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17/05/1898 Zweites Blatt
 
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Rr IM Zweites Blatt. Dienstag dm 17. Mai 1898

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Amtliche* Tbeil Bekanntmachung.

Großh. Ministerium der Finanzen hat genehmigt, daß mit Rückficht auf die verspätete Zustellung der Steuerzettel die Frist zur Borbrtngung von Rrclamationen gegen die 1898/99« Steuersätze verlängert wird:

für die Landgemeinden bis zum 25. Juni l. I.,

, Stadt Gießen 10. Juli I. I.

Die Großh. Bürgermeistereien werden ersucht, die» in ortsüblicher Weise bekannt machen zu lafirn.

Gießen, den 16. Mat 1898.

GroßherzogltcheS Steuer-Lommissariat Gießen.

Bähr.

Joseph Chamberlain über die internationale Lage.

Bei uns in Deutschland kommt e» nur selten vor, daß von amtlicher Seile über die internationale politische Lage Erklärungen abgegeben werden. Es muß schon eine ganz besondere Gelegenheit sein, wenn fich ein leitender deutscher Staatsmann darüber äußert, und unsere Preffe ist gewohnt, einen solchen Fall alsEreigntß" zu würdigen. In der letzten Zeit hat freilich unser neuer SiaatSsecretär deS Aeuhern mehrfach Aulaß genommen, die Stellung Deutschlands zum Auslande im Reichstage klarzulegen, aber es lag dafür stets ein gewichtiger Grund vor. Die friedliche Erwerbung, welche wir in China gemacht haben, die Zurückderufung des deutschen Kriegsschiffes von Kreta usw. boten genügenden Anlaß, dem Reichstage über den Stand der internationalen Politik Auf­klärung zu geben. In England ist es nichts Seltene-, daß die leitenden Staatsmänner in der Oeffentlichkett über die hohe Politik sprechen. Dieser oder jener Minister erscheint auf irgend welchem Bankett, und da hält es Jedermann für selbstverständlich, daß der Minister eine Rede vom Stapel läßt und sich ausführlich über die gerade das Jntereffe in Anspruch nehmenden Tagesfragen äußert. Die alljährliche Rede deS englischen Premierministers in der Guildhall zu London nimmt in dieser Beziehung den ersten Rang ein und wird immer gebührend gewürdigt.

Große- Aufsehen hat eine Rede gemacht, welche der englische Colontalminister Chamberlain, in den letzten Jahren bekannt geworden al- vertrauter Freund de- ehreuwertheu Cecil Rhodes und Schutzpatrons Dr. Jameson-, welcher den Raubzug nach Transvaal leitete, am Freitag in Birmingham vor seinen Wählern hielt. Hatte schon vorher der englische Premier, Lord Sali-bmy, fich sehr pessimistisch in engem

Kreise über die Stellung Englands ausgesprochen, so ist die Rede Chamberlains geeignet, ein noch düsteres Bild von der internationalen Lage zu geben. Urberhaupt trägt der Inhalt der Ansprache einen so merkwürdigen Charakter, daß mau kaum glauben sollte, ein verantwortlicher Minister könne so sprechen.

Die Rede selbst ist ja bekannt- sie weist auf die Mög­lichkeit hin, daß die englische Regierung bald an den Patrio» ti-muS deS Volk- werde appelliren müsien, sowie auf die Nothweudtgkeit, daß England fich einen BundeSgeuoffen ver­schaffe ä tout prix. Die Bedeutung der Ansprache liegt aber in den Ausführungen über das Berhältntß Englands zu Rußland, Chamberlain gesteht offen zu, daß Rußland der stärkste Gegner feines HeimathlandeS ist, dem eS ohne einen Verbündeten nichts anhaben könne. Wir haben an dieser Stelle des Oefteren dargelegt, daß über kurz oder lang die Jutereffeu der beiden Länder in Ostafien collidiren müssen. Alles deutet darauf hin, daß fich ein großer Entscheidung»- kämpf vorbereitet zwischen England und Rußland um die Hegemonie in Asien. Der Minister bestätigt diese Ansicht, indem er sagt, daß Großbritannien mit Rußland rechnen müsse in China und Afghanistan d. h. an der indischen Grenze. Seit Jahren schon geht Rußland langsam, aber sicher gegen Indien vor- sein Blick ist überhaupt nach Osten gerichtet, wo seine Hauptinteressen ruhen.

Rußland hat in der letzten Zeit England manchen Schlag versetzt, und es ist erklärlich, daß der in diesen Tagen ver­öffentlichte Vertrag des russischen Reiches mit Japan den ganz besonderen Zorn der englischen Staatsmänner heraus- gefordert hat. Ob ober Chamberlain gut daran that, dem Gegner die eigene Schwäche einzugestehen und ihn durch den Borwurf der Wortbrüchigkeit herauSzufvrdern, mag dahin­gestellt bleiben. ES liegt im Jntereffe Englands, daß der Entscheidungskampf im Osten noch hinauSgezögert wird- denn noch hat es keinen sichern Bundesgenossen, und die Aussichten, einen solchen zu erlangen, find nur gering. Unserer Meinung nach hat der englische Minister einen schweren politischen Fehler begangen, al- er seine Rede hielt, und eS ist kaum anzunehmen, daß er das fo leicht wieder gut machen kann.

(xx)

CocaUs nttb protrtnsielUs

Butzbach, 15. Mai. ES wird wohl manchen überraschen, zu hören, daß es im Großherzogthum Hessen, und zwar in Oberhessen, eine Gemeinde giebt, welche von keinem einzigen hessischen Staatsangehörigen, sondern nur von Bayern bewohnt wird. Diese merkwürdige Gemeinde befindet fich in unserer Nachbarschaft- eS ist da»Filialdorf" Oe» bei Hausen. Dasselbe wird nämlich gegenwärtig nur noch von einer Familie bewohnt- der Mann ist aus der bayerischen Pfalz

Adresse für Depeschen: Anzeiger Fernsprecher Nr. 51.

und hat die hessische Staatsangehörigkeit bis jetzt nicht er­worben, die Frau (obwohl aus Oberheffen gebürtig) und die drei Kinder theilen die Staatsangehörigkeit des Mannes, und so find die sämwtlichen fünf Bewohner (staatsrechtlich genommen) Bayern.

AUfeld, 18. Mai. Erfreulicherweise finden die Be­strebungen des hiefigen, im Septewbtr des Jahres 1897 gegründeten Geschichts- und Alterthum-vereins nach vielen Seiten hin Berständniß und thatkräftige Unter­stützung durch Beisteuer alterthümlicher Bücher, Bilder, Möbel, Waffen u. s. w. Aber leider begegnet der Vorstand deS Verein» auch häufig einer Gleichgiltigkeit unserer Ein­wohner gegen vorerwähntes Streben, welche dem baldige« Zustandekommen de» im oberen WeinhauSsaale eiuzurtchtenden Museums sehr im Wege steht. Man sollte e- nicht für wög- ltch halten, daß noch jetzt, nach der Gründung eines Alsfelder AlterthumSverrtnS, für das Masew werthvolle Sachen nach auswärt- verkauft werden, und doch kommt die» vor. Gewisse auswärtige Händler betreiben daS Entblößen unserer Stadt von ihren AlterthumSschätzen man möchte sagen systematisch. Diese Herren haben naiürlich kein Berständniß für ein Alsfelder Museum- aber die Alsfelder selbst sollten fich doch sagen, daß ihre Alterthümer in eben dieses Museum gehören und nicht nach Treysa oder Kassel oder nach Buxtehude. Deßhalb sei au dieser Stelle nochmals die ebenso höfliche als dringende Bitte an Alsfeld» Bürger ausgesprochen, die Bestrebungen eine- Vereins zu unter­stützen, welcher zwar keine Coveerre und Tauzmufiken auf- zuweisen hat, dafür aber ein dauernde» Denkmal der Thateu und de- Wirken» unserer alten Hessenstadt errichten will, ein Denkmal, au dem nicht nur daS jetzige, sondern auch spätere Geschlechter ihre stolze Freude haben, natürlich nur dann, wenn etwas Ordentliche» zu Stande kommt. Man nehme fich also einmal die Mühe, nach seinen Alterthümeru zu suchen, soweit sie nicht in Bereitschaft stehen, damit der in dieser und nächster Woche von Hau» zu Hau» gehenden Abholungs * Commission nicht allzu große Schwierigkeiten erwachsen.

v««Ucht«.

Berlin, 12. Mai. In der Centralmarkthalle befinden fich auf de» BerkaufSstande des BerkaufSvermittlerS Schüne­mann drei junge Bären in einem Käfig zum Verkauf.

Kassel, 12. Mai. Ein Mädchen und ein Junge, die am Ufer der Fulda fich auf einer Färberpritsche schaukelten, stürzten in die hochgehenden Fluthen und wurden von der reißenden Strömung so rasch über da» Wehr getrieben, daß fie nicht zu retten waren- beide ertranken.

Wie es im Kriege herging.

Nach französischer Schilderung von E. I o h a n n e 8.

(Nachdruck verboten).

(Fortsetzung.)

II.

Die Mühle von Bellefsntaine.

I.

Sie war die reizendste Mühle, welche kokett über dem hübschesten Flüßchen saß. Sie hatte auf jedem Ufer einen Fuß und ihr von Goldlack und Iris umrahmtes Strohdach hob sich mitten aus den grünen Weiden wie eine luftige Fläche ab. Reißend stürzte sich das klare Wasser unter die Mühle, zischend das eisenbereifte Rad drehend. Ein Wunder dieses Rad! Man könnte sagen, daß es die Mühle auf seinen Schultern trüge und sich drehend sie in das hohe Wiesengras würfe; es schien von einem Riesenwagen ge­nommen zu sein und hätte mühelos einen Stier zermalmen können.

ES schrie, pfiff, blies, schnarrte, brummte, seufzte, und die unaufhörlich anschlagende Welle wob ihm eine ewige Glorie von Schaum und Dampf. Sein Anblick verursachte Schrecken, seine Stimme betäubte.

Abends bei Mondschein warf es seine unsicheren mysteri- ösm Schatten, während man es mit Getöse unter seiner dunklen Wölbung anschlagen hörte. Bald schien es mit Wellen beladen; geöffnet, wie bereit, ein Opfer zu verschlingen. Bald schien es sich aus dem Schooße des Wassers zu erheben -

und als phantastischer Wagen plötzlich aus der Fluth aufzu­tauchen. In dem überschäumenden aufgeregten Strom spiegelten sich der Mond und die flimmernden Sterne wieder.

II.

Die Mühle ist weiß ganz wie in Mehl getaucht. Die Fensterläden sind grün; wilder Wein klettert bis zum Giebelfenster empor.

Vor der Thüre stehen mit Getreide beladene Wagen und ein alter Brunnen mit seinem bemoosten Eimer. Man hört den gurgelnden Laut einer beerenpickenden Amsel, das Krähen des Hahnes, das Rucksen der Tauben, das Knallen einer Peitsche und jetzt die klangvoll freudige Stimme des Müllers.

Stolz, wie ein indischer Prinz auf seinem Elephanten, so reitet der Müller auf seinem Maulesel in den großen Hof ein. Gänse und Enten kommen ihm schnatternd entgegen. Der auf dem Ohre fitzende ungeheuere Hut, verbirgt zum Theil das Vollmondgesicht; sichtbar ist nur die Spitze seiner carmoisinrothen Rase, seine Wangen, die wie Pfingstrosen blühen und sein coloffaler Mund, dem man die Güte und das Glück von einem Ohr bis zum andern ansieht. Das ist Jean Vanier, der Müller von Bellefontaine.

In der Mitte des Hofes steht die Müllerin, eine ganze geflügelte Welt mit Mais und Hafer fütternd. Etwas weiter sicht man die Mutter des Müllers eine Ziege in den Stall ziehen. Mit ihren achtzig Jahren ist sie noch zu Allem fähig, ausgenommen zur Ruhe.

Erhebt man den Blick nach dem Wipfel der schwankenden Pappel, so entdeckt man zwischen zwei Aesten da» muthwillige frische Gesicht eines Kindes. Das ist Peter, der Sobn des Müllers, ein Meister im Resterausheben, besonders der Elstern

und Distelfinken. Dann, wenn man das Auge nach jenem \ Fenster richtet, das einen Jasminstrauch ziert, erblickt

man ein wunderschönes junges Mädchen. Ein weißer Kragen ziert den schlanken Hals; eine mit Flachs versehene Kunkel ist an dem Mieder befestigt; mit leichter Hand führt fie die Spindel, dabei ab und zu ihre zierlichen Finger an den rosigen Lippen netzend.

Das ist Martha, des Müllers Tochter.

In der Ferne Mäher, Herden und ein sonniger Himmel. In der Nähe der schwatzende, eilende Bach, der singende Wasserfall, das seufzende Schilf, das flüsternde Blätterwerk, das TickTack der Mühle und das große Rad, welches fich grollend dreht.

Daß ich nicht der Müller bin!

Man betrachtet das Fenster, an welchem Martha ihre Spule füllt und ruft aus:

Daß ich nicht der Schwiegersohn des Müllers bin!"

III.

Das Bild hat fich gewaltig verändert; die Mühle ist stille, der große Hof leer. Ueber die ganze Landschaft scheint ein trüber Schleier gebreitet. Kein Sang, keine freudige Stimme mehr. Alles schweigt, überall ist's traurig.

Nichts ist zu hören als das heisere Krächzen einer Krähe und das Rad, welches sich grollend dreht.

Die Preußen haben sich des Landes bemächtigt, und die Husaren Blüchers campiren in dem Dorfe Bellefontaine.

Ueber Zweihundert plündern, wüthen, verhöhnen: die Schmach, der Schrecken, das Unglück des Landes.

(Fortsetzung folgt.)