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Amtlicher Theil.
Gießen, den 15. October 1898.
® 11 r.: Nachrichtendienst tn Viehseuchenaugelegenheiten. Das Großherzogliche Kreisamt Gießen e® Vie «rofth. Bürgermeiftereieu der Land« gemeinden des Kreises.
Der Bundesrath hat an Stelle der durch Beschluß vom -. März 1894 getroffenen Bestimmungen (Amtsblatt de» Kreisamt» Nr. 3 von 1894) vom 1. October 1898 ab Folgende» bestimm»:
Die Polizeibehörde hat jeden tn ihrem Bezirke fest, gestellten ersten Ausbruch von
Rotz (Wurm) der Pferde, Esel, Maulthiere und Maulesel, Maul» und Klauenseuche de» Riudviehe», der Schafe, Ziegen nnd Schweine, und Lungensruche de» Rindvieh», (§ 10, Z ffer 3, 4 und 5 de» Biehfenchengesetze» vom 23. Juni 1880, Reichs-Geietzbl. S. 153) sowie von Schweineseuche (Schweinepest)
sofort den Polizeibehörden oller vem Seuchenorte benachbarten deutschen Gemeinden auf «üadl'ch'm ober schriftlichem W'ge, wo thunlich unter Benutzung de» Telegraphen oder de» Telephon», witzutheilru welche ihrersett» den Seuchenau»bruch «us ortsübliche weise zur «enntuiß der Ort»be«ohuer zu »ringen haben.
Ist nach erfolgter Feststellung der Maul- und «lauen- jeuche in eine« Orte der beamtete Thierarzt zur Feststellung weiterer Infektionen von bisher noch nicht betroffenen Ge» Hösren nicht zugezogen worden (§ 15 de» Btrhsrucheugesetze»), so hat die Polizeibehörde demselben von jede« solchen Falle sofort Mittheilung zu machen.
Ueder den Ausdruch der Maul» und Klauenfeuche auf vtehmärkrrn und vichhöstn stnd besondere Anzeigen zu er- Kalten, wegen deren die nähere Anordnung den Laude»- regierungen überlasten bleibt.
Dazu ist von Sroßh. Ministerium de» Innern bestimmt worden:
3a Ausführung der Bestimmung in Ziffer 4 ordnen vir an, daß jeder Ausbruch der Maul- und Klauenseuche ruf einem Btehhofe oder einem vtehmarkte fetten» der vir der Handhabung der vcterinärpol.zet betrauten Behörde mir größter Beschleunigung — wo thunlich unter Benutzung be» Telegraphen oder Telephon» — den Polizeibehörden derjenigen Orte «irzutheilen ist, nach denen Biehfenduugen von dem verseuchten Btehhofe oder vtehmarkte au» abgegangen sind, und zwar insowett möglich unter Angabe der Ewpsäager.
Wird die Maul- und Klauenseuche auf etuem Vieh- warkte festgestellt, so ist alsbald zu ermitteln, auf welche vtehtransporie oder etozeine Thiere eine Uedrrtragung der Seuche nach Lage de» Falles möglicherweise stattgefuudeu toben kann, und es ist die bezügliche M.tthrilung an die Polizeibehörden aller derjenigen Orte zu machen, nach welchen iolche Viehsendungen von t em Markte au» bereits abgegangeu sind. Bezüglich der senchenkranken und der der Ansteckung verdächtigen Thiere, welche sich bei Feststellung des Seuchen- msbruches noch auf de« Markte befinden, ist alsbald An- »rduung zu treffen, daß bin Bestimmungen des § 59 Sbs. 7 iinb des § 66 Sbs. 2 und 3 der BundrsrathSiustructiou zum Keichsviehieucheugesetz entsprechend versahren werde.
Wir wachen Ihnen al» den dazu zuständigen Polizei- Behörden zur Pflicht, nach vorstehende« genau zu verfahren, v. Bechtold.
Zur Aaiserreise nach Jerusalem.
Da» Kaiser paar ist nach herrlicher, ruhiger, sonniger Zahlt Dienstag Nachmittag 2 Uhr in den Dardanellen rmgetrofien und hat an Bord der „Hohenzollern" die Meldungen de» kaiserlichen Botschafter», der türkischen Groß- ivürdenträger und de» Ehrendienste» entgegengenommen. Die Weüersahn nach Konstantinopel erfolgte gegen Abend. Die »Hohenzollern" wurde, al» fie Mytilene und ^enedo» passtrte lind dann bei der Einfahrt in die Dardanellen mit Salut- chüfsen und milüärischen Ebren begrüßt. Al» dem Sultan )a» Eintteffen der kaiserlichen Yacht in den Dardanellen gemeldet wurde, drückte er dem Kaiserpaare telegraphisch leine große Freude über die Ankunft au» und fügte hinzu, Die besorgt er wegen de» Unwetter», da» die Fahrt verzögerte, gewesen sei. Kaiser Wilhelm telegraphirte, e» dränge ihn, »eim Betreten de» türkischen Gebiet» den Suttan zu begrüßen und ihm seine Freude über da» bevorstehende Wiedersehen uuszusprechen. Da» Personal der deutschen Botschaft begab
fich um 8Vt Uhr zur Begrüßung der Allerhöchsten Gäste nach Dolma-Bagdsche. Nm 8 Uhr 40 Minuten verkündeten Salutschüsse, daß die Majestäten die Spitze de» Serail» passiren. Da» Geschwader war gefolgt von einem rumänischen Schiffe mit der deutschen Colonie an Bord, einem Mahsuse-Dampfer mit den deutschen Schulen und einem österreichischen Dampfer mit den hier eingetroffenen Fremden. Um 9 Uhr warf da» Geschwader vor Dolma-Bagdsche Anker. Auf den umliegenden SLiffen und am Ufer erscholl alsbald brausender Jubel. Um 9 Uhr 15 Minuten verkündete Kanonendonner, daß Ihre Majestäten in» Boot gestiegen waren. Am Ufer wurde da» Katserpaar vom Sultan mit seinem glänzenden Gefolge empfangen und herzlich begrüßt. Der Nebel, welcher Morgen» auf dem Meere gelagert hatte, war Hellem Sonnenschein gewichen.
Zur Fahrt nach Yildiz Kiosk bestieg die Kaiserin mit dem Sultan den ersten Wagen, der Kaiser den zwei!en mit dem Großvezier und Marschall Fuad Pa'cha. Nach Vorftcllung de» beiderseitigen Gefolge» in dem für die Anwesenheit ihrer kaiserlichen Majtftäten neu erbauten und prachtvoll hergerichteten Kiosk kehrte Seine Majestät der Sultan in sein eigene» Palai» zurück und empfing dort den Gegenbesuch Ihrer kaiserlichen Majestäten, Allerhöchstwelche um 1 Uhr in der kaiserlichen Botschaft frühstückten.
Neueren Anordnungen zufolge werden an der Truppenrevue vor dem deutschen Kaiser am Freitag theilnehmen eine au» 18 Bataillonen bestehende combinirte Diviflon. eine reitende und drei fahrende Batterien, sowie von der Eaoallerie da» Leib-Regiment Ertogrul und da» erste Lancier- Regiment. (T. R.)
Deutsches Reich.
Vertin. 18. October. Geschenk an den Kaiser. Wie erst jetzt bekannt wird, hat der Lentralvorstand de» Gustav Adolf'veretns dem Kaiser die Summe von 36,000 Mk. für kirchliche Zwecke in Palästina zur freien Verfügung gestellt. von diesem Gelbe soll in Jerusalem eine weitere evangelische Kirche gebaut werden, für welche der Kaiser bet seinem Aufenthalte daselbst den paffeudsten Ort aussnchen wird. Auch haben der Kaiser und die Kaiserin die Spendung einer größeren Summe als Beihilfe zu den Baukosten zugesagt.
Berlin. 18. October. Die Anarchisten-verschwör- nng. Amtlich bestätigt c» fich jetzt im vollen Maße, daß es fich in der That um einen veradscheuungswürdigen Mordanschlag gegen das Leben unsere- Kaiser» gehandelt hat. Möchte es wenigsten» gelungen sein, den finstern Plan der Mordduben völlig zu vereiteln! Mit banger Sorge wird da» Volk de« weiteren verlaus der Reise unsere» kaiserlichen Herrn folgen. Schon gestern wurde berichtet, daß die Nachrichten des „Reuter-Bureaus^ fich leider in allen Punkten al» wahr erwiesen. Man ist einer großen Verschwörung ans die Spur gekommen, die ihre Fäden bi» nach Europa gesponnen hat. Die amtliche Feststellung bestätigt Folgende»: Jede der beiden zu dem Anschlag gegen Kaiser Wilhelm be- stimmten Bomben enthielt zwei Pfund Knallqueckstlber und 26 Revolverpatronen von großem Kaliber. Die Bomben selbst bestehen au« galvanifirte« Eisen, das mit Bletdraht umlpouneu ist. Die Auffindung der Bombe geschah in dem Magaz'u eine» Italiener». Die Sprengwerkzeugr waren in einer K ste verpackt. Mit der Ueberbringuug der Bomben nach Jaffa war ein au» Triest gebürtigter Italiener beauftragt. Dieser hatte fich an Bord de» für die Verschiffung der Bomben ausersehenen Dampfers als Kellner in Dienst nehmen laffen. 6int gleiche Stellung hatte er fich schon tn dem Hotel Bristol in Jaffa verschafft, um dort tn unauffälliger Weise die Bomben für die zu ihrer Verwendung bestimmten Theilnehmer de» verbrechen» aufzubewahren. — Die »Daily Mail" läßt fich heute au» Alexandria melden: Alexandria ist der Herd eines cosmopoltttscheu verbrechenhu«» und des Auarchistev-Ausschuffes für Südeuropa und die Levante. Ein großer Procentsatz der Verbrecher find Italiener, der Versammlungsort der Anarchifiengrvppe ist dir obscure Weinstube, wo die Bomben gefunden wurden, wie gewöhnlich war Einer darunter ein verrärher, er ermöglichte es Harrington Bey, schrittweise der Verschwörung zu folgen, bi» die Auf- Hebung der ganzen Gesellschaft möglich war. Wettere Verhaftungen stnd wahrscheinlich. Der Führer der Bande ist Ugo Parriut, der Besitzer de» Lass-, »l» er vor den Lonful gebracht wurde, «achte er einen wütheuden Angriff auf ihn und konnte nur mit Mühe überwältigt werden. Da alle Verbrecher Italiener find, konnte die Verhaftung nur
durch den italienischen Lonsul ausgeführt werden. Derselbe belegte alle Schriftstücke mit Beschlag und hat nun die alleinige Weiterführung der Untersuchung nach den bestehenden Lapi- tnlationrn. Da er aber keine Erfahrung besitzt uod nicht über die uöthige Organisation zu einer criminellen Untersuchung verfügt, unterbreitete er die Angelegenheit der italienischen Regierung. Die englische Polizei muß jetzt thatenlos zusehen. Unter den constScirteu Schriftstücken sind Nummern der anarchistischen Zeitschrift „ti’flgitaton" au» Neuchatel, voller Anreizungen zur Ermordung des König» Humbert. —- Au« Konstantinopel wird gemeldet: Die hiesige Polizei hat anläßlich der Ankunft des deutschen Kaiserpaare» umfaffende Sicherheitsmaßregeln getroffen. Arbeitslose Leute, besonder» Armenier, Griechen und Italiener, sowie solche, die fich nicht genügend legitimiren konnten, wurden für die Dauer der Kaisertage in Poltzeigewahrsam genommen. — Im „Hamb. Eorr." wird noch Folgende» bemerkt: Wie man weiß, ist bt»her ein gemeinsames scharfes Vorgehen gegen den Anarchismus und seine ruchlose Propaganda des Worte« und der That bisher hauptsächlich am Widerstand Englands gescheitert. Jetzt bekunden aber gerade die englischen Blätter, von denen übrigens keine» einen besonderen Bericht über die Verhaftungen hat, auf Grund der Reuter'schen Telegramme die tiefste Entrüstung und betonen, daß nunmehr der Zeitpunkt gekommen sei, wo unter allen Umständen strenge internationale Maßnahmen gegen die Anarchisten ergriffen werden müßten. England vor Allem fei verpflichtet, rückhaltlos dir Hand dazu zu bteteu, da es thatsächltch bisher durch seinen passiven Widerstand salcke gemeinsame Ac-tonen verhindert habe. Tägl. Rundsch.
Berlin, 18. October. Wie der .Kreuz Zeitung" au» Rom gemeldet wird, ist bisher von einer an den päpstlichen Stuhl ergangenen Einladung zur Thetlnahme ander Conferenz über die Maßnahmen zur Bekämpfung der Anarchisten nichts bekannt.
Berlin, 18. October. Der Besuch, den der Gesandte Transvaals, Dr. Leyd», dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe abstattete, war, wie die „Post" meldet, lediglich ein Höflichkeitsbesuch
Köln, 18. October. Die letzitägigen Niederschläge bewirkten ein derartiges Steigen des Wasserstande» de» Rheine», daß die Köln-Düffeldorser Dampsschiffahrt». Gesrllschast den oberrheinischen Verkehr von morgen ad wieder durch einzelne Fahrten der Personeu-Dawpfer zwischen Eoblruz und Mainz aufnehmrn läßt. Auch der Schlepplch ffsahrt»- verkehr gestaltet fich wieder zu eine« regelmäßigen. Man hofft, den Verkehr in den nächsten Tagen wieder vollständig ausnehmen zu können, nachdem der Cauber Pegel annähernd die normale Höhe von 1.30 Meter wieder erreicht hat.
ttoslaub.
Wie», 18. October. Wie da» „Fremdenblatt" au» best- uuterrtchteter Quelle ersahren haben will, find alle Gerüchte, wonach anläßlich der Orientreise de» deutschen Kaiser» die Erwerbung eine» deutschen Territorium» in Klein-Afien geplant sei, vollständig unbegründet. Der Status quo int Orient werde durch die Kaiserreise keine Veränderung erfahren.
Wien, 17. October. Die parlamentarische Lage in beiden Hälften der Monarchie gestaltet fich höchst bedenk- lich. Die Aussorderung de« österreichischen Fiuanzmtnister» Dr. Kaizl im Ausgleichsausschuß, die «u»gleichsvorlagen ehesten» zu erledigen, da sonst mehr aus dem Spiel stehe, al» der österreichisch ungarische Au-gleich, wird tn Liuken- kreisen aus» Lebhafteste erörtert und als neuerliche Drohung der versaffungsänderung aufgefaßt. Auf der Rechten frei- lich behauptet «an, der Finanzminister wollte sagen, daß die Zerreißung der Einheit der Monarchie auf fctm Sp:tl ftänbe, an Staatsstreich oder verfaffung-bruch denke das Eabiuet Thun nicht. Jedenfalls aber kann dieser Zwischensall al» der Borlänser neuer Parlamentsstürme betrachtet werden. — Zu gleicher Zeit hat int ungarischen Abgeordnetenhaus die Obstructioa eingesetzt. Der Regierung will die Opposition, der fich auch die Nationalp artet angrschloffen hat, keine Tagesordnung bewilligen, so lange nicht der Ministerpräsident das Haus über seine mit dem Grafen Thun getroffenen Vereinbarungen tn Sachen des Ausgleichs aufklärt. In der Sitznug vo« Montag gab e» schon großen Lärm. Dabei machte der Ministerpräfideut Baron Banffy Andeutungen, die auch so ausgelegt werden können, als wenn er vöthigeufall» unter Verletzung der verfaffung der Obstraction Herr zu werden suche.


