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22.9.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 222 Zweites Blatt Donnerstag den 22. September

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Gießener Anzeiger

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Heimat'-Anzeiger

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2lmts* und Anzeigeblatt für den Kreis Giefzen.

mirti«, G^edtNsn nb Wtelmi: >4e(|te|t Mr. 7.

Gratisbeilage: Gießener Familienblätter.

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Fernsprecher Nr. 61.

Verrtsches Reich.

Darmstadt, 20. September. Seine Königliche Hoheit der Großherzog begaben fich gestern früh von Jagdschloß Wolfsgarten über Darmstadt mit Sonderzug nach Zell- Kirchbrombach. Am Bahnhof hatte stch zum Empfang der Kreisrath des Kreises Erbach eingefunden. Se. Königliche Hoheit stiegen »u Pferd und ritten, die Ovationen der am Eingang nach Zell Spalter bildenden Krieger- und anderer Vereine, sowie der Schuljugend entgegrnnehmend, durch den Ort nach Langen Brombach. Hier begrüßten wiederum Kriegervereine und Schuljugend «nrer Ansprache des Pfarrers Ranmann freudigst den Landesherrn. Se. Königliche Hoheit wohnten der Bertbeidigung und dem Angriff der beiden Brigaden der Division auf den Höhen bei Rehbach und zum Schluß der Kritik nördlich dieses Ortes bet. Hierauf begab sich Allerhöchstderselbe zu Pferd nach Schloß Fürstenau zu eine« Frühstück bei Sr. Erl. de» Grafen Adalbert zu Erbach- Fürstenau. Um 4 Uhr 5 Mtn. fuhren Se. Königs. Hoheit, von den Grasen zu Erbach.Fürstenau zur Bahn begleitet, mittelst Sonderzug von Michelstadt nach Darmstadt und mit Zug 6 Uhr 40 Mtn. Nachmittags nach Egelsbach unb Wolfs- garten. In Begleitung befanden sich der Generallteutenant und Generaladjutant Wernher und Flügeladjntant Freiherr d. Röder.

Lemberg, 20. September. Das Standrecht in dem Bezirk Neu-Tandeck und Limanowa wurde aufgehoben. Die Aufhebung des Ausnahmezustandes in den übrigen 83 Bezirken wird nach der verurthellung der bei den letzten Exerffen verhafteten erfolgen.

New-York, 10. September. Nach nnb nach treffen auS Euba, Portorico und dem großen Lager in Chickamauga (Lermefee) die freiwilligen und regnlären Regimenter der Bundesarmee in ihren Standorten rin, um außer Dienst ge­stellt zu werden, soweit sie nicht für den Garnisondtenst auf dm beiden neuerworbenen Jaseln bestimmt nnb zum Wetter­dienen verpflichtet find, viel Freude hat das awertkantsche Volk bisher an den vom Kriegsschauplätze hetmkebrenden Shriegern nicht gehabt, vom Fieber gerüttelt, vom schweren Dienst unter der Tropensonne arg mitgenommen, und schließ­lich geplagt vom Hunger, in alten, abgetragenen, bunt zu­sammengesetzten Uniformen, so rücken die Truppen ein, und anstatt bei ihrer Heimkehr vom Felde einen festlichen Empfang

Feuilleton.

Papier und Pergament,

kulturhistorische Skizze von Erich Fließ.

(Schluß.)

Nach einem Exeept des Plinius erfahren wir über das Schreibmaterial des Allerthums kurz Folgmdes: Am An­fänge der Lultur fei auf Palmblättern geschrieben worden, dann ans Baumbast, hiernach auch in gerollten Bletplatten für öffentliche Zwecke, für Privatzwecke in leinenen Rollen oder auf Wachs. Wachstaseln kenne schon Homer, nicht aber die Charta-Papyrus. Die Charta sei nach der Grün­dung Alexandriens erfunden. Nachdem sodann Eumenes sltne pergamentsche Bibliothek In Loneurrenz mit der Alexandrinischen gegründtt, sei durch Ptolemäus aus Eifer­sucht der PapyruS-Sxport fisttrt worden, nnb dies war Anlaß, daß man in Pergamum zur Aushilfe die Membrane erfand.

Jnwiewett dieser Bericht des Plinius nett dm geschicht­lichen Thotsachen übereinstimmt, dürfte wohl kau» noch mit Sicherheit festgestellt werden. So viel aber dürfen wir wohl aus dem Berichte entnehmen, daß die Einführung des Pergaments in das griechische Schriftwesen speetell Pergamum verdankt wurde und daß seine Fabrikation und der Export ganz besonders dieser Stadt ougehörte, sowie dm Nil- Mündungen Fabrikation unb Export der Charta.

Nach Plinius kann aber auch kein Zweifel obwalten, daß im Alterthum dem Papyrus (charta) der Vorzug vor dem Membrane (Pergament) stets eiugeräumt wurde.

Als BestLttgung hierfür der allgemeine Hinweis, daß sowohl die ägyptischen Gröber, als das Grab zu Herkulanu» nur Papyrusrollm und keine Pergamentschafttn zu Tage gefördert haben. Auch denken fich alle klassischen Autoren der vor« wie auch nachpliniautschm Zett ihre Werke lediglich

zu finden, wie er fich für sie nach ihren Erfolgen wohl ge­ziemt hätte, finden fie nur den Willkomm, den Freunde und verwandte bieten, aber von festlichen Veranstaltungen keine Spur. Auch die Generäle hat man nach New Uork kommen laffen, als ob fie von irgend einem Manöver, und nicht aus einem Feldzuge kämen, der dem Lande zwei prächtige Inseln eiugebracht hat. General MileS und Generalmajor Shaster bekamen bei ihrem Aufenthalt hier auch nicht einen Hochruf zu hören, obwohl ihre Ankunft und Anwesenheit durch die Zeitungen rechtmäßig bekannt gemacht worden war. Besonders auffällig erschien die Theilnahmlofigkeit des Publikums gegen­über dem General Shafter, der bisher trotz der traurigen Zustände in seinem Heere fich einer großen Beliebtheit zu erfreuen schien. Er kam gestern auf der Durchreise vom Lager Wtkoff auf Cong Island nach Washington, wo er fich mit dem Präfidenten in der Streitsache mit Alger auseinander­zusetzen hat, hier durch und wurde, nachdem seine Anwesen­heit im Waldorf-Astorta-Hotel bekannt geworden war, ohne Zweifel von Allen erkannt, zumal er tu Uniform war und fich seine masfige Erscheinung er wiegt fast drei Cemner überhaupt nicht gut übersehen läßt. Zwar folgte seinem Wagen überall eine große Menge, selbst in die Läden, wo er seine Einkäufe machte, drängten fich die unglaublich auf­dringlichen Zuschauer ein, um ihn anzustarren wie ein wildes Thier, aber Niemand grüßte ihn, Niemand nahm in an­ständiger oder gar ehrfurchtsvoller Weise Notiz von ihm. Auf Madison Square und der 24. Straße muhte er durch die dichte Volksmenge, die sich dort zum Empfang der aus Ehickamauga erwarteten 8. New Yorker Freiwilligen ausgestellt hatte. Aber auch hier, wo die Gelegenheit für eine Huldig­ung so günstig gewesen wäre, rührte sich Niemand. Etwas lebhafter wurde es spät Abends gegen Mitternacht, als end­lich, mit achtstündiger Verspätung unter dem scheint es hier bei Truppentransporten nicht zu gehen, das Regiment einrückte. ES war weniger ein erhebendes als ein mitleid' erregendes Schauspiel: die Leute sahen traurig mitgenommen auS, mager und müde, und unter der dunklen Tropensärbung ihrer Haut schimmerte jene fahle Bläffe, die ein sicheres An­zeichen chronischer Malaria ist. Und dabei gehört dies Regi­ment noch zu denen, die alle Strapazen des cnbanischen Klimas am besten überstanden und am wenigsten Verluste gehabt haben. Banz anders kam vorige Woche des Präsi­denten Leibregiment, die 1. Freiwilligen von Illinois, hier an: die armen Kerle, auf die die Chicagoer so stolz waren, machten fast ohne Ausnahme den Eindruck von hoffnungslosen

Fieberkranken. Rührend zu sehen war die auS Freude und bitterm Schmerz gemischte Bewegung der Angehörigen, die fich zum Empfang eingefunden hatten. Wohl mehr all hundert Radfahrer setzten fich als freiwillige Vorhut an die Spitze des Regiments, und in raschem, aber wenig militär­ischem Schritt ging« zur Kaserne unter den Klängen von "When Johnny comes marching hörne again und dem all- beliebten Starepangled banner, über die 6. Avenue btS zum Centralpark, wo überall trotz der vorgerückten Stunde dichte Zuschauerwengen aufgestellt waren, die fich in ihren Huldig­ungen indeß recht zu mäßigen schienen. Ob für die noch zu erwartenden Regimenter die Regierung oder die Stadt New- York fich zur Veranstaltung einer größeren Empfangsfeier auftaffen wird, ist noch unentschieden- jedenfalls berührt es peinlich, zu sehen, wie die Flotte nach ihren zwar sehr augen­fälligen, aber verhältnißmäßig sehr leichten Siegen mit Be­geisterung empfangen wurde, während man die cnbanischen Truppen, die unendlich viel mehr auszuhalten hatten, so ganz ohne Saug und Klang zur Hetwath entläßt. Köln. Zig.

Vermischtes.

Wetzlar, 18. September. Den Königlichen Förstern Herrn Stork zu Waldhaus und Lang zu Stoppelberg ist von dem Herrn Minister für Laudwirthfchaft, Domänen und Forsten das goldene Ehrenportepöe verliehen worden.

Salzschlirf, 15. September. In Folge des großen Brandes vom 9. d. M. find hier obdachlos geworden 202 Personen und 211 Stück Vieh (Pferde, Rindvieh, Ziegen und Schweine). Menschen und Vieh find' nntergebracht in den Behausungen hiefigrr Familien, nur eine einzige Familie, die eines MaureS, hat mit ihren 6 Kindern Unterkunft im hieflgen Schwesternhaufe gefunden. Die meisten Abgebrannten find bei der schlesischen Feuerversicherung versichert. Unver­sichert find, soweit bis jetzt bekannt, 7 Familien.

* lieber die Behandlung von Fundsachen herrschen im Publikum noch immer unklare Begriffe, obwohl in der Presse schon ost darüber geschrieben worden ist. GS genügt nämlich nicht allein, den gefundenen Gegenstand in irgend einer Zeitung zu inseriren, der Finder ist vielmehr nach Allgemeinem Land- recht verpflichtet, binnen drei Tagen bei Verlust der Be­lohnung, welcher, abgesehen von der sonst etwa verwirkten Strafe der Fundunterschlagung, eintritt, den Fund der Polizei­behörde anzuzeigen.

als Charta oder in PaphruSrollenfor» in der Hand des Publikums.

Die Verwendung des Pergaments war zunächst eine vierfache.

Erstens trat eS als Schreibmaterial in Wirklichkeit nicht mit dem Papyrus, sondern vielmehr mit der Wachs- täfel in Loneurrenz. Mit dieser theilte es eine Haupt« eigenschast: war das Geschriebene werthloS geworden, so ließ es fich hier wie dort leicht unb bequem wieder aus« tilgen und so war wiederholte Benutzung eines und deffelben ermöglicht. So erklärt sich, daß der Kaufmann sein Conto schon früh auf Membrane ttnträgt. Für den medittrenden Redner und Dichter diente die Membrane als Brouillou.

Dagegen benutzte man für Briefstellerei wieder mit Vorliebe die Charta; dir Membraue nur, wenn es an ersterer fehlte.

Ferner trat die Membrane in den Dienst des eigeut- lichen Literaturbuches. Waren die Bücher PaphruSrollen, so war fie es, die als deren Umhüllung diente. Die leicht zerreißbaren Rollen wurden durch das feste Stück Perga- ment, das fie umgab, so geschützt, wie die Papterblatter der modernen Bücher durch Papp« und Ledereinband. Daffelbe gab zugleich Gelegenhett, den Leser durch eine angenehme Außensette und Eleganz der Ausstattung anznziehen, denn bei besseren Büchern, insbesondere bei denen der Poefie, war diese Membrane purpurfarben oder orange gehatteu. Roth galt als das Ordinäre.

An der geschloffenen Rolle war sodann viertens auswendig verfaffer und Titel angebracht. Dieser iudex bestand auS einer membrauula. Auch fie wurde bisweilen purpur- oder scharlachroth gefärbt.

Hiernach ergibt fich: daS Pergament als Schreibstoff nimmt im Alterthnm unter seinesgleichen die geringste Stelle ein; es steht noch hinter der WachStafel zurück. DaS Pergament hat zwar zum Schreiben, nicht aber auch zum

Lesen gedient. SS schien beinahe unmöglich, einem Andern eine Lettüre auf schlechter Membrane zuznmuthen.

Wir besitzen zwar keine eornparalivku Preisangaben, aber eS erklärt fich aus der Complicirtheit seiner Fabrikation, daß der Papyrus um vieles thenerer und kostbarer als die Membrane war.

Das Papier im jetzigen Sinne des Wortes batirt seinen Ursprung von 123 v. Ehr. unb stammt anS China, wo es Schi" heißt. ES hat von der PaphrnSstaude den Namen entlehnt und ist ein durch Verfilzung seiner Fäserchen auf naffem Wege bargefteflteß Blatt (Platte), dessen Dicke von 0,oi0i Millimeter variirt und deffen Größe (Format) fett der Anfertigung auf Maschinen in der Länge unbeschränkt ist, in der Breite fich biß auf drei Meter erstrecken kann.

Die wichtigsten Verwendungen deS europäischen Papiers find außer zu Schrift, Druck und Verpackung die zu Bunt-, Tapeten-, JriS- und Kreidepapieren, zu Papierwäsche, zu Cartouageu und in neuester Zeit zu Gefäßen und anderen Judnstriezweckeu.

Der Handel mit Pergament ist durch die Etfiudnug des Papiers, sowie dadurch, daß man es beim Eiubiudeu der Bücher durch Leder ersetzt hat, sehr in Abnahme ge­kommen.

Nach Erfindung der Buchdrvckerknnst wurde daS Perga­ment dazu benutzt, einzelne kostbare Werke tn einigen Exemplaren darauf zu drucken. Von manchen Werken wurden sogar dergleichen Abzüge tn größerer Anzahl gewacht, und da fie dem Zahn der Zeit leichter trotzen konnten, so find von einzelnen Drucken, wie von dem Psatterium von 1457 unb von ber ersten Fust-Schöffer'schen Bibel die Exemplare auf Papier eine größere Settenheit geworden als die auf Pergament.

Die Sitte, von einzelnen kostbaren Werken Pergament­abzüge zu veranstatteu, hat fich, namentlich in Frankreich unb England, bis auf die Gegenwart erhalten.