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22.11.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 274 Zweites Blatt Dienstag den 22. November 18DS

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

Wir brinoen hierdurch zur öffentlichin Kenntniß, daß Freitag den 25. November I. I oal Anlaß de» Geburtsiestis Ihrer Königl'cheu Hohrtteo de» Vroßherzog» und der Großherzogin die Geschäftsräume der uuterzeichmtrn Behörde gelchloffeu bleiben.

Gießen, den 17. November 1898 Grohherzoqliches Haupifteueramt. Weiß'nbrnch.

Zur Rede Chamberlains

schreiben die »iRünd). N. Nachr.:

Chamberlain Hal in Manchester eine Rede gehalten, die kanm weniger Aufsehen erregen wird, al» die berühmte »Löffelrebe*, in der er den Zaren mit dem Leusel verglich. Vit demselben Freimuih, derselben gänzlichin Abwesenheit aller diplomatischen Reserve, mit der er banal» die englisch« rassischen Beziehungen charoeterifirte, hat er kürzlich da» ganze Gebiet englisch-srarzöflsher Beziehungen erörtert. Chamberlain hat seine großen Fehler, aber er hat einen Vorzug: er weiß immer, wa» er w ll, und versteht seinen Willen in einer «eise anszubrückerr, wie sie auch der Gegner nicht mißverstehen kann. Weicher Unterschied zwischen seinen klaren und prä« eilen Erk Lrungeu und den orakelhasten Aeußerungeu Lord Salisburys! Man kann sich des verdachte» nicht erwehren, daß Shamberlaiu absichtlich so sehr deutlich war, weil ihm Lord Salisbury zu orakelhaft war, und weil er tn der orakelhaften Sprache vielleicht eine Neigung zu Concesfioneo witterte. Lord Salisbury hatte anfiallenderweise die Bahr« el Ghasal Fraze, die, wie wir immir betauten, die »fone et origo* der englischen Rüstungen ist, gar nicht erwähnt- ttbumbcrlatn dagegen erklärte zum ersten Male bestimmt, daß Faschoda nur ein Anfang war und daß die englische Regierung rutschlosien ist, in gleicher Weile auf einer fron- zvfischen Räumung aller Posten zu bestehe», die sie »in dem ganzen, früher Aegypten gehörenden Gebiet* errichtet Haden. Und er machte e» ganz klar, daß der Grund, warum Eng- land seine Rüstungen fortsetzt, eben in der Ungewißheit liegt, ob Frankreich sich auch hier fügen wird. Die Illusion ter Franzosen, al» ob die englischen Rüstungen nicht gegen sie g-r chtet seien und al» ob der Selch ihrer Demüthigung mit Fa'choda geleert sei, wird die Chomberlain'iche Rede nicht überleben können, und die sehr offenherzige und John Bull an» der Seele geiprochene Predigt, die er ihnen wegen ihrer Politik der »Nadelstiche* hielt, sollte ihnen völlig klar machen, warum England in dielet Frage so unerbittlich oder, wie dir Fcanzo'ea e» nennen, brutal war und ist.

Ehamberlaiu zerstörte gleich die diplomatische Fiction, daß die Rüstungen, »von denen die au»wSitige Prtffe so diel spricht und so wenig toetfc*, eigentlich nicht» bedeuten. Sie bedeuten zwar keine »Drohung*, ot>cr ße figd .vor- sichtsmahregelu*, die .wegen ernster Differenzen* getroffen worden find und »mti denen wir nicht vochlr-ffen können, bi» die ganze Ursache der Besaht vorbei ift*. Und er wachte sofort tat, warumdie ganze Ursache* noch nicht vorbei ist. Einfach deßhalb, weil die englische Regierung noch nicht weiß, ob die französische mit der Abberufung Marchand» zugleich da» Princip acceptirt hat, für da» England kämpft. -Faschoda ist nur ein Brucktheil- der große Streitpunkt tst die Eonttole de» ganzen ÄCtbaltl/ Für Aegypten, ,ba» Misere Truppen oceupiren und beschützen*, ist e» eioe »Lebens- frage, daß die Quellen de» N I» nicht in feindliche oder jedenfalls unfreundliche Hände fallend ,»hr beanspruchen btfebalb für Egypten die volle Eontrole aller der Gebiete, die früher in feinem Besitz waten oder die unter der Herr- schäft de» Mahdi oder seine» Nachfolger», de» Shaltfen, fielen.' Darüber können Wit »keine Discu'fion zuiaffeu*, diScutirbar mag nur die Frage der exakten Grenze zwi chen dem Gebiete Aegypten» und Frankreich» sein.

Nachdem Ehamderlain so gleichsam ein englische» Ulti- »atum formnlkt hatte, suchte er zu beweisen, daß e» für Frankreich keine .Demüthigung- sei, sich 'hm zu fügen. E» steht aber zu bezweifeln, daß seine Beweisführung die bittere Pille versüßen wird. Denn sie beruht ganz auf der Fiction, daß Frankreich nie au eineu verstoß gegen Sir Edw. GrehS h statische Warnung gedacht hat und Marchand» Expedttion nur einen wiffenschostlichen und eivilisatotischeu Charakter ge- tragen hat. Die Franzosen wiffeu zu gut, wie durchsichtig diese Fiction für die ganze Welt ist. Chamberlain heftete fie

daran, daß Delcaffß selbst Marchand nur da» Piädicat .Emissär der Civilisotiou* gegeben habe. Da» bedeutet, daß »Frankreich auf seine Anwesenheit am Nil keine territorialen Ansprüche gründe* und »He logische Folge sei, daß auf die Räumung Faschoda» auch die Räumung aller anderen Posten, die e» in dem früher Aegypten gehörigen Gebiet errichtet habe, folgen mflflt*. Ob die logischen Franzosen diese Logik wohl begreifen werden?

Chamberlain schloß mit einem laugen Sündenregister der Franzosen. Jeder Engländer wünscht ein beffere» verhältniß zu Frankreich- aber die Franzosen wüffeu ihre Wege befferu. ,6k müsse ein für alle Mal die Taktik aufgeben, die fie fo diele Jahre befolgten und deren Ziel war, die britische Politik in jedem Theil der Welt, selbst da, wo die Franzosen keine eigenen materiellen Jntereffeu zu beschützen hatten, zu hindern und ihr Verlegenheit zu bereiten.* Falchoda war ,nur ein Punkt in einer Reihe unsrenudlicher Äcte.* Aegypten, Neu­fundland, Westafrika, Siam, Tunis, Aty'finieu, China, Süd­afrika erzählen alle dieselbe Geschichte. ,Jn nuferem auf- richtigen Friedeusintenffe haben wir un» von Frankreich mehr gefallen laffm, al» irgend eine andere große Nation geduldet hättet I« Ausland ist die Auficht aufgekowmen, ,daß britische Staatsmänner unter Druck immer nachgeben werden. Es kann kein größere» Mißverständniß, keine falschere Aufsaffang de» britischen Charakter» geben*. Je bälder fremde Staatsmänner diese falsche Idee aufgeben, desto bester im Jnterefle de» Frieden». Und wenn Faschoda nur da» Resultat gehabt hat, so wird e» ein versttckter Segen ge­rn efen fein.

Ich erwähne noch, daß Chamberlain in einer zweiten Rede tn für hu sehr gedämpfter Sprache auf da» beffere Ein­vernehmen mit Amerika zu sprechen kam. Er begnügte sich, zu constatiren, daß die zwei Nationen einander heute bester verstehen, wollte ober nicht versuchen, zu prophezeien, wo» küustig darau» folgen möge. ,Da» hvffe ich ober gum wenigsten, daß diese» verstehen fich vervollkommnen wird und daß wir zwei, Angeficht» diese» verstehen», im Stand sein mögen, den Frieden und die Civilisatiou der Welt zu garanthen.* Chamberlain scheint in Amerika KeravSgefunden zu haben, daß dem Abschluß berfighting allianco, für die er in seiner »Löffelrebe* begeistert ptaidirte, noch einige kleine Hindernisse im Wege stehen!

Al» da» zunächst Bemerkenswerthe ou» ber Rede de» Colonialminister» Chamberlain hat der Draht nur feine Aeußerungeu Über die au»wärtige Politik übermittelt. Brief­lich kommt nun aber noch ein Nachtrag, dem die ,Tägl. Rundsch.* noch einige» entnimmt. Seit Jahren hat Cham­berlain fich lebhaft für die Frage der Alter»verfidjerung erwärmt und sogar in Deutschland eingehende Studien darüber machen lasten. E» schmerzt ihn deshalb, daß der eingesetzte Au»schuß in seinem Bericht keinen ber vorliegenden Pläne hat empfehlen können. Man hat e» Chamberlain verübelt, daß er so lange tn keiner seiner Reden über die Frage gesprochen hat. Am Dienstag endlich äußerte er fich darüber wie folgt: »Einige meiner politischen Gegner hoben den Bericht de» Susschnffe» mit Freude bezw. Schadenfreude begrüßt, »trb der Bericht genehmigt, so hat bamb die Todtenglocke für eine ber größten sozialen Reformen geschlagen. Selbst wenn er genehmigt wird und da» letzte Wort tn der Sache ge sprachen worden ist, würde ich e» nicht bedauern, bem Gegen- staube Zeit und Nachdenken gewidmet und da» Volk zur Be­seitigung eine» der größten «ergemiffe unserer Sefittung angeregt zu haben. Selbst wenn ich keinen Erfolg haben sollte, würde ich mir sagen, daß e» bester ist, Mißerfolg zu ernten, al» niewol» für eine gute Sache zu käapsen. Ich glaube jedoch nicht, daß do» letzte Wort in ber Sache schon gesprochen worden ist.* Rltngen diese Aeußerungeu auch nicht sehr zuversichtlich, so werden alle Freunde sozialer 8er- btfferuugen e» doch mit Genugthuung vernehmen, daß von so hervorragender Seite tn England die Nothwendigkeit der genannten Reform mit größtem Nachdrucke hervorgehobeu ist. Schließlich wird fich auch drüben tm «auchtsterlicheu England der Gedanke der Altersversicherung siegreich Bohn zu brechen wiffeu.

Die nTägl. Randsch.* schreibt weiter: Chamberlatu» Rede ist den Franzosen ein neuer Stich in» Herz. Schon Salisbury» Sorte ließen fich schwer verwinden, obgleich fie

versöhnlicher klangen. Der edle Lord folgt doch noch den ; Ausstichen Ueberliefernngen der britischen Polittk, die auf de« i europäischen Festlande eben Stützpunkt suchen. Chamberlain aber droht mit einem amerikanisch-britischen vündniß, bas er gegen Europa ausspielen will. Da» macht, wie unser Pariser Berichterstatter schreibt, die Franzosen traurig. Schlagen

wollen fie fich doch um keinen Prei» so ist ihre Stimmung und ihr Wille wenigsten» bi» jetzt und Faschoda haben fie schon »freiwillig- geräumt de» lieben Friedens halber, obgleich fie diese »schwerste Demüthigung seit 1871* furcht­bar schmerzte. Jetzt verlangt Chamberlain noch mehr. Er behandelt im Eingang seiner Rede da» Nilthal dis zu den f Quellen de» Nil» al» englischen Besitz und bedient fich erst tm weiteren Laufe feiner Erklärungen der höflichen Umschreibung, mit welcher England da» Gebiet nur i« Namen Aegypten» fordert. Man beachte, daß die Riagei ber Franzosen mehr die Form der britischen Forderungen, al» die Sache selbst betreffen. In ber Faschodafrage war die Pariser Regierung von vornherein bereit zur Räumung, nur bestand fie darauf, daß ihr ou» London ein gute» Wort gegeben werden sollte. Die ganzen verhandlungeu, die im Gelbduch stehen, drehten fich tm Grunde uw weiter nicht», al» um die Form, in welcher ber französische Ehrenpuukt gewahrt werben sollte. Ohne da» gute Wort, so erklärte DelcaffL, sei die Räumung »unmöglich*. Dir englische Regie­rung wollte aber kein gute» Wort geben, sondern rüstete zum Kriege. Do wurde auf einmal da» Unmögliche möglich, und die Franzosen räumten Faschoda »freiwillig*. Nach ' diesem Vorgang darf man fich nicht wundern, wenn England ' noch viele» Andere für möglich hält, wenn e» nur gerüstet \ bleibt. Chamberlain beschönigt daher die Fortsetzung der

Rüstungen keine»weg», wie Salisbury, der von der Urmög- Ilchkeit sprach, die getroffenen Maßregeln plötzlich rückgängig ! zu machen; er sagt vielmehr offen, daß Englands Srtegsmacht zur Erledigung einer Reihe weiterer heikler Streitfragen dienen solle. Hierauf erwidert zwar das »Journal de» DLdats*, England möge fich nicht einbilben, daß Frankreich fich einschüchtern taffe, denn kommenden Falle» werde die ! ganze Nation zur vertheidigung ihrer Rechte zur Regierung > stehen. Aber die Engländer haben wohl Grund, diese Ant­wort mehr rhetorisch al» sachlich aufzufaffen. Ersten» find doch die Franzosen keineSweg» so einig, wie das »Journal de» Däbat»* behauptet. Die DrehfuSpartei, die von jeher j für die Engländer gearbeitet hat, vertritt mit ihren Organen . eine ganz andere Anficht, wie wir inzwischen' im »Siäcle* ! lesen: »England verlangt da» ganze Nilihal . . vom Rechts- standpuukte ließe sich hierüber streiten. Die Sachlage ge- ' bietet uns aber, die» nicht zn thun, vielmehr die Engländer tm Besitz eines Landes zu lasten, wo wir nicht die Geistes­gegenwart gehabt haben, ihnen zu folgen. Sie gebietet un», | den englischen Plan afrikanischen Besitze» von Alexandrien bi» ' zu« Kap verwirklichen zu lasten. Wir haben kein Mittel, die» zu verhindern, und hätten wir ein», so wäre e» die Frage, ob wir e» benutzen sollten.* Zweiten» wird e» feiner bürgerlich republikanischen Regierung einfallen, die Nation znr vrrtheidigung ihrer Rechte aufzufordern, weil hiermit die Civilgewalt abdanken, und die Militärgewalt zur Herrschaft kommen würde. Da» Uebergewicht der ersteren ist vevlich erst von der Kammer betätigt worden. Da» Ministerium wird doch nicht» gegen diesen feierlichen Parlamenteßeschluh thun. Dritten» haben aber auch die Franzosen, genau ge- : nommeu, keine überseeischen Rechte, nm derentwillen fie sich ; schlagen möchten. Eine Spießbürger-Demokratie, wie die französische, braucht keine Colonien und glaubt auch keinen sächlichen Einfluß auf die Welthändel nöthig zu haben. Sie hängt nur noch au dem Schatten ihrer früheren Größe, an 1 der ,gloiree, am »prestige*, an einer Seifenblase, in der fie fich zu spiegeln liebt. Wie garstig von den Briten, daß ; fie diese» Laftgebilde zerstören nab bin Franzosen den letzten

nationalen Trost rauben wollen I

Deutsches Reich.

Berlin, 19. November. Der kaiserliche Sonberzug, welcher bas Kaiserpaar von Pola abholen soll, ist gestern von Potsdam nach dort abgegangen. Die Ankunst be» ' Kaiserpaare» dürfte schon am Sonntag Abend ober Montag früh stattfiaden. Wegen ber Kürze ber Zeit unterbleibt ber geplante feierliche Empfang.

Berlin, 19. November. Dem vnnb esrath ist, wie ein Berichterstatter meldet, eine Novelle zur Civil- und Strafproeeß-Orduung zugegangen, welche entsprechend einem tn ber letzten Session angenommenen Anträge von Salisch die Ersetzung be» Voreide» durch den Nacheib bezweckt nnb die Bestrafung falscher, nicht beschworener Aus­sagen betrifft.

Berlin, 19. November. Wie der »Socialist* berichtet, wurde ber beutsche Reichsangehörige Opitz, der tn Stock­holm Arbeit angenommen hatte, auf btreete Initiative ber