Sonntag den 20. November
Nr. 273 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger
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Der Vorstand.
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Refcacrton, Lspedttian und Drudnri:
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Fernsprecher Nr. 61.
Postreformen.
Die großen verdtrostr de» erfreu GeaeralpostmeisterS btl deutschen Reiche», de» Herrn v. Stepban, wollen wir nicht verkleinern, aß er e» war lmmeihtn cn g'oßer Fehler bitft» genialen Manne», bah er zu sehr vom grünen Tisch au» regierte, daß er auf die Ansichten und Wünsche de» am Ber- k<hr»wesen betheiligten großen Publikum» nicht allzu viel Werth legte. Wir wifftn ja, daß er tn den l-tzteu Jahren seine» Wirken» auf alle im Reichstage vorgeßrachten Wünsche und Forderungen lediglich eine Antwort hatte: ,bie Finanzlage de» Reiche» läßt e» nicht gu*. Und die Prtvaipostau« stalten, welche in den letzten beiden Dectnnitn tn so großer Anzahl entstanden, behandelte Herr von Stephan sehr von eben herab; er ließ immer fühlen, daß nach seiner Anficht diese Unternehmungen nicht reusfiren könnten- e» erscheine deshalb ganz nnvöihig, auf dieselbtn irgend welche Rücksicht |u nehmen. Auf einen großen Theil der Priootanstalten traf diese Anschauung wohl zu, da sie vielfach Elutag«- Unternehmungen blieben und kurze Ztit nach ihrer Gründung fang- und klanglo» wieder von der Bill fläche verschwanden. Aber einzelne haben doch einen ungeahnten Aufschwung genommen und find zu einem unentbehrlichen Bedürsniß geworden.
Herr v. Poßbielskt denkt in vieler Beziehung ander» al» fein Vorgänger. Schon daß er mit den Kreisen der Industriellen, den Vertretern de» Handel» und der Landwtrlh- schäft Fühlung nahm, um die Bedürfntffe der Nächstbetheiligten tu Bezug auf den Post- und Telegraphenverkehr kennen zu lernen, ließ erkennen, daß er ein Freund eigener Anschauung war und vom Regieren Hinterm grünen Tisch her nicht viel hielt. S:tne Re se nach Oesterreich-Ungarn und den Baikanländeru war eine Studienreise, deren Ergebnisse bald in diesen oder jenen Reformen zu Tage treten dürften. In diesen Tagen wellte Herr v. Podbtelske in Süddemschland, um mit den beiden anderen deutschen Postoerwaltungen über verschiedene Punkte in'» Einvernehmen zu treten. Wie jetzt verlautet, ist eine Verständigung erzielt worden bezüglich der Privaipostanstalten, de» Postzeitnng»tartf» und der Fernsprechgebühren. Mandats deshalb wohl annehmen, daß dem Reichstage noch im Laufe d efer Legislaturperiode entsprechende Vorlagen zugehen werden. Die Prtvatpostunternehmungen haben bereit» den vorigen Rrichstag beschäftigt, und e» heißt ja, daß Herr v. Podbtelskt für die Bean'prnchnng de» Postregals für Oetssendungen den Unter« nehmungen Entschädigungen zahlen und die infolge jener Maß regel beschäftigungslos werdenden Privatbeamten thunltchst in den Retchsdtenst übernehmen wolle. Und was den Post- zeitungstartf betrifft, so erinnert fich der Verfasser, daß bereit» Mitte der 70:r Jahre Seitens dt» Reich-Postamts dc-
Hebungen behns» einer gerechteren Erhebung der Zeitungs- gebühr angeordnet waren. ES wäre mithin an der Zeit, wenn diese Angelegenheit ihre b>fin<tive Regelung fände.
Bis jetzt verlautet noch N cht» darüber, ob eine ver- billigung der Fernsprechgebühren geplant ist. Wenngleich eine solche sehr zu wünschen wäre, so würden wir — wie wir bereit» früher ausgeführt haben — doch ichon zufrieden fein, wenn die Zahlung mehr al» bisher noch den Leistungen erfolgte, und wir haben das vertrauen, daß in diesem Sinn eine Reform beliebt wird. Hiffentlich (offen die Segnungen derselben nicht mehr allzu lange aus fich warten I (xx)
Deutsches Reich.
M P C. Berlin, 18. November. Dieser Tage ging eine Meldung durch die Blätter wegen der diplomatischen Sprache, die nicht mehr ausschließlich französisch, sondern auch englisch und deutsch sei- die Nationen machten fttzl den Anspruch geltend, ihre Sprache solle ebensall» zur diplomatischen erhoben werden. Ob fie damit durchdringen werden, scheint einigermaßen fraglich. Jedenfalls steht fest, daß bi» 1878 die französische Sprache allein al» diplomatische galt. Damals erhob visma-ck zuerst den Anipruch, taß bte Diplomatie auch deutsch verstehen solle. Die betreffende Kundgebung de» deutschen Reichskanzler» hat in mehrfacher Beziehung h storilchen Werth. — Die französischen Geschworenen hatten den oder die Mörder deutscher Soldaten freigesprochen. Wir hielten damal» noch einen Theil sravzöstschen Gebiete» besetzt, und Bismarck erklärte der sranzösiichen Regierung in deutscher Sprache, man werde fich deutscherseit» in Zukunft allein Recht zu verschaffen wissen. Von englischer Seite wurde der deutsche Anspruch unterstützt Die englische Diplomatie fühlte fich feit jener Zeit auch nicht mehr an das Fraruöstlche gebunden.
MFC. Wie fich die spanisch -amerikanischen Friedensverhandlungen noch in die Länge ziehen werben, ist einstweilen nicht abzusehen. Möglich, daß jetzt wirklich der Vorschlag eine» Schiedsgericht» wegen der Philippinen Anerkennung ffibet.
M P C. Wie wir hören, wird der neneraannte Gesandte beim heiligen Stuhl, Baron von Rotenhan, fich nach der Rückkunft de» Kaiser» bei demselben melden und erst daun ferne Ueberfiedelung auf den neuen Posten vornehmen.
Ausland.
London, 18. November. Nach Meldungen au» Peking wurde «weitschaufu von Aufständischen geplün« bert und viele Einwohner getödtet. Da» katholische
Misfion»hans wurde niebergtbrannt, und nur wenige Missionare konnten sich durch dir Flucht retten. Wettere Einzelheiten fehlen noch.
London, 18. November, verriebene Blätter versichern, daß ein neuer Eonflict zwischen Frankreich und England demtächst zum Ausbruch kommen werde, weil eine sranzösi che Expedition aus geheimnißoolle Weise in das Eordosau G biet, das ebenfalls früher eghptisch war, ausgebrochen und somit wieder eine neue unfreundliche Haltung gegenüber England zu eonstatiren ist.
M P.C. vereinigte Staaten. Dem »Scientific Bmerkata' entnehmen wir folgende Einzelheiten über die Organisation des amerikanischen Heeres. Die Armee besteht an»: 1) Der regulären Armee, welche im Solde der vereinigten Regierung steht und säst ausschließlich von Offizieren com- wanbiit wirb, welche aus der Militär-Akademie zu West- Point bei New Ao»! hervorgeheu. Diese Ofstziere erhalten ihr Patent aus den Händen des Präfidenteu. 2) Der Nationalgarde, welche fich ausschließlich aus Truppen ihres betreffenden Staates zusammensetzt und unter dem Oberbefehl ihres respeetiven Staaten Gouverneurs steht. Die höheren Offiziere werden durch die Gouverneure errannt, die anderen, vom Oberst aurschließlich abwärts, werden meistentheils durch Ballotage von ihren Truppen gewählt. Die Nationalgarde ist speeiell für die Laudesoertheidigung beft mmt. 8) Den volontairen. Diese bilden eine Truppe, welche nur im Kriege auf Befehl de» Präfidenteu zusammentritt, und werden theU» durch Offiziere, welche die Milttär-Kkademie durchgemacht Haden, theil» durch Offiziere der Nationalgarde ober durch Etvilisten commaoblrt. Die Dienstzeit ta der regulären Armee beträgt drei Jahre, in der freiwilligen zwei Jahre. Die Zahl der zur Militärakademie commanMrten (Sacetten beträgt 871. Diese stehen im Alter von 17 bis 22 Jahren. Die Ausbildung dauert 4 Jahre und erstreckt fich auf Mathematik und Militärwiffenschasten. Bon Mitte Juni bis Ende August jeden Jahre» erhalten die Eadetten tm Lager die praktische Ausbildung. Während der Ausbeldungszeit erhält jeder (Kabelt 540 Dollar» zur Bestreitung seine» Unterhalt». — Bor dem Kriege bestand die reguläre Armee aus 27 532 Mann und 2179 Offizieren. Der jetzige Bestand ist 62000 Mann einschließlich Offizieren. Die Gehälter find folgende: Generallieutenant 11000 Dollars, Generalmajor 7500, Brigadegeneral 5500, Colonel 8500, Oberstlieutenant 8000, Major 2500, berittener Eapttäu 2000, nnberittener 1800, Regimentsadjmant 1800, Zahlmeister 1800, berittener Premier Lieutenant 1600, nnberittener 1500 Alle Offiziere vom Colonel abwärts erhalten außerdem von 5 zu 5 Jahren eine Alterszulage. Der Sold der Gemeinen beträgt tn den
Was die Steine reden? eine Wanderung über den Gießener Friedhof, von Carl Geißler.
Roch liegt goldener Sonnenschein über dem stillen Friedhof, der Herbstwind säuselt in den Zweigen — ein Scheide« grüß de» Jahre» vor dem Beginn der Winternacht!
Goldener Glanz über den verwitterten Grabsteinen, über den Marmordenkmälern und über den frischen, noch mit Blumen und Kränzen bedeckten Hügeln, an denen noch vor wenig Stunden die Thränen de» herbsten Schmerzes reichlich gefloffcn find!
Und bann kommt ein Tag, ein trüber Tag, wo zahllose Menschen hinauspilgern zu den Gräbern ihrer Lieben
Die nimmer versiegende Liebe bewahrt theuren Ver- storbenen nicht nur im Herzen ein pietätvolle» Gedächlniß, sie äußert fich auch im würdigen Schmuck der Grabstätten und durch Errichtung kunstvoller Gedenksteine, auf denen manch ehrender Nachruf, manche» Wort der Liebe, de» Schmerze«, de» Tröste» oder der Hoffnung auf ein Wiedersehen eingegraben ist.
Wir gehen von Gruft zu Gruft, von Kreuz zu Stein und überall finden wir die gleiche Klage der verwundeten Herzen um die Dahingeschiedenen.
Meist find solche Grabschriften Stellen au» der heiligen Schrift, die von tiefem Empfinden Zeugniß geben und eine lebendige Sprache de« Herzen» reden. Leider findet fich daneben auch viel Ungereimte».
An einem Kindergrabe machen wir halt; der Stein trägt die Inschrift:
In der Jugendblüthe abgeriffen
Gingst Du früh der schönen Heimath zu;
Deine engelreine Seele schwebet In den Lichtgefilden ewger Ruh!
Dort deutet nur eine gebrochene Säule, eine geknickte Rose den Tod eine» in der Blüthe seine» Leben» hinweg- gerafften Mädchen» an.
Epheu umrankt eine Tafel; hier ruht eine in den ersten Jahren de» Eheglück» abgerufene junge Frau, und Gattenliebe hat ihr die schönen Strophen gewidmet:
Durch Liebe beglückend, an Huld unvergleichbar, Durch Schönheit entzückend, in Treu' unerreichbar, Mild, edel und rein,
So gingst Du zur Ruhe, der ewigen ein.
Und nebenan hat nach langen Jahren auch der Gatte feine Ruhestätte gefunden:
Jede Herzenswunde Heilt bie Todesstunde.
Der Versicherung bleibenden Gedenkens ist in den schönen Worten des Dichter» Ausdruck verliehen:
,$ßa» wir bergen, in den Särgen, ist da» Erdenkleid, Was wir lieben, ist geblieben, bleibt in Ewigkeit!' und:
.Wer im Gedächlniß seiner Lieben lebt, Der ist nicht tobt, er ist nur fern.
Tob nur ist, wer vergeffen roitb.'
Ein Kreuz zeigt die Worte:
.Was Du ewig liebst, ist ewig Dein." ein anderes:
.Die Liebe höret nimmer auf.' ein dritte«:
„Es ist bestimmt in Gotte» Rath, Daß man vom Liebsten, um» man hat, Muß scheiden.'
Zahlreiche Denksprüche geben der Hoffnung auf ein Wiedersehen Raum:
„Trennung ist unser Loo«, Wiedersehn unsre Hoffnung." oder:
„Die Lieben, die der Tod getrennt, Vereint der Himmel wieder.'
und auf der Ruhestätte eine« Ehepaare« lesen wir auf der von Immergrün verdeckten Gedenktafel:
Die Einz'ge, die einst mich ganz gekannt, Ging mir voran in unbekannte» Land;
Run tret auch ich die letzte Reise an — Ob ich sie finden mag auf weiter Bahn?
Ein hoher Stein, welcher unter dem Namen de» Verblichenen nur die Jahre»zahlen 1802 — 1883 trägt, spricht in seiner Einfachheit vielleicht eine weit beredtere Sprache al» viele der prunkvollen Grabmäler; ebenso berichtet eine Inschrift von dem Abschluß eine» an Mühe und Arbeit reichen Leben» durch die Worte:
„Thätigkeit war die Seele feine« Leben«, Arbeit fein tägliche» Gebet.'
Dir gelangen an die Ruhestätte von 70 im Kriege 1870/71 in Gießen verpflegten und geworbenen deutschen Kriegern. Mit einfachen Kreuzen geschmückt, liegen die langen Gräber- reihen nebeneinander- drunten schlummern so viele, die die Freude, der Stolz und die Stütze ihrer Eltern waren, — die ein früher Tod hinweggerafft hat. Da» einfache Sandsteindenkmal auf dem Hügel trägt welken Blumenschmuck; ein Zeichen, daß auch sie nicht vergeffen find, die für da»


