Nr. 117 Erstes Blatt. Samstag den 21. Mai_______________________1898
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VerrtsHor Neiich
Fraukfntt a. M, 19. Mai. Nachdem gestern Dormittag im Römer und ia der PaulSktrche Festaete stattgefunden, vereinigte der Nachmittag die hier anwesenden Parlaments« Mitglieder deS Jahre» 1848 mit den Spitzen der Behörden und dem Comttö zur Feier des 18. Mat zu einem Diner, au welche» sich ein Sommer» aufchloß. Der große Saal de» Zoologischen Gartens war überfüll». Nach dem durch Oberbürgermeister Adtcke» auSgebrachten Kaiserhoch bestieg Professor Dr. Max Lenz Berlin die Tribüne zur Festrede. Hierauf sprach Justizrath Meyer und brachte sein Hoch dem deutschen Volke und dem deutschen Baterlaude. Dr. Schwemmer toastete auf die noch lebenden 48er. Wilhelm Jordan antwortete in deren Namen und schloß mit ehern Hoch auf den Fürsten BiSmarck Bon den anwesenden Jubilaren toasteten noch Dr. Mofing-Wteu auf den Dreibund, Professor Sepp«Müuchen auf den deutschen Kaufmanu»stand und die Stadt Frankfurt. Gerichtspräsident Schorn-Bonn feierte die Frauen.
Straßburg, 18. Mai. Der Statthalter von Elsaß« Lothringen gibt bekannt, daß Se. Majestät der Kaiser ihm wiederholt seine hohe Befriedigung über den Empfang kund- gegeben hat, welcher beiden Majestäten in den verschiedenen Orten ihre» Aufenthalte» im Laude und uameutltch auch in Straßburg au» allen Kretseu der Bevölkerung in so herzlicher Weise zu Thetl geworden ist.
München, 18. Mai. Die Vereins-Gesetznovelle ist nun glücklich unter Dach gebracht, nachdem heute Nachmittag die Kammer der Retchsräthe den Antrag des Reichsraths von Soden, welcher auf eine Beschränkung der Rechte der Frauen htnztelte, gegen fünf Stimmen abgelehnt hat.
HutUmb»
Prag, 19. Mai. Heute früh explodirte an Bord ehe» zur Abfahrt bereiten Dampfer» der Moldau-Dampf- schiffsahrt-Gesellschaft der Reffei. Etu Kind wurde bis zum zweiten Stockwerk eine» Hauses emporgeschleudert und gelabte». Außerdem wurden bisher zwei Leichen von Der- unglückten aufgesundev. Man glaubt, daß die auf dem Deck befindlich gewesenen Personen, ungefähr zwanzig, gerettet wurden. Das Schiff ist zertrümmert.
Krakau, 19. Mai. Wie die Lemberger Blätter erfahren, sind in Russisch-Polen neue Maßregeln gegen die dortige jüdische Bevölkerung ins Werk gesetzt. Die Regierung erließ Circulare an alle Gemeinde-Vorsteher, worin sie die« selben für die genaue Durchführung der Vorschriften, welche Juden den Aufenthalt in ländlichen Bezirken verbieten, verantwortlich macht. Die Juden in mehreren Bezirken erhielten bereit» Befehl, bis zum 20. Mat auszuziehen.
Graz, 18. Mai. Durch Erlaß des KriegSmiaister» ist 38 hiesigen Reserveoffizieren die OsfizierScharge ge« vommeu worden, und zwar deßhalb, weil die Betreffenden an dem Letcheubegängviß de» Arbeiters Ritter, der gelegeut« lich der Demonstration gegen Badeui getödtet wurde, »heil- genommen hatten.
Rom, 19. Mat. Die Constitutiouelle Gesellschaft in Mailand vottrte nach eifriger DtScusfion eine Tagesord- vuug, welche die Regierung um Beschränkung de» Wahlrecht- und Beschneidung der Vereins- und Preß- Freiheit ersucht. Cardinal Ferrari-Mailand, dessen Verhalten während der Revolution allgemeine Entrüstung hervorgerufen hat, soll, wie verlautet, von dem Posten de» Erzbischof» abberufen werden. General Bava löste die au» Republikanern und Soctalisten zusammengesetzte sogenannte Humanitäre Gesellschaft auf und setzte einen königlichen Commtssar zur Verwaltung ihres 10 Millionen betragende« Vermögen» ein.
Loudon, 19.Mat. Gladstone tst heute früh um 5Uhr gefiorven.
London, 19. Mai. Der Tod Gladstone» wird im ganzen Lande al» nationaler Verlust anerkannt. Alle Blätter erscheinen mit Tranerrand und widmen dem dahingeschiedenen Staatsmanne eingehende Nachrufe. Allgemein wird der Wunsch ausgesprochen, daß die Leiche in der Westminster- Abret beigesetzt werde. Die öffentlichen Gebäude und zahl- reiche Privathäuser tragen Flaggen auf Halbmast gehißt. Der Wittwe Gladstone» find von der Königin, dem Prinzen von Wale» und den übrigen Mitgliedern des Königshauses warm gehaltene Beileidsschreiben zugegangen.
London, 19. Mat. Unterhaus. Das Hans ist doll chesetzt. Der erste Lord des Schatzes Balfour erhebt sich sofort bei Beginn der Sitzung, worauf sämmtliche Abgeordnete da» Haupt entblößen. Balfour führt aus, er glaube,
daS gesammte Haus werde damit einverstanden sein, daß daS Andenken Gladstones, dessen lange glänzende Laufbahn heute abgeschlossen habe, durch die Vertagung deS Hauses geehrt werde. Morgen werde er eine Adresse an die Krone beantragen, daß Gladstones Beerdigung in der Westwinster-Abtei auf Staatskosten erfolgen und ihm dort ein Denkmal errichtet werden wöge mit einer Inschrift, in welcher seine hohen Verdienste anerkannt werden. Harcourt sprach mit wenigen Worten sür die Vertagung, welche sofort erfolgte.
London, 19. Mat. Nach etnerMeldung aus Havanna haben die Amerikaner Santiago de Cuba bombardirjr, ohne großen Schaden anzurichten.
London, 18. Mai. „Daily Chronicle" meldet aus Washington, man habe jetzt die Hoffnung aufgegeben, daß der Krieg zwischen Spanten und Amerika bald beende» werde. In politischen Kreisen tst man der Meinung, daß der Krieg ein Jahr andauern könne.
London, 18. Mai. AuS Key'Weft wird gemeldet, daß man über die B ew egungen de» Geschwader» des Admiral» Cervera keine Nachricht habe, nachdem derselbe Curacao verlassen. DaS Gerücht über die Ankunft eines zweiten spanischen Geschwaders wird als wahrscheinlich bezeichnet.
London, 18. Mat. Dem „Star" wird au» Havanna telegraphtrt, daß ein Landungsversuch der Amerikaner bei Carbarin auf Cuba zurückgeschlagen wurde.
Pari», 18. Mai. In Angoulöme ist dem König der Belgier ein leichter Unfall zngestoßen. Eine Thür traf durch den Zugwind den König am rechten Arm. Dieser Schlag verursachte ihm außer den nicht geringen Schmerzen auch ein blau unterlaufenes Auge. Der König hat sich ge- nöthigt gesehen, sich sofort nach Brüssel zurückzubegeben.
Madrid, 18. Mat. Der Erzbischof von Manila erließ einen Hirtenbrief an die Eingeborenen, worin die Amerikaner als Kirchenschänder bezeichnet werden.
Madrid, 18. Mat. General Augustin setzte in Manila unter der Präsidentschaft Paternos, welcher bet den Etnge- boreneu großes Ansehen und Vertrauen genießt, eine be- rathende Versammlung ein, bestehend aus 15 nationalgemischten Mitgliedern, welche die einzusührende Autonomie eiuzu- führen hat.
Madrid, 19. Mai. DaS in Cadtx befindliche Ge- schwader tst zum Auslaufen bereit und wird 11,000 Mann nach den Philippinen befördern.
New York. 19. Mai. Die Truppen in Tampa leiden fürchterlich durch Sonnenstiche und Fieber. Ueberüte» mangelt es an Wasser. In Key West kostet die Flasche Wasser 50 Centimes.
Washington, 19. Mai. Ueber den Stand der beider- seittgen Flotten ist infolge der überaus streng gehaud- habten Censur nichts bekannt. Nachdem aber aus Key West gemeldet wurde, daß feit mehreren Nächten die Lichter auf dem Leuchtthurme des Fort» Morro vor Havanna brennen, glaubt man, daß die spanische Flotte ihr bevorstehendes Einlaufen in den Hafen von Havanna fignalifirt ha».
Havanna, 19. Mai. Der deutsche Kreuzer „Geier" ist hier eingetroffen. DaS Schiff gab bei der Einfahrt in den Hafen den vorschriftsmäßigen - Salut. Gleich darauf begab fich der Commandant Corvetten-Capitän Jacobsen an Land und stattete dem Generalgouverneur Marschall Bianco sowie dem General Manterola und dem Präsidenten der cnbantschen Regierung Galvez Besuche ab. Die drei Besuche verliefen sehr freundschaftlich und dauerten längere Zeit. Die spanischen Behörden erwiderten die Besuche deS Com- mandanteu alsbald.
Peking, 19. Mai. Seine Königliche Hoheit Prinz Heinrich von Preußen hat heute die Reise nach der Großen Maner angetreten, von wo seine Rückkehr nächsten Sonntag erwartet wird. — Die Festlichkeiten zu Ehren der Anwesenheit Seiner Königlichen Hoheit fanden gestern Abend mit einem Balle in der russischen Gesandtschaft ihren Abschluß.
wahlbervegnirg.
*△ Mainz, 19. Mai. In verschiedenen Blättern fand die Mlnheilung Verbreitung, daß sich auf den jüngst von der nationalliberalen Partei als Caudidat für den Wahlkreis Mainz-Oppenhetm ausgestellten Laudwirth DettWeiler von Laubenheim neben den Stimmen der Deutschfreifinnigeu auch die Stimmen der Demokraten vereinigen würden. Gegenüber diesen Mittheilungen erklärt heute das offtcielle Organ der hiesigen demokratischen Partei, der „Mainzer Anzeiger", mit Bestimmtheit, „daß eine Unterstützung der Candidatur Dettweiler vollständig ausgeschlossen sei." Wie da»
genannte Blatt ferner wissen will, bestände auch in der deutsch- freisinnigen Partei keine Neigung mehr, für die Candidatur Dettweiler einzutreten.
*△ Ans dem Wahlkreis Worm»-Heppenheim, 19. Mai. In einer gestern in Worms stattgehadten Vertrauensmänner- Versammlung der Centrumspattei wurde Freiherr Das! von Köth in Darmstadt, Mitglied der zweiten hessischen Kammer, einstimmig zum Candidaten für den Wahlkreis Worms'Heppeuhetm Wimpfen bestimmt. Frhr. Da5l v. Köth hat fich auf telegraphische Anfrage hin zur Annahme der Candidatur bereit erklärt.
Locales unb Provinzielles.
Gießen, den 20. Mai 1898.
• • Ordens-Verleihung. Sehe Königliche Hoheit der Großherzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom 18. Mai dem General Oberarzt a. D. Dr. Men de, seither Oberstabs- und Regimentsarzt im Jnfantette-Regiment Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116, das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstorden» Philipps des Großmüthigen zu verleihen geruht.
♦ ♦ Auszeichnung. Seine Königliche Hoheit der Groß- Herzog haben Allergnädigst geruht, zum 18. Mai dem Modellschreiuer Karl Eberhard zu Darmstadt da» Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „Für treue Arbeit" zu bet- leihen.
* * Von der Universität. Morgen (Samstag) Mittag 12 Uhr wird Herr Dr. Köppe, der sich als Privatdozent an der medtchtschen Fakultät hiesiger Hochschule zu habilttiren gedenkt, eine Probevorlesung halten.
Touristische». Am Sonntag, den 15. Mai eröffnete die Section Gießen des D. Oe. A. V. ihr Sommerprogramm mit einem Ausflug an die Lahn. Besonders verlockend sah dieser Mattag, wie Heuer leider Üblich, nicht au»; allein die Section verließ fich auf ihr gute» Glück, welche» fie am Sonntag vorher bei dem gemeinsamen Ausflug mit dem TauuuSclub nicht im Stich gelassen hatte. Da» Wetter machte sich denn auch weit besser, als e« den Anschein hatten tote e» denn überhaupt draußen stet» nicht so schlimm ist, wie eS in der Stadt auSfieht. Früh 7 Uhr wurde von Diez abmarschirt, die Chaussee Über Altendiez führte durch frisch grünen Buchenwald und bald bog der schmale Pfad links ab in da» Daubachthal. Bei Hellem Sonnenschein hätte fich diese» Thal allerdings noch weit schöner piäsenttr», wie unter dem trüben Himmel- denn daS Daubachthal tst eines jener eigenartigen, engen Seiteuthäler, wie fie am unteren Lauf der Lahn sich finden. Tief eingerisseu in den Schiefer- fei» biete» e» nur Raum für den Bach und einen schmalen Weg, der zuweilen nur al» Fußpfad weiter führt, ab und zu noch für einen kleinen Streifen Wiese. Die Eigenart des Daubachthal» gegenüber anderen benachbarten Thäleru besteht darin, daß seine Hänge großentheil» mit hohem Wald bestanden sind und sich so Bach und Weg fast durchweg unter schattig grünem Laubdach hinziehen, ab und zu stellt fich eine steile Felswand in den Weg und da wo da» Thal fich etwas verbreitert, lieg» eine einsame Mühle. In einem kleinen Tannenbestand wurden die Rucksäcke abgelegt und daS Frühstück genommen, an welche» fich eine photographische Aufnahme der malerischen Stelle des Thale» schloß. Nach kurzem Marsch blinkte au» der Schatte de» Thale» die Lahn hervor und Balduinstein am anderen Ufer der Lahn lag vor uns. Die Ueberfahrt war mit einigen Umständlichkeiten verknüpft- trotz emsigen Rufen» ließ fich kein Ferge blicken. Jacob, der Fährmann frühstückte gerade und konnte nur mit Hilfe eine» freundlichen Bahnbeamten von dieser wichtigen Beschäftigung abgezogen werden, um un» überzusetzen. lieber die schöne Schaumburg ging der Marsch weiter. Bon dem Thurm der Burg bot fich, da der Himmel hell geworden war, ein prachtvoller Blick über da» Land bi» weit über den Rheiu hinüber. Auf etwas eigenartigen Pfaden, die zuweilen gar keine «ehr waren, stiegen wir zur Lahn ab nach Laurenburg. Steil steig» hier der Weg wieder auf am rauschenden Bergbach entlang, der im engen Bett hinab stürz» zur Lahn. Rechtzeitig noch wurde Dörnberg mit seinem freundlichen WitthShan» erreicht, ehe die schwarze Wolkenwand, welche au» Westen heraufzog, ihr Gewitter über die Gegend nteder- gehen ließ. Wir faße« im Trocknen, bi» da» Wetter, welches rasch vorüberzog, auSgetobt hatte- auf zwar naffen, aber gut gangbaren Wegen wurde dann in einer halben Stunde der Göthepuvkt erreicht- ein hoch über der Lahn gelegener Aus- fichtstempel mit herrlichem Blick auf Arnstein und in das Thal der Weinähr und de» Gelbbache». Zwar kam hier


