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23.7.1898 Zweites Blatt
 
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amstag den 23. Juli

Zlints- und Anzeigeblatt für den Kreis Giefzen

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Nr. 170 Zweites Blatt

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Gießener Anzeiger

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Die Gießener Aumiliend tätter »erden dem Anzeiger »gcheutNch viermal beigelegt.

eröffaetev. Nach de« Durchzug des mit Laubgutrlanden, Kränzen und Fichten reichlich geschmückten Otte» begrüßte Herr Lehrer Bruder dahier Gesangvereine und Festgäste mit herzlichen und sehr beredten Worten, gedachte der Mühen uvd Opfer, welche die Gemeinde in Würdigung und Bedeutung des Gesanges gebracht, und schloß mit einem begeistert aus« genommenen Hoch aus Kaiser und Großherzog. Der Präsident deS Bunde», Herr Lehrer Gemmer-Merlau, feierte die Be- deutung des deutschen Liedes für das Menschenleben von der Wiege bis zum Grabe und weihte mit kurzen und schönen Worten die neue Fahne. Nau überreichte Fräulein Erb mit sehr schönen Worten die von den Frauen und Jungsrauen gestiftete Fahne dem Präfidenten deS Vereins, Herrn Bürger- meister Langohr, welcher fie mit Worten de» Danke- dem Fahnenträger übergab. Die Etnzelvorttäge der Vereine uvd insbesondere der Bundeßchor:Stehe fest, o Vaterland" vnter Leitung des Lehrer» Bender, zeigten, wie man in den Vereinen bemüht ist, den Männergrsang und besonder» da» deutsche Bolttlted zu hegen und zu pflegen. Wohl konnte der Wethe­akt der Fahne und daS Vorträgen der Lieder noch seine Cr- ledtgung finden, da fing e» gegen 6 Uhr an zu regneu und trieb die zahlreichen Festgäste nach Hause.

3 /15. Juli rückgängig gemacht wurden.

E» ist selbstverständlich, daß die Verhandlungen zwischen beiden Regierungen fortdauern uvd daß noch nicht alle Hoff­nung auf eine schließliche Verstävdigung auSgeschlvffeu ist. Die Aoordnovg der deutschen Behörden wegen deS Gänse- traoßporte» ist einzig und allein der Fürsorge zuzusch,eiben, der Emschleppung der Grflügelcholera vorzubeugeo, und weou die russische Regierung diese Thatsache erwägt, so wird fie bald von der etwa vorgefaßten Ansicht abkomwen, daß e» sich dabei um eine Chtcane deutscherseit» handelt.

Auch im Jahre 1876 war die handelspolitische Ver- stimmung sehr groß, Ql» bet an» die strengere virhsperre etnaesührt wurde uvd Rußland sür verschiedene deutsche «mfuhrgegenstände R-presfivmaßregeln in Anwendung brachte. Der Krieg dauerte aber nicht lange, und bald war eine Einigung herbeigesührt, die auf einer in Berlin statt­gehabten Conferenz beiderseitiger Fachleute zu Stande ge- kommen^ wa ozet^eu dafür, daß auch diesmal dem ersten Auflodern der Entrüstung tu Rußland über angebliche deutsche Bedrückung dte nüchterne Ueberlegung Platz g.grtffen hat, denn nach einer Meldung au- PetersburgLj??.' hte russischen Grenzzollämter noch keine Anweisung "haiten, die tu Betracht kommenden deutschen Maaren nach de« erhöhten Tarif zu verzollen. Daraus wird mit Recht geschloffen, daß noch nicht alle Hoffnung auf eine Berständtguog aufgegrbeu zu werden braucht. Im Jurereffe unserer Industrie wäre dringend zu wünschen, daß er zu kein'« Zollkriege kommt. Rußland wird hoffentlich etuseheu, daß die deutschen Maß

Vernaschter.

Trier, 20. Juli. Der Kreuznacher Juwelen- dieb hat seinem polizeilichen Begleiter, der ihn von hier nach Cobleuz übersührte, eine genaue Sch lderuug seine» Einbruchs gegeben. Danach hat er sich, mit Klempnerwerkzeug ausgerüstet. Morgen» in der Frühe nach dem am Kurgarteu gelegenkv Laden de» Juwelier» begeben, dort unverfroren eine Letter aogrstellr uvd sich an der Dachrinne zu schaffen gewacht, al» sei er mit der Ausbesserung de» Dache» beauf- tragt. Dte Spaziergänger de» Kurgarteu» sahen dem fleißigen Arbeiter mit Jntereffe zu. Hierauf ist er durch die Dach- luke tu daS Innere de» Hause» gedrungen und hat dort den Diebstahl ungestört auSgesührt. Auch auf dem Rückwege hat er sich noch kurze Zett au der Dachrinne zu schaffen gewacht und ist alSdaun unbehindert, mir seiner Leiter unter de« Arm und seinem Raub in der Tasche, davongegegangeo.

* eint Erinnerung. Die in diesem Herbst stattfiudrnde Reise unsere» Kaisers nach Jerusalem und dem Orient überhaupt ruft in dte Erinnerung zurück, wie der Vater de» Kaiser» als Kronprinz den Orient besuchte. Er war i« Jahre 1869. Dte Eröffnung deS Suez-Kanal» gab dte ver- anlaffung. Den Kronprinzen begleiteten Generalmajor v. Stosch, der spätere Martuemtnister, der Hofmarschall Graf zu Eulen- bürg, der Oberstlieutenant Graf Lehndorf, die Adjutanten Havptwaun v. Jarwund und Rittmeister Frhr. v. Schleinitz, sowie der Leibarzt Dr. Wegner, später traten noch die Pro- sefforeu LepfiuS und Dünnchln, die bekannten Kenner Egypten», hinzu. Die Reise ging über Wien. Am 10. October traf der Kronprinz in Venedig ein, am 17. schiffte er ^Be­gleitung deS Prinzen Ludwig von Heffeu zunächst nach Korfu ein und setzte am nächsten Tage die Reise fort um sich über Korinth nach Athen zu begeben, von dort traf er awi 2 . in Konstantinopel ein. Am 29. October verließ der Kron- prtvz Konstantinopel, um sich über RhoduS nach und von da nach Egypten zu begeben. Am 4. Nov-mbtt erfolgte dte Ankunft in Jerusalem, wo W« «JW « folgte. Der Kronprinz besuchte alle »eitÖ« AbendS sah der Kronprinz vom Oelberg aus die Sonne über Jerusalem uutergehen und schrieb Folgende» tu ^tn Tage­buch-Diesen ersten Abend in Jerusalem, an welchem ich vom Oelberg au» den Sonnenuntergang betrachtete, indem gleichzeitig jene großartige Stille in der Natur eintrat, bU schon an jedem andern Ort etwa» Feierlich:- hat, wnde ich mein Leben lang nicht vergessen. Hier konnte da» Gemüth sich von der Erde obwrndrn und dem Gedanken ungestört oachhängen, der jedes Christen Innerstes bewegt, wenn er auf da» große Erlösungßwerk zurückblickt, da» an dieser Statte seinen erhabensten Au-gangSpunkt feierte. Da» Nachlesen der LiebltngSstellen in den Evangelien au solchem Orte ist em Gottesdienst für sich." Bon dem Platz der alten Kirche der Johanniter-Ritter, der vom Sultan dem Röntg von Preußen zum Geschenk gemacht worden war, nahm brr Prinz persön­lich Besitz. Bon Jerusalem begab sich der Kronprinz auch Jaffa, dort sch ffte er sich nach Beirut ein, wo er 9. No­vember eintraf. Am 11. AbendS kam er in Damaskus an, am 12. kehrre er nach Beirut zurück und begab sichi a« 14. Abend» nach Port Said, dem Hafevplatz dirS^ettigen En punkt de» Suez-KanalS. Dort fand am 17. November die feierliche Eröffnung de» Kanals statt.

Artsland.

Wien, 21. Juli. Graf Thun wird am Dien»tag nach Ischl reisen, um dem Kaiser über dte Lage Bericht zu erstatten. m

Pari», 21. Juli. E» verlautet, e» seien Verhaftung»- befehle gegen mehrere hervorragende Milii ärpersoneu erlaffeu worden und zwar auf Grund der bei Esterhazy gefundenen höchst wichtigen Documente.

Paris, 21. Juli. Im Falle Esterhazy wurde Oberst Henry gestern Abend zwei Standen lang vom UntersachnngS- richter Bertala» verhört and deffen Papiere vom Krieg»- Ministerium beschlagnahmt.

Loudon, 21. Juli.Daily Chronicle" ermahnt die Bereinigten Staaten, von der Entsendung eine» Ge- schwaderS an die spanische Küste Abstand zu nehmen. Ein Einfall der amerikanischen Flotte in Europa würde viel Erbitterung und Eifersucht, vielleicht Zwistigkeiten mit irgend einer Großmacht veranlaffen. Auch dürfte diese Maßregel den Widerstand Spanien» verstärken und den FriedenSschlutz binaußziehen. Amerika habe genug damit zuthun, Portortco zu erobern, d'e Lubaner zu besänftigen und dte Ordnung auf den Philippinen herzustellen.

Loudon, 21. Juli. Wie der Madrider Vertreter der Morning Post" erfährt, gelangte baß Cabinet am Mittwoch zu einem einstimmigen Entschluß zu Gunsten be­frieden». Die Verantwortlichkeit für die Capitulation soll lediglich Blanco und Toral überlaffeu bleiben. Wahr- scheiulich werde sür den geplanten amerikanischen Angriff auf Portorico eine Waffenruhe nachgesucht werden.

Loudon, 21. Juli. Die Chinesen in Amerika haben zur Unterstützung der Kwangfi-Rebelliou bereit- über 5 Millionen Mark gesammelt.

Mcdtid, 21. Juli. Bor Manzanillo befinden fich acht amerikanische Kriegsschiffe. Da- Bowbarde- ment wurde bisher nicht wieder aufgenommen. General Shafter veröffentlicht in englischer und spanischer Sprache ein Manifest Mae Kinley», welche- ihm da» Commando über daS CapitulationSgebiet überträgt, ohne da» neue^politische Regime zu erläutern. Ueber 3000 amerikanische Soldaten find bereit- am gelben Fieber erkrankt. General Shafter verlangt deshalb die E tsendung iwmuner Regimenter nach Santiago. Wahrscheinlich wird die Washingtoner Regierung Neger ab« schickem _______

totales *nt pswrtnjUttes.

§§ Wettsaasen, 20. Juli. (Verspätet eingesandt.) Da» die-jayrige 8. Bun de-fest de» Ohm-Lumda-Thal-Sanger- bunde- fand am 10. und 11. bl. Mi». ba^T. diesem Bundesfest wurde die Fahnenweihe de- hiesigen Männergesangverein- verbunden. Die neue Fahne ist an­der bekannten Fahnrnsabrik des Herrn Schulze in Gießen und hat allseitig gefallen. Der kleine Ort hatte Met auf- geboten, um da» Fest zu einem glanzvollen zu gestaltrn- zwölf Bundes- und vier andere Gesaugvereüie sowie eine sehr große Anzahl sonstiger auswärtiger Sestthellnehmer waren erschienen. Nach der Probe deS BundeSliede- stellte sich um 1 Uhr der Festzug auf, den reizend gekleidete Festjungfraneu

Der Gänsekrieg.

In frischer Erinnerung ist noch der vor einigen Jahren iwischru Ungarn und Serbien außgefochteneSchweinekrieg , der dadurch entstanden war, daß serbische Schweine vom »ugarischen Markte au-geschloffen wurden, wodurch ein Haupt- erwerb-zwetg der Serben lahmgelegt worden war, da fast ?eder Umerthau der Dynastie Odrenowitsch Schweinezüchter ist. Bekanntlich gab r» damal- eine scharfe Auseinander- setzung zwischen der Belgrader und Budapester Regierung und r- bedurfte erst einer sehr scharf gehaltenen Note der letzteren, um die Herren Serben zur Raison zu bringen. Aanz Io schlimm wird e- mit demGänsekrieg" hoffentlich «icht werden, der gegenwärtig zwischen Deutschland und Ruß- laud herrscht.

Im Laufe der letzten Reich-tag-seiflon sind eine Reihe 3on Jntrrprllttionen an die Regierung eingebracht worden bezüglich der Biehsrucheogefahr. Man machte unseren Be­hörden den Borwurf, daß fie nicht energisch genug einer Einschleppung von Krankheiten de- Btehe- eutgegentrete, daß die Borficht-maßregeln, welche Deutschland in dieser Beziehung au der Grenze getroffen habe, ungenügend seien und daß die Regierung die Jntereffen der Landwtrthschast der Rückficht auf politische Jntereffen unterordne. Dte Debatten find ja erst vor Kurzem geführt worden, so daß wir hier nicht näher darauf einzugehen brauchen. Nur da- wollen wir in die Erinnerung zorückrufen, daß die Regierung manche^dieser Beschwerden für begründet erachiete und thunlichst Abhilfe versprach. Darauf ist wohl die Berfüguug zurückznführeu. welche die preußischen Behörden bezüglich de- Gänsehandel- über die russische Grenze nach Deutschland erlaffen haben und wodurch sich die Ruffrn benachtheiligt fühlen. Schon seit einiger Zeit herrscht -wischen beiden Staaten eine handel-- politische Verstimmung, und daß russische Finanzministeriout bat un» In optima forma einen Zollkrieg aogekündigt, nicht bittet unter Bezugnahme auf die den russischen Gänsen in den Weg gelegten Schwierigkeiten, aber man liest diesen Grund unschwer au- den Zeilen heran-.

Al- dte ersten Nachrichten über dte Verstimmung Ruß- land» in die Ocffentltchkeit drangen, da wurden fie Anfang» mit Mißtrauen aufgeuowmen. DteNordd. Allgem. Ztg. beeilte fich, die Meldung al» miudestenß verfrüht zu be- zeichnen, wenngleich fie zugab, daß man fich in Rußland über die von den preußischen Behörden nlaffeneu Bersügvngen bezüglich der Art und Weise de» Gänsetrav-porr» beschwert fühle und gewtffe Ripresfivmaßregrln in Ausficht genommen habe. Sie hielt e» nicht sür au-geschlvssco, daß die noch schwebenden Verhandlungen ein betderseutg befriedigende- Ecgeboiß haben würden. Am folgenden Tage mußte da» Blatt aber schon melden, daß diese Erwartung sich nicht zu erfüllen scheine, und r» gab die Verordnung de- rnsfischrn FinaozanzeigerS^ wieder, wonach die Deutschland im vorigen Jahre gemachten Concesstonen wegen Btrzollnng von Leder» waaren und von Wäsche au» Celluloid mit Wirkung vom

lenabm« vor» Anzrigr» zu der Nachmittags für dm zslgmdm Tag «scheinmdm Nummer bis Lorm. 10 llhr.

nahmen nicht umgangen werden konnten, daß fie au» sani­tären Gründen dnrchau» erforderlich waren und nicht etwa eine Schädigung der russischen Jntereffen mit sich führen sollten. (XX)

Vetttsches Aeieh.

Berlin, 21. Juli. Staat-secretär v. Podbiel-ki ist heute Vormittag hierher zurückgrkehrt.

Berlin, 21. Juli. Zu der Meldung Londoner Blatter, daß deutsche Offiziere bet Manila sich unbefugt in amertkanische Angelegenheiten gemischt und daß die deutsche Regierung zugesagt habe, die betreffenden zur Verantwortung zu ziehen, schreibt dieNorddeutsche Allgemeine Zeitung , e» seien Vorgänge der geschilderten Ar: hier amtlich nicht bekannt geworden. Desgleichen wiffe man nicht» von einer amerikanischen Jnttiative im Stnve einer Beschwerde. Die deutsche Regierung sei daher gar nicht in die Lage gekommen, irgend etwa» zu erklären.

Bentheu, 21. Juli. Die Beerdigung der Opfer der Grubenkatastrophe tm GotthardSschachte hat heute Vormittag unter Betheiligung von Tausenden von Bergleuten statt- gefurden. Unter den zahlreich etngrtroffcneu Ktanzspendeu befindet sich auch eine solche vom Oberprafidenten Fürsten Hatzfeld.