Ausgabe 
19.10.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 245 Zweites Blatt Mittwoch den 19 October 1SOS

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Siebener Anzeiger

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

betr.: Feldberiliigung tn der Gemarkung Riogel«hausen.

Ja der Zeit vom 19. October l. I«. bi« einschließlich 1. November 1. St«, liegen auf dem Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Rabertshausen die Arbeiten de« zweiten Abschnitte« rubr. Feldbereioigung, nämlich:

1. 6 Bontt rang«karten,

2. Da« Gütergrschoß,

3. Die Zusammenstellung der Geschoffe,

4. Da« VefitzstandSverzeichnlß,

5. Da« Protokollbuch, zur Eiuficht der Betheiligten offen.

Tagfahrt zur Eatgegennahme von Tiuweudnogen hier­gegen findet statt:

Mittwoch, de« 2. November 1898, vormittags IO bis 10*/, Uhr

im Amtszimmer der Großh. Bürgermeisterei Rabertshausen, wozu ich die Betheiligten unter de« Aufügen etvlode, daß die Nichterscheinevden mit Einwendungen au«geschloffen find.

Einwendungen find schriftlich abzufaffeo, zu begründen and auf Papier in Aetengröße (mindesten« */, Bogen) ein- zureichen.

Friedberg, 13. October 1898.

Der Großh. Bereinigung«-Lommiffär. Merck, Kreisamtmanv.

Die Palästinareise

deS deutschen Kaiserpaares

hat wieder einmal die Blicke der gelammten gebildeten Welt auf Deutschland gerichtet. Nicht alle diese Blicke aber find voll Bewunderung und Stolz gewesen, sondern auch Mißgunst iab Eifersucht schielten herüber. Während einige Staaten von der Orieutfahrt Kaiser Wilhelm« II. ein bedrohliche« Anwachsen de« deutschen Ansehen« in politischen Dingen be­fürchteten, glaubten andere Gründ zu der Annahme zu haben, laß im Sielwoffer de« Kaiserlichen Schiffe« deutscher Handel and deutsche Industrie de« Osten zurückdrtogen würden, wa« bo« Abendland vor grauen Zeiten von dort empfing. Spreiell die interesfirten au«läodischen Haodel«kreise haben e« an Quertreibereien nicht fehlen lasten, um durch solche unlautere Manipulationen den gefürchteten drntschto Concarreottn au« Ländern seruzuhalteo, in deueo jene Ausländer ein Monopol ju haben glaubten. Ob nun die Fahrt de« Kaiser« zum zelobttn Lande ersprießliche Folgen für die deutsche Polttik amb bin beotschen Handel zeitigen wird, muß abgewartet »erden- jedensall« haben aber die jeuseit« der schwarz-wt'ß- notheu Grenzpfähle laut gewordenen Warnuug«rufe und

Feuilleton.

Jur ßinweihungsfeier nach Zerusalem. ii.

Kirf«, 10. Oktober 1898.

A. N. K. Unsere Absahn von Triest gestaltete fich, sie nach dem Verhalten der Bevölkerung währeud der letzten Lage zu erwarten war, zu eine« kleiuea Sreigniß für die laust trotz de« starken Schiffsverkehr« ziemlich stille istrilche -yooptstadt. Der ganze, weitgedrhute Molo Sau Carlo, au ieffea äußerste» Ende der schwarze Riesenleib derBohemia" erfragte, «ar dicht mit Menschen besetzt, und wer nur irgend Beziehungen zum Lloyd hatte, der «ar um die Erlaubuiß -rtngrkommeu, fich bi« zur Abfahrt au Bord selbst aufhalteo 40 dürfen. DieBohemia", die auf der ganzen Fahrt außer -der österreichischen auch die deutsche Flagge führen wird, prangte in Flaggenparade und bot mit den vielen bvutrn Wimpeln, die lästig in der frischen Brise flatterten, einen tzrachtvollen Anblick dar. Mau begreift, wenn «au fie so lieht, daß die Triester Pol, find auf diese« herrliche Schiff, ia«, io wahre» Sinne e'n schw mweuder Hotelpalast, so glatt über die Sellen dahtogleiiet, daß man überhaupt von rin er Bewegung nicht« werke.

Die Reisegesellschaft harrt auf de« Promroadedeck der Dinge, die da ko««ev sollen. Besorgt blicke Mancher nach den weißen Wrllruköpfen hinüber, die, wie zu» Hohn, draußen vor der Hafeneinfahrt ab und zu über dem Rücken der vklleubrecher austauchen.Wellenbrecher, welch ein ominöse« Bort I* «eint ein neben mir stehender Herr, der schon sehr

Jammerlaute auf« Deutlichste bewiesen, daß die Zeitm eud» gültig vorüber find, wo deutsche Industrie und deutscher Handel über die Achsel angesehen wurden. Während so da« Prestige Deutschland« im Au«laode stetig zuuimmt, muh man leider bei un« selbst häufig da« Sprichwort bestätigt finden: Der Prophet gilt nicht« in seinem vaterlaode".

Zur Illustrirung dieser meikwürdigen Erscheinung, die zu« Theil in der Neigung unsere« Volke«, da« Ausländische zu vergöttern, ihren Ursprung hat, möchten wir auf die deutsche Seideuindustrie Hinweisen. Obwohl dieser Zweig unserer gewaltig au«gedehniev Textilindustrie auf einer seltenen Höhe der Vollkommenheit steht und e« mit jeder Ausland«, concurrenz sowohl in Bezug aus Qualitäten al« auch in Bezug auf Schönheit der Farben und Muster spielend aufnehmen kann, glaubt ein Theil de« Publikum« sein Geld iu« Ausland tragen zu müffen, wenn c«etwa« vernünftige«" in Seidenstoffen erwerben will. Bekanntlich sprechen bei diesen Staatsangelegenheiten" die Damen da« entscheidende Wort und an ihre Adreffe richtet fich unsere Mahnung:Saufet« Laude und kleide Dich deutsch". Ihnen möge von sachver­ständiger Seite gesagt werden, daß die in marktschreierischen Annoncen angepriesenen ausländischen Seidenstoffe bei jedem einigermaßen sortirten Manufacturtsten Deutschland« nicht nur prei«tverther, sondern auch in besseren Beschaffenheiten gekanst werden können. E« ist ein großer, durch ungenügende« Nachdenken und Nachrechnen erzeugter Irrthum, eine aus­ländischeFabrik", die lediglich mit Privalkundschaft arbeitet, könne etwa« besonder« Vortheilhafte« bieten. Der ganze Betrieb einer solchen Fabrik bringt solch enorme Unkosten mit fich, zu denen noch Zoll, Verpackung, Porto und die bedeutenden Reelamesprsen h'nzukommen, daß eine vernünftige Hau«frau fich an den Fingern abzählen kann, wie fie über« Ohr gehauen wird. Berückstchtigt fie ferner, daß fie den Stoff nach kleinen Müsterchen kauft und daß eingehende Sachkenntmß dazu gehört, um nach geschehener Lieferung die Identität der Qualitäten festzustellen, während fie bei ihre« a« Orte wohnenden Kleiderstoffhändler den Stoff nach Beficht kauft und an der Reellität und Coulanz ihre« nachbarlichen Lieferanten stet« einen greifbaren Anhalt hat, so ist schlechter- dtng« kein vernünftiger Grund einzusebeu, weshalb die deutsche Frau die ausländische Industrie zu« Rachtheil der «indesteu« ebenbürtigen deutschen bevorzugen soll.

Und genau so wie eS der vürgertu be« Deutschen Reiche« geziemt, im Laude zu kaufen, geziemt eS der Bürgerin eine« jeden Gemeinwesen«, om Platze zu kaufen. Der ort«- ansässige Kaufmann, wöge er nun Kleiderstoffe, Con- fectiou, Delicateffeo, Tapeten, LuxuSwaaren oder sonstige Bedarfsartikel feilhaltkv, verdient in erster Reihe die Unterstützung seiner Mitbürger- er trägt zu den Lasten der Gemeinde sein ehrliche« The'l bei und hat daher auch ein Anrecht auf Bethätigung de« BürgerfionS. von

von diese« Gedanken« Bläffe angekränkelt au«fieht. Ich nöste ihn, wa« mir dadurch erschwert wird, daß eben da« Aufwinden be« LaobungSstege« erkennen läßt, baß bie Fahrt beginnt. Aber die erhebenden Augenblicke, die nun folgen, machen selbst da« sorgenvollste Gewüth wieder frei und fröhlich Langsam hat fich da« Schiff in Bewegung gesetzt. Da enöut von unserer Capelle da«Gott erhalte Franz den Kaiser" und im Anschluß hieran da«Heil Dir im Siegrrkranz". Alle Hüte und Mützen find von den Köpfen verschwunden, stumm und feierlich steht die Menge unten am Quai und oben om Deck. Dann aber, al« der letzte Ton verklungen ist, dröhnt vielhuudenstimmige« Hurrah durch die Last, die Hüre werden geschwenkt, die Damen wehen mit den Tüchern nudAuf öiebcrfeben !* geht e« hinüber und herüber, bi« die Stimmen im Winde verhallen. Kurz vor der HasevaaSfahrt salutiren wir ein stattliche« weiße« Fahr- zeug, da« die griechische Flagge führt und unseren Gruß sosort beantwortet, während die Mufik die griechische Nattoual- hymoe sptelk. ES ist die yrcht de« König« von Griechenland, der von Triest an« nach Kopenhagen zur Beerdigung seiner Mutter gefahren ist.

Wenige Minuten darauf haben wir den Hasen verlassen und dampfen tu flotter Fahrt an der Küste Istrien« entlang gen Süden, mit den Gedanken noch einmal hinüdergrüßend über die kahlen Karstberge, hinter denen fern inr Norden unsere Lieben in der Heimath weilen. ES wird wohl manche« Auge feucht bei diese« Gedanken und so «anche« Gebtt steigt auf: Lieber Sott i« Himmel, schütze Weib und Sind daheim, während wir hinziehen nach Jerusalem, und bereite un« eine glückliche Heimkehr.

au«wärt« werden leider so viele Kataloge und Offerten auf den Markt geworfen, daß e« heutzutage wahrhaftig nicht leicht ist, dieser Concurrenz die Spitze zu bieten insofern, al« e« sich nicht blo« um einen Wettbewerb in Bezug auf Au«wahl und Güte der Waare handelt, sondern weil der Kaufmann auch gegen unfichtbare Feinde kämpfen muß: gegen die UrtheilSlofigkeit und geringe wirthschastliche Schulung der Menge. Da werden z. B. au« bekannten deutschen Tuch- Industrie-Orten (Aachen, Cottbu«, Spremberg rc.) übertriebene Reclameu versandt, die dem Sunden den Saufdirekt vom Fabrikorte" al« sehr vortheilhaft tn glühenden Farben zu schildern versuchen. Dank dem Gesetze gegen unlauteren Wettbewerb haben zwar diese Herren Tuchversevder den eigen­mächtig angenommenen Fabrikantentitel fallen laffen müssen, aber fie verstehen e« immer noch, bem leichtgläubigen Publikum Saub in die Augen zu streuen und ihm für «inderwerthige, in den Fabriken al« verpfuscht und verdorben abgestoßene Waare übermäßig hohe Preise abzunehmen. Jüngst wurde eine Reclame verbreitet, in der e« hieß:

Werfen Sie diese Offerte in den Papierkorb, so schädigen Sie fich selbst. Beachten Sie daher, wenn Sie Ihren Be­darf an Anzug- und Paletotstoffen etc. wirklich gut und billig decken wollen, daß Sie solche vom Fabrikatiou«orte aus erster Hand beziehen. Für die neue Saison bringen wir unser altrenommnte« Tuchhau« in empfehlende Er­innerung etc. Unsere Mustersammlung in den denkbar bil­ligsten bi« zu den hochelegantesten Qualitäten und zacon- currenzlosen" Preisen wird franco an Jedermann versandt etc." Wohlwei«lich nennt fich da«Tuchhaut" nicht Fabrik- da e« aber den Bkzug au« erster Haud empfiehlt und seine Waaren zu concurrenzloseu Preisen anbietet, kann der Laie gar nicht ander« glauben, al« daß er e« hier mit einem wirklich menschenfreundlichen Fabrikanten zu thun habe, der seinem Circular nachnur btrect mit dem kaufenden Pub­likum verkehrt und diesem den Rabatt zuwendet, den sonst der Schneider oder ein Zwischenhändler erhält!" Aber, liebet» zeugung macht wahr, nnd so ließen wir un« denn die famose Collection kommen und staunten! Ja, staunen muß man über bie Dreistigkeit, mit ber eine Firma angeficht« solcher Avkünbigung eine Musterkarte mit blesen Prellen nerfenben kann. Wenn man auch nicht Fabrikpreise erwarten kann, denn eS giebt überhaupt kein versanbtgeschäft, welche« zu Fabrikpreisen verkauft, so wüßten biekonkurrenzlosen Preise an« erster Hanb- zum allermmdestev Engro« Preise sein aber weit gefehlt. Nach einem vergleich mit benselbenWaaren, wie fie hier in Tuch» und Schneldergeschäften am Lager find, waren die Preise der hiefigen Lieferanten um 10 bl« 15 pCt. billiger, trotz be« angeblichen Rabatt« von 2 Mk. 50 Pfg. für das Meter, welchen ba«alnenomm'rte Tuchhau«" ge­währt. Ein andere« Tuchversandt-Seschäft an« derselben Fadrikstadt offerirte al« ganz besonders pniSwerthReste",

Das bischen See kümmert unser brave« Sch ff natürlich nicht. Ruhig hält e« feinen Cur« und Jeder gewinnt bald die Zuversicht, daß er gut aufgehoben ist und erfreut fich an den herrlichen LandschaftSbUdern, die fich nun vor un« ent­falten. Jetzt erst zeigt fich Trieft in seiner ganzen Schön­heit, wie e« terrassenförmig an ben Abhängen be« Gebirge« aufsteigt. Dann steht man an ber Süste von Jsttten, die an Dom Dampfer deutlich übersehen kann, bie auf einer Felseninsel liegende alte Hauptstadt von Istrien, Capo d'Istria, Wetter Pirano, die Vaterstadt Tartini«, dann bie von grünem Hintergründe fich abhebenden weißen Häuser von Rowigno mit seine« hoch emporrageuben Campanile und endlich, an der südlichsten Spitze der istrischen Halbinsel, den HauptkriegShafeu der öfterreichllch-ungarifchen Monarchie, da« schon in den Römerzeiteu al« Flottenfiatton hoch angesehene Pola mit seinem derührntin Amphitheater. Weiter öffnet sich nun da« Meer, der Abend bricht herttn, man versammelt fich in den SpeisesSlen zum ersten gemeinsamen Mittags­mahl, da« Herr Carl Stangen nicht vorübergehen läßt, ohne auf die beiden Monarchen, unter bereu Flagge wir fahren, auf die Saiser von Oesterreich und Deutschland, ein Hoch auSzubringen.

Die Begeisterung, mtt der Alle einstimmen, bringt die verschiedenen Elemente, auS der bie Gesellschaft fich zusammen- setzt, balb einander näher, unb schon an diesem ersten Abend «acht man, besonder« nachdem hinter dem Raffte daS Fäßchen Münchener zu laufen begonnen hat, manche angenehme Be­kanntschaft. Mein Cabinengeuoffe und Tilchnachbar ist L. P., Profeffor Ludwig Pietsch, der schon vor 29 Jahren mit Carl Stangen an« Anlaß der Eröffnung be« Suezkanal« be«felbigen