Nr 118 ^Wettes Blatt. Sonntaq den 22. Mai 1S©8
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Die Demission des Cabinets Sagasta.
In den letzte« Tage« scheint eine kleine Beruhigung der Vemülher in Spanten eiugetrrteu zu sein, wenigsten- hört man nicht- mehr von offenem Aufruhr, von Mord und Plünderung in den Provinzen. Freilich mag auch die Ceusur sehr streng gehandhabt werden alarwtrendev Telegrammen gegenüber, denn daß die Situation noch immer eine sehr ernste ist, geht daraus hervor, daß der schon seit einigen Tagen augekündigte Rücktritt des GesammtministeriumS am Montag stattgefundeu hat. Die Königin-Regentin hat den alten Sagasta wieder mit der Neubildung des CabiuetS bt» traut, und sie dürfte damit recht gehandelt haben- denn eine neue Persönlichkeit an die Spitze der Regierung zu berufen, erschien unter den jetzigen BerhLltniffen sehr gewagt, und Sagasta hat immer noch einen großen Einfluß im Lande, wenn er natürlich auch von seinen Parteigegnern viel ge« haßt wird.
Auch der Köntgio-Regentin ist Sagasta nicht sehr sympathisch, und eS bat einige Mühe gekostet, fie nach der Er« mordung Caoovas' und dem kurzen couservativeu Jnterimisticum zu bewegen, Sagasta zu berufen. Aber heute müffen in Spanten ja alle persönlichen Empfindungen zurücktreten hinter dem einen großen Ziele: da- Wohl des Vaterlandes zu fördern, den Staat vor dem Untergange zu bewahren, mög« lichst viel au» dem Schiffbruche zu retten, der doch über kurz oder laug einmal etutreren muß.
Eß ist wohl berechtigt, die Frage aufzuwerfeu, weshalb denn Sagasta überhaupt seine Demiffion gegeben hat. Er selbst hat jedenfalls nicht die Absicht gehabt, sich von den Geschäften zurückzuzieheu, aber er mußte der öffentlichen Meinung Rechnung tragen und sein Eabinet von einigen Elementen reinigen, die nicht mehr das Vertrauen des Volkes besaßen.
Die Niederlage der Spanier vor Manila hat selbst den größten Optimisten die Augen darüber geöffnet, daß die Regierung schwere Unterlassungssünden begangen hat, die nicht wieder gut gemacht werden können. Insbesondere wird gegen den Marturmtuister der Borwurs erhoben, daß er nicht fürsorglich genug gewesen sei, daß die Schlappe bet Manila hätte vermieden werden können, wenn er bei den Philippinen beffere Schiffe stationirt haben würde. Auch die anscheinende Planlosigkeit, mit welcher die spanische Flotte von Beginn au operirt hat, schiebt man dem Mariuemtnister in die Schuhe. Ein Sündenbock muß ja vorhanden sein- denn daß der seitherige Mtuister alle Schuld trägt, ist nicht gut an« zvuehmrn, da während seiner kurzen Amt-zeit nicht alle» früher Versäumte nachgeholt werden konnte. Unb daun muß man auch bedenken, daß sich schlicht bauen läßt, wenn keine Mittel vorhanden oder diese wenigstens sehr beschränkt find.
Sagasta wird also, da auch einige andere Minister sich mißliebig gemacht haben, daS Ministerium reconstruiren, und er ist mit gutem Muth an die Arbeit gegangen. Ob ihm diese Aufgabe übrigens wirklich so leicht gemacht werden wird, wie er glaubt, erscheint denn doch fraglich, da Politiker von Bedeutung sich unter den heutigen Umständen scheuen, ihren Ruf auf» Spiel zu setzen und Minister zu werden. Manche- Reffort wird deshalb voraussichtlich nur mit Männern zweiten Ranges besetzt werden.
Wir wollen hoffen, daß es diesen gelingt, ihr Vaterland wieder zu Ansehen und Macht zu bringen, und dafür zu sorgen, daß Ruhe und Ordnung nicht allzu häufig gestört werden. (xx)
• Znm GeburtstagedeS Kronprinzen war die Kaiserin, wie bekannt, nach Plön gereift. Die Mufiklehrer der Prinzen, die von auswärts zur Ertheilung deS Unterricht- allwöchent» ltch nach Plön fahren, waren aber von dem Kommen der Kaiserin nicht benachrichtigt worden. Als die Kaiserin nun erfuhr, daß der Loncertmeister Koprcky wie gewöhnlich zum Bioltnunterricht de- Kronprinzen au- Hamburg eingetroffen war, wurde er durch den Obergouverneur der Prinzen, Generalmajor v. Deines, zu einer musikalischen Ausführung zu der Kaiserin geladen. Zuerst trugen die zwölf Cadetten, die mit dem Kronprinzen musikalisch ausgebildet werden, einen Festmarsch vor, den Concertmeister Rehfeld aus Berlin zur Feier des kronprinzlichen Geburt-tage- componirt hatte. Bei diesem Vortrag fungirte der Kronprinz als Dirigent. Hierauf spielte der Kronprinz unter Leitung deS Herrn Kopeckh einige Soloptöcen, nach deren Beendigung die Kaiserin dem Lehrer ihres Sohnes ihre besondere Befriedigung über drffen Leistungen und Fortschritte im Biolinspiel auSdrückte.
• DaS Regiment von GerSdorf. Dir meiste« unserer Regimenter sind bekanntlich auf die Namen von Feldherren und Fürsten getauft, die in der Heeres« oder Hofgeschtchte eine Rolle spielen. Das 80. Infanterie-Regiment in Hom« bürg und Wiesbaden z. B. trägt den Namen de- wackeren Generals v. GerSdorf. Dieser Name aber scheint, gleich so vielen anderen, nicht sonderlich tief im VolkSbewußtsein zu haften. Wenigstens legt eine im „TaunuSboten" erzählte Geschichte die Annahme nahe. DaS Homburger Bataillon de- Regiment» von GerSdorf hatte jüngst bet seinen Schießübungen Quartier in Sprendlingen. Eine Bäuerin fragte in einem Plauderstündchen einen Unterosfizier: „Wo kommt Ihr denn eigentlich her?" Der Unteroffizier antwortete: „Au- unserer Garnison Homburg." Darauf die von bangen Zweifeln geplagte Bäuerin: „Deß kann ich nett begreife. Unser Ort-dtener hat doch au-geschellt, die Soldate käme von GerSdorf. Do wußt kaan- von uns, wo der Ort liegt."
* Der soeben zur Ausgabe gelangte Geschäftsbericht bei Deutschen Privat-Beamten Vereins zu Magdeburg für das Jahr 1897 zeigt, daß die Thätigkeit deffelben für die Jn- tereffen seiner den verschiedensten Berufsarten und Berufs« stellungen im privatwirthschaftlichen Erwerbsleben angehören« den Mitglieder, sowie des Privatbeamtenstandes überhaupt auch in dem Berichtsjahre von den besten Erfolgen begleitet worden ist. — Namentlich haben die Versorgungsklaffen des Vereins eine günstige Weilerentwickelung genommen; so hatte die Pensionskasse am Schluß des Berichtsjahres bei einem Bestände von 2921 Mitgliedern 15761 Versicherungs« antheile herausgegeben gegen IG 553 Antheile des Vorjahres. Der Brutto« und Nettozugang des Berichtsjahres kam den Gesammtzugängen der Jahre 1890—95 gleich. — In der Wittwenkasse hat sich die Zahl der Versicherungen im Berichtsjahr von 1676 Versicherungen mit 3273 Antheilen des Vorjahres auf 1925 Versicherungen mit 3890 Antheilen erhöht, während in der Be gräbnißkässe die Versicherungen von 2793 mit einer Versicherungssumme von 1560 900 Mk. auf 3083 mit 1758 600 Mk. am Schluß des Berichtsjahres, in dem die Kaffe allein 19 536.70 Mk. gegen 18 127.30 Mk. des Vorjahres an Begräbnißgeldern gezahlt hat, gestiegen find. Im Betriebsjahr gelangten Dividenden mit 16 pCt. der Prämienreserve zur Vertherlung, was für die meisten Versicherungen eine Prämienermäßigung um 40 pCt., für manche sogar um 80—90 pCt. bedeutet. — Eine ähnliche Erhöhung des Mitgliederzuganges und der Leistungen ist bei der Krankenkasse zu verzeichnen. — Auch bie übrigen Wohlfahrtseinrichtungen des Vereins haben in ihrer Entwickelung gleichen Schritt gehalten. So konnten im Berichts« jahre an 94 Waisen gegenüber 57 des Vorjahres aus der Kaiser Wilhelm Privar-Beamten-Waisenstiftung Unterstützungs- und Erziehangsgelder gezahlt werden; gegen 11000 Mk. hat der Verein an Unterstützungen während des Berichtsjahres gezahlt (der seit Bestehen des Vereins gezahlteGesammtbetrag an Unterstützungen beträgt 103501 Mk. 92 Pfg.) und in ca. 700 Fällen stand er seinen Mitgliedern mit seinem Rechtsrath und Rechtsschutz zur Seite, während er durch seine Stellenvermittlung 71 Mitgliedern zu neuen Stellen verhalf.
• Ein amerikanisches AmazonencorpS zum Kampfe gegen die Spanier. Daß der Krieg gegen Spanten alle wög- ltchen Auswüchse der Aeußernngen von Patriotismus herbei« führen werde, war ja bet dem Hauge der Amerikaner zu Exzentrizitäten vorauszusehen. Wie wett diese Neigung sogar die Frauenwelt geführt hat, zeigt die phantastische Errichtung einer weiblichen Freischaar, welche beabsichtigt, sich den Insurgenten auf Cuba anzuschließen, da ihnen die KriegSleitung in Washington den Eintritttn'SHeer ntch t gestattete. In Chadron ist augenblicklich ein Fräulein Girlie Adams bet der Arbeit, ein berittenes AmazonencorpS um sich zu sammeln. Sie selbst, wie ihre „Leutnants" Frl. Summers, die Tochter eine» Veteranen au- den SeccesfionSkriegen, und Frl. William-, eine hübsche Blünette von 19 Jahren, Besitzerin einer großen Farm, find vorzügliche Reiterinnen und wiffen mit Flinten und Revolver wohl umzugehen, sodaß fie fich berufen fühlen, thätig an dem Kampfe gegen die Spanier theilzunehmen. Außer Feuerwaffen sollen diese Kämpferinnen noch mir Lassos ausgerüstet werden, in deren Gebrauch fie, wie fie behaupten, ebenfalls durchaus bewandert find. (Arme Männer!)
• Die Bedeutung der freien Rasenathwnng für nufere Ge« sundheit. Der Memch bedarf zum Leben der Athwung, d. h. de- unaufhörliche« Wtederersatze» de- verbrauchten Sauerstoffes durch die Einaihmnng der athmosphärische» Luft und der regelmäßigen Abgabe der im lebenden Körper gebildeten
Kohlensäure durch die Aukathmung. Zwei Eingangspforten stehen un- zu Gebote, um die Luft bet den Athemdewegungen zu den Lungen treten zu lassen, die Nase und der Mund. Aber nicht gleichwerthtg find beide in Bezug auf diese Function. Bet ruhiger Respiration ist diejenige durch die Nase bet geschlossenem Munde die normale, die Mundathmung tritt erst ein entweder zugleich mit der normalen Nasenathmung bei vermehrtem Sauerstoffbrdürfniß deS Körpers, beispielsweise bet anstrengendem Bergsteigen, oder aber als Ersatz für die Respiration durch die Nase bet Hindernissen derselben. Alle» auf diesen hochwichtigen Gegenstand Bezügliche bespricht nach dem modernen Stande der Wissenschaft ein ärztlicher Fachmann im neuesten Hefte der allbeliebten illustrirten Familien- zeitschrift „Zur Guten Stunde" (Berlin W. 57, Deutsche- Berlag-hauS Bong & Co., Pret- deS VterzehntagS- beftes 40 Pfg.)
♦ Sin EoucnrS, der bald hundert Jahre alt wird. Aus Wittenberg wird der „Franks. Ztg." geschrieben: Unsere an Luther - Erinnerungen reiche Reformations-Stadt weist auch noch eine Seltenheit auf, ine wahrscheinlich ihres Gleichen nicht mehr hat. Es ist das ein ConcurS, der schon fast hundert Jahre währt und dessen Beendigung noch immer nicht abzusehen ist. Am Anfänge dieses Jahrhunderts, als Wittenberg noch kursächsisch war, lebte hier der kurfürstlich sächsische Landgerichtsdirecto: Dr. Jungwirth, der ein hervorragendes Pumpgenie gewesen fein muß. Wer nur irgendwie mit ihm in Berührung kam, wurde sein Gläubiger; weder Dienstmädchen, noch Wäscherinnen, noch Näherinnen konnten diesem Schicksal entgehen. Heute noch, also nach fast hundert Jahren, sind gegen 183000 Mark Schulden zu decken. Daß der Concurs noch nicht beendet ist, hat seinen Grund in Folgendem: Dr. Jungwirth war Besitzer eines Lehngutes. Da dieses nicht veräußert werden konnte, so übernahm das sächsische Hofgericht die Verwaltung der Masse und schickte alle vier Jahre den Reinertrag nach Wittenberg zur Verthellung an die Berechtigten. Dieses Verfahren hat sich auch nach der veränderten staatlichen und rechtlichen Ordnung erhalten. Anfänglich waren es 46 zum Empfang berechtigte Gläubiger, deren Zahl aber durch erbberechtigte Kinder und Kindeskinder auf mehr als 80 gestiegen ist unb naturgemäß in steigender Progression noch immer wächst, . während die Abschlagszahlungen immer kleiner und kleiner 1 werden. So hatte vor einigen Tagen ein Ehepaar aus , Hohenthurm im Kreise Merseburg vom hiesigen Amtsgericht ! eine Vorladung zur Empfangnahme einer Abschlagszahlung ; aus der Concurssache erhalten. Die Leutchen unternahmen : die Fahrt hierher und erhielten nun von den zur Vertheilung kommenden 1800 Mark gegen ordnungsmäßige Quittung die Summe von 45, sage fünfundviSrzig Pfennigen ausgezahlt. — Dieses endlose Concursverfahren hat auch eine recht ernste Seite. Man sieht, wie alterthümliche Rechtsverhältnisse, die dem modernen Rechtsempfinden als überlebt erscheinen müssen, auch noch in unsere Zeit hineinreichen und sich recht störend bemerkbar machen. Könnte das betreffende Gut verkauft und die „Masse" einfach ausgeschüttet werden, dann wäre allen Betheiligten geholfen — nicht zuletzt auch den Beamten, die sich mit der Auszahlung befassen müssen und denen schon graut, wenn sie von der Dr. Jungwirth'schen Sache hören.
— Mit Schlägel und Eisen. Eine Schilderung des Bergbaues und seiner technischen Hilfsmittel. Von Dr. Wilhelm Bersch. (Mit 26 Vollbildern und über 300 Text-Abbildungen.) In 25 Lieferungen zu 50 Pfg., davon 5 erschienen. A. HartlebenS Verlag in Wien. Unter dem Zeichen von Schlägel und Eisen, dem ehrwürdigen Symbole des Bergbaues, entwickelte fich im Lause der Jahrhunderte eine eigene Welt, reich an Interessantem, reich an Sagen und Porste. Der Beruf deS Bergmannes, wie auch die messt versteckte Lage der Bergwerke selbst brachte es tndetz mit fich, daß von all den vielen und mannigfachen bemerkenswerthen Eigenheiten des Bergbaues nur wenig in die Oeffentlichkett drang. DaS Wenige aber fesselt dermaßen Ausmerksamkett und Phantasie, daß wohl jeder Gebildete dem Bergbaue reges Interesse entgegenbrtngt, zumal er aus genannten Gründen höchst selten Gelegenheit findet, diese» wichtigen Zweig der Urproduction auS eigener Anschauung kenne» zu lernen. Auch unsere populäre Literatur ist diesem Thema bisher nicht näher getreten. Mit besonderer Freude muß daher daS Erscheinen des vorliegenden Werkes begrüßt werden, das in allgemein verständlicher Sprache die Eigenheiten des Bergbaues und dessen technische Httssmittel, sowie die Gewinnung der wichtigsten Rohstoffe aus dem Schooße der Erde schildert, und auch die aus vergangenen Tagen stammenden Gebräuche und Sitten des Bergmannes in den Kreis seiner Betrachtungen zieht. Ein reiches illustratives Material trägt wesentlich zum Verständniß des Werkes bei, daö von den Ge- blldeten aller Stände gewiß mit Beifall ausgenommen werden wird.


