1899
Nr. 220 Zweites Blatt Dienstag den 20. September
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Gießener Anzeiger
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Reeelmc Innigen zu bet Nachmittag» für em ti| erlcheinendeu Nummer fcil Warm. 10 Uhr.
General-Anzeiger
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Amts- und Anzeigeblatt für den Nreir (Sieben.
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Anrtlicher» Theil.
Gießen, den 12. September 1898.
Betr.: Die Ableistung de« Huldigung« und Berfaffung«etde«. Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen an die Gr. Bürgermeistereien der Amtsgerichtsbezirke Grünberg und Homberg.
Die Ableistung de- Huldigung«- und BerfoffangSeideS der in Ihren Gemeinden neu aufgenommenen Ort«bürger, sowie derjenigen Großherzoglich Hessischen Uoterthanen, welche sich, ohne Ortsbürger zu werden, verdettctthet haben, soll Samstag, den L October d. I, vormittags 9 Uhr, la dem Rathhause zu Grünberg stattfinden.
Wir beauftragen Sie hierdurch, die betreffenden Personen zu dem Termine vorzuladen und wie geschehen unter Angabe der Namen der Borgeladenen anzuzetgen oder zu berichten, daß Niemand vorzuladen war.
Halten fich derartige Personen auswärts auf, so wollen Sie deren AusrnthaltSort angeben.
v. Bechtold.
Bekanntmachung,
betreffend: Sterbltchkeitsstatistik der Monate Juli und August.
Mr ersuchen die Großh. Büraerm^istereien Albach, BellcrSheiw, Bersrod, Dorf Güll, Gberstadt, Garbeuteich, Langd, Lollar, Lumda, Münster, Oueckborn, Rödgen, Röthges, Steinbach, Stein- Heim, Stockhausen und WeiterShaiu um Einsendung der Zählkarten und TodeSzeuguisse, beziehungsweise Fehlanzeige.
Gießen, deu 17. September 1898.
Großh. RreiSgeiuodhcttSamt Gießen.
Dr. Haberkorn.
Bekanntmachung, betreffend: die Abhaltung von Röitetmtnen zweck« Aufnahme der Zuchtthiere in da« Provinzialherdbuch im 1. Rörbezirk. Die Rörcommisfion bei 1. RörbezirkeS (Vogelsberger Vieh) wird nachfolgende Rötterwine abhalten:
1. deu 20. September, Bor«. 11 Uhr, in Lauter und
Bingmühle,
2. „ 20.
Nach«. 2 „ „ Grünberg,
3. „ 20.
„ 5 „ „ Weickartshain,
4. „ 21.
Bor«. 8 „ „ Qnecksorv,
5. , 21.
„ 11 „ „ Saasen,
6- , 21.
Nach«. 3 „ „ Reiskirchen,
7. „ 21.
„ 5 „ „ Großen Buseck,
8. „ 23.
vor«. 11 „ „ Londors,
9 „ 23.
Nach«. 2 „ „ Beltershain,
10. „ 23. „
„ 4 „ „ Göbelnrod,
vor«. 9 „ „ Burkhards
felden,
11- „ 28.
12. „ 28. „
„ 11 „ „ Steinbach,
Nach«. Vj5 ,, „ Alleudorf
an der Lahn,
13. „ 28.
14. „ 29. „
Borm. 9 „ „ Ruttershausen,
15. „ 29.
Nach«. 2 „ „ Großenlinden,
16. „ 29.
„ 4 „ „ Heuchelheim.
Die Züchter von
Vogelsberger Vieh, welche ihre Thiere
in das Herdbuch etntragen taffen wollen und bez. Anmeldungen schon bei mir gemach: haben, werden ersucht, ihre betreffenden Thiere an einem von betr. Großh. Bürgermeisterei hierzu bezeichneten Ort aufzustellen, damit die Arbeiten der Commisfiou ohne Aufschub erledigt werden können.
Sollten noch weitere Viehzüchter ihre Thiere kören taffen wollen, so werden dieselben ersucht, dieselben gleichfalls an den betreffenden Rörteimlnen vorzuführen, vorher aber dem vorfitzenden dieser Cornrnisfion, Herrn Oberamtmann Hoffmann, Hof Güll, ober bem Geschäftsführer, Herrn Ober
verwalter B eilst ein, Laubach, bireete Mitteilung zu machen.
Lau buch, den 15. September 1898.
Der Präsident de« landw. Vereins sür die Provinz Oberhtffen. (geg.) Friedrich Graf zu SvlmS-Lanbach.
Zum Streit iu der Soeialdemokratie
schreiben die „HR. N. N." unter« 16. Srptember.
Aus dem Stuttgarter Parteitage soll der Hamburger Beschluß Über die Beeheiligung an deu preußischen Landtagswahlen einer Revision unterzogen werden. Die Breslauer Genoffen beantragen nämlich, als Punkt 5 auf die Tagesordnung zu fetzen: „Betheiligung an den Landtagswahlen", und verlangen in dieser Beziehung Aufhebung del letzten Satzes de« Hamburger BeschluffeS: „Eompromiffe und Bünd- niffe mit anderen Parteien dürfen nicht abgeschloffen werden," und deffen Ersetzung durch einen Zusatz. Dieser soll gestatten, Wahlmännern der bürgerlichen OppofitionSparteieu die Stimme zu geben, wenn diese fich verpflichten, n. A. für Einführung deS allgemeinen, gleichen, geheimen und btrecten Wahlrecht« bei der LandtagSwahl einzutreten und gegebenen Falls einem focialdernokratischen Abgeordneten die Stimme zn geben. In der vorgestern Abend abgehaltenen Versammlung del fünften Berliner Wahlkreise! behusS Stellungnahme zum Stuttgarter Parteitage wurde sogar vollständige Aushebung des Hamburger BeschluffeS gefordert, um der Nothwendigkeit überhoben zu sein, den Freisinn zu unterstützen. Wie weit der innere Zwiespalt bezüglich dieser Frage in der social- demokratischen Partei geht, beweisen zwei weitere Mittheilungen. Nach der einen haben die Genoffen gegen die Erklärung der AgitationScommisfion auf dem Brandenburger Parteitage, diejenigen Wahlkreise zu unterstützen, die fich an den Landtagswahlen betheiligen wollen, lebhaft protestirt, und im ersten Berliner Wahlkreise erklärte fich gestern die Versammlung mit der Veröffentlichung ihrer BertrauenSpersouen gegen Bebel über die Frage der Betheiligung an den Landtag!-
Feuilleton.
K. A. 1898.
Humoreske von Arnold Bevern.
(Schluß.)
Der Diener entfeinte fick und ließ mich in dem Zimmer allein. Um mir die Zeit zu vertreiben, blickte ich «ich um.
Eigentlich hatte ich geglaubt, bei einem einsamen Schriftsteller würde e! anbet! aulsehen. Da« war ein luxuröse- Herrenzimmer mit einem Schreibtisch voll Ziergegenstänben und e! schien viel eher von einem mÜßiggehenben jungen Dandy bewohnt, al! von einem ernsten Arbeitlmenschen.
Nachdem ich ziemlich lange diesen Betrachtungen nach- gehangen hatte, wurde ich plötzlich durch den Eintritt einer jungen Dame gestört, einer leibhaftigen, reizenden, goldblonden, jungen Dame.
Ich knackte in eine Verbeugung, und da! Fräulein begann — mehr Herr der Situation al! ich — zu sprechen.
„Sie wünschen meinen Bruder Hermann zu sehen — da« heißt, Sie haben Lustrag —"
Ich faßte mich rasch.
»Ich — jawohl, gnädige! Fräulein, ich bin im Begriff, mich hier all Arzt niederzulaffeu — und — jawohl — meine — jawohl, meine Schwester empfahl mich an Herrn Alfen. Ich wollte mir daher erlauben —*
„Sehr angenehm/ erwiderte die junge Dame. „Nur ist leider «ein älterer Bruder für einige Tage verreist. Doch «ein zweiter Bruder, der Jurist, wird fich freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen."
Ich muß gestehen, ganz wohl fühlte ich mich bei diesen Eröffnungen nicht. Run kam ich da unvermuthet in eine fremde Familie, mußte die dumme Lügnerrolle spielen — und — und —
Schon wollte ich mich zum Rückzug retten, da kam ein junger Herr, der mit eine« impertinent freundlichen Gesicht auf «ich znging, und sagte:
„Mein Name ist Heinrich Alfen, Dr. juris, Recht!- practicant."
„Doctor Hartenberg," murmelte ich und wollte von Neue« die Historie von der Schwester hiuzufügen, bi! mir plötzlich einfiel, el fei doch schrecklich compromittireud, eine
Schwester zu haben, welche mit wildfremden Herren Freund- schaftldriefe wechselt.
Ich schwieg erröthend.
Nun trat noch Jemand in! Zimmer — eine alte Dame.
„Unsere liebe Tante, Frau von Großer," sagte der Rechtspractikaut.
ES wurde mir ganz unheimlich. Lügen war niemals meine starke Seite gewesen, — aber konnte ich nun oll diesen fremden Herrschaften sagen: ich habe gar keine Schwester, ich «achte nur einen Schuljungenscherz?
Nein, beim AeSeulap, da« ging nicht. Und fie waren so überwältigend liebenswürdig, besonders der RrchtSpractikaut, daß ich einfach nicht fort kam, bi« endlich Fräulein Henny (gibt e« einen reizenderen Namen?) sagte, daß der Fünfuhr- thee fertig sei.
Ich blieb. Ich hätte nicht gewußt, wie fortzukommeu sei. ES waren so liebe, feine, gebildete Menschen.
Meinen Eorrespondenten, der mir nie etwa« gesagt hatte von seiner famosen Familie, konnte ich schon gar nicht «ehr begreifen.
AIS ich endlich ging, wußte ich mir gestehen, daß Fräulein Heuny viel intereffanter war al« Hermann, der Schriftsteller. Sie schienen auch nicht sehr gerne von ihm zu sprechen (was mir eine Freude war, denn ich konnte somit auch von Slotilde schweigen) und wenn eS geschah, so schnitt der hübsche RechtSpraetikant eine seltsame Grimasse.
Hermann mußte wttklich nicht recht in diese liebe Familie paffen.
Ich schlief in dieser Nacht kaum. U« el kurz zu machen:
In schnellster Zett hatte ich mein Herz an Fräulein Henny verloren,- und bei weinen täglichen Besuchen erwähnte ich die sogenannte Schwester wit keine« Wort, fragte auch nicht nach de« dummen Bruder, der fich unter solchen Menschen vereinsamt gesühlt hatte.
Am Abend de« achten Tage« war eS mit meiner Beherrschung zu Ende.
Henny und ich saßen allein in dem Salon. Eine rothe Lampe brannte.
Wann konnte ich beffere Gelegenheit finden?
Ich nah« «einen ganzen Muth zusammen.
„Gnädige« Fräulein," sagte ich, „Sie müffen lange ge
merkt baden, waS mich hierher zieht. Sie find eS, «eine Theuetste. Ich liebe Sie. Wollen Sie meine Frau werden?"
Sie wurde erst blaß, dann roth, bann ganz traurig.
„Eine Gegenfrage," antwortete fie. „Wird Ihre Schwester nicht böse sein? Glauben Sie denn, daß auch Ihre Schwester mich lieb haben wird?"
Ich athmete auf — und plötzlich wagte ich eS, fie in meine Arme zu schließen.
„O ja, die ganz gewiß," befeuerte ich.
Henny entschlüpfte mir.
„Mein Gott," sagte fie, „Sie totff en eS ja noch nicht. Ich muß Ihnen erst ein Bekenntniß ablegen. Ich machte einen dummen Scherz; verstehen Sie nicht, man ist manchmal so neugierig — und ich wollte wiffen, wie viele Damen einen jungen Schriftsteller trösten und heirathen wollen. Nun schrieb wir Ihre Schwester — und die so anders, all ich erwartet hatte. Ich gewann fie so lieb — aber ich konnte mich nicht entschließen, cua den Betrug aufzudecken. Der Tante und Heinrich hatte ich eS längst gesagt, ehe Sie kamen. WaS half eS hinterher, daß fie zankten? ES ging nicht zu ändern. Ich habe ja gar keinen Bruder Hermann — die Briefe find von mir, — bloß von wir — und nun wird mir Ihre Schwester, die gute, liebe Llotilde, gewiß böse sein — und — ach, Bernd, eS ist schrecklich."
Einen Aageoblick lang stand ich sprachlos.
Dann schloß ich lachend daS boshafte Geschöpf wieder In die Arme.
„Gottlob," sagte ich wunderbar erleichtert. „Gottlob habe ich ja keine Schwester, — ich bin Bernd und Llotilde in einer Person."
Nun war eS auf ihrer Seite, fich zu verwundern.
Einen Augenblick lang starrte wich daS süße Mädel an, als wäre ich ein Gespenst.
„Wollen wir einander verzeihen?" fragte ich.
Und sie ließ fich küffen.
• •
Jetzt habe ich «ich in München niedergelaffen und Hennys ganze Verwandtschaft ist schon wir zu Liebe krank geworden. Wenn daS so weiter geht mit der Praxis, lassen die Menschen wir armen Rerl kau« Zeit zu einsamen Flitterwochen.


