Ausgabe 
22.5.1898 Viertes Blatt
 
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Nr. 11«

Viertes Blatt.

Sonntag de» 22. Mai

1898

Gießener Anzeiger

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Gtegen, den 21. Mai 1898.

Großherzogliches Polizetamt Gießen.

I. 23.: Roth.

Die Cigarre in Gefahr.

In der Tabakindustrie scheint sich augenblicklich ein Um­schwung vorzubereiten, welcher eine gewisse Aehnlichkeit hat mit der Wandlung, welche sich im zweiten Drittel dieses Jahrhunderts vollzog. Am Anfang des zweiten Drittels dieses Jahrhunderts entstand nämlich in der bis dahin wenig verbreiteten Cigarre der bi» dahin ziemlich allein herrschenden Pfeife das Schnupfen war schon vorher in das Hinter­treffen gekommen ein ernsthafter Concurrent, und seitdem hat sich das Cigarrenrauchen ganz gewaltig ausgedehnt, trotz aller Anstrengungen, die die Rauchtabakfabrikanten dagegen durch Verbesserung der Pfeifen und ihrer Reinigung und durch Hinweis auf die größere Billigkeit machten. Wie ernsthaft man in Berlin den Kampf nahm, zeigt der 93er« such, den der alte Geheimrath Prätorius machte, um die Berliner von der Vortrefflichkeit des Pfeifenrauchens zu überzeugen: er ließ sich vor seinem Laden in der Königstraße einen Stuhl auf das Slraßenpflaster stellen und setzte sich darauf, behaglich seine lange Pfeife rauchend. Er erreichte damit nichts, die Berliner gingen doch schaarenweise zur Cigarre über.

Mit dem Uebergang zum Cigarrenrauchen vollzog sich aber und das ist beachtenrwerth in der Tabakindustrie gerade der entgegengesetzte Proceß, den wir im Laufe des 19. Jahrhunderts in allen anderen Industrien beobachtet haben: man ging nämlich von der Maschinenindustrie zur Handindustrie über. Während die Herstellung des Rauch­tabaks durch Maschinen bewirkt wurde, fabrizirte man die Cigarren mit der Hand, und diese Art der Fabrikation ist

auch so ziemlich bis jetzt beibehalten worden. Selbst die sogenannten Formen-Cigarren sind Handarbeit und die auf Maschinen hergestellten Cigarren oder Cigarrenwickel bilden nur einen kleinen Bruchtheil des Gesammtconsums. So ist es durch die Ausdehnung des Cigarrenconsums gekommen, daß die Tabakindustrie in Deutschland jetzt etwa 150 000 Fabrikarbeiter beschäftigt, während, wenn dieselbe Menge Tavak als Pfeifentabak verraucht werden würde, zu seiner Herstellung nur 25 bis 30 000 Arbeiter nothwendig sein würden.

Natürlich hat es bei der ungemein schnellen Zunahme der Cigarrenfabrikation und wir sprechen dabei nicht nur von Deutschland nicht an Versuchen gefehlt, Cigarren durch die Maschine herzustellen, und solche Versuche sind von den Fabrikanten mit großem Jntereffe verfolgt worden; denn ein wirklicher Erfolg hätte eine gewisse Unabhängigkeit von den Arbeitern gebracht. Bis jetzt aber ist der Erfolg ausgeblieben, und es hat den Anschein, als ob fürs Erste die Cigarren noch mit der Hand gemacht werden müssen. Aber es ist der Cigarre seit etwa zehn Jahren ein anderer Feind entstanden, der sie wohl ebenso depossediren wird, wie sie einst die Pfeife depossedirt hat: es ist dies d e Cigarette. Dieses kleine, unscheinbare Ding, einst nur ein Luxusartikel für die Lebemänner der oberen Zehntausend, hat allmählig ganz gewaltigen Boden gewonnen, wozu wohl wesentlich die vervollkommnete Technik bei ihrer Herstellung beigetragen hat. Wie schnell der Cigaretten-Consum gestiegen ist, zeigen folgende Zahlen:

In Deutschland wurden im Jahre 1875 nur 152 440000 Stück Cigaretten fabrizirt, 1892 schon 600000000 Stück, im Jahre 1896 eine Milliarde, und es ist anzunehmen, daß im Jahre 1897 die Production auf 1200000000 Stück gestiegen ist. In gleichem Tempo bewegt sich die Steigerung des Cigaretten. Consums in Oesterreich-Ungarn; 1890 betrug er 1048 Millionen Stück, 1891 1211 Millionen und 1896 war er auf 2040 Millionen Stück gestiegen. Noch schneller ist die Steigerung in den Vereinigten Staaten; dort wurden im Jahre 1887 1 865 287 082 Stück fabrizirt, und hat im vorigen Jahre zum ersten Male die Zahl der fabrizirten Cigaretten die Zahl

i der fabrizirten Cigarren überstiegen, und zwar um 6 213 600 Stück. Wenn man nun noch zu diesen Verbrauchs­ziffern hinzurechnet, daß die Zahl der Cigarettenraucher, die sich ihre Cigaretten selbst anfertigen, keine geringe ist, so erkennt man, daß es sich hier um Verbrauchsmengen und um Steigerungen handelt, die einen allmählichen Sieg der Cigarette erwarten lassen. Giebt es doch heute sehr viele Menschen, die zu einer Cigarre, woran man eine volle Stunde raucht, keine Zeit haben I Schon aus diesem Grunde wächst nach derDeutschen Warte" die Zahl der Cigaretten­raucher täglich.

Citeratur unb Arrnst.

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Feuilleton.

A Rattejagd.

In ewe hiesige Angro-Geschäft iS neulich amol a merk- werdig Beschicht basstrt. Da fitze nehmlich uff dem Contor net weniger als wie fiewwe Manu, die sich nu in da- bische Arweit dahle solle. Daß dabei inner zeviel tritt, leiht uff de flache Hand. Eweso finn noch drei Arweiter do, von dene als aner dem annern im Weg erumläuft und dann noch zwa Gäul, die vor lauter Langweil alSewol die Kripp mm die Brerrerwand korzkrimmelklaa kaputschmeiße. Unn last not least iS noch an Mordskerl von ema Hund ze erwehne, dem sei Hauptufgab dadrin bestitt, daß er alsemol en nixahnende Bauerschmann, der sich gern a schic Pullfaß aus dene im Hof lijende große Fäßer eraussuche mecht, derwaße angauzt, doS sich der pullfaßsuchende Bauerschmann vor Schreck uffr erschte beste Faß setzt unn sich die Hose ganz gehertg voll Oel schmiert.

ES war grad uff en Montag Morjend, wie die Beschicht bafirn deht. MontagS hat mer ja bekannterweiS iwerhaupt nie ka Lust zum schaffe; wamer awer aach noch net amol Arweit hat, dann iS nadterlich ganz unn gar dr Deuwel los. Unn so warsch aach in dem besagte Geschäft. Um nu doch wenigstens an Zeitvertreib ze hawe, hat nu der Hannes, der ahne von dene drei Arweiter a Fall gestellt unn hat a Stick Seuohr antnn gedha unn de freundliche Wunsch gehegt, es ging a Ratt in die Fall, weil er schond seit a paar Dag a Spur hat von so em miserawele Nagethier. Unn richtig, gleich nach em Frihstick guckt er nach de Fall unn kam triumphirend mit em Prachtexemblar von ere Ratt wider. Nu war nix eiltg-reS ze dhu, als des ganz Covtor ze alla- mtrn. Wie die ganz Gewand um die vergnigt erumguckend Ratt versammelt iS, mecht ahner von dene junge Herrn de Vorschlag, mer sellt die Ratt dem Hund gewe. De Nero war nu aach en pasfionirte Rattejäger, der vermege seine kollosale Datze unn seim ungeheuere Maul gleich a halb Dutzend von dene langschwänztge Dierchen hätt zum Frihstick verdilge kenne. Also gesagt, gedah. Alles gitt dorch, de Hannes nimmt die Fall in die Hand, um die Ratt in der Arena ufftrete ze lasse. Wie er nu die Dhier uffmecht, fällt

ze erscht des iwerig gebliewene Stick Seuohr une dann die Ratt erauS. Nadirlich schnappt de Nero erscht nach em Seuohr unn unnerdesse macht die Ratt in große Sätz unner a Paar Fäßer unn war spurlos verschwunne. Sofort begann nu e Mobilifirung, wir fie noch in kaam Krieg schneller vor fich gange iS. DaS ganze Personal war mit de ferchterlichste Mortinftrumende bewaffnet. De jingste Stift hat en Reiser- tiefem so lang, als wie er selwer; de zwaate hat en Beutsche- stiehl; de älteste war mit ema schwere Hammer auSgertft, während de Buchhalter a Miftgawel und de CommiS sogar an klane Revolver als Bewaffnung hatte. De Procnrift hat fich als General en chef uff de Rollwage etablirt unn war bemiht, während de ganze Jagd die Verfolgung von hier owe aus ze leite. Nachdem an jedem Faß gehörig gerappelt worde war, guckt aach richtig die Ratt ganz seelevergnigt unner dem letzte von de Fässer erauS. Sofort HSgt nu aach de älteste Stift, was e bische an kurzsichtiger Mensch ts, mit seim schwere Hammer nachere, daß die Funke flöge unn de ganze Blasterftah korzkrimmelklah verhage warn. Im selbe Aageblick ertehnt awer von dem Rollwage her a ferchterlich Jammergeheul unn mer könnt seh, wie de kommandirende General als uff am Bah erumgehippt iS unn mit de linke Hand fortwährend ganz gewaltig geschlenkert hat. ES war em nehmlich en Fetze von dem verhagene Blasterftah ganz ekl'.ch wider die Hand gefloge unn er zog deshalb aach vor, sein lustige Standort mit de bombefichere Lagerränm ze wechsele. Unnerdesse bat de CommiS sei Mordgewehr mit "e Kugel gelobe unn wie er so zwische de Fässer eninguckt, mahnt er so ebeS wie e Ratt ze seh. Gezielt unn losgedrickt war ans. Unn die Wertung war a doppelt: uff de ahne Seit vom Faß hippt die Ratt erauS und iäft unner de gegeiwerlieende Schoppe, unn uff de annere Seit last aach waS- nehmlich des schönste Ribehl in em ftrohhalmsdicke Strahl. De Schade, den die Kugel angericht hat, ward schnell mit eme Helzche rebarirt unn nu fing des Kessel- tretwe an.

De Buchhalter sah die Ratt ze erscht laafe unn wollt ere so e recht sastig mit seine Miftgawel steche, traf awer in seim Eifer dem Hannes sei Schirz unn spießt en uff die Art an die Erd. Nadirlich war die Ratt unner dehne Um- ftänn wider unner die Fässer gemacht, awer unner welchem

faß se nu? ES blieb nix anerscht iwerig, als wie die semt- liche 28 Fässer aus em Schuppe erauS ze fchippele unn des Dhier uff die Art ze erlege. 27 Sück warn endlich hauS, also mußt se unneim letzte fitze. Alles ftann mit erhowener Waffe in de furchtbarste Spannung, wie de Hannes des letzte Faß erauS dhat.

Unn richtig, mit eme riefige Satz hippt die Ratt erauS. Wie e Gewitter faust e awer ach die verfchiedene Befem, Hämmer und Bevtfchestiehl erunner, awer leider immer da hin, wo kah Ratt war. Nehmlich de Commis, der fich vorneiwer gebickt hat, um ze schieße, krag mit em erumge- drehte Beutschestiehl dermaße ah uff die Batterie gehage, doS er de lange Weg hinschmiß. De ahne Stift hieg dem annere mit seim Besem so in die Kniekehle, daß des Kerlche wie e Daschewksser zesammegeknickl unn uff den bereits uff de Erd Ittenbe Commis gepozelt iS. Aach de Hund hat so en Jagd- eifer entwickelt, daß er de Hannes, de Buchhalter unn die Stifte iroern Haase getrennt hat, wobei de Buchhalter mit ahm Bah in en Ahmer voll Wasser gedapscht is, sodaß de ganze feuchte Inhalt uff die Erd unn uff den Kneul Mensche zugtflosse is, die da uff em Bodem läge unn fich kunstgerecht eppelte.

Daß die Ratt lengft in des schrene Gefilde ihrer Heimath verschwunne wor, läßt fich denke. Die Gewehre wurde demgemäß wider abgeliwert nun eS Word Appell gehahle. Bollzehlich warn se jo noch, awer in waS for rer Verfassung? De Procurist hat die Hand verwickelt, de Buchhalter hat e naß Hosebah, de CommiS hat Ehifl^cke an de Klaader unn rippt sich fortwährend en gewisse Körperdeil. Dann erscht die Stifte. Der Aeltste hat en kabutene Zwicker, de Zwaat heckelt uff am Bah, unn de fingst hat en Knäul am Aag wie e Kreppel.

Wie nu Alles soweit wider in de Reih war, finn se fortgesterzt, um fich des wohlverdiente Frihstick ze hole unn bahlt könnt wer sche seh, wie de ahne set Suck warm Lewer- worscht, de annere sein SchweizerkeeS mit dem frohe Be- wnhtsei geffe hat, daß er e Heldedhat vollbracht hat, wonach er fich set Futter mit Recht verdient hat.