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20.11.1898 Viertes Blatt
 
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Gießener Anzeiger

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Arrasprrchcr Är. 01.

Deutsches Reich.

Berlin. 17. November. Urber den Laval herüber er« tlacn wieder englische Lockrufe an Deutschland. Die drückt io einem Leitartikel ihre Genngthnoug über die In der deutschen Presse begtuurvde Anerkennung au», daß der Gedanke Ehamberlain», daß trotz der Nebenbuhlerschaft Im Handel die Gruudioterrfsen und die Gleichheit der Ziele England und Deutschland tu der Entwickelung der Menschheit Sette au Seite stellen sollten, etwa» für sich habe: »Eng« land hat keine ständigen Streitfragen mit Deutschland, und e» liegt kein Grund vor, weßhalb ihre Interessen in Europa zusammeustoßen sollten. Auf colonialem Gebiete kann Eng- land sich nicht über eine Politik der Nadelstiche von Seiten Deutschland» beklagen, dessen Politik jederzeit positiver und offenbarer auf eine berechtigte Bersolguug solider Interessen begründet war, al» diejenige Frankreich». Eagland hat hin- sichtlich Deutschland» keinen Wunsch auf irgend einen Aus­tausch von Diensten, wohl aber auf eine mannhafte Freund- scha't, gegründet auf gegenseitige Achtung uod auf eine Ent- Wicklung, welche fich auf den vom gegenseitigen Interesse uad der Gemeinsamkeit der Ziele vorgeschriedeneu Linie« bewegt." In Lhina habe da» englisch-deutsche Zusammenwirken einen befriedigenden Anfang in Gestalt eine» Handel»- und Finanz- bflnbntfic» zwischen bedeutenden englischen und deutschen Firmen gemackt.

Berlin. 18. November. Da» Reich»tag»präfidium. Ueber die künftige Zusammensetzung de» Reich»tag»präfidiu«» schreibt dieD. T. in konservativen Kreisen hätten Er­wägungen über die Persou de» etwa vorzuschlagenden ersten Vizepräsidenten de» Reichstag» noch nicht stattgesundeo, fährt aber irotzdem fort, e» dürften die Abgeordneten Graf Stol- berg, Dr. von Fiege, vielleicht auch von Livetzo« tu Betracht kommen. Al» nationalltberaler BizepräfidelltschaftS-Eandidat werde in erster Lmte Bafsermann genannt. Da» Letztere ist richtig für den Fall, daß Graf Ballestrrm Präfident wird: e» ist immer Werth darauf gelegt worden, daß Süddeutschland im Präsidium vertreten sei. Sollte aber Herr von Hertlivg Präsident werden, so würde vielleicht ein Nationalltberaler au» Norddeutschland al» zweiter Vizepräsident vorgeschiagen »erden. Gänzlich au»geschlofftu ist, bah Herr von Levrtzow, der viele Jahre Präsident war, da» Amt eine» vtzeprästdeuteu auoehmeu würde.

Btritt, 18. November. versicheruug»pflicht sür Lehrer und Lehrerinnen. In den «reisen der Privat- lehrer ist der Wunsch nach einem Anschluß an die reich»- gesetzliche Invalidenversicherung laut geworden. Die Novelle zum JovaUdenverficherong»gesetze hat dielen Bestrebungen Rechnung getragen und fich sür die Einführung de» ver- ficherungßzwange» sür Lehrer und Lehrerinnen, Erzieher und Erzteherinuen entschieden - der Versicherung-Pflicht sollen aber, wie in der Klaffe der BetrirbSbeamteu, nur so chr Lehrer unterworfen werben, deren Jahre»etvkommen 2000 Mk. nicht übersteigt, denn nur für diese ist da» Bedürsmß nach gesetz­licher Fürsorge anzuerkevnen. Au» gleiche« Grunde sollen die Lehrer von der verficheruogSpfl cht dann ferubletben, wenu sie an öffentlichen Schulen oder Anstalten augestellt stad und infolge dieser Avstellang eine Penstov»avwartschaft haben, bet Anstellung au nichtöffentlichen Schulen oder An­stalten sollen fie unter der gleichen Voraussetzung nach Prü­fung der verhältniffe von der verficherungßpfllcht auf Antrag entbunden werden dürfen.

Att-Urvd.

Wie». 18. November. In hiesigen unterrichteten Kreisen wird die Budapester Meldung von der Erschütterung der Stellung de» KriegSminster« von Krieg»bammer al» unrichtig bezeichnet, umsomehr, al» e» erwiesen sei, daß der KrtegSminister durch leinen Erlaß da» ungarische Nationri- gefühl absolut nicht beleidigen wollte und man von maß­gebender Sette nicht gewillt ist, den ungarischen Ehanviuisteo ohne jeden Grund ein Oaser zu bringea.

Polo, 18. November. Für den Empfang de» deutschen Kaiserpaare» sind bereit» alle Vorbereitungen getroffen. Zu seiner Begrüßung trifft der Marine-Low- Mandant Spann hier eiu. W e verlautet, wird da» Kaiser» paar die Reiseroute über DtvacoaUdineFraozen»feste Jau»bruck etoschlagea.

Loads«, 18. November. Weitere vertheidignng»- maßregeln werden von der brütscheu Regierung geplant. Der KrtegSminister Marqui» von LauSdowoe hielt in Ply­mouth eine Rede, in der er sagte: Die britische Flotte müsse unwiderstehlich sein, und er halte fie für stark genug, um jeder Vereinigung, der mau eutgegeusehe« könoe, Widerstand

Fenilleton.

Znr ßinweihungsfeier nach Jerusalem.

(Schluß.)

Alexandrien, 6. November 1898.

Nachdem mit der E uwethnugSfeier und der Besitz- ergrelfung der Höhepunkt der Jerusalemer Katsertage erreicht worden war, schickten wir un», unserem Programm gemäß, zur Weiterreise au. Die Rückfahrt uach Jaffa war auf deu 1. November Morgen» festgesetzt, bereitete aber noch einige Schwierigkeiten, da am Tage vorher, etwa 9 Kilometer vor Jerusalem, eto Güterzug entgleist und die Strecke vorläufig unbefahrbar war. Unser Gepäck wurde daher auf Maul- thiere geladen, wir selbst bestiegen noch eiumal die kleinen Grauthierchen, die un» einige Tage früher uach dem Oelberge hiuaufgrtrageu hatten, uod htuao» giog e» in früher Morgen­stunde durch da» Jaffathor, da» Thal Hermon htuab nach der durch ihre Sauberkeit ougenehm auffallenden druischeu Eolouie Pefratm uud dann querfeldein bi» zur Uufallstelle. Der Ritt durch die frische, klare Morgenluft war eotzückeud, uud noch einmal erfreuten wir uni an de« herrlichen Blick aus die so eigenartige Laudschast mit den hochaufrageudeo Mauern Jerusalem » vorn, den Oliveuhainen rwgtumher und deu immer tu zarte, blaue Töne gehüllten Moabiter Gebirge» tm Hintergründe.

Ja diese Stimmung paßt eine Eiseobaha nie recht hinein. Ganz besonder» macht fich aber die Disharmonie Angesicht» der grauenvollen Verwüstung fühlbar, die de» zügello» ge­wordenen Dawpfroffe» schreckliche Kraft hier hatte.

Mit gebrocheaeu Gliedern lag der schwarze Riesenleib der Lokomotive am Fuße de» Damme» da, über dieseo hinweg thürmren fich die halbzerschmetterteu Wagen aufeioa-.d^, and rtug»u«her lagen zwischen ««gewehten Oliven- uod Feiges bäumen Schteoeo ood Wageotheile. Mir war, al» mügre ich irgendwo zwischen den Trü««eru die schaurige Gestatt de» Manoe» mit der Hippe erblicken, wie auf de« alten Tobten- lünzeo, nur noch hödotscher grtosend, nur ooch verächtlicher auf da» zerstörte Werk des MeufchevgeisteS herabfchoueod,

der eS stets so herrlich weit gebracht zu haben wähot, der mir doch trotz aller Errungenschaften noch nie so ohowächtig vorgekomweu ist, als tu dteser letzten Sruude vor den Thoren Jerusalr«S.

Da dte «eisten Loeowoltven und Wagen der Strecke auf de« Bahnhof Jerusalem standen und über die Unsallstelle nicht hiuwegbefördert werden konrirn, mußten wir längere Zett auf den erst von Jaffa herauscttirten Zug warten, uod dte mit ihre« Gepäck zwischen deo Oliven- und Feigenbäumen neben dem Bahndämme gelagerte Gesellschaft bot einen gar wunderlichen Anblick dar. Tödlich traf der Sooderzug ein und in fröhlichster Stimmung ging eS nun hinab oach Jaffa uod durch die glücklicher Weise auch diesmal gaoz ungefähr- ltcheu Riffe hinüber zu der geliebten »Bohemia". Unser Heim aus de« schönen Schiffe kaw un» jetzt gaoz besonder» behaglich vor, denn, wenn dte Tage in Jerusalem auch un- vergeßlich schön uod iotereffaot gewesen waren, so war doch jeder Eivzelne von Herzeo froh, daß er sie oon hinter fich hatte. Der Besuch Palästina» ist unter allen Umständen strapaztö», auch weoo H tze, Staub uud lleberfülluog oicht so große Anforderungen an die Wlderstaod»fähigkett de» Reisenden stellen, wie an den vergaageoen Festtagen. Der Grund hierfür liegt vor Alle« io der Verpflegung.

Nicht» al» Ham«el uod Huhn, oder Hvhu und Hammel, da» kano selbst der willfähr-gste Mageu auf dte Dauer nicht vertragen. Mao hatte fich in unseren Horel» diesmal -war auch mit andere« Prov'aot versehen. ES gab hin und wilder auch andere» Fleisch, Sewüse uod sogar Mehlspeisen. Aber da alle» eit Hammelfett znbereüet war, kam «au doch schließlich immer aus besagten monton zurück, sodaß eigentlich nur dte von uoserer fürsorglichen Reiselettuog au» Berlin mügebrachteo Würste uod Schinkeo einige Abwechselung boten.

To war denn der erste Lunch oach der Rückkehr au Bord ein wahre» Freudenmahl. Wir befanden uo» Alle io FesteSsttmsuog und tranken dankbar unserem verehrten Herrn Karl Stangen zu, der oach der EioweihaogSfeier tu Jerusalem durch Verleihung de» Rothen Adlerordeo» 4. Klaffe au»ge- ze-chnlt worden «ar ood in dteser Dicoratioo wohl eine

zu leisten. Dte Zett sei da, dte Herstellung von neue» FestuvgSgeschützeo nachdrücklich zu fördern, doch habe dte» allmählich zu erfolgen. Die Regierung unterziehe dir ge- sammteo vertheidtguogSpläoe sorgfältiger Prüfung, ehe sie vom Lande größere Opfer, dte oöthtg sein könoe», verlange.

Afrika. An» Südafrika wird berichtet, daß der Gedanke der Verewigung der TraoSvaal-Repudltk mit de» Oranje Freistaat zu einer Republik immer greifbarere Gestatt anotmmi. Präfident K'üger würde dann zurücktreteo, uad der gegeowäruge P-äfideot de» Oranje Freistaate» Steha zum Prästbeateu der vereioigtea Republik ernannt werden. Transvaal soll diese Lombtoation mit Rücksicht auf seine Finanzlage wünschen. Der Oranje-Freistaat fürchtet, daß er von den Engländern in seinem Bestände bedroht werde« könnte, wa» bet etver vrretntgung der betden R publike» schwieriger ist. Der deutsche Eiosluß io TrauSvaal ist, dank deo maßlose« Aogriffea einiger deutschen, namentlich rheinischen Blätter, stark zurückgegaogeu. Man wäre, so lautet eine Nachricht de»v. t/, nicht gegen einen Tadel der wüthschaftlicheu Verhält« sie empfindlich gewesen, wenn derselbe in der wohlwollenden Welse eine» Freunde», al» welchen man Deutschland angesehen, erfolgt wäre. Gleich- zeitig heißt e», daß die Beziehungen zu Eagland fich wesentlich gebessert hoben, nachdem dte Wahlen ergeben habe», daß der Bureobestandtheil am Kap noch maßgebend set. Ferner ver- sichert «an, daß dte Verhandlungen England» mit Portugal über die Delagoa Bri nicht über einen Fühler, der eioeo E.folg nicht gehabt habe, htaauSgegaugen seien. ES sollen sich neuerdings drei französische Lolonueu aus de« Marsche in der Richtung nach dem Schavp'atze de» Ausstande» an der morokkaotschen Grenze besiadeu. Mau glaubt, Frank­reich beabsichtige eine Berichtigung seiner Grenze in jener Gegend zu verlangen.

Aste«, Der britische Kriepömtoister hat Besehle erlaffen betreffend Anwerbung eine» 1000 Mann starken Bataillons Chinesen, da» tu Wei-h at-w et unter britischen Offizieren Dienst thun soll. Sonst find anscheinend noch keine Schritte zur Befestigung de» Platze» gethan, obwohl die Befitznahme bereit» vor sech» Monaten erfolgte, und die Flotte hat des­halb dort keinen rechten Rückhalt. Da» britische Geschwader in Wei hai-wei geht auch auseinander. Ja London schließt mau daran» sowie au» Lhamberlain» Andeutungen über die

kleine Eutschädignog für dte Ihm bet den vordere.tungeo für die Kaiserfahrt augethaoe Zurücksetzung erblickm darf. Un- begrriflltch aber bleibt e» doch, wie bei dem Einzug de» Kaiser paare» eiu unsauber gekleideter, gaoz unglaublich aus- sehender Manager dte Stelle de» Führer» etnoeh«eo konnte, dte unter allen Umständen bt« deutschen Manne gebührt hätte, der fich seit dreißig Jahren so groß und in der qaozeu Welt anerkannte Verdienste um die Erschließung de» Orient» für bin Touristenverkehr erworben hat, und wie auch die sogenannte ^offizielle Festfahrt" eine« Unteroeh«er anvertrart werden konnte, der die deutsch-evangelische Geistlichkeit in eine« kau« noch seetüchtigen englischen Schiffe nach de» Osten führte und in Jerusale« in einem französischen Kloster unterbrachte, wo ihnen jede» deutsche Wort und jede prote­stantische Andacht untersagt war. Wie schlecht die «ü den Vorbereitungen betraute Persönlichkeiten berathen gewesen find, ist wohl von Rtemood so tief empfunden worden, wie von ua», die wir auf der ganzen Reise so vortrefflich ausgehobev waren und Alle die Urberzeugung gewonnen haben, daß der Kaiser mit unserem deutschen Institute, beffer, würdiger und um eine halbe Million billiger gereist wäre, al» »it de» englischkn Unternehmer, dem nun erst recht die Handhabe gegeben ist, den Veranstaltungen deutscher Ftrmeu im Orient Loocnrreoz zu machen. Da» letzte Ziel unserer Reise war Aegypten. Bei seinen Fleischtöpfen erholten wir uo» rasch voo deo Strapazen der Palast oafahrt und verlebten in Kairo noch ein paar navergleichlich schöne Tage. Diesen vorarittag an den Pyramiden, diese Fahrt auf de« Nll, dieseo Ritt durch die Überschwemmte Laudschast mit den au» dem Wiffer aufragenden Palwenwäldern bei Mewphi» oach den Apt»- gröbero in der Wüste bei Saccara: Wer könnte fie jemals vergeffeu.

Unvergeßlich wird uni Allen die Reise bleiben, den« vor Alle« nahmen wir die Empfindung mit un» heim, daß da» deutsche Ansehen im Orient durch die Kaiserfahrt mächtig gestärkt uod zu einer vielseitigen Eotwickelnng die Saat gelegt worden ist, die unserem vaterlaode hoffentlich reiche Früchte einbringen «Kd. Richard Schott.