Ausgabe 
21.10.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 247 Erstes Blatt.

Freitag den 21. October

1898

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Gießener Anzeiger

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Adresie für Depeschen . Anzeiger *itl f* Fernsprecher Nr 61.

Zur Preußischen Abgeordneten Hauswahl.

Auch außerhalb der schwarz-weißen Pfahle erregen die bevorstehenden Wahlen zum preußischen Abgeordnelenhause da» größte Interesse, da der sich abspielende wirthschaft«. politische Kampf seine Wirkung auf da« Reich nicht verfehlen wird. Wie bei den letzten Reich-tagSwahlen ist auch jetzt von einer Politik der Sammlung wenig zu merken. Bei den Reichrtagsstichwahlen war sie freilich zur Geltung gekommen, al« die Parteien sich vereinigten zur Niederwerfung der Socialdemokratie. Aber bei den Wahlen zum preußischen Lbgeordnetenhause giebt e« keine Socialdemokratm zu be­kämpfen, da diese nur ganz vereinzelt eigene Candidaten auf­stellen, wobei e« sich keine-weg« darum handelt, einen Sieg )u erringen, sondern nur darum, eine Kraftprobe zu machen. Und so herrscht denn heute angesichts der Wahlen eine ziem- liche Verwirrung unter den Parteien: hier unterstützen die Nationalliberalen den conservativen Candidaten, dort den­jenigen der Freisinnigen, hier tritt da« Centrum für die Freisinnigen, dort für die Conservativen ein. Die Verwirrung ist um so größer, al« der Wahlkampf ein ziemlich lebhafter genannt werden kann und al« man die Indifferenten zur vetheiligung an der Wahl aufzumuntern sucht. Deßhalb wäre e« auch sehr gewagt, heute schon Schlüffe auf den Ausgang der Wahl zu ziehen, wenn auch die allgemeine Meinung dahin geht, daß eine wesentliche Veränderung im Besitzstände der Parteien nicht eintreten wird.

Da« preußische Wahlgesetz ist gerade jetzt Gegenstand lebhaftester Erörterung, und besonders die Berliner Blätter sind voll von Wahlcuriosi«. Da wählen z. B. Reichskanzler, Minister und andere höchstgestellte Beamte in derselben Klasse wie die Tagelöhner und sonstige in der niedrigsten Steuer­stufe stehende Personen. Man ersieht daraus, daß die letzte Wahlreform ungenügend war und daß, wenn man einmal bei dem Dreillassensystem bleiben will, auch der Intelligenz ein gewisse« Uebiraewicht gegeben werden muß. Gerechter gegen jetzt würde die Klaffeneintheilung schon dadurch, wenn einheitliche Grenzen für da« ganze Land festgesetzt würden. Der Kampf gegen da» jetzige Wahlgesetz, das bekanntlich auch Fürst Bismarck gebührend gewürdigt hat, wird übrigens immer schärfer, und wohl keine Partei wünscht ernstlich, daß e« beim jetzigen Zustande bleibk. Freilich darf man, fall« wirklich eine Aenderung beliebt wird, nicht etwa an die Einführung de« direcien und geheimen Wahlrechts denken, wie es im Reiche besteht, aber einer gründlichen Modificalion ist das jetzige Gesetz darum doch fähig. Da hierzu jedoch eine überaus strenge Prüfung aller in Betracht kommenden Umstände erforderlich ist, so dürfte an eine baldige Aenderung kaum zu denken sein.

Nur noch kurze Zeit trennt uns von der Entscheidung in Preußen, einzelne Parteien macken Anstrengung, eine Verjüngung ihre« Abgeordneten-Befitzstande« herbeizusühren. Freilich werden die alten bewährten Führer nicht über Bord geworfen werden, aber er kann jedenfalls nicht schaden, wenn den Parlamenten jetzt mehr al« bisher frische- Blut zugeführt wird.Neue« Leben muß aus den Ruinen erblühn!" xx

Deutsche» Reich.

Darmstadt, 19. October. Ihre Kaiserlichen Hoheiten der Großfürst und die Großsürstiu Sergiu« von Rußland find gifiern Nachmittag 6 Uhr 40 Mia. auf Station Egelsbach eingetroffen und dort von Ihren Köaigl. Hoheiten de« Großherzog und der Großherzogin, iawle Ihrer Großh. Hoheit der Prinzessin Ludwig von Battenberg empfangen worden. Ebenso waren der kaiserlich russische Min.sterresident v. Ozrroff und FroU Gemahlin, sowie der Legationssecretär Doudiensky bet dem Empfange anwesend. Die Allerhöchstea und Höchsten Herr- ichafien begaben sich hierauf nach Jagdschloß Wolssgartev, von wo Ihre Großberzogliche Hoheit die Prinzesstn Ludwig von Battenberg 'm Laufe de« späteren Nachmittag« nach Darmstadt zurückkthrte. I« Gefolge der Großfürstlichen Herrschaften befinden fick die Hofdame Prinzesstn Lobanow, General Siepavoff und Oberst Gadon.

Berit», 19. Oktober. Zar «aiserretse. Einstweilen »erfolgen die englischen Bläuet etwaige handelspolitische Früchte der Katserreise mit grimmiger Eifersucht: So meldet he .Daily News" auS Konstantinopel, daß der deutschen Verwaltung der Eisenbahnlinie Haidar Pascha-Angora die Coneession zum Bau eines Handelsbafeus in Haidar Pascha Bei Sentari ertheilt worden sei. DerDaily Chroniele rrgeht sich in starken Ausfällen über die deutsch-türkische Freundschaft, und dieDaily SRail" betont, die Pariser

Reise Murawjews hätte für Deutschland mehr zu bedeuten, als für England.

verli», 19. Oktober. Der Kaiser und der Groß- Herzog von Baden. Folgende Miitheiluog derStrahb. Post" ist zu verzeichnen: Sowohl in Berlin als in Baden wird In durchaus ervst zu nehmenden Kreisen angenommen, der Großherzog von Baden habe es auf ausdrückliches Er­suchen deS Kaisers übernommen, im Falle während der Ab­wesenheit des KaifrrS gewisse Maßnahmen notbwendig werden sollten, helfend einzutreten. Der Kronprinz ist minderjährig, der nächste Agnat, Prinz Heinrich, weilt in Ostafieo. Unter diesen Umständen lag es in der That nahe, für den in be­sonderen Fällen etwa denkbaren Zwischenzustaod besondere landesherrliche und de« Familieuhaupte wohl zustehende An­ordnungen zu treffen. Die staatsrechtliche Form, die dafür gewählt wurde, dürfte in weiteren Kreisen vorerst wohl nicht bekannt «erben, indessen geht man kaum fehl in der Annahme, daß der Kaiser gerade den Großherzog, den Schwiegersohn und Freund seine- verehrten Großvater-, den Mitgründer de- Deutschen Reiches uvd in ganz Deutschland hochverehrten Fürsten, für berufen hielt, im Ernstfälle mit dem Gewicht seiner reichen Erfahrung und seine- hohen Ansehen- den nächsten Angehörigen zur Seite zu stehen.

Berli», 19. Oktober. Der Bunde-rath wird morgen wiederum zu einer Pleaar-Sltzung -usammentreten. Eine parlamentarische Eorreipondenz versichert, daß die Feststellung der Spec al-Etat- durch btn Retch-hau-halt-etat für 1898 noch zurückliegt, indem da« Reichsschatzamt noch nicht alle begutachtet hat. Trotzdem wird an eer Annahme festgehalten, daß der Grat in feiner Gesarnrncheir Mute November de« Bnndesrath wird vorgelezr werden können.

Berlin. 19 Oktober. Der Chef-Rebactenr derSchles. Ztg.", Dr. phiL v. Falck in Breslau, ist, wie demBeil. Tagebl." zuiolge verlautet, al» Vortragender Rath in da- EultuS-Ministertum berufen worden.

Berlin, 19. Oktober. DerLoeal-Anzeiger" meldet an» OrtelSdurg: In dem Königlichen Forst Dzadken bemerkten zwei preußische Forstbeamte, daß mehrere russische Offiziere auf preußischem Gebiet jagten. Der Aufforderung der betoen Förster, die Gewehre abzugeben, wurde nicht stattgegeden, bte Offiziere verhöhnten vielmehr die beiden Beamten. Nachdem diese ihre Aufforderung noch mrhrmals vergeblich wieoerholt hatten, schoffen sie und ver­letzten einen der Offiziere. Diese ergriffen nunmehr die Flucht und nahmen ihren verwundeten Kameraden mit. Hinter der Grenze angelangt, befahlen sie den rusfifchen Grenzsoldaten, aus die beiden Förster zu schießen. Die Soldaten ^haten dies auck, trafen aber nicht.

Berli», 19. Oktober. Wie demBerliner Tageblatt" aus Kiel gemeldet wird, platzte aus dem Artillerie-Schul­schiff Mars gestern wahrend einer Schießübung auf See ein Dampfrohr. Es wurde Niemand verletzt. Da» Sch'ff ist nach Kiel zurückgekehrt und geht Ende Oktober znr Erneuerung seiner Maschinen nach Wilhelmshaven.

Berli», 17. Oktober. Eorvettencapitän Jäschke, der neneroaonte Gouverneur von Ktautschou, der i« nächsten Februar voraussichtlich an Ort und Stelle seines zukünftigen Wirkungskreises eiotreffen wird, hat fich besonders als Tom- Mandant dr- KanonenbootesWolf" ausgezeichnet, und ge­rade während seiner zweijährigen Fahrt mit de«Wolf" in den chtuefifchen Gewäffern fick diejenigen nmsaffevdeo Er- fahrungen gesammelt, die ihn jktzt als besonders geeignet für den Gouverneurposten erscheinen lassen. Er wird mit den­selben weügehenden Vollmachten ausgestattet werden wie sein Vorgänger. Denn während der ersten Kmberjahre der Colonte muß unbedingt eine mit dem Gefühl voller Selbstständigkeit ausgestattete einheitliche Leitung Platz greifen, womit freilich nicht einer militärischen Autokratie das Wort geredet werden soll. Gerade in diesen Fehler eine- militärischen Regimes verfiel Eapitän Rosendahl und enttäuschte so die Erwartungen, die das Reichsmarine-Awt an seine organisatorischen Talente geknüpft hatte. In Sachen der Laubvertheiluog aber ist, wie von kompetenter Seite mitgetheilt wird, Eapitän Rosendahl unschuldig: er traf schon bei Antritt seines Postens nach dieser Richtung ein falt accompli an, das jedoch zu Guntzen einer freien Entwicklung von Handel und Verkehr strengstens revtdttr wird- diese Angelegenheit dürfte völlig neu organistrt werden. Von einer jungen Eolonie, die kaum acht Monate existirt und die fich nicht auf jungfräuliche« Boden aufbaut, sondern allmählich erst verrottete chmefische Zustände beseitt,en muß, lassen sich innerhalb dieses kurzen Zeitraum« noch keine sichtbaren Früchte erwarten. Daß «an aber künftighin auch «tt der Aussaat recht vorsichtig und wählerisch nmzngrhen I fich gezwungen fieht, hat die MarinrverwaUung mit rascher

Entschlossenheit erkannt, und die de« neuen Gouverneur er- theilten allgemeinen Instructionen legen sicherlich den größte» Nachdruck darauf, alle Bestrebungen zur Emw cklung de» Handels und Verkehrs sorgsam zu pflegen und sie nicht vo» vornherein durch militärische Reglement» abzuschricken oder einzuengen.

Die Gouverneure bet Provinzen, burch bie bei Kaiser reist, haben Befehl erhalten, olle Ptrsonen, welche eiowanberv, scharf zu deoachien und alle verdächtigen, bte ktine Arbeit unb keine Mittel haben, au»znweifen. In ben verschiedenen Städten ist die Schutzmaunschafr sehr verstärkt, besonder» in Jerusalem. Dort werden auch Geheimpolizisten verwandt werben. Den ausländischen Lonsuln ist angekündigt worden, daß gegen alle Personen, von welcher Nationalität sie auch sein mögen, beten Aufenthalt im Laube, besonber» während der Reise des deutschen Kaiser», anstößig erscheine» wag, energisch verfahren werden wird. Die Eonsuln werde» aufgefordert, ben Behörden btizustehev, da Ausländer in bei Türkei auf Grunb der Eapitulationen extraterritoriale R.chte besitzen unb ohne Genehmigung der Eonsuln nicht bes Lande» verwiesen werden können. Um da« kaiserliche Hoflager t» Jerusalem ist, wie bereits früher gemeldet, ein Bretterverschlag errichtet, damit der Kaiser, so lange er fich i« Zelt btfube», eine gewisse Abgeschlossenheit genießt.

Em Eorrespoudent desOutlook" schreibt unter de« Datum Shanghai, 3. September:Nach den Fortschritten zu schließen, die sie bis jetzt gemacht haben, wird es lange dauern, bl» die Deutschen in Ähantung etwas fertig bringen. Ihre Methoden find schwerfällig und langsam, und es fieht beinahe so aus, al» ob fie ihre Verwaltungsverordnunge» hauptsächlich darauf zuspitzen, den deutschen Kaufleuten den Boden zu verleiden." Da« war die auch in Loudon vor­herrschende Ansicht. Man glaubte, die deutsche Regierung werde in China dieselben Fehler wiederholen, die nach eng­lischer Ansicht bie Entwicklung ber deutschen Besitzungen in Afrika so geschädigt traben. Eine Wendung zum Besseren glaubt man allgemem in dem Wechsel in der Person be» Gouverneur» sehen zu hülfen. Ein Londoner Blatt will von guter Seite berichtet sein, baß ber Kaiser persönlich auf» Energischste auf einen Shstemwechsel in Ktautschou gedrungen habe unb daß auch für bie afrikanischen Colonien in absehbarer Zett ein grundsätzlicher Wtchsel in den vrrw^ltungSpriocipie» in Aussicht stehe.

' Zur Fleischn oth schreibt bteN. A. Z.":Wie wir bestätigen können, ist von Seiten des Landwirthschaft»- ministers an die Regierungspräsidenten bte Aufforderung «gangen, Erhebungen über die Fleiichpreise unb ihre Be­wegung anzustelleu. Angesicht« der fortdauernden Klagen in einem Thetle der Presse über Biehmangel und Fleijchnoth, kann eine >olche Anordnung auch trotz bt« zur Beurtheilnng ber Angelegenheit bereit« vorliegenben umfassenden Material« nur al« selbstverständlich erscheinen. Die von einigen Blätter» aoS dieser Anordnung ober ber Fassung de« ministerielle» Erlasse» auf eine bestimmte Stellungnahme de« Minister« z» d« Angelegenheit gezogenen Folgerungen entbehren der Be­gründung.

Entschädigung der Privatpostanstalten. Durch dir Presse ist die Miitheiluog gegangen, daß i« Reichs­postamt ein Gesetzentwurf über die Entschädigung der Privat- postaostaltev fertiggestellt worden sei. Darin sei auch die Anstillung dn bisherigen Privatpostbeamten im ReichSdienft in Aussicht genommen. Demgegenüber meint ein Bericht­erstatter, daß diese Meldung keinesfalls zntreffe, mindesten« aber den Thatsachen vorauseile. Sie sei vielleicht daran» hervorgegangen, daß die bayerische Staatsregierung sich in dies« Frage hat vernehmen lassen, völlig unbegründet sei ferner die anderweitige Nachricht, daß Staatssekretär von Podbielskt Vertretern der Privatpostanstalren persönlich bte benkbarste Berücksichtigung ihrer Wünsche zugesagt habe. Ei» solcher Empfang habe gar nicht stattgrfunden.

M.P.C. In Verbindung mit ber Ausführung be» Mittellanbeanalprojeci» wird avch eine weitgehende Cavali- sation der Weser in Angriff genommen werben und zwar von Bremen au».

M.P.C. Im Verfolg ber Beratungen, welche tu bei vorigen Woche im Reichsjustizamt mit Sachverstänbigen ge­pflogen wurden, um gewisse Prinz ptelle Frag-n des Ur­heberrecht« so aufznklären, baß bie Fassung ber Novelle, welche bestimmt ist, bas Gesetz von 1870 in möglichsten Ein­klang mit ben Fortschritten b« Zeit zu bringen, nleicht«t werde, dürften in nächster Zeit noch weitere Vernehmungen von Sachverständigen au6 ben verschiedenen Gebieten in bte Wege geleitet werben, welche bei bieser Frage in Letraeht kommen.