Ausgabe 
21.1.1898 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

höhere Auffassung, die sittlichere Auffassung von der Ehe verloren gegangen sei. Hier müffe mit fester Hand zuge- griffen werden, um gegen moralische Berseuchuug einen Schutz zu schaffen.

Abg. Lenzmann (frs. VP.) legt Verwahrung gegen die Art ein, wie Abg. Jskraut vor einem auf den Tribünen leider auch mit Damen besetzten Hause die Materie behandelt habe. Er wendet sich sodann gegen dir Ausführungen de» Abg. Jskcaut, hauptsächlich gegen den der Regierung ge­machten Vorwurf, daß sie nicht längst eine neue Vorlage ge­macht habe. Aber 1892 sei ja der Regierung auch der Vor­wurf gemacht worden, daß es sich bet dieser lex Heintze zu sehr um ein Gelegenheitsgesetz handele, und daß eine allge­meinere Revision des Strafgesetzbuches rathsamer sei. Redner spricht sich dann noch über die einzelnen Paragraphen im Sinne seines Fractionsgenoffm Beckh aus und erklärt sich ferner mit den Vorschriften gegen daS Zuhälterthum uno gegen den Mißbrauch des Arbeit-- und DtenstverhältniffeS e nverstanden, aber nur insoweit dieser Mißbrauch unter An­drohung wirthschaftlicher Nachtheile erfolge.

Abg. Schall (cons.) weist auf das Entschiedenste die Auffaffung des Abg. Bebel zurück, als sei die Unfittlichkett nur oder auch nur hauptsächlich bei den besitzenden Klaffen zu finden. Duldung und Coucrffiouirung öffentlicher Häuser sei eine fittliche Verfehlung der Staates. Die Prostitution sei kein nothwrndtgeS Nebel. Luther habe sehr streng Über die Ehe gedacht und Tödtung der Ehebrecher gefordert- das solle Herr Bebel berücksichtigen, der neulich das Verhalten Luthers der Ehe gegenüber als zweifelhaft darftellte.

Abg Zimmermann (Äntis.) legt gegen die Beschul­digung 6(8 Abg. Bebel, betr. die Dresdener Kegler, ent­schieden Verwahrung ein. Auch die Maidemonstration der Dresdener Socialdemokraten sei keineswegs so harmlos ge­wesen, wie Herr Bebel str geschildert. Gegen die Behauptung des Abg. Lcnzmann, daß die antisemitischea Bilderbogen un­sittlich seien, müffe er, Redner, Verwahrung einlegen- Herr Lcnzmann scheine sehr empfindlich gegen die Cariciruug der Juden zu sein.

Abg. Bebel (Soc) will seine Behauptungen bezüglich des Keglerciubs in Dresden beweisen. DaS Herbetströmen von Damen zu derartigen Festen sei allgemein bekannt. Die tollen Eeruen, die bei jenen Festen vorgekommen, hätten ihre Vorspiele gehabt, die auch der Polizei nicht verborgen ge- blieben seim könnten. Die K.glerzeitung habe eine Annonce gebracht, in der gewisse Gummi Artikel zum bevorstehenden Cougrrß empfohlen worden seien. Was die Herren des Keglet clubS getrieben hätten, ergebe sich aus zwei Festliedern, deren Inhalt geradezu scandalöS sei. (Abg. Bebel legt diese beiden Festlieder auf den Tisch deS HausrS nieder.) Auch bet dem Bund'sschteßen in Berlin seien derartige Dinge vor- gekommen. Hoffentlich werde die Vorlage in einer Com­mission berarhen, damit die Details besprochen werden könnten. WaS die Aeußerungen Luthers über die Ehe und den Ehe­bruch onbelange, so seien diese Aeußerungen auS den Jahren 1517 bis 1522 so stark, daß fie jedem seiner Freunde, der sie heute wiederholen wollte, eine strafrechtliche Verfolgung etntragen würde.

Abg. Zimmermann (Autis.) hält irgend welche Be­weise für die Beschuldigungen gegen den Dresdener Kegler- club nicht für erbracht. Die Annonce sei ausdrücklich vom Club gerügt. (Hört! hört!)

Abg. Bebel (Soc.) lehnt eS ab, fich vor Gericht mit den Herren aus Dresden auSetnanderzusetzev. Herr Zimmer- mann könne ihm jedenfalls dankbar fein, daß er durch ihn Anlaß gefunden, eine so schöne Rede zu halten. (Heiterkeit.)

Die Debatte wird geschloffen- die Vorlage geht au eine besondere Commission von 14 Mitgliedern.

Präsident Frhr. v. Buol macht noch Mittheilung von dem plötzlichen Ableben deS Abg. Frhrn. v. Gültltugen (Rp.)- das HanS erhebt sich von den Plätzen.

Nächste Sitzung morgen 2 Uhr. Tagesordnung: Fort- setzung der EtatSberathung (ReichSamt deS Innern).

Sch 7 Uhr. __________________

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Januar. DaS kaiserliche Hoflager wird, wie dieNordd. Allg. Ztg." bestätigt, am 24. d. M. vom Neuen PalatS nach Berlin verlegt werden.

Berlin, 19. Januar. Für die Einweihung der evangelischen Kirche in Jerusalem, welcher daS Katserpaar beizuwohnen gedenkt, ist nach wie vor der 31. October, als Jahrestag der Grundsteinlegung durch den

Kronprinzen Friedrich Wilhelm im Jahre 1869, tu Aussicht genommen.

Berlin, 19. Januar. In der heutigen Sitzung der Justiz-Commission beß Reichstages wurde § 49 der Novelle zur Ctvtlprozeßorduuug angenommen, dagegen § 84 einstimmig gestrichen. Der vorgeschlagene Zusatz za § 87, Absatz 1, betreffend die Kostenerstattung und Entschä­digung deS Gegners, wurde nach längerer Debatte an­genommen.

Berlin, 19. Januar. DieNordd. Allgem. Ztg." hört, an Stelle des einstweilig in den Ruhestand tretenden Grafen Luxburg ist der Vortragende Rath im Auswärtigen Amte, MtchahelleS, zum Mtnisterrefidenten in Port- au-Prince auSersehen. Der erledigte Posten des Gesandten in Guatemala ist dem früheren Generalconsal tu Sofia, VotgtS-Rheetz, übertragen.

Berlin, 19. Januar. DiePoll" erfährt, ihr Re- docteur Fink sei auf seinen Antrag infolge neuerlicher An­schuldigung deutsch-amerikanischer Zeitungen bis zum gericht­lichen Nachweis seiner Unschuld von seiner Stellung bet der Post" und dem Bureau der frei-conservativeu Partei seit Montag suSpendirt.

Frankfurt a. M.. 19. Januar. DerFrkf. Ztg." wird aus Mainz telegraphirt: Nach zuverlässiger M-tthetlung wurde in Berlin die Entfestigungsfrage von Kastell, soweit sie fich auf die Beseitigung der Umwallungen von Kastell be­zieht, definitiv entschieden.

Köln, 19. Januar. DerK. Z." wird auS Petersburg gemeldet:Neben den wichtigen militärischen Personalver­änderungen anläßlich deS russischen NeujahrtageS ist eine militärische Vrränderung für die westlichen Nachbarn Rußlands von größerer Wichtigkeit unbemert vorübergr- gangen, nämlich die Bildung zweier neuer Armeecorps in den Militärbezirken Wilna und Kiew. Da Rußland zu der­artigen Armeeveränderunken keiner Bewilligung einer Volks­vertretung bedarf, so erfolgen fie immer überraschend. Ja diesem Falle ist die Uebrrraschung groß, da Niemand ahnen konnte, daß Rußland, welches scheinbar in Asien, England und Japan gegenüber so verwickelt war, unter steter Be­tonung des Friedens in Europa eine derartige Verstärkung seiner Westgrenze vornehmen würde.

Kola, 19. Januar. DerK. B.-Z." zufolge brachte der CentrumSabgeordnete Fuchs tm Abgeordnetenhaufe einen Gesetzentwurf, betreffend Abänderung des preußischen WahlversahrenS bei den GeweinderathSwahleu ein, demzu­folge in Gemeinden, in welchen die Bildung der Wähler- abtheilungen nach der Maßgabe dtricter Steuern stattfinden, die Urwähler tu drei Abtheilungen getheilt werden sollen, derart, daß von der Gesammtsumme der Steuererträge Urwähler 5/n auf die erste, 4/ia QUf die zweite und 3/n aui die dritte Avrheilung entfallen, jedoch müffeu in der ersten Klosse mindestens 10% und in der zweiten Klaffe miudest- 20% der Gesammtzayl der Wähler vertreten sein. Die K. V. Z." fügt dieser Meldung hinzu, die Stellungnahme der einzelnen Parteien zu diese'' Frage müsse wesentlich *ür die Stellung mitbestimmend sein, welche das Centrum bei den Neuwahlen zum Abgeordn-*e<ause etnnehme.

Att-land.

Wien, 19. Januar. Die GemeindeKönigliche Wein­berge" bei Prag hatte gegen den Auftrag deS Un.errich^- Ministeriums, eine dreiklasfige deutsche Mädchenschule zu errichten, Beschwerde erhoben. Abgeordneter Herold ver­trat die Beschwerde. Der DerwaltungSgerichtShof hat jetzt der Beschwerde stattgegebeu und die Verfügung des Unter­richtsministeriums als ungesetzlich aufgehoben, weil fich um keine Pfltchtschule handle und die Gemeinde daher nicht gehalten sei, fie zu errichten.

Prag, 19 Januar. WiePolitik" meldet, tritt der ReickSrath bestimmt Anfang März zusammen.

Prag. 19 Januar. Der Prager Stadtrath beschloß, dem Statthalter ein Memorandum zu überreichen, in welchem 8 derselbe aufgefordert wird, gegen daS provocirende Auftreten der deutschen Studenten energisch ei"zuschreiten, da sonst Excesse unvermeidlich seien und der gesammte Handel und die Industrie Prags in Mitleidenschaft gezogen werde.

Ancona. 19. Januar. Im Innern der Stadt dauert die Ruhe au- dagegen wurde in der Gegend deS Bahn­hofes, wo zahlreiche Socialtsten und Anarchisten wohnen, ver­sucht, mit Balken und Brettern von Zäunen Barrikaden zu bauen. Die Polizei läßt fie räumen. Einige Verhaftungen wurden vorgenommen. In der Richtung auf Torretta wurden

Nr. 17

ErstesBlM

Freitag den 21. Januar

1898

Kies; euer Anzeig er

Kenerat-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giefzen.

Gratisbeilage: Gießener Familienbliitter

Bezugspreis vierteljährlich

2 Mark 20 Pfg.

monatlich 75 Pfg. mit Bringerloh».

Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg- vierteljährlich.

Abnahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Alle Anzeigen-Bermittlungsstellen deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.

l fcwtag n 6.30 W ft dns no Sihleolatzzi, na Sisntrn nab Snbn '$ra8|ro, mt He »Politik ab Heia btn Ntfo lASitl sie bau habhaft dum i) bin: Dnliienben. He v.ttt #2ra«iengtftnnrphi U:rrri*Ä| tiagM

1^chel«t täglich mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Kamilieubkättcr werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schulstraße Ar. 7.

Adreffe für Depeschen: Anzeiger Hieße».

Fernsprecher Nr. 51.

t Liebig, HUIO*

SsKv

Deutsche* Aetchitag.

20. Sitzung vom Mittwoch, ben 19. Januar 1898.

Tagesordnung: Fortsetzung der Berathung beß Gesetzentwurfs betr. Aenderungen des Straf­gesetzbuches (lex Hriatze).

Abg. Dr. Ho effel (Rp.) begrüßt diesen erneuten Versuch, gewissen Mißständen entgegenzulreter-, mit Genug- thuuug. AuS den umfangreichen Verheerungen, die die Syphilis anrichte, erhelle die große Gefahr, welche auf dem Gebiete der Prostitution vorltege. Die Kafernirung sei k-in wirksames Mittel. Ebenso tote er die Kuppeleiparagraphen billige, ebenso stimme er dem § 182a betr. den Mißbrauch beß ArbeitS- und Dienstverhältnisses durch Arbeitgeber und Dienstherren zu. Desgleichen den Paragraphen, die fich gegen bie unzüchtigen Druck chrtften, Colportage.Romane rc. richteten. Er möchte daher die Regierung dringend bitten, diesen Entwurf aicht wieder in ben großen Papierkorb zu werfen.

Sächs. Geh. Rath Fischer tritt der neuerlichen Be­hauptung des Abg. Bebel entgegen, baß auf einem vor Kurzem in Dresden stattgehabten KeglerbundSfeste arge Unsttt- lichkeiteu vorgekommen und geduldet seien. Es habe damals kein Zuzug öffentlicher Dirnen nach Dresden stattgefunden, anb eS seien überhaupt keine Ausschreitungen erfolgt, welche rin Eingreifen der Polizei gerechtfertigt hätten.

Abg. Beckh (frs. Dp.) betont, der Entwurf enthalte Bestimmungen, denen seine Partei nicht zustimmen könne- die fittliche Tendenz beß Antrages erkenne er an, auch billige er tta Vorgehen gegen baß Louißthuw. Die vom Abg. Spahn betonten vielen Ehescheidungen seien kein Beweis für zu- nehmende Entsittlichung. Ebensowenig fei die Statistik der anehelichen Geburten beweiskräftig- die Lüberlichkeiten, wo man solche Geburten zu vermeiben wisse, seien viel schlimmer. § 182 sei unannehmbar. Die Schutzgrenze von 18 Jahren sei zu hoch gegriffen. Ganz entschieden müffe er den Vor­schlägen gegen die Unfittltchktiten auf dem Gebiete der Literatur anb Kunst widersprechen. Was der Eine für grobe Unan* ftandigkeit halte, darin sehe der Andere nur eine Dummheit. 6t bitte, den Entwurf nochmals an eine Commisfion zu weifen.

Abg. v. Salisch (cons.) kann nicht begreifen, wie man in so wichtigen Dingen fich auf eine so öd- Negation be­schränken könne, wie dies der Vorredner gethan. Wenn anbererfeitß Herr Bebel soviel Gewicht auf bie polizeilichen M ßgriffe gelegt habe, nun Mißgriffe kämen überall vor, and im Allgemeinen sei die Bekrittelung unserer Polizei un­berechtigt.

Abg. IS kraut (Antis.) tritt sämmtlichen Vorschlägen beß Centrumsetttwurfs bei, spricht sich gegen baß Bordell- ivesen auß unb verurtheilt zugleich sehr lebhaft das preußische System, weil dieses einerseits die Unzucht strafe, andererseits aber die Unzucht schütze, die fich bei der Polizei melde. Das­selbe System laffe Überdies die Männer strafen, die Unzucht trieben. Die Kieler Bordellwirthe hätten sogar 1895 ge­wagt, sich mit einet Petition an den Reichstag zu wenden und zu bitten, dem Oberstaatsanwalt zu verbieten, sie in ihrem schwierigen Gewerbe zu belästigen. Seitdem sei dort ein anderer Staatsanwalt. Schließlich verlangt Redner zum § 181, daß nicht nur bie Kuppelei, sondern auch die erwerbs­mäßige Unzucht selber unter schwere Strafe gestellt werde. Des Weiteren polemifirt Abg. Jßkraut noch lebhaft gegen bie neulichen Ausführungen des Abg. Bebel, der zu einem Reformator jedenfalls nicht Paffe, sondern nur Revolutionator fei. Wenn wir, so schließt Redner, dem Rathe des Abge- ordneten Pieschel folgen wollten, dorthin zu gehen, wo Ändere aicht hingehen könnten, und wenn unsere Wähler wüßten, wo Manche von unß hingehen (stürmische Heiterkeit), so mürbe Mancher von uns nicht wieberkommen. (Wiederholte Heiterkeit).

Abg. Roeren (Centr.) bedauert, baß die §§ 184a mb b, bie er für die wichtigsten halte, angefochten worden leien. Jetzt könnten schamlose Nuditäten ausgestellt werden, chne daß Bestrafung erfolge, weil, nach Rechtsprechung beß »eichsgericht», zur Bestrafung bie schamlose Handlung er» forderlich sei. Und wi' aufregend wirkten auf unsere Jugend sie schamlosen Nuditäten, die in ben Schaufenstern außlägen. Erniedrigten fich Kunst rc. zu so Gemeinem herab, so hätten üe auch keinen Anspruch auf Schutz. Redner widerspricht deß Weiteren den Einwänden beß Abg. Pieschel gegen 4 182 a: Mißbrauch beß Dienstverhältniffeß. Erpressungen Wen ja möglich, aber die Fälle solchen Mißbraucheß seien lloch erschrecklich zahlreich. (Widerspruch). Die Ehe sei viel- isach ein Geschäft. Daß komme aber daher, daß vielfach die

jcha Dcnrnritag

Versuch beweist

(rso XBftMhnuar r

S« t

lc«brid>te#.

»Mal «aber fit 1« ] |tr|tiuti, btt ihn

9a tatafr« fab A getan str -«r ztb» oen tbntr. n

L ea, 6l Mn unb mg

üs*

8

ibn b(B g £

kii b

<brt l895 «J

«--'N«,

St S

»I km |U ®»'»

°°° Nrntlti, iitTjrtu 111

' t3Teuubi dm. 17, & Mn» Boa October 1891 ir; s'5QTaturarbeiten 8ffi» 4 2er |g - urn tzihküte anb S» bur. 19. ÄDtta mb 6tbü6rtn bm inftmg ftoti Lrnbgkrich! R Ahln mb vch I Sniitagi tn bin Bacii ü ßintta Rim®« dm. - nvet Ia;t bantn.

Stellen-Angebote.

Stellen-Gesuche-