.

Gratisbeilage: Gieszener Familienblätter.

Alle Anzeigen-BermmlungSsteVen be< In- und «ullanH nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegai

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8 Vg Uhr, im Veremilocal.

)anfeier.

Der Vorstand.

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Illi 1898:

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Redaetton, Expedition und Druckerei:

Schntstratze Ar. 7.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den ßnlßende» Tag «scheinenden Nummer btS Lorm. 10 Uhr.

M Seift', 64ttn®tt 'Hees, Sellersweg 87, in _______ 744$

Adresse für Depeschen: Anzeiger -tetze».

Fernsprecher Nr. 61.

Handlungen bei Grasen Thun mit den Partei n resuUailo- verlaufen, womit die AuSfichten auf eine Verständigung Io z emlich verschwunden find. Oesterreich hat jetz< da« Zweifel- D f t Vergnügen, auf Grund eines Paragraphen für längere Zeit regiert zu werden, der nur im Fall: äußerster Roth auf kurze Dauer in der Derfafiung vorgesehen ist.

Bei un« tu Deutschland ist e« während der ab gelaufenen Woche noch verhältnißmähig ruhig gewesen. Zur Z'tt finden auf wtrthschafllichem Gebiete Plaukeleten mit Ruhland statt, die aber hoffentlich zu keinem ernsten Zoll­kriege führen dürften, da ein solcher ja für beide Theile fte»« uachthetltge Folgen hat, denen man fich nur zu gerne durch einen gütlichen Vergleich zu entziehen pflegt.- Bon großen Milttarforderungen war in diesen Tagen die Rede und an diese Meldungen wurden bereit« mehr oder weniger versteckte Angriffe gegen die Regierung geknüpft. Jetzt wird die Nachricht bereit« demevtirt. Einige« Aussehen hat der angebliche Depeschenwechsel zwischen dem Kaiser und dem Regenten von Lippe gemacht. Jedoch erscheinen alle Gr« örteruvgen wühig, da die Mittheilungen unmöglich den Tha- fachen entsprechen können. Es dürfte fich um einen Ho. klatsch handeln, der über Gebühr aufgebauscht und mit allerhand pikanten Einzelheiten versehen worden ist. DaS D'menti >ürffr niibt nuSbl-ib-n,-^^===.

Nr. 171 Zweites Blatt

AczogapretO vikrtrljährlich

2 Mart 20 Pf, monatlich 76 Pf^ mit vringrrloh».

Bei Postdezug 2 Mark 50 Pf», viertelsährlich.

Vevnriscyte».

Motorwagen im Kriege. Die Selbstfahrer haben ihren Einzug in» franzöfische Heer erzwungen. Während der letzten Besichtigungen dcS Generals Jomont waren probeweise auch Selbstfahrer eingestellt worden. Die von diesen Wagen geleisteten Dienste haben den KriegSntinister bewogen, sämmt- liche Besitzer von Selbstfahrern mit ihren Fahrzeugen zu ihren Truppentheilen einzuberufen, um mit ihnen an den Manövern theilzunehmen. Die Rolle, die ihnen zufallen wird, ist die Beförderung der Stabs-, Intendanz» und Verwaltungs- Offiziere, die in Frankreich des Reitens ungewohnt sind und große Entfernungen zurückzulegen haben. Auch zur Be­förderung von Proviant und Munition eignen sich die Selbst- fahrer im Kriege, da sie 20-30 Kilometer in der Stunde zurücklegen können, während ein Pferdegespann tm Mittel nur 7 Kilometer durchläuft. Die Einführung von Selbst- fahrern würde natürlich Ersparniffe an Zeit, Pferden und Mannschaften herbeisühren, die anderweitig verwendet werden könnten. Im Kriege ließe sich die Krankenbeförderung, der Post-, Geld- und Telegraphendienst gleichfalls den Selbst­fahrern zuweisen. Im Falle der Roth könnte man die Selbst­fahrer einfach requiriren, wie es ja mit den Luxus-pachten bei Seekriegen auch geschieht.

Sichener Anzeiger

General-Anzeiger

^udwigsplatz.

n »W. rUH-'i ,otel G°h°r«

PrscheNrt ttgNch mir Ausnahme des

Montag».

Die Gießener I«milieuv tätter »erden dem Anzeiger wscheullrch viermal beigelegt.

Feuilleton.

Einiges aus dem Kunstreben Berlins

vom Winter 189798.

Berlin bietet im Laufe des Jahres in seinen ver­schiedenen Kunstsalons, von denen Schulte und Gurlitt sowie neuerdings Keller & Reiner allen voranstehen, dem kunst­liebenden Publikum Gelegenheit genug, sich ein Urtheil über die Erscheinungen und Strömungen unserer Zeit zu bilden. Welle folgt auf Welle. Reben dilettantenhastem Pfuscher- werke ernstes Streben, neben brutaler Effekthascherei die stille Giöße des Genies. Manches Gute wird gewiß in der Hast des Berliner Lebens übersehen, aber aus den flüchtigen Eindrücken des Augenblickes sondert sich in der Rückerinnerung auch das Bleibende zu dauerndem Genüsse.

Keller & Reiner eröffnete feine geschmackvollen Räume sehr glücklich mit einer Ausstellung von Werken des belgischen Maler Bildhauers Constantin Meunier. ZolasTerminal" scheint durch ihn verkörpert. Meunier ist ein krasser Realist; verfeinerte Nerven werden ihn sogar oft trotz seines großen Stils brutal sindcn. Ein tüchtiges Können trat emem überall entgegen. Was die ganze italienische Frührenaissance charac- terisirt: rücksichtsloses Streben nach Wahrheit, das finden wir auch bei Meunier und in einzelnen Fällen erhebt sich diese Wahrheit zu abgeklärter, reifer Schönheit.

Seine Arbeiter mit dem magern, musculösen Körper, dem sehnigen Halse, der vordrängenden Stirn, den kräftigen Armen sehen wir leibhaftig vor uns, wie ste im Schachte oder in den Eisenwerken schaffen. Die Haut, welche überall knapp das Knochengerüst überspannt, ist nie benutzt, um dasselbe zu verdecken, sondern läßt es immer klar hervor­treten.

kauer mit der Eroberung Santiago« errungen haben, nur gering zu sein. Mae Kinley hat in einem Erlasse die 8er- waltung de« occupirten Theil« von Cuba geregelt, aber vor­läufig dürfte diese Neuordnung fich nur auf Santiago und dessen nächste Umgebung erstrecken, da« diejenigen Garni­sonen, für welche General Toral die (Kapitulation mit unter­zeichnet hat, fich weigern, dieselbe auzuerkennen und gesonnen find, den Amerikanern fich nicht zu unterwerfen. ES wird diesen also nicht« weiter Übrig bleiben, al« den Kampf auf« Neue aufzunehmen. Auch insofern hat fich die Situation der amerikanischen Truppen ungünstiger gestaltet, al« eS zwischen ihnen und den cubanischen Insurgenten zu Streitig­keiten gekommen ist. Man konnte von vornherein annehmen, daß die Amerikaner nicht einfach die Spanier von Cuba ver- treiben und dann fchleunigst den Insurgenten Platz machen würden. Da« haben sich diese aber anscheinend gedacht, denn fie zeigen fich jetzt sehr aufgebracht darüber, daß die ver- walmng der Stadt Santiago nicht ihnen allein übertragen wird. Käme eS wirklich za Differenzen zwischen den beiden Theilen, so würde die« die Suuaiion auf Cuba mit einem Schlage verändern und zwar in für die Spanier günstigem Sinne. Diese schöpfen nach den letzten Meldungen auch aus den Philippinen wieder Muth, doch thnt man gut, solcher optimistischen Auffassung der Lage etwa« mißtrauisch gegen­über zu stehen. Daß angeficht« der trotz alledem immer verzweifelten Situation Spanien« die Krisengerüchte fort- dauerv, ist nicht weiter verwunderlich.

Der Zolaproceß in Frankreich ist am Montag außer­ordentlich schnell zu Ende gekommen: Zola und sein Mit­schuldiger Perreux wurden gemäß dem Spruche de« ersten Gericht« verurtheilt. Frankreich kommt au« den Überrasch­ungen gar nicht mehr heraus- eine solche bildet auch die Flucht Zola« tu« Ausland, die recht grheimnißvoll ausfieht, da man nicht weiß, wohin der Flüchtling seine Schritte lenken wird. Zcla scheint der Justiz feine« Vaterlande« kein allzu große« Vertrauen entgegen zu bringen- er will erst wieder zurückkehren, wenn die Kammer tagt und ihm befreundete Abgeordnete zur Seite stehen können. Welche Blüihen die Dreyfus-Affaire treibt, beweist die neueste Veröffentlichung derAnrore" über eine angebliche Aeußrrung deS deutschen Reichskanzler« Fürsten Hohenlohe gegenüber dem berühmten nordischen Schriftsteller Vjö nson. Daß die Mittheilung der Aurore" falsch ist, braucht kaum betont zu werden, aber sie ist wieder geeignet, die Franzosen gegen un« aufzuhetzen.

Die innerpolitische Situation Oesterreich« hat noch keine Fortschritte zum Brff'ren gemacht- man spricht sogar davon, daß die Spannung ihren Höhepunkt erreicht habe und eine MinifterkrifiS bevorstehe. Jedenfalls find die 8er-

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geller* .

)in.

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Fritz Lange lernte man seinem vollen Können nach besonders in drei Damcnbildnissen kennen, die unter sich in Auffassung und Farbengebung wieder völlig verschieden waren. Sehr vornehm muthete eine jugendliche Frauengcftalt an, die mit graziöser Bewegung mit der Rechten leicht die Schleppe ihres violetten Sommerkleides hebend, dem Beschauer entgegen» schreitet. Der Kopf feingeschnitten wie eine Gemme, die Augen ernst sinnend, und der Ausdruck des Antlitzes von unendlicher Herzensgüte, scheint sie die geborene Herr chenn des Salons zu sein. Das für sie fast zu herbe Violet wird durch eine duftige Spitze und etwas Gold gewildert.

Ein zweiter Porträt war ganz auf leuchtenden Goldton gestimmt: eine junge Dame in Halbfigur, der Oberkörper leicht vorgebeugt, die linke, durchgeistige, nervöse Hand aut der Lehne der Stuhles ruhend, die Rechte wie m Gedanken herabhängend. Graugelbes Kleid , lose unigeleates dun el- purpurnes Cape, aus dem einem der entblößte Hals förmlich EntaeaenleucW. Der Kopf ist ein wenig zurückgelegt, der Mund leicht geöffnet, die erregbaren, feinen Nasenflügel und ein Zug um den Mund verrathen ein äußerst lebhaftes Temperament, Feinfühligkeit und Durst nach Leben. Unter­stützt wird dieser Eindruck noch durch die lebhaften, kleinen Augen, die klug beobachtend, voller Verständniß, aber auch voll Thatenlust unter den halbgesenkten Augenlidern hervor­sehen. .

Al- Perle aber unter den drei erwähnten Bildnissen erschien mir das KindLotte". Man möchte vor der kleinen Märchenpnnzessin mit der rothdurchflochtenen Goldkrone m dem duftigen, dunklen Blondhaar, dem zarten unberührten Gesichte, den tiefen, schwarzblauen Augen mit dem ernsten fragenden Kinderblick glauben, daß der Künstler hier em Traumbild geschaffen, wenn eS uns mcht gar zu wirMch anmuthete. Lange ist entschieden das Malerische bei diesem

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Ein Anatom müßte seine Freude haben an der Scharfe, mit welcher die Bewegungen des Körpers erfaßt, an der | künstlerischen Gewissenhaftigkeit, mit welcher die emz.lnen Theile durchgearbeitet sind. Sogenannteleere Stellen finden sich nirgends. Man fühlt, wie den Künstler die Schönheit und Kraft der Bewegung entzückt haben. Lahmend empfindet man nur zu häufiz, wie bei diesen Mmschen, die arbeiten müssen, nur um das Leben zu fnfien, alles Geistige unterdrückt, wenn nicht völlig erstickt ist. Von der -z-reude an der Arbeit, die manch einer in diese lebenswahren Gestalten hineinfabuliren möchte, habe ich nichts entdecken können. Meunier hat lange Zeit in Löwen, dem Mittelpunkte der belgischen Kohlenindustrie gelebt hier hatte^er die Welt aus ZolasTerminal" vor sich die rauchgeschwärzten, abgestumpften Grubenarbeiter, die müden, abgehetzten Frauen, in welchen das Muttergefühl als einziger, göttlicher Funke übrig geblieben ist; hier hat er die lodernden Schmiedeöfen, die gewaltigen, himmelanftrebenden Schornsteine, die dusteren rußüberzogenen Hütten. Malerisches genug, um des Künstlers Auge zu entzücken, aber auch Düsteres genug, um sich für immer seiner schaffenden, empfänglichen Phantasie ernrugraben In feinen Pastellen und in feiner Plastik hat aller ?ben gewonnen; immer ist Meunier kühn und wahr und dann und wann erhebt er sich in feinen Schöpfungen zu wahrhaft klassischer Ruhe und Größe.

Unter den vielen Porträtmalern ragten besonders hervor Professor Lepfius und Fritz Lange. _

Von Lepsius sprach mich am meisten ein Dawenbildmß an, das von seltener Tiefe und Feinheit zeugt. Ein zarter Silberton legte sich wie ein duftiger Schleier über die Farben­töne des Bildes. Die Dame mit dem feinen, durchgeistigten Gesichte, mit der nachlässig vornehmen Haltung wirkt un- | gemein sympathisch.

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»tag den 24. Juli:

Patthie

!, I. Hich W.

lhr von Ecke Licher- und mbergerstraße.

Bitterung von 4 Uhr ab m ass Leib.

iQfomnien.

tau. JL

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Rack, Beschluß de» Ausschüsse« de« Landwirthschaftlichen 8'zink» ver eins Gießen soll denjenigen Viehzüchtern auS dem Kreise Gießen, welche bei der am 16. und 17. ds«. Mts. dahier stattgehabten BiehauSstelluug Vieh ausgestellt hatten nnD weder eine Prämie erhalten, noch da» betreffende Vieh Datauft haben, au« der Kaffe de« Landwirthschafilichen Bezirk«, verein« Gießen die nachverzeichneten Wegvergütnugeu auSgezahlt werden:

1. die Kosten de« Transport« der Thiere per Bahn nach Gießen und zurück in die Heimath-

2. bei dem Transport de« Liehe« auf dem Lande: a für Bullen:

a au« Gemeinden unter 1 Stunde von Gießen entfernt 3 Mk. pro Stück,

ß au« Gemeinden von 13 Stunden von Gießen entfernt 4 Mk. pro Stück,

7 au« Gemeinden über 3 Stunden von Gießen entfernt 5 Mk. pro Stück-

Ir für Kühe und Rinder die Hälfte dieser Sätze.

E« werden deßhalb hiermit diejenigen Aussteller, deren ausgestellte Thiere weder prSmiirt noch verkauft worden find, aafgeforbert, ihre etwaigen Ansprüche auf die oben bezeichneten Wegvergütungen bis längstens 1. August dS. JA. bei dem Unterzeichneten schriftlich anzumeldeo. Es wird ausdrücklich bemerkt, daß nach dem 1. August d». IS. angemeldete Ansprüche nicht mehr berückfichtigt werden können.

Gießen, den 20. Juli 1898.

Der Director de« Landwirthschaftlichen Bezirksverein« Gießen. E. Joü, Rechtsanwalt.

Politische Wochenschau.

E« wird wahrlich immer schwieriger, an die vom spanisch- omerikanischeu Kriegsschauplätze eintreffenden Meldungen Kom­mentare zu knüpfen, da die Meldungen meist einander wider­sprechen. Das ist auch mit den Mittheilungen über die Friedensaus fichten der Fall. Während es heute heißt, daß Verhandlungen über den Frieden eingeleitet werden sollen, wird morgen von allen Seiten versichert, daß die Spanier dis auf» «eußerste den Widerstand fortsetzen wollen und nicht im Geringsten an Frieden denken. Al» Santiago gefallen war, da gab man unwillkürlich der Hoffnung Raum, daß der Friede nicht mehr fern sei- diese Erwartungen haben fich aber nicht erfüllt, vielmehr scheint der Erfolg, den die Ameri»