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Dimstag dc» 20. Scptcmbcr
Erstes Blatt
Nr. 220
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
2lmts» ui»d Zlnzeigeblatt für den Kreis Gietzen
Gratisbeilage: Gießener Familienblätter.
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Berlin, 18. September. Wie dem „Berliner lageblott* aal BrüHel gemeldet wird, wird die belgische Regierung dem Parlament ein scharfe« Auarchtsteugesetz vorlegen, jedoch allen internationalen Bereinbarnngen widerstreben.
ReWeMon, Erped'tton und Druckerei: >4ntflr«|< Ar. 7.
jenfeitt der Bogesen.
Wir haben der Dreyfuö-Sache von jeher ganz unparteiisch gegenüber gestanden. Unsere Ansicht ist auch heute noch die: haben wirklich Gesetzwidrigkeiten vor dem Kriegsgericht stattgefunden, hoben die Rechte de« Angeklagten eine Beschränkung erfahren, so sollte man leinen Augenblick zögern, em nei.t» Verfahren einzuleiten. Dabei ist es ganz gleichgültig, ob der frühere Capitän Dreyfus schuldig oder nicht schuldig ist, wie es denn überhaupt keine Parteien für oder wider Dreyfus geben sollte, sondern nur eine einzige Stimme, welche die stricte Handhabung der Gesetze verlangt. Daß ein etwa einzusetzendes neues Kriegsgericht einen ungemein schwierigen Stand haben wird, daß e» ihm bei der erregten Stimmung in Frankreich, bei den widerstreitenden Ansichten und angesichts des Umstandes, daß die politischen Parteien die Dreyfus- Sache nach der einen oder der anderen Seite für sich aus- genutzt haben, nicht leicht fallen wird, eine Entscheidung zu treffen, kann nicht geleugnet werden. Kommen die Richter unter strengster Beobachtung aller gesetzlichen Bestimmungen zu dem Beschluß, daß das erste Kriegsgericht Recht gesprochen hat, dann möge Dreyfus feine fürchterliche Strafe verbüßen;
die Thatsache zu teltgraphiren.
Pari«, 18. September. Der gestern Nachmittag nm 4 Uhr -usammengetretene zweite Minifierrath ernennte den
Die Lage in Frankreich.
Daß die Dreyfus-Affaire noch einmal da» politische Frankreich in seinen Grundmauern erschüttern werde, haben wir schon häusig erklärt, und die jetzige Krisis gibt uns Recht. Kriegsminister Zurlinden hat nur kurze Zeit das Porte- feuille inne gehabt, um dem General CHanoi ne Platz zu machen, dem bisherigen Commandeur der ersten Division; ebenso hat der Arbeitsminister TillayeS seine Demission ge- geben, er ist durch den Senator Godin ersetzt worden. Da» darf al» da» Resultat de» letzten Ministerrath» angesehen werden, durch welchen der Justizminister S a r r i e n ermächtigt wurde, die Commission einzuberufen, welche die Revision de» Dreyfu»-Proceffe» begutachten soll. Damit ist diese Angelegen- heil nunmehr in ein neue» Stadium getreten, und es beginn* voraussichtlich eine Periode höchster Spannung und Aufregung
■treffe für Drpkschca: Anzeiger Piegs«.
Fernsprecher Nr. 5L
Deutsches Reich.
Darmstadt, 17. September. Aas Jagdschloß Wolf», garten, 16. September, wird berichtet: Ihre KSnigl. Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin empfingen heute den Kaiserlich Rasstschen Kammerherru Grafen Lam». darf und den Kaiserlich Rusfischev «ammerjanker v. Dou- d.nßky, welche hierauf zu« Lnuchron gezogen wurden.
Au-Urud.
Biei, 18. September. Die „Wiener Zeitung" publicirt ein kaiserliche» Handschreiben, in welche« der ge- sammteu Bevölkerung der Dank für die anläßlich de» Todes der Kaiserin Elisabeth bewiesenen Zeichen der AotheUuah»e und wahren Mitgefühl» ausgesprochen und der Wunsch au», gesprochen wird, daß nunmehr die Nationalitäten Oesterreich- Ungarn» sich in Liebe und Eintracht zusammeofinden mögen. Weiter meldet da» Blatt die Stiftung eine» Frouenordeos, welcher den Namen der dahingegangenen Kaiserin führen wird. Die Hofdame Gräfin Sztaroh welche der Kaiserin in ihrer Todesstunde die letzten Dienste erwiesen, wird mtt de« Groß- kreuz dieses O'deuS ausgezeichnet werden.
Bien, 17. September. Um 4 Uhr Nachmittags begaben sich der deutsche und der österreichische Kaiser sowie sämmt- liche sürstliche Gäste nach der Kapuzioerklrche. DaS Leichen- begäugniß der Kaiserin selbst verlies programmmäßig ohne jeden Zwischenfall unter großem Andrang der Menschenmaffen. Sämmtliche Glocken der Stadt begannen zu läuten. Kaiserliche Kammerdiener hoben den Sarg auf einen sechsspännigen Leichenwagen, worauf fich der Zug nach der «apuzinerkirche in Bewegung setzte. Sobald derselbe vor der Kirche an- gelangt war, wurde der Sarg von Kammerdienern herab- genommen und vom Pontificat und einer großen Anzahl Geistlichen zur Kirche geleitet. Dort nah« der Erzbischof Dr. Grnscha die Einsegnung vor, welche der Kaiser stehend und indem er fich die Thränen au» den Augen wischte, den Blick fortwährend auf den Sarg gerichtet, beiwohnte. Nach b-eudttcr Kirchen.-Eeremonie h-deu Leibkammerdiener unter Borantiltt der gosamlute«. ^ccßttichkrit- >-u Sarg lu di«: Gruft, woselbst t« Beisein de» Kaisers nochmal« eine S nsegnuug vorgenommen wurde. Hieraus verließen der Kaiser und sämmtliche Fürstlichkeiten die Kirche.
Bern, 17. September. Der BundeSrath beabfichttgt, in der Angelegenheit der Anarchisteufrage den Mächten den Vorschlag zu machen, daß jeder Staat seinen Angehörigen, die er al» Anarchisten kennt, keine Papiere «ehr für eine Niederlassung im Ausland verabfolgt.
Paris, 18. September. Der Revisionsbeschluß der Regierung ruft allgemeine Befriedigung hervor, ausgenommen bei den Antliemiten und Nationalisten. Der „Jour" nennt Faure, Bdfion und Sarrien Verräther und ergeht fich in wahnfinnigen Schmähungen. „TewpS" und „DedatS" begrüßen die Revision al» Befreiung von einem Alpdruck. Die ReoisionS-Eommisfion, bestehend auS drei Directoren de« Justiz- winifterium» und vier EafiationSräthen, tritt am Mittwoch zusammen, worauf die Acten dem Eaffationshofe unterbreitet werden. Nach einer viel verbreiteten Anschauung wird im CaffationShoft das DreyfuS Urtheil nicht bloS revidirt, sondern aunullirt. Sehr schlimm gestaltet fich die Lage deS General» Mercier und der militärischen Richter im DreyfnS-Proceß, welche wegen der Geheimacten Zuchthaus, Degradirung und Verlust der Bürgerrechte zu erwarten haben. Die Anti- Revifionisten versuchten bis zur letzten Stunde die Revision zu verhindern. Sie richteten anonyme Drohbriese an Faure, aber alle Manöver blieben ergebnißloS. Im Lager der DceyfuS Freunde herrscht Heller Jubel. Zahlreiche Person« gaben gestern Nachmittag in der Wohnung der Frau Dreyfus ihre Karten ab. , 1Ä .
Pari», 17. September. Der Kriegsminister Zurlinden und der Bautenwiuister Tillahe haben demisftonirt. Bot dem S.ysee fanden nach Bekanntwerden deS BeschluffeS des MinisterrathS Kundgebungen statt. Taufende von Menschen hatten sich angesammelt, welche Hochrufe auf die Armee aus-
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Bekanntmachung.
ES wird hiermit zur öffentlichen Kcnutniß gebracht, doß tem Kaufmann I M. Schulhof in Gießen die Loocesfiou al» AuSwanderungSagent für den Norddeutschen L'vyd in Bremen unter« Heutigen ertheilt worden ist.
Gießen, den 13 September 1898.
Großherzogliches KreiSamt Gießen, v. Bechtold.
frf4<t*i U»M mit Ausnahme bei
Montags.
Die «siebener >amtn<nlf4tter »erben bem Anzeiger mScheurl.ch oi er mal beigelegt.
schon tag»vorher überfüllt gewesen, und die Morgen- und Vormittagstunden brachten immer neue Mafien nach der Metropole. Noch düsterer wie die Tage vorher erschien der Trauerschmuck Wien». Von fast allen Gebäuden wehten lange Trauerfahnen. Fenster und Balkon» waren mit schwarzem Tuch verhüllt; auch die Bevölkerung hatte in der Mehrzahl Trauer angelegt. In den ersten Nachmittagfiunden wurden die Straßenlaternen angezündct und breite mächtige Flambeaux schlugen zum Himmel empor. Hinter den spalier- bildendttr Truppen harrte lautlos die dicht gedrängte Menge.
Glockengeläute verkündeten den Harrenden mit dem Schlage der vierten Stunde, daß die Spitze bet Trauerzuge» sich in der Hofburg in Bewegung setzte. Hier war der Sarg durch Kammerdiener und Leiblakaien vom Schaubette gehoben und nach nochmaliger Emsegnung nach dem im Schweizerhose karrenden Leichenwagen getragen worden. Dem Sarge schritten voran: zwei Hoscommifiäre, ein Hofcapellendiener mit dem Kreuze, zwei assistirende Hofcapläne und der Hof- und Burgpfarrer mit brennenden Kerzen und ein Hofober- commifiär. Unmittelbar hinter dem Sarge, der recht» und link» von Edelknaben mit brennenden Wachsfackeln, Leibgarden und Leibgardereitern unter Vortritt ihrer Chargen geleitet wurde, folgte der Hofstaat der verblichenen Kaiserin. — In der Capuzinerkirche, welche, schwarz ausgeschlagen und deren Kniebänke und Fußboden schwarz belegt waren, hatten sich der allerhöchste Hofstaat und die sonst berufenen Per- sonen, schon ehe der Trauerzug sich vom Schweizerhofe in Bewegung setzte, versammelt. Auf die Meldung von dem H.rannahen des Leichenzuge» begaben sich die bereits vorher eingetroffenen allerhöchsten und höchsten Herrschaften in die Kirche.
Auf dem Platze vor der Kirche hatten die dienstfreien Generale, Stabsoffiziere und Obe.'-of fixiere Ausstellung genommen. Atü Ine Spitze des Lc^.nzn/? "Uf dem Michoeler- platz erschien, entblößten die Harrenden die Häupter, und eine tiefe Bewegung ging durch die Menge Der Leichenzug wurde von einer Abtheilung Cavallerie eröffnet. Den Reitern schloß sich eine Anzahl sechsspänniger Hofwagen an mit der Oberhofmeisterin, den beiden Palastdamen und dem Oberhofmeister der Kaiserin. Hinter diesen Wagen schritten paar- weise die Leiblakaien, dann folgten Abteilungen der Leib- garde-Jnsanterie und der Leibgardereiter. Nun kam der von acht Rappen gezogene, schwarz drapirte Leichenwagen heran. Der Sarg verschwand fast unter der Fülle der prachtvollen Blumenspenden. Zu beiden Seiten des Wagens schritten Leiblakaien und Edelknaben mit brennenden Wachsfackeln.
brachten. ,,,
Pari», 17. September. Der Minifterrath beschloß die Einberufung der judiciellen Lommisston de» Justiz- miuiftuium», welche über die RevifionSfrage endgültig zu bt» finden hat. Die Minister Zurlinden und Ttllyae verließen den Minifterrath bereits vor Schluß. Wenn Zurttndm demisfiouirt, wird auch General Mercier sein Eorpscommaudo niederlegen. Briffon wurde beim Verlassen de« Elysee mit Hochrufen begrüßt. Die sechsgliedrige Judicielle Lommisston, welche die Acten zu prüfen hat, versammelt fich Montag früh. Frau DrtyfuS soll die Erlaubuiß erhalten haben, ihrem Manu
auch keine Bedenken tragen, dies offen zuzugestehen, lieber- Haupt erscheint es uns unerfindlich, weshalb immer der französische Generalftab für solidarisch erklärt wird mit dem Erkenntniß des ersten Gerichtshofes: Wie viele von den Männern, welche damals dem Generalstabe angehörten, sind
Arcieren- und Trabanten-Leibgarden leisteten rechts, ungarische Leibgarden und Leibgardereiter links die Nebenbegleitung.
o. 7,__ , , Dem Sarge folgten Abteilungen der Arcieren- und der un-
gelangen sie aber zu einer anderen Ansicht, dann möge man | ^rischen Leibgarden zu Pferde. Den Schluß bildeten eine —-»• w»* aK'» Hphpr. ■ Compagnie Infanterie und eine Eskadron Cavallerie. Der
Zug nahm feinen Weg über den inneren Burgplatz, den Michacler- und den Jofefsplatz, durch die Augustinerstraße und bog sodann in die Tegethoffstraße gegen dm neuen Markt ein, wo in der Gruft unter dem unscheinbaren Küchlein der Kapuziner die Mitglieder de» Kaiserhauses zur letzten Ruhe gebettet werden. Von der Augustinerktrche an traten dem Trauerzuge die Geistlichkeit, der Magistrat, der Landesaus- schuß, die Räthe der Ministerien und öie Hofbeamten voran.
Als der Leichenzug vor dem Hauptpottale der Capuziner- kirche angenommen war, wurde der Sarg vorn Wagen gehoben und unter Borantritt der Geistlichkeit in die Kirche getragen. $ ter wurde er auf die in der Mitte de» Raumes aufgestellte, rings mit brennenden Kerzen umgebene Bahre niedergestellt. Es wurde sodann der feierliche Act der Emsegnung vollzogen. Dann fangen die Sänger der Hofmusikcapelle das Lrbera, worauf der Sarg von Kammerdienern und Leiblakaien gehoben und unter Trauergebeten der Kapuziner, die ihn mit Fackeln begleiteten, in die Gruft hinabgetragen wurde. Hmter dem Sarge schtttt Kaiser Franz Josef die düstere Grufttreppe hinab. In der Gruft wurde die letzte Emsegnung vorge- nornm n. Nach Beendigung der Gedtte übergab bet «ne Oberhofmeister dem Guardin der Kapuziner den Schlüpel zum Sarge und empfahl diesen seiner Obhut. Kaiser $ ranj Joses verließ hierauf die Kirche, die sich nun allmählich leerte.
denn heute noch in ihren alten Stellungen?
Bemerkenswerth ist immerhin, daß der bisherige Knegs- minister Zurlinden, welcher früher als ein Anhänger der Revision galt, heute erklärt, nach dem Studium der Arten von der Schuld Dreyfus überzeugt zu sein. Es kann dies als ein starker Dämpfer gelten für die Hoffnungen derer, welche jetzt schon fest daran glauben, daß der Verurtheilte freigesprochen werde. So weit ist die Angelegenheit noch keineswegs gediehen; es dürften noch Wochen vergehen, ehe überhaupt in die Revisionsverhandlungen eingetreten werden kann. Denn daß diese überaus vorsichtig unter peinlichster Berücksichtigung aller Für und Wider gepflogen werden muffen, ist selbstverständlich, ebenso dürfte es aber auch eine Forderung der Menschlichkeit fein, daß, solange die Angelegen- hett in der Schwebe sich befindet, da» Schicksal de» Ge- fangenen auf der Teufelsinsel nach Möglichkeit gebefiett und gelindert wird. Damit müßten selbst die mragirtesten Drey- fuSgegner einverstanden sein.
Heber die Beisetzung der Kaiserin Elisabeth
schreiben die ,, Münch. Reuest. Rachr.":
Bien, 17. September. Seit den frühen Morgenstunden herrschte auf sämmtlichen Straßen und Plätzen ein unbe- schreibliches Leben. Gewaltige Mmschenmengen strebten in ununterbrochenem Strome dem Centrum der Stadt zu und suchten in jenen Straßen, welche die geliebte Kaiserin auf ihrem letzten Wege passiren sollte, Aufstellung zu nehmen. Die sämmtlichen in Wien einlaufenben Eisenbahnzüge waren


