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21.12.1898 Drittes Blatt
 
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Nr. 299 Drittes Blatt._______Mittwoch den 21. December

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Amtlicher Theil.

Nr. 68 de- Reichsgesetzblatts, ausge-eben den 16. d. M., eothSlt:

(Nr. 2581.) MtlttLrstrafgtrichtSorbnung, Bowl. De« cember 1898.

(Nr. 2682.) GinsührungSgesitz -ur MtlitSrstrafgiricht»- ordvung. vom 1. December 1898.

(Nr. 2633.) Gesetz, betr. die Dienstvergehen der richter- ltchru MilitSrjustizbeamten und die unfreiwillige Versetzung derselben in eine andere Stelle oder in den Ruhestand. Vom 1. December 1898.

Nr. 64 de» Reichsgesetzblatt», ausgegeben den 16. d. M., enthält:

(Nr. 2634) Bekanntmachung, betreffend die AuS- sührung»vorschristeu zu dem Gesetze vom 10. Mat 1892 (Reich»gesetzblatt S. 661.) über dir Unterstützung von Familien der zu FriedenSübungeu etuberuseuen Mannschaften. Vom 12. December 1898.

(Nr. 2536.) Bekanntmachung, betr. die Anzeigrpflicht für die GtflÜgelcholera. Vom 14. December 1898.

Gießen, den 19. December 1898.

Großherzogltche» Kreisamt Gießen, v. Bechtold. i " ----------------

Von der französischen Kriegsflotte.

In dem Buche Larmöe contre la nation, deffen Ber- saffer strafrechtlich verfolgt wird, spricht fich Urbaiu Gohier auch über bin Zustand der franjöstschen Flotte au». Die «eisten dieser Angaben gründen fich auf Beröffentlichungen der Zeitungen sowie auf Berichte die der jetzige Marine- Minister Lockroy verfaßt hat, al» er zum ersten Male sein Amt al» Marioemtnister ntedergelegt hatte. Diese Aeuße- rungen verdienen daher auch in Deutschland Beachtung. So mußten, al» im Jahre 1890 da» Canalgischwadir große Uebungen abhaltrn wollte, sofort nach dem Au»fahrev zehn Schiffe al» schwer beschädigt wieder nach Brest und Eher« bourg zurückkehren. I« Jahre 1891 mußte tu Syrien der Kreuzer Seignelay auf den Strand fahren, weil sein Steuer­apparat versagte, bald darauf platzten die Kessel bt» Panzer» Admiral Bavbin", wobei 14 Mann verwundet wurden. Al» im Jahre 1893 die Blcckade von Siam erklärt wurde, konnte da» Geschwader von Cochinchina nicht au»laufen, der Aviso Pluvler" gerieth bei Satguu auf Grund- der Kreuzer Qfclatreur", der ihn von Brest au» ersetzen sollte, konnte nicht au»laufen, weil er reparaturbedürftig war. Im selben

Jahre ereigueteu fich Unglückifälle auf fünf in Toulon statiouirteu Torpedobooten, und eine nach Toulon entsandte Cowmisflon fand, daß unter den dortigen 56 Torpedobooten nur fünf seetüchtig waren. Diese Comwisfion fand ferner die großen PanzerschiffeMagenta",Neptune" undMarcean" in eine« unbegre.fllichen Zustande; auf dem PanzerSarrazin" wurden, während die Comwisfion in Toulon tagte, durch Krffelexplofiou ein Ingenieur und vier Matrosen getödtet, und dir Commtsfiou kam tu ihrem Bericht zu dem Schluffe: .Die Unfertigkeit scheint der regelrechte Zustand unserer Flotte zu fein.* Al» tm Jahre 1894 der Zug nach Madagaßcar unternommen wurde, waren fünf Kriegsschiffe hierzu bestimmt, allein au Bord bi»Dnpetit'Thouars" wurde der Jogeuteur durch eiueu Uoglücksfall an der Maschine getötet, auf derAtü huse" wurden, nachdem fie kaum den Hafen von Brest verlassen hat, 20 Matrosen durch Platzen eine» Keffelrohr» verblüht, derM6 sore" wurde, nachdem er mit großer Mühe Algier erreicht hatte, untauglich. Da» SchiffLa Romauche" und Le Galö»" kehrten schon zwei Tage nach dem Verlassen de» Hafen» nach Cherbourg zurück, und so waren sämtliche fünf nach Madagascar bestimmten Schiffe unbrauchbar. Im Jahre 1896 gab e» Unglückssälle durch die Maschinen auf den Panzerschiffe» Jenimape», Friedland, auf den Kreuzern Dupuy'de Lüme, Cvvilogon Descartes und auf dem Torpedo­boot Tourbtllon, sowie Unglückssälle durch Geschütze auf den SchiffenDuqaeSne",BouvtneS",Jauröguiberry",Bren- nu»*. Die KüsteuwachtschiffeFurteux* undRequtn" gingiu unter. Der TorpedojägerFleuruS- erreichte nur 17 Knoten Geschwindigkeit und hatte drei Jahre laug alle möglichen Unglückssälle zu bestehen. Al» tm Jahre 1896 der Streit um Kreta entstand, waren von zehn Schlachtsch ffm de» Mittelmeergeschwader» nur zwei verwendbar, und al« später auf dem vor Kreta liegenden Admiralschiffe die K-ffel un­brauchbar wurden, schickte man demselben Keffelwände, welche, sür ein andere» Schiff bestimmt, unverwendbar waren und nicht paßten. Al» der Admiral Pottier vor Kreta im Jahre 1897 ein Schiff -ur Verstärkung verlangte, bestimmte mau hierzu da» SchiffLinoiS", allein kaum hatte e» die Reede von Toulon verlassen, al» die Maschine unbrauchbar wurde. Dasselbe Schicksal hatte derFalke", der au Stelle bt»LinoiS" nach Kreta abgeheu sollte uub ebenfalls un­tüchtig würbe. Zu gleicher Zeit wurde der große Kreuzer Cöcille" al» bienstuusähig tu beo Hafen von Toulon geschleppt. Der PanzerCharlr» Märtel", der im Jahre 1896 mit einem Kostenaufwand von 28 Millionen vollendet worden war, zerstörte fich beim Auslaufen au- der Hafeneinfahrt von Brest den Kiel und die Stzraube, und al» er, wteder- hergistellt, seine Geschütze versuchte, da versagten die hydrau­

lischen Apparate und seine schweren Geschütze wurden bischt' dtgt. A!S er zum dritten Male au»ltef, verlor er seine Sporn. Im Jahre 1896 konnte der große KreuzerDes­cartes" nicht auSlaufeu, mau mußte seinen Rumpf ausmaueru, seine Maschtnenräume waren unbewohnbar, der Commaudant erklärte das Schiff sür unsähtg, die hohe See zu halten, trotzdem wurde iS nach China gesandt, und al» dort Schieß­übungen vorgeoommen werden sollten, war das Pulver un­brauchbar geworden. Auch auf dem SchiffeAdmiral Duperrs", auf welchem ein Brand im Pulvermagazin au»- gebrochen war, entzündete fich da» Pulver nicht, weil es fich zersetzt hatte. Auf manchen Sch ffeu, so behauptet Gohier, wagt mau bei den Schießübungen kaum wehr Feuer zu commandtren, wenn man nicht die Kanoniere zuvor au» den Geschützthürmeu hat herau»treten lasten, und häufig fürchtet man die eigenen Waffen mehr, als diejenigen des Feinde». Erst vor Kurzem wurde au dru Marturwiutster Lockroh iu der Kammer vom Abgeordneten von Toulon die Aofrage gestellt, ob er Kenntniß davon habe, daß bet der Berprovian- tirung von Toulon eine Menge von Pökelfleisch (25OO0 Kilo­gramm) als unbrauchbar vergraben wurde und daß die Munition für die tm Hafen auszurüstenden Schiffe nicht vor­handen gewesen sei. Der Minister v'.rueinte die Richtigkeit der Gerüchte, da ja die Marine etwa verdorbene» Fleisch nicht vergrabe, sondern in'» Meer werfe. Gr gab jedoch zu, daß bezüglich der Munition eine kleine Störung (confuaion) eiugitreteu, sonst aber alles vollständig iu Ordouug sei. Eine franzöfische Zeitung hat diese Beschönigungen de» Mariue- miuisters mit dem scharfen Witze abgefertigt, daß fie den Martuemtntster nunmehr denAdmiral" Leboeuf ueuut, ihn also mit dem Manne vergleicht, der tm Jahre 1870 das ge- flüaelte Wortnoua aommea archipr&a" gesprochen hatte.

vermischtes.

* Wot Sonderfahrt zu den Caruevalfeterlichkeiteu in Nizza, mit Abstecher nach Tunis und Algier veranstaltet am 81. Januar 1899 da» schweizerische Reisebureau Otto Erb in Zürich. Allen Thetluehmern wird ein Billet II. Klaffe ßülttg von ihrer Etsenbahnstation au und wieder zu derselben zurück geliefert und für Logt» und Verpflegung auf der ganzen Fahrt besten» gesorgt. Die Reise kann je nach Be- lieben al» 12, 20 oder 32tägige gemacht werden. Inter- effenteu lassen fich unter Benutzung einer 10 Pfg. Postkarte vom R-tsebureau Otto Grb tu Zürich (Schweiz) gratis und franko das illustrtrte Programmheftchen kommeu und gleich« zeittg auch das Verzetchuiß oller 1899er Oster-, Pfingst-, Sommer- und Hrrdst-Sonbe,führten nach der Riviera, Italien und dem Orient.

Fe«rll«tsn.

Althessische Landtage.

«Mit Benutzung von Acten beS Archivs der Stadt Gießen.) Bon Dr. Karl Ebel.

(Nachdruck verboten.) (Schluß.)

Im Jahre 1677 suchte es Grünberg gelegentlich eines dort versammelten Landtags für sich in Anspruch zu nehmen, doch rourbc aus den Acten festgestellt, daß die Stadt Gießen dies Recht seit Langem besessen habe, und der anwesende Landgraf entschied daher, daß es anch ferner dabei bleiben solle. So belehrt und ein interessantes Protocoll, das sich im Besitze des hiesigen städtischen Archivs befindet. Nur wenn Marburg an einem Landtage theil- nahm, wich Gießen der alten Landgrafenstadt. Bei den Berathungen war die Reihenfolge der Plätze genau bestimmt, und oft wurde bei Rangftreitigkeitcn die Entscheidung des Fürsten angerufen. Einmal wurde der Stadt Butzbach gestattet, bis auf weitere Entschließung den Platz gleich nach Gießen und Alsfeld einzunehmen. Doch über das Ceremoniell, das bei Landtagen innegehalten wurde, mögen uns zwei Actenstücke Allskunft geben, die sich gleichfalls im Archiv der Stadt befinden. Das erste ist ein Bericht der Gießener Bevollmächtigten über die vom 6. bis 14. Februar 1682 zu Darmstadt abgehaltene Versammlung des engeren Ausschusses, der uns ein ganz anschauliches Bild entwirft.

Auf den 4. Februar waren die Berufungen ergangen Von den Städten waren, da es ja nur der engere Aus­schuß sein sollte, Darmstadt, Gießen, Alsfeld, Grünberg und Nidda erschienen, die übrigen hatten ihre Vollmachten nach eigener Wahl einer der fünf vertretenen Städte über­tragen.

Folgen wir nun dem genannten Bericht. Die Gießener verließen ihre Stadt am 2. Februar zu Wagen, übernach­teten in Friedberg, dann in Frankfurt und kamen am 4. Abends in Darmstadt an, wo sie im Gasthauszum fröh­lichen Mann" abstiegen. Alsbald erschien ein Hoffourier und wies ihnen Privat-Quartier an; der Kutscher blieb mit den Pferden im Gasthaus und erhielt für seine Thiere Hafer und Heu vom Hofe. Die Bevollmächtigten, cs waren der Stadtsyndicns I. U. Dr. Simon Nicolaus Orth, der Bürgermeister Johannes Stumpf und der ältere Rathschöff Wilhelm Dorn, speisten noch am selben Abendauf Jhro fürstl. Durchlaucht Begehren" bei Hof. Am 5. Morgens fand gemeinsamer Gottesdienst in der Stadtkirche statt, dann gings zur Tafel und Abends wieder in die Betstunde. Am folgenden Tage wurden sie auf 8 Uhr durch btn Hof­fourier ins Schloß berufen, um die Proposttion anzuhören. Vorher aber statteten sie dem Darmstädter Rath auf dem Rathhause unddem Herrn General-Lieutenant Excellenz" ihren Besuch ab. Als die Abgeordneten indessen zur fest­gesetzten Zeit im Schlöffe erschienen, hatte sich der Eröff­nung des Landtages ein unvorhergesehenes Hinderniß ent­gegengestellt. Die Herren Profefforen als Vertreter der Universität waren mit dem Obervorsteher der geistlichen Stifte, Herrn Wilhelm von Buseck wegen des Vortritts in Streit gcrathen, bis zu deffen Beilegung den einzelnen Ständen besondereLogamente" angewiesen wurden. End­lich nach zweistündigem Harren wurden sie in I. F. Durch­laucht Eßsaal geführt, wo sie die, für ihren minderjährigen Sohn Ernst Ludwig die Regentschaft führende Landgräfin Elisabeth Dorothea mit dem Erbprinzen*) erwartete. Jeder Abgeordnete wurde mit Händedruck empfangen, worauf sich die Fürstin auf einen mit rothem Sammet ausgeschlagenen

*) Gemeint ist der junge Landgraf.

Stuhl niederließ, während der Erbprinz neben seiner Mutter stehen blieb. Hinter den beiden nahmen Hofmeister von Gcißmar Und andere Edellente Aufstellung, zur Rechten gruppirten sichder Herr General-Lieutenant, der Herr Präsident, der Herr Richter", Dr. Malcomesius, SecretariuS Pettmann und Landschreiber Daub*) zur Linken schlossen sich die Stände an. Nun eröffneteder Herr Präsident" die Versammlung mit einer zierlichen Ansprache, an die anschließend der Secretarius Pettmann die den Ständen zu machende Vorlage (Proposition) verlas. Diese acceptirte der Erbmarschall von Riedesel im Namen der Stände, die sich hierauf zur Berathung in zwei Zimmer zurückzogen, in das eine die Städte, in das andere Prälaten und Ritter. Da aber die Proposition sehr allgemein gehalten war und die Negierung Einzelheiten nur einem engeren Ausschuß vortragen wollte, so wurde ein solcher gebildet utst> zwar wurden von den Prälaten Profeffor Nitsch, von den Rittern Obrift von Gcißmar und Kraft Adam von Vuseck, von den Städten der Syndicns von Darmstadt Faber, der Syndikus von Gießen Dr. Orth und der Bürgermeister von Alsfeld Wegehaußen bestimmt. Nach Beendigung dieses schwierigen Geschäfts wurden die Stände zur Tafel berufen, die bis 3 Uhr dauerte. In dem Berathungszimmer, in das man sich nach der Tafel zurückzog, sammelte einer der Darm- städter Bevollmächtigten die Vollmachten der Deputirten ein. Damit warweilen es Posttag und schon späth war" das Tagewerk beendet.

Die specialisirte Vorlage, die am folgenden Morgen dem engeren Ausschuß von der Regierung gemacht wurde, enthielt wie gewöhnlich Steueranträge, theils sollte schnelleres Tempo der Erhebung schon bewilligter Steuern, theils Be«

*) Diese bildeten den Geheimen Rath, der etwa die Functionen de- jetzigen Ministerium- hatte,